Anna Zlobenko mit Uma

Gibt es diese Balance-Sache überhaupt?
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Anna! Man muss sie einfach lieben. Auf Instagram nennt sie sich ANN-Á-PORTER – das kommt natürlich von pret-a-porter, denn Annas Leidenschaften sind Mode und Styling – mittlerweile macht sie das auch hauptberuflich! Ihr Mann und sie stammen beide aus Kiew, nach einem Zwischenstopp in München wohnen die beiden und Tochter Uma nun seit sechs Jahren in Berlin. Und sehr glücklich! Dennoch hat Anna natürlich harte Monate hinter sich. Ihre Eltern leben immer noch in der Ukraine, sie fühlt sich ihrem Heimatland sehr verbunden. Wir haben mit ihr über die erste Zeit mit Baby in Berlin gesprochen, über Mode und auch darüber, wie das Elternsein einen verändert. Danke, dass wir zu Gast sein durften!

isabel

Hallo Anna! Du kommst ursprünglich aus Kiew – wie bist du nach Berlin gekommen?

Wir sind mittlerweile seit einigen Jahren in Berlin, vorher haben wir in München gelebt. Dort waren wir wegen meines Jobs hingezogen, ich kümmerte mich damals unter anderem um russischsprachige Influencer:innen.
Wir hatten eine gute Zeit in München, haben uns aber immer nach einer größeren Stadt gesehnt. Als mein Mann ein wirklich tolles Jobangebot in Berlin bekam, haben wir nicht lange überlegt und es einfach gemacht. Auch wenn uns Berlin anfangs nicht sonderlich gefallen hat… Es war wirklich ein ziemlich blinder Schachzug. Wobei ich sagen muss: Mein Mann hat dann schon schnell Gefallen an Berlin gefunden – für mich war es ein absolutes Abenteuer, zumal Uma zum Zeitpunkt des Umzugs erst sieben Monate alt war.

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Ich stelle mir das krass vor, in eine neue Stadt ziehen mit einem Baby. Diese Zeit ist ja schon ohne Umzug so herausfordernd…

Es war auch wirklich schwer. Ehrlich gesagt habe ich alle Hürden einfach so genommen, wie sie kamen. Ich hatte keinen Plan. Und ich hatte das auch ein bisschen unterschätzt, wie schwer es am Anfang sein würde. Also habe ich natürlich erstmal nach Kontakten gesucht, hab mich mit anderen Müttern getroffen und auch viele über mein Instagram kennengelernt, auf dem Kanal ging es damals hauptsächlich um mich als Mutter.

Ich wollte immer im Ausland zu leben. Ich weiß nicht warum – ich hatte einfach immer dieses Bild von mir, in einer völlig neuen Umgebung zu sein. Dass das nicht immer einfach sein würde, war mir klar. Aber dass es doppelt so schwer sein würde, wenn man ein Baby hat, das war natürlich erstmal eine bittere Erkenntnis. Es ist echt eine Herausforderung, in einem fremden Land Mutter zu werden. Das hat viel Mut und Kraft gekostet, sich selbst als Mutter in einer neuen Kultur zu entdecken.
Aber es war im Nachhinein auch eine tolle Erfahrung, weil ich eine neue Anna erleben durfte. Ich bin keine typische Ukrainerin mehr, aber sicher auch keine Deutsche. Und ich hab auch unheimlich viel Unterstützung von allen Seiten bekommen. Von meinen deutschen Mama-Freundinnen, aber ich hab mich natürlich vor allem mit Müttern vernetzt, die meine Erfahrungen verstehen können. Viele meiner Freundinnen sind auch aus der Ukraine, eine kommt aus Belgien, eine aus Israel, eine weitere aus Tansania. Die ähnlichen Erfahrungen verbinden enorm.

Meine Mutter hat diese Erfahrungen auch gemacht (sie ist von Litauen in die Ukraine gezogen) und meine Oma ebenfalls (sie ist von Russland nach Litauen gezogen).

Ich denke mittlerweile, dass dieses Bedürfnis nach dem „Woanders sein“ auch irgendwie in meinen Genen liegt!
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Ihr lebt in Friedrichshain, ein guter Ort, um Kinder großzuziehen?

Oh ja! Ich liebe die entspannte Atmosphäre und die vielen Spielplätze. Alles, was wir brauchen, ist in der Nähe und das ist super praktisch. Auch Umas zukünftige Schule ist bei uns um die Ecke! Ich finde generell Berlin sehr toll zum Aufwachsen. Es gibt so viele Kulturen, so viele Möglichkeiten. Unterschiedliches Essen, viele Sprachen, Berlin ist so vielfältig. München war auch schön und natürlich sauberer. Aber in München habe ich mich immer als Ausländerin gefühlt. In Berlin darf ich sein, wer ich bin. Hier werden Unterschiede gefeiert, ich liebe das. Wir sind als Familie sehr dankbar dafür, dass uns Berlin gerade genau das gibt, was wir brauchen. Privat und beruflich!

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Wie teilst du die Familienarbeit mit deinem Partner auf?

Wenn du mir diese Frage vor zwei Jahren gestellt hättest, wäre die Antwort leicht gewesen und ich hätte mich wahrscheinlich sogar ein bisschen über die Frage gewundert. Damals war ich zu 100% Hausfrau und habe alles alleine gemacht. Ich habe nicht einmal um Unterstützung gebeten, weil ich dachte, dass das so sein muss (was für ein Quatsch!). Nach meinem Job in München bin ich nicht wieder ins „klassische“ Berufsleben eingestiegen, sondern habe gebloggt und eben viel Arbeit Zuhause übernommen. Aber dann hat sich mein Hobby ein bisschen zu einem Job entwickelt. Heute arbeite ich als Stylistin und Content-Creator, ich helfe Frauen, ihren Stil zu finden, aber style auch Foto-Shoots und Produktionen. Es ist eigentlich ein Vollzeitjob, entsprechend viel musste mein Partner mit der Zeit Zuhause übernehmen. Jetzt gibt es hier viele Verhandlungen und noch mehr Planung. Jeder Tag ist durchgetaktet und wir schreiben alles auf. No magic here!

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Wie sieht ein normaler Tag in bei euch aus?

Wir stehen früh auf, ich bereite das Frühstück vor und wenn ich dran bin, bringe ich Uma anschließend in den Kindergarten. Dann geht es wieder nach Hause an den Schreibtisch oder direkt zu einem Meeting. Normalerweise arbeite ich aber von zu Hause aus, das mag ich, denn so habe ich am meisten Freiheit. Wenn irgendwo anders eine Produktion ist, planen wir anders, aber normalerweise versuche ich immer, noch mal nach Hause zu kommen, um durchzuatmen, bevor ich mich auf den Weg mache, um Uma abzuholen. Sie ist ein sehr kreatives, aktives und begeisterungsfähiges Kind, sie macht Ballett, Theater und Akrobatik, insofern sind die Nachmittage ziemlich verplant. Abends bin ich dann meistens erschöpft: Abendessen, Lesen, ins Bett bringen. Nichts besonderes. Aber freitags gehen wir immer alle zusammen zum Abendessen aus, um das Ende der Woche zu feiern. Dieses Ritual liebe ich sehr!

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Was inspiriert dich modisch?

Ganz unterschiedliche Designer und Designerinnen und ihre Visionen, ihre Botschaft, die Art und Weise, wie sie mit Ideen arbeiten und ihnen Leben einhauchen. Die Formen und Stoffe, Farben, Texturen. Aber was mich am Meisten fasziniert ist, wie das richtige Outfit einen Menschen erstrahlen lassen kann. Das habe ich schon so oft gesehen und es ist einfach unglaublich, welche Kraft Mode entfalten kann. Auch Make-Up kann zaubern, aber ein gutes Outfit noch viel mehr. Und das liebe ich!

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Steht Uma auch schon auf Mode?

Ich denke schon. Sie macht mir immer Komplimente zum meinem Aussehen und meinen Outfits und ihr fällt immer auf, wenn ich etwas Neues habe, oder ein auffälliges Accessoire trage. Ihr entgeht nichts! Und sie liebt es, sich vor großen Anlässen, wie einem Kindergeburtstag oder einer Feier in der Kita, herauszuputzen und sich besondere Klamotten auszusuchen. Also: Ja. Ich denke, sie hat meine Leidenschaft jetzt schon ein Stück weit übernommen.

Es ist einfach unglaublich, welche Kraft Mode entfalten kann.
isabel

Wie war es, in der Ukraine aufzuwachsen?

Wundervoll. Ich liebe Kiew und ich bin so stolz auf mein Land. Es hat mir Wurzeln gegeben und viel Zugehörigkeitsgefühl und Durchhaltevermögen. Kiew ist toll, man kann dort so ein richtiges Großstadtleben leben, aber es gibt auch wunderschöne Parks, Kirchen, besondere Orte, an denen man die Historie der Stadt spürt. Ich vermisse die Stadt sehr – und vor allem vermisse ich dieses „Ich bin hier aufgewachsen“-Gefühl, wenn du verstehst, was ich meine.

Vor allem vermisse ich dieses „Ich bin hier aufgewachsen“-Gefühl…
isabel

Auf jeden Fall. Die letzten Monate müssen schrecklich für dich gewesen sein…

Ja, schrecklich. Verheerend und lebensverändernd. Ich habe noch nie so viel Angst und Schmerz gleichzeitig erlebt. Plötzlich war meine kleine Welt komplett zerstört und obwohl wir hier in Berlin und damit einigermaßen sicher waren, waren es meine Eltern und meine liebsten Freunde eben nicht – und das brach mir das Herz. Ich fühlte mich betrogen, warum gibt es so viel Grausamkeit und Schmerz auf dieser Welt? Gleichzeitig hatte ich, als der Krieg ausbrach, das Gefühl, dass das einzige, was ich tun konnte, war, darüber zu sprechen. Also war ich auf meinem Kanal sehr laut. Es gab keinen Stil und keine Mode, es wurde nur verzweifelt über den Krieg geschrien. Ich konnte nicht anders, es war alles so schmerzhaft. Gleichzeitig habe ich so viel Unterstützung von meiner Community bekommen, das war wiederum wirklich herzerwärmend und hat gut getan. Alles kam mir plötzlich so sinnlos vor, wie konnte ich über Stil und schöne Dinge im Leben sprechen, während Menschen in meinem Land getötet werden? Und wofür? Viele Fragen, auf die ich immer noch keine Antworten habe. Aber ich musste die Gleichzeitigkeit des Lebens akzeptieren und weiterarbeiten. Auch, um für mein Land zu spenden und einen Beitrag zu leisten. Meine Mutter ist mittlerweile nach Litauen gezogen, aber mein Vater hat beschlossen in Kiew zu bleiben. Die ersten sechs Wochen des Krieges waren sie dort zusammen und sind nur in einen Vorort von Kiew gezogen, wo es relativ ruhig war. Wir waren immer in Kontakt, ich habe sie sogar nachts angerufen, um zu fragen, ob es ihnen gut geht. Sie mussten mehrere Male in einen Luftschutzbunker. Es war schrecklich, solche Angst um das Leben der eigenen Eltern zu haben. Zum Glück sind sie und alle meine Freunde am Leben und gesund. Das ist alles, was zählt. Aber der Krieg ist noch nicht zu Ende. Und es fühlt sich nach wie vor super komisch an, mein Parallelleben hier in Berlin zu führen, obwohl ich genau das natürlich auch liebe.

isabel

Was ist das Schwierigste am Kinder haben?

Dass sich alles ständig verändert, die Kinder wachsen, man verändert sich als Person und wächst und entwickelt sich. Es ist nie statisch, es steht nie still. Das ist auch absolut schön und macht Spaß, aber manchmal ist es schwierig für mich, mitzukommen. Und dann diese Schuldgefühle. So viele Mütter neigen dazu, sich immer schuldig zu fühlen. Weil sie zu viel arbeiten und wenig Zeit mit ihren Kindern verbringen. Oder weil sie nicht arbeiten. Ich schließe mich da nicht aus, es ist ein ständiger Konflikt. Gibt es diese Balance-Sache überhaupt? Ich habe es noch nicht herausgefunden. Und versuche einfach, von allem ein bisschen zu schaffen. So viel zu arbeiten, wie ich kann und will, und so viel Zeit mit meinem Kind zu verbringen, wie möglich. Diese moderne Mutterschaft ist ziemlich herausfordernd und es ist ein Prozess herauszufinden und umzusetzen, was einen als Mutter und als Mensch erfüllt und glücklich macht. Und sich von allen Erwartungen zu lösen.

Und eine weitere sehr große Herausforderung für uns als Nicht-Deutsche ist, keine Familie in der Nähe zu haben. Omas Unterstützung von Zeit zu Zeit – das wäre einfach unglaublich!

isabel

Und was ist das Schönste?

Die Menge an Liebe, die du gibst und zurück bekommt. Zu sehen, wie sie wachsen und sich in eine echte Person verwandeln, das ist absolut faszinierend, jeden Tag aufs Neue. Was ich auch liebe, ist, wie man sich als Eltern ständig verändert. Ich jetzt und Ich vor fünf Jahren – das sind zwei verschiedene Annas und ich feiere das total!

isabel

Danke, Anna!

Anna Zlobenko mit Uma (6), Berlin, Juni 2022
Interview: Isabel Robles Salgado
Fotos: Lina Grün