Julieta und Leon

Als hätte ich einen Teil von mir entdeckt, der mir bis dahin verschlossen war.
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Julieta ist mit ihrem Sohn Leon alleinerziehend – und genau so war es auch geplant. Die Künstlerin beschreibt sich selbst als “Single-mom by choice”, also als freiwillig alleinerziehend. Damit geht Julieta sehr offen um und das war nicht immer einfach. Denn auch sie musste sich von Vorstellungen und konstruierten Familienbildern lösen – hier erzählt sie uns von ihrer Suche nach einem Samenspender, wie es ist, in einem nicht-normativen Familienmodell und als internationale Künstlerin in Berlin zu leben.

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marie

Liebe Julieta, Du und Dein Sohn Leon lebt in Berlin, aber Du kommst ursprünglich aus Mexiko-Stadt. Was hat Dich dazu bewogen, nach Berlin zu kommen?

Ich bin nicht direkt von Mexiko nach Berlin gezogen, ich habe Mexiko-Stadt schon mit 17 Jahren verlassen, habe dann lange Zeit in New York gelebt und kam nach meinem Master-Abschluss nach Berlin, als ich gerade ein einjähriges Kulturprojekt abgeschlossen hatte (das Projekt hieß IUnitednationsplaza, ich war dort Resident DJ). Danach gab es eine Liebesgeschichte hier in Berlin, und ich fand mich in einer Stadt wieder, die ich zu meiner Heimat gemacht hatte und die ich nicht verlassen konnte.

marie

Worum geht es in deiner Kunst, kannst Du das in ein paar Sätzen erklären?

Das wird vielleicht langweilig, aber gern:
Ich komponiere in meiner künstlerischen Praxis sinnliche Begegnungen mit der Natur und dem Charakter der Zeit und spekulativer Literatur. Ich beobachte die sich verändernde Beziehung zwischen Mensch und Erde durch die Linse der Technologie, der künstlichen Intelligenz, der Raumfahrt und der wissenschaftlichen Hypothese. Ich arbeite mit Installationen, Video und Printmedien und setze mich mit dem Potenzial von Science-Fiction, alternativen Ökonomien und der “Poetik der Zirkulation” auseinander. Meine Projekte stellen die Grenzen zwischen Subjekt und Objekt in Frage, wobei ich zufällige Begegnungen, Selbstzerstörung und soziale Prozesse mit einbeziehe.

“… die meisten scheinen zu denken, das Muttersein würde einen zu einer weniger guten oder weniger wichtigen Künstlerin machen.”
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Zwingt der Kunstbetrieb Dich dazu, Dich zwischen Familie und Beruf zu entscheiden?

Als Frau erwartet man tatsächlich von Dir, dass Du Dich entscheidest. Und zwar für die Kunst, denn die meisten scheinen zu denken, das Muttersein würde einen zu einer weniger guten oder weniger wichtigen Künstlerin machen.

Diese Einstellung ärgert mich, weil Kinder keine “Lifestyle”-Entscheidung sind (eine Familie ist doch kein Luxusgut oder ein Accessories)! Mutter-Sein und berufliche Selbstverwirklung sind sich keine unvereinbarenden Wahrheiten, sie ergänzen sich eigentlich!

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Du beschreibst Dich selbst als “single-mom by choice”, also als alleinerziehende Mutter, die sich selbst für diesen Weg entschieden hat und hast deinen Sohn mit Hilfer künstlicher Reproduktion bekommen. Kannst Du uns erzählen, wie es dazu kam?

Ich habe jahrelang viel darüber nachgedacht. Für mich war immer klar, dass ich eine Familie haben will, aber ich habe mich nie in einer Situation wiedergefunden, die das möglich gemacht hätte. Es war eine sehr schwere Entscheidung, denn ich musste gedanklich die Liebe zu einem Partner und die zu einem Kind voneinander trennen und die konstruierten Bilder der romantischen Liebe, die mir als Ideal mitgegeben wurden, loslassen. So habe ich bedingungslose Liebe ohne einen Märchenprinzen an meiner Seite erfahren. Ich hatte ein paar Beziehungen, und in allen hat mein Beruf zu Spannungen geführt. Meine Partner erwarteten, dass ich meine Karriere opfere, um eine Familie zu gründen, und daran war ich nicht interessiert. Ich bin nicht wirklich gut darin, Opfer zu bringen. Ich glaube sogar, dass es oft mehr Selbstaufopferung bedeutet, ein Kind in einer Partnerschaft zu bekommen als alleine, so wie ich es getan habe.

“Ich musste gedanklich die Liebe zu einem Partner und die zu einem Kind voneinander trennen und die konstruierten Bilder der romantischen Liebe, die mir als Ideal mitgegeben wurden, loslassen.”
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Die künstliche Befruchtung fand in Berlin statt, wo es übrigens nur einen Arzt gibt, der diesen Eingriff auch alleinerziehenden Müttern und gleichgeschlechtlichen Paaren ermöglicht. Woher kam die Samenspende?

Normalerweise muss man das “genetische Material” aus einer Samenbank beziehen, in welcher der Spender nicht anonym ist. Das bedeutet, dass das Kind den Spender nach dem 18. Lebensjahr treffen kann, wenn es das möchte. Die Samenbanken, welche die meisten nutzen, sind in Dänemark. Ich habe das genetische Material ursprünglich von einer solchen Bank gekauft. Man kann dann durch Kinderfotos der Spender scrollen, ihre Familiengeschichte lesen. Sie teilen dort auch Informationen zu Vorerkrankungen, medizinischen Eingriffen und ihrem Bildungsgrad und warum sie Samenspender geworden sind. Für mich fühlte es sich wie eine sehr seltsame Art von Tinder an. Aber am Ende habe ich mich für einen Spender entschieden, den ich kannte. Er ist in die Klinik gegangen und hat direkt dort für mich Samen gespendet.

“Am Anfang hatte ich manchmal das Gefühl, dass ich irgendwie versagt hatte, ohne genau zu wissen, worin eigentlich.”
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Wie fühlten sich die Schwangerschaft und die Geburt in einer nicht normativen Familienkonstellation an? Welche sozialen Herausforderungen hattest Du zu bewältigen?

Ich muss sagen, die Schwangerschaft war ein bisschen einsam. Ich musste eine Menge von Erwartungen überwinden, die nicht von außen, sondern von mir selbst kamen. Am Anfang hatte ich manchmal das Gefühl, dass ich irgendwie versagt hatte, ohne genau zu wissen, worin eigentlich. Irgendwann gelang es mir, mich von jeder Art von Vorstellung und allen Belehrungen in Sachen romantische Liebe zu lösen und beschloss, mit meiner Geschichte sehr offen umzugehen und sie überall zu erzählen. Das machte Kraftreserven frei, von deren Existenz ich nichts geahnt hatte. Ich liebte es, schwanger zu sein!

Die Schwangerschaft verlief gut. Ich habe mich noch nie so lebendig gefühlt, wie mit meinem Sohn in mir. Es ist das größte und gleichzeitig normalste Wunder, dass es gibt: Leben zu schenken. Und es verwandelt einen so tiefgehend. Für mich war es die schönste Erfahrung, die ich je gemacht habe. Was mir auch geholfen hat: Ich habe viele Freunde, die für uns da waren und immer noch wie ein Dorf für mich sind.

marie

Ai Weiwei beschrieb Berlin kürzlich als eine hässliche, provinzielle, rassistische und engstirnige Stadt. Stimmst Du ihm da zu? Welche Erfahrungen hast Du als Künstlerin in Berlin gemacht?

Berlin ist eine Monokultur, und als solche kann sie manchmal rassistisch sein – wie jede Monokultur. Ich habe meine Probleme damit, vor allem mit der Vorstellung, dass man sich, um hier zu leben, assimilieren und “deutsch” werden muss. Ich liebe es hier, aber ich bin schon anders. Und ich will keine Andere werden müssen, als die, die ich bin. Trotzdem habe ich in Berlin so unglaublich viel Großzügigkeit erfahren. Ich empfinde viel Liebe für diese Stadt, und die Probleme, die ich habe, sind größtenteils solche, die ich an jedem anderen Ort auch gehabt hätte.

marie

Hat Leon deine Sicht auf die Welt verändert? Hat sich deine Kunst verändert?

In meiner Arbeit ging es nie um mich selbst, deshalb macht es für mich keinen Unterschied, dass ich ein Kind habe. Vielleicht ist der einzige wahrnehmbare Effekt, dass ich anfing, mit zerbrechlicheren Materialien zu arbeiten. Was sich auch verändert hat, ist, dass ich gleichzeitig stärker und verletzlicher geworden bin. Es ist, als hätte ich einen Teil von mir entdeckt, der mir bis dahin verschlossen war.

marie

Sich um ein Baby zu kümmern kann sehr anstrengend sein. Stillen, Schlafmangel… manchmal fühlt man sich wie ein Zombie. Hattest Du Angst, dass ein Kind die Konzentration auf die Arbeit erschweren oder Deine Kreativität mindern könnte?

Ich hatte unglaubliches Glück. Leon war ein sehr pflegeleichtes Baby. Und außerdem habe ich immer flexible Arbeitszeiten gehabt. Ich musste mir manchmal auch einfach einreden, dass alles leicht ist. Ich habe in den Unterrichtspausen Milch abgepumpt und alles getan, was man als Alleinerziehende eben tun muss. Wie gesagt, ich habe auf einmal sehr viel Kraftreserven in mir gefunden, die haben das möglich gemacht. Und ich hatte ein wirklich unglaubliches Unterstützungssystem. Unsere Freunde sind mein Fels in der Brandung.

marie

Du hast erwähnt, dass Du ein Kindermädchen für Leon hast, seit er drei Monate alt ist. Bleibt Dein Sohn bei ihr, wenn Du auf Reisen bist, oder reist ihr zu dritt?

Ich habe eine Reihe von wahnwitzigen Vorkehrungen getroffen, damit ich meine Arbeit und auch Dienstreisen weiter machen kann. Im Grunde fließt die Hälfte meines Einkommens in die Kinderbetreuung, damit ich meinem Beruf weiter nachgehen kann.

marie

Was ist für Dich die größte Herausforderung als Mutter?

Eine alleinerziehende Mutter zu sein, ist nichts für schwache Nerven. Man muss für einen anderen Menschen völlig bedingungslos und uneingeschränkt da sein. Ich sage immer, dass kein Mensch von mir je so viel Liebe, Aufmerksamkeit und Fürsorge bekommen hat wie Leon. Aber es ist auch sehr wichtig, mir vor Augen zu führen, dass es mich auch noch gibt und es auch wichtig ist, dass es mir gut geht. Hier ist Leiden und falsche Abstriche machen fehl am Platz.

marie

Was ist das Schönste daran, Mutter zu sein?

Alles. Alles! Die Freude daran, eine Zukunft zu schaffen, damit habe ich mich früher schon in der Theorie sehr beschäftigt.Neugierig sein, diese Neugier mit meinem Sohn teilen und ihm Werkzeuge mit auf den Weg geben, mit denen er seine Welt erforschen und gestalten kann. Ach, einfach alles.

Danke dir, Julieta!

Julieta Aranda mit Leon (4 Jahre), Februar 2020

Photos: Julia Nitzschke

Interview: Marie Zeisler

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Dear Julieta, you live in Berlin with your son Leon, but you are originally from Mexico City. What made you come to Berlin?

It wasn’t a straight move from Mexico to Berlin; I have been living away from Mexico City since I am 17 –I was in NY for a long time- and I came to Berlin when I finished my master’s degree, following a one-year-long cultural project (IUnitednationsplaza was the project; I was the resident DJ there). After that there was a love story, and after that I found myself having made this city my home and unable to leave.

What is your art about, if it’s possible to explain that in a few sentences?

Ok, but this is going to be boring, here it goes:
In her artistic practice, Julieta Aranda (Mexico City, Mexico) composes sensorial encounters with the nature of time and speculative literature. She observes the altering human-earth relationship through the lens of technology, artificial intelligence, space travel and scientific hypothesis. Working with installation, video and print media, she is invested in exploring the potential of science-fiction, alternative economies and the ‘poetics of circulation’. Her projects challenge the boundaries between subject and object while embracing chance encounters, auto-destruction and social processes.

Does the art world make you feel like you have to choose between having a family or having a career?

If you are a woman, you are expected to choose, indeed. And of course you are expected to choose art, motherhood makes you a lesser artist, it seems. This bothers me because children are not “a lifestyle choice” (a family is not a luxury or an accessory), and because motherhood and professional realization are not incompatible truths, they actually complement each other.

You describe yourself as a single mom by choice and conceived your son with reproductive technology. Can you share with us why you made that choice?

I thought about this a lot, for years. I have always known I wanted to have a family, but I never found myself in a situation that would make that possible. It was a very hard decision, because I had to split love in my mind, and let go of the constructed images of romantic love that I was given as an ideal, and simply go for the experience of unconditional love, without a prince charming by my side. I had a few relationships, and in all of them I encountered professional tensions –I would have been expected to put my career aside in order to make a family work out, and I wasn’t interested on that, sacrifice is not something that I am good at. I actually think that there is often more self-sacrifice involved in having a child within a couple, than in doing it the way I did.

The artificial insemination was done Berlin, where only one doctor offers the procedure to single moms and same-sex couples. Where did you find your sperm donor?

Normally you have to get the “genetic material” from a sperm bank where the donor is available to do it openly –this means that the child will be able to meet them after they are 18 years old, if the child wants. The sperm banks that people normally use are in Denmark. I had purchased the genetic material from such a bank, where the process of selection allows you to see pictures of the donor as a child, to know their family and medical history, their degree of education, and to read a statement about why are they sperm donors. It felt like a weird kind of Tinder. But at the end I went with a known donor –someone that I actually know, who volunteered to go to the clinic and provide a sample for this.

How did the pregnancy and birth in a non-normative family constellation feel? Which  social challenges did you have to overcome?

The pregnancy was a bit lonely, I must say. I had to overcome a lot of expectations, not coming from the world but coming from myself. At the beginning, sometimes I would find myself feeling as if I had failed at something, but unable to know at what. I finally let go of the last remnants of indoctrination on romantic love, and decided to be very public about my story, and then I found within myself reservoirs of strength I didn’t know I had. I adored being pregnant, it was an easy pregnancy, and I have never felt so alive as when I had my son inside of me. It is the most common miracle there is, to make life…. And it is transformative and profound and the most beautiful thing I have ever experienced. It also really helped that I have a lot of friends that were there for us, and still are part of our village.

Ai Weiwei recently described Berlin as an ugly, provincial, racist and narrow-minded city. Do you agree to some extent? What is your experience as an artist in Berlin?

Berlin is a monoculture, and as such it can be racist at times –as any monoculture can be. I have my problems with it, especially with the idea that in order to live here one must assimilate and “become German”. I love it here, but I am already something else, I don’t want to become anything other than what I already am. That said, Berlin has been so incredibly generous with me, I have a lot of love for this place, and the complaints I have are more or less the complaints that I would have in any other place where I was leading my life.

Did your son change the way you look at the world? Did your art change?

My work has never been about myself, so my having a child doesn’t make a difference there for me. Perhaps the only noticeable effect is that I started working with more fragile materials. What changed is the amount of strength mixed with vulnerability that I found within myself, a whole part of myself that was unlocked.

Taking care of a baby can be very demanding. Breastfeeding and less sleep can make you feel like a zombie sometimes. Where you worried a child would make concentrating on work harder or take away from your creativity?

I was incredibly lucky that Leon was a very easy baby. And also, I have always had flexible work hours. I had to trick myself into believing that everything was easy –pumping milk during teaching breaks, making all the changes that one has to make as a solo mother…. As I said, I found all that strength inside of my which has made it all possible…. And I have had an incredible support system, our friends are solid rock.

You mentioned before that you have had a nanny for Leon since he was three months old. Does your son stay with her when you have to travel, or do you take him or both of them with you?

I have made all kind of crazy arrangements in order to continue working and traveling for work as needed. Basically half of my income goes into child-care so that I can continue working.

What’s the most challenging thing about being a mom?

Being a solo mom is not for the faint of heart. You have to make yourself available to another human being regardless of anything –I always say that Leon has gotten out of me what no man has gotten before! But also, what is very challenging is to constantly remind myself that I exist, and that my happiness matters tremendously. No suffering, and no sacrifice allowed here.

What’s the most beautiful thing about being a mom?

Everything. Everything. The joy of building the future that has always been part of my theoretical approach to the world. To share my curiosity with my son, to try to give him the best tools I can to explore and make his world. Everything….

This is something I wrote for him when I was pregnant, and something I wrote a year after he was born. Perhaps it gives some additional information….

Julieta Aranda with Leon (4 years), February 2020

Photos: Julia Nitzschke

Interview: Marie Zeisler