Jessi Benzing & Max Gerlach mit Avalea

„Wir feiern immer noch Partys zusammen, nur heute mit Avalea und Diskokugel im Wohnzimmer“
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Jessi und Max sind eines dieser Paare, bei denen man sich fragt: Wie machen die das bloß? Seit 17 Jahren verliebt, seit dreieinhalb Jahren Eltern und dank ihres gemeinsamen Jobs jeden Tag quasi 24 Stunden lang zusammen. Warum sich die Arbeit als Regie-Duo KRONCK trotzdem nach Freiheit anfühlt, wie sie es schaffen, sich Auszeiten voneinander zu nehmen (Spoiler: fast gar nicht) und was sie sich dank Tochter Avalea alles trauen, verraten uns die beiden beim Gespräch in ihrem Münchner Altbau-Häuschen.

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Zurzeit verbringen ja die meisten Familien ungewohnt viel Zeit miteinander. Aber für euch ist das Alltag.

Jessi: Stimmt, zumindest Max und ich sind es gewohnt, fast jeden Tag 24 Stunden lang zusammen zu sein, denn wir arbeiten als Regie-Duo. Und das inzwischen seit unglaublichen zwölf Jahren. Wir haben uns noch zu Studentenzeiten in München kennengelernt, waren gemeinsam an der Filmhochschule und haben nebenbei angefangen, Werbung zu drehen. Damit waren wir, völlig überraschend, recht erfolgreich. Seitdem arbeiten wir unter dem wohlklingenden Namen KRONCK und dürfen als Werbefilm-und Musikvideoregisseure um die ganze Welt reisen. Normaler Weise wären wir auch jetzt gerade in Südafrika. Aber privat, zum Überwintern. Das ist der größte Vorteil unseres Jobs: Es ist phasenweise super-intensiv, aber bringt auch viel Freiheit mit sich, wenn gerade kein großes Projekt ansteht.

Es ist phasenweise super-intensiv, aber bringt auch viel Freiheit mit sich.
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Stichwort super-intensiv – so stelle ich mir auch eure Partnerschaft vor. Wie klappt es so wenige Auszeiten vom Partner zu haben?

Jessi: Tatsächlich sehr gut. Sonst hätten wir unser Konzept schon längst über Bord geworfen und gesagt: Du, wir müssen uns beruflich trennen, bevor wir es auch privat tun. Aktuell ist es Corona-bedingt natürlich schwieriger. Wenn Avalea nicht in die Kita geht, teilen wir uns auf. Einer arbeitet vormittags, der andere bespaßt die Kleine und umgekehrt. Nur bleibt uns so fast keine Zeit gemeinsam. Und damit meine ich nicht nur als Paar, sondern auch im Job. Wir leben ja davon, gemeinsam kreativ zu sein und das geht gerade nur am späten Abend, wenn wir beide schon platt vom Tag sind.
Max: Aber immerhin sind die Nächte mit Avalea inzwischen okay. Sie schläft meistens im eigenen Bett und kommt erst gegen Morgen zu uns. Der Schlafmangel im ersten Jahr nach Avaleas Geburt hat mich völlig fertig gemacht. Ich bin damals mehrfach die Woche in den Baumarkt geflüchtet, um DYI-Kram für unsere neue Wohnung zu besorgen. So konnte ich zumindest mal für ein paar Minuten durchatmen.

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Wie habt ihr das erste Jahr mit Baby und Job denn überhaupt gewuppt?

Jessi: Das ging nur mit viel Unterstützung der Großeltern, denn Avalea war als kleines Baby ja in keiner Betreuung. Ich erinnere mich noch gut an ein Projekt in Barcelona ein paar Monate nach ihrer Geburt, zu dem meine Mutter als Unterstützung eingeflogen ist. Trotzdem war es heftig. Wann immer Max allein übernehmen konnte, bin ich weg vom Set, um Avalea zu stillen oder Milch abzupumpen. Oder einer von uns hatte sie beim Drehen in der Trage mit dabei. Wir haben einfach versucht, so weiter zu machen wie vor Avaleas Geburt und hatten am Ende dieses ersten Babyjahrs so viele Filme gedreht wie nie zuvor. Im Rückblick frage ich mich manchmal, ob wir uns damit nicht selbst etwas beweisen wollten.

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Eine klassische Babypause konntest du nicht machen, oder Jessi?

Jessi: Ich wollte es auch nicht. Dafür ist mir mein Job viel zu wichtig. Ich brauche das Kreativsein, den Austausch mit anderen Menschen… Und ja, auch die berufliche Anerkennung ist wichtig für mein Selbstwertgefühl. Ich liebe es, Mama zu sein und diesen tollen kleinen Menschen aufwachsen zu sehen, aber das allein reicht mir nicht, um glücklich zu sein. Unabhängig von meiner Selbstverwirklichung, weiß ich aber heute: Max kommt beruflich auch mal ohne mich aus. Das zu erkennen und zu akzeptieren, war ein Lernprozess. Für uns beide.
Max: Stimmt. Weißt du noch, als ich auf diesem Dreh in Georgien war, bei dem ständig irgendwo Sprengstoff gezündet wurde? Damals war Avalea noch super klein und wir wussten beide: Zu diesem Projekt kannst du nicht mitkommen. Am Ende habe ich es auch ohne dich geschafft und das hat meinem Selbstbewusstsein wahnsinnig gut getan.
Jessi: Ja, das hat mich gefreut für dich. Und ich weiß auch noch, wie schwer es für uns war, diese Entscheidung, dass du alleine fliegst, final zu fällen. Das war ein ewiges Hin-und-Her, das viel Kraft gekostet hat. Dich dann ziehen zu lassen, war nur halb so schlimm.

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Wie gut läuft euer 50/50-Konzept eigentlich außerhalb des Jobs?

Jessi: Sagen wir es so: Auch bei uns muss regelmäßig nachverhandelt werden. Unsere Diskussionen drehen sich – ganz klassisch – meistens um die Frage: Wer macht mehr? Wir haben kein festes Konzept oder eine Excel-Tabelle, wo genau drin steht, wer wann was zu machen hat. Darum habe ich, wie vermutlich viele andere Frauen auch, oft das Gefühl, dass zu viel Mental Load an mir hängen bleibt. Dass ich diejenige bin, die alle Strippen in der Hand halten muss, Max an dieses und jenes erinnern muss, die Kindergarten-Orga im Blick haben muss und nicht vergessen darf, dass Avalea ab und an neue Schuhe braucht.
Max: Dafür kümmere ich mich mehr um unsere Finanzen und um alles Handwerkliche im Haushalt. Was das angeht, erfüllen wir also alle Klischees. Grundsätzlich können wir aber über alles reden. Bevor wir Eltern geworden sind, hatten wir in der Nähe unserer alten Wohnung eine so genannte „Problembank“. Dort sind wir hin, wenn es kritische Themen, wie damals zum Beispiel Jessis Kinderwunsch, zu besprechen gab.

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Hast du dir denn keine Kinder gewünscht?

Max: Doch. Aber ich hatte irgendwie immer einen festen Fahrplan im Kopf. Zusammenziehen mit 30, mit 35 dann ein Baby… Jessi war für mich einfach ein bisschen zu früh dran. Wobei zu früh… Das klingt lustig. Denn wir waren, als das Kinderthema aufkam, ja schon über zehn Jahre ein Paar. Wir haben in dieser Zeit wahnsinnig viele lange Gespräche geführt und am Ende entschieden, das Babyprojekt einfach zu wagen.
Jessi: Ja, dass wir so gut reden können (auch über Probleme) ist extrem viel wert. Und vermutlich sogar der Grund, warum wir uns vor 17 Jahren ineinander verliebt haben. Wir waren damals, als wir uns über einen gemeinsamen DJ-Freund kennengelernt haben, völlig geflasht, dass man so lange intensive Gespräche mit einem anderen Menschen führen kann.

Dass wir so gut reden können, ist extrem viel wert.
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Welche Vorteile hat es, wenn man lange zusammen ist, bevor ein Baby dazu kommt?

Jessi: Egal wie schlecht die Nacht auch war, man weiß einfach: Der andere läuft nicht weg. Ich kann nur für uns sprechen, aber ich habe wirklich ein Urvertrauen, was unsere Beziehung angeht. Wir kennen uns schon so lange, sind zusammen erwachsen geworden. Dieses Fundament nimmt uns keiner. Wir können immer noch reden, reden, reden und dabei völlig die Zeit vergessen. Und wir feiern immer noch Partys zusammen, nur eben meistens gemeinsam mit Avalea und Diskokugel im Wohnzimmer.

Man weiß einfach: Der andere läuft nicht weg.
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Und was sind die größten Herausforderungen in eurem Familienalltag?

Jessi: Definitiv: Quality time ohne Kind. Max, Avalea und ich, wir drei sind so eng miteinander verwoben, dass es mir oft schwer fällt, daraus auszubrechen. Obwohl ich weiß, dass es wichtig ist und mir gut tut. Ein Beispiel: Als ich vor kurzem dringend eine Auszeit brauchte, schlug Max mir vor, für ein Wochenende allein in die Zweitwohnung seiner Eltern zu ziehen. Auszuschlafen, Bücher zu lesen und mich einfach mal nur um mich zu kümmern. Obwohl ich es mir so sehr gewünscht hatte, konnte ich mich nur schwer von Avalea zu trennen. Auch wenn es völlig irrational ist, habe ich in solchen Momenten immer das Gefühl, meiner Verantwortung als Mama nicht gerecht zu werden.
Max tut sich damit leichter. In normalen Zeiten geht er regelmäßig zum Sport oder fährt für ein Wochenende nach Berlin, um alte Freunde zu treffen.
Und quality time als Paar zu verbringen, ist in unserem Alltag natürlich auch nur schwer möglich. Wenn wir abends zusammensitzen, dreht sich doch immer viel um den Job. Und mal zu zweit – außerhalb eines Job-Projektes – wegzufahren, ist quasi unvorstellbar. Dafür müssten wir die Großeltern, die uns ohnehin schon super oft den Rücken freihalten, ja noch mal einspannen. Aber immerhin: Mit der quality time als Familie klappt es gut. Wir planen gerade schon unsere nächste Auszeit nach dem Lockdown in Südafrika und sind sehr happy, dass das dank unseres Jobs möglich ist.

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Und was ist das Schönste am Mama- und Papasein?

Jessi: Max als Vater zu sehen. Dieses Gefühl, das ich habe, wenn ich ihn beim Spielen mit Avalea beobachte. Wie er mit ihr tobt oder mit dem Pappkarton-Boot durchs Wohnzimmer fährt. Oder ihr beibringt, wie man Außerirdische malt. In Momenten wie diesen quillt, so kitschig es auch klingt, mein Herz über vor Liebe.
Max: Das kann ich nur bestätigen. Ich liebe es, zu sehen, wie Jessi Avalea zum Lachen bringt. Das kann sie viel besser als ich. Außerdem finde ich es unglaublich, wie viel Neues wir dank Avalea kennenlernen. Sie bringt uns fast täglich dazu, über uns hinauszuwachsen. Und sei es nur, wenn wir mit ihr den steilsten aller Rodelhügel hinunterrasen.

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Danke, ihr beiden!

Jessi Benzing und Max Gerlach mit Avalea (3,5), Februar 2021
Interview & Fotos: Alke Habbe