Antje Taiga Jandrig und Viktor mit Júníus und Aron

Die schwierigen Momente machen das Einfache um so sichtbarer.
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Antje bekam nach heutigen Verhältnissen früh das erste Kind: Mit 18 brachte sie ihre Tochter Yoane auf die Welt. Heute, fast 20 Jahre später, hat sie zusammen mit ihrem isländischen Mann Viktor noch zwei kleine Jungs dazu bekommen. Der dreijährige Aron wurde letztes Jahr mit Autismus diagnostiziert. Im Interview erzählt uns Antje von herausfordernden Entscheidungen im Umgang mit Autismus, ihrem wunderschönen Weihnachten in Island und warum sie es als große Bereicherung sieht, früh Mama geworden zu sein.

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Liebe Antje! Du hast drei Kinder, deine älteste Tochter Yoane studiert schon. Wie alt warst du als du sie bekommen hast?

Ich war 18, als Yoane auf die Welt kam. Ihr Vater und ich haben uns getrennt, weil wir andere Dinge vom Leben wollten und das zusammen nicht funktioniert hat. Sie ist dann bei mir aufgewachsen und wir haben über die Jahre herausgefunden, was der beste Weg für uns alle ist.

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Wie war es so jung Mama zu werden? Wurdest du unterstützt?

Natürlich ist 18 sehr jung, aber auch meine Eltern waren in ihren frühen Zwanzigern, als sie mich und meinen Bruder hatten. In ihrer Generation war es eher normal und auf keinen Fall merkwürdig jung Kinder zu haben. Ist das nicht ein Phänomen unserer Zeit jetzt, dass es besonders ist, früh Kinder zu haben? Als Yoane klein war, wohnten meine Eltern noch in Berlin, waren aber beide berufstätig und konnten mir deshalb vor allem an den Wochenenden oder auch mal abends helfen, wenn ich zum Beispiel auf Konzerte oder ins Theater gehen wollte. Wir haben außerdem einen tollen unterstützenden Freundeskreis und wir hatten das große Glück, dass ich finanziell und zeitlich so unabhängig war, durch meinen Beruf als Model. Meine Agentur hat mich wunderbar unterstützt und es ging dann eben alles mit Kind dabei oder so, dass ich ihre Betreuung gut organisieren konnte.

“Ich habe Verantwortung nie als Einschränkung empfunden oder mich davor gefürchtet.”
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Die Zwanziger, in denen die meisten erstmal „sich selbst“ finden, feiern und Weltreisen machen – hast du das jemals vermisst? Wie waren deine Zwanziger?

Ich habe Verantwortung nie als Einschränkung empfunden oder mich davor gefürchtet. Irgendwie auch nie das Gefühl gehabt, dass ich wegen meiner Tochter irgendetwas nicht machen konnte. Sie hat mein Leben reich gemacht und mit viel Freude und Humor gefüllt. Mich selbst habe ich wahrscheinlich hauptsächlich wegen ihr gefunden und sie hat mich garantiert vor sehr viel Quatsch und schlimmen Erfahrungen bewahrt. Wir waren fast immer zusammen unterwegs, auf viele Jobs konnte ich sie mitnehmen, wir sind sehr viel gereist, ich habe mit ihr dabei in Rom Schauspiel studiert und eigentlich war sie immer die Heimat, das Zuhause, das mir sonst gefehlt und meine Selbstfindung erschwert hätte. Ich finde es viel schwieriger jetzt mit 38 zwei kleine Kinder zu haben. Allein physisch ist das ein anderer Schnack und auch meine berufliche Karriere zum jetzigen Zeitpunkt für eine Weile zu unterbrechen, empfinde ich als nicht leicht, weil es ein viel größerer Einschnitt ist, als damals.
Es ist für mich auch eine große Umstellung gewesen von alleinerziehend auf jetzt gemeinsam mit Viktor umzuschwingen. Wenn man daran gewöhnt ist, alles selbst zu planen und zu machen, ist man sehr viel spontaner und im eigenen Gefühl. Wenn man gemeinsam erzieht, bedeutet das meistens, dass einer von beiden Kompromisse machen muss, egal wie harmonisch und auf der selben Ebene die Beziehung ist.

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Viktor kommt aus Island – wie habt ihr euch kennen gelernt?

Ich habe Viktor fotografiert und ihm bei einem Projekt geholfen und da haben wir uns ineinander verliebt. Nach einem halben Jahr war ich mit Aron schwanger, das ging ziemlich schnell. Viktor hat damals an der Hanns-Eisler-Universität Komposition studiert, musste dann aber wieder zurück nach Island, um Bratsche fertig zu studieren. In meiner Schwangerschaft sind wir viel hin- und hergeflogen, sein Abschlusskonzert hatte er dann als Aron zwei Wochen alt war. Für die Geburt war er kurz hier und dann musste er wieder nach Island. Als Aron zwei Monate alt war, bin ich mit ihm hingeflogen. Es war eine turbulente Zeit! Es war definitiv von Vorteil, dass ich schon ein Kind allein großgezogen habe.
Viktor ist dann glücklicherweise Teil eines Studios hier in Berlin geworden, wo er mit anderen Komponisten hauptsächlich an Filmmusik arbeitet.

Aber auch jetzt bei Júníus musste er vor und nach der Geburt als Geiger für Ólafur Arnalds auf Tour und an seinen eigenen Projekten und Filmscores arbeiten. Diesmal war es für mich besonders schwer, weil ich mit zwei kleinen Kindern schon im Wochenbett allein klarkommen musste. Aber so ist nun mal unser Leben gerade und wir müssen schauen wie wir es eben alles hinbekommen.

Wir sind immer noch sehr verliebt, vielleicht auch weil Viktor öfter weg ist … Und über Weihnachten fliegen wir wieder länger nach Island. Es ist ein ziemliches Hin und Her, aber das kriegen wir gut hin. Wir sind alle total gut eingespielt.

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Und dann feiert ihr dort isländisches Weihnachten?

Genau! Meine Eltern haben sich getrennt und seitdem gibt es in Berlin kein Zuhause-Weihnachten mehr wie früher. Bei Viktors Eltern ist das noch so – was wunderschön für die Kinder ist! Da wird um den Baum getanzt, gesungen, Musik gemacht, Viktors Vater leitet zwei Männerchöre, es gibt viele Geschwister und viele Kinder – also einfach total idyllisch – so wie man es sich hier eigentlich immer wünscht. Auch Silvester ist dort echt schön – nicht so ein Krieg wie hier.

Wir beide haben viele Freunde in Island, die wir in Berlin vermissen und dann versuchen zu sehen. Und wenn man von Familie und Stadt genug hat, nimmt man sich ein Auto, fährt ein wenig raus und ist in der verrücktesten schönsten Landschaft, die man sich vorstellen kann.

Und für die Kinder ist es einfach wunderbar, draußen zu sein, am Wasser und im Wind, wir stecken sie in dicke Anzüge, dann ist das Wetter egal und später sind alle hungrig und todmüde!
Worauf wir uns immer echt freuen, sind die Schwimmbäder. Im Gegensatz zu unseren Bädern, ist das Wasser in den Becken sehr warm, da es direkt aus den Thermalquellen kommt. Isländer verbringen viel Zeit in den öffentlichen Pools und wir mit unseren Kindern auch. Es macht echt Spaß! Manchmal, wenn wir wegen dem Zeitunterschied sehr früh wach sind, so gegen 6, dann ist das Bad schon offen und dann gehen wir direkt dorthin.

 

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Wachsen eure Kinder zweisprachig auf?

Ja! Ich spreche Deutsch mit ihnen und Viktor Isländisch. Viktor und ich sprechen Deutsch miteinander, vorher haben wir Englisch gesprochen, aber sein Deutsch ist einfach so gut, dass es keinen Sinn mehr macht. Mit seinen Eltern und Geschwistern spreche ich aber Englisch, wenn wir dort zu Besuch sind. Lesen und Verstehen kann ich Isländisch ganz gut, ich höre ja zu wenn Viktor mit den Kindern spricht und ich lese Zeitung und höre Radio in Island, nur ein Gespräch führen klappt noch nicht, dafür müsste ich dort mehr Zeit verbringen und zur Sprachschule gehen. Isländisch ist eine sehr schöne Sprache, aber verdammt schwer zu lernen.

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Seit wann wohnt ihr in eurer Wohnung?

Yoane und ich sind hier 2008 zu Zweit eingezogen und jetzt wohnen wir hier zu fünft. Das ist eng, aber es geht irgendwie, wir haben die Wohnung unseren Bedürfnissen angepasst. Und es gibt eben auch diesen großen Garten direkt vor der Tür, das wollen wir nicht missen. Ich denke nächstes Jahr wird Yoane ausziehen, aber im Moment wohnen wir noch ziemlich glücklich zusammen. Und man findet ja dann doch immer wieder Lösungen für alles – wie die Arbeitsecke hier im Flur. Die habe ich selbst gebaut. So kann ich abends Bilder retuschieren ohne jemanden zu stören.

“Er fing an, Sprache nicht mehr zu benutzen und sich in seine eigene Welt zurückzuziehen.”
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Euer Sohn Aron ist drei und wurde letztes Jahr mit Autismus diagnostiziert.

 

Ja. Bei der U-Untersuchung mit zwei Jahren war eigentlich nichts auffällig. Er hatte einen normalen Sprachschatz. Das war alles im Normalbereich. Aber als er in die Kita kam, hat er nach und nach nicht mehr auf seinen Namen gehört und keinen Augenkontakt mit den Erziehern hergestellt. Uns wurde ein Hörtest angeraten. Aber dort war alles in Ordnung. Er konnte auch Lieder singen und sprechen, was ja auf Hören schließen lässt. Aber wir wussten, dass er sich irgendwie abschirmt und er fing nach und nach an, das auch zu Hause zu machen, Sprache nicht mehr zu benutzen und sich in seine eigene Welt zurückzuziehen. Wir waren beim Sozialpädagogischen Dienst und dort wurde die Verdachtsdiagnose Autismus ausgesprochen und uns empfohlen einen Integrationsstatus zu beantragen. Wir mussten zum Jugendgesundheitsdienst, dort wurde ermittelt, ob er besondere Hilfe braucht. Das war keine schöne Erfahrung, sondern relativ traumatisch, aber am Ende bekam die Kita mehr Geld.

Das Integrationssystem hier ist so konzipiert, dass man als Eltern kein Geld bekommt, sondern es nur an die Kitas und Schulen geht, damit das Kind dort integriert wird. Wie das dort aber umgesetzt wird, ist dem Ermessen der Einrichtungen frei überlassen und speziell ausgebildetes Personal ist knapp. Außerdem ist Aron eben nicht kitafähig, weil ihm der Lärm, die Handlungen von 18 Kindern, die auch mal beißen, schlagen, schreien, ihm Dinge wegnehmen, völlig überfordern. Dinge, über die ein anderes Kind zu Hause erzählt, sie verarbeitet und lernt damit umzugehen, sind für ihn sehr viel schwieriger zu kommunizieren. Übergange von einer Aktivität in die Nächste sind ebenfalls nicht einfach und er braucht für vieles jemanden, der ihm hilft. Er muss erst wieder die Grundlagen von Kommunikation lernen, um zu verstehen, warum bestimmte Dinge von ihm verlangt werden.

“Nach der Diagnose war es ein langer und nervenaufreibender Prozess. In den Integrationskitas gab es keine Plätze und es gab keinen Integrationserzieher für unsere Kita.”

Ich habe ihn vor drei Wochen aus der Kita rausgenommen und er kommt langsam wieder in die Sprache rein, hat viel mehr Augenkontakt, kommuniziert und spielt mit uns.
Er hat aufgehört zu sprechen, als er vor anderthalb Jahren in die Kita kam. Nach der Diagnose war es ein langer und nervenaufreibender Prozess. In den Integrationskitas gab es keine Plätze und es gab keinen Integrationserzieher für unsere Kita. Dass heißt, unsere Kita muss einen Integrationserzieher ausbilden. Nach vielen Gesprächen und Anträgen bildet sich jetzt seit September ein Erzieher aus. Das dauert natürlich immer alles sehr lange, dabei müsste sofort etwas passieren. Und dann wurde es einfach zu viel für Aron und er fing an sich selbst zu verletzen, seinen Kopf gegen Wände und den Boden zu schlagen und sich wieder zurückzuziehen.

Außerdem sollten wir uns entscheiden: Drücken wir ihm den Stempel Volldiagnose auf, inklusive Behindertenausweis und Pflegestufe? So hätten wir dann natürlich Zugriff auf finanzielle Unterstützung.

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Aber das wollt ihr nicht?

Aron würde bis an sein Lebensende in den Akten Autismus stehen haben. Wir überlegen gerade, ob wir das jetzt schon wollen oder erst wenn er in die Schule kommt, damit er dort einen Einzelfallhelfer bekommen kann, aber die nächsten Jahre bis zur Schulpflicht versuchen wir ihn in der für ihn optimalsten Umgebung in Sprache und Interaktion zu fördern. Das Therapie-System in den Praxen hier hat im Moment noch hauptsächlich zum Ziel, dass die Kinder lernen, still im Unterricht zu sitzen, nicht zu stören und zu tun, was von ihnen verlangt wird. Also das Kind dem System anzupassen, statt neue Lösungen zu finden und dem Kind den Sinn verständlich zu machen. Dafür hat niemand Zeit oder es kostet viel Geld, deshalb müssen das die Eltern tun.

“Das Therapie-System in den Praxen hier hat im Moment noch hauptsächlich zum Ziel, dass die Kinder lernen, still im Unterricht zu sitzen, nicht zu stören und zu tun, was von ihnen verlangt wird.”
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Das ist ja genau das Gegenteil, von dem, was Eltern meist erreichen wollen…

Ja, genau. Sich allein beschäftigen, das kann Aron super, stundenlang. Aber Interaktionen lange aufrecht erhalten, ist schwer für ihn und das müssen wir ihm leicht machen. Unsere Aufgabe ist es, in seine Welt zu gehen, mitzumachen, was er macht, versuchen zu verstehen was er genau vorhat und das mit Enthusiasmus und Liebe mitzumachen und ihn dann für uns und unsere Handlungen zu interessieren. Auf unseren Mund und in unsere Augen zu schauen, ihn dazu zu bringen zu sprechen, indem er herausfindet, dass er mit Sprache schneller ans Ziel kommt und jeden seiner Versuche zu feiern. Seine Interessen müssen unsere Interessen werden, das heißt zum Beispiel auch, wenn Aron beschließt eine Stunde lang den Flur hoch und runter zu rennen, dann mache ich das mit. Ich schnalle mir das Baby um und renne so gut es geht mit ihm zusammen. Gleichzeitig nutze ich die Situation, um ihm motorisch etwas Neues beizubringen, z.B. auf einem Bein oder seitwärts zu hüpfen. Außerdem reagiert Aron gut auf Musik, da macht dann Viktor wieder viel mit ihm.

“Seine Interessen müssen unsere Interessen werden, das heißt zum Beispiel auch, wenn Aron beschließt eine Stunde lang den Flur hoch und runter zu rennen, dann mache ich das mit.”
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Du bist Fotografin. Kannst du im Moment arbeiten?

Ich will unbedingt weiterarbeiten. Aber es ist gar nicht so einfach mein berufliches Leben mit dem privaten zusammen zu bringen. Aber ich finde meinen Weg, beidem seinen Raum zu geben: Aron die größtmögliche Aufmerksamkeit geben, weil jede Minute, die ich mit ihm spiele sehr viel für seine Zukunft bringen wird. Trotzdem will ich nicht meinen Beruf an den Nagel hängen, weil ich das für meine Seele brauche, auch damit ich Aron die größtmögliche Energie geben kann.
Ich liebe es Menschen zu treffen und mit ihnen zu reden, das möchte ich nicht missen und mich isoliert von der Welt fühlen. Deshalb gibt es jetzt das Projekt OnehourPortrait. Eine Stunde bekomme ich gerade so hin. So kann ich weiter als Fotografin arbeiten, denn so wie vorher arbeiten geht eben nicht mehr, aber ich muss nicht komplett aufhören. Für den Moment ist das die beste Lösung, um nicht einzugehen und in einem Jahr ist vielleicht wieder alles anders. Man vergisst ja manchmal, dass alles nur temporär ist.

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Was ist für dich das Anstrengendste am Mama-Sein?

Man wünscht sich ein Doppelleben, eins in dem man die kreative und finanzielle Seite lebt und das andere in dem man stressfrei seine Kinder begleitet und entspannt großzieht, so sehr wir versuchen das zu tun, so richtig kriegt man beides nicht unter einen Hut und das ist schade und anstrengend. Anstrengend ist auch die ständige Angst, die einfach in dem Moment in dein Leben tritt, in dem du Mama wirst, dass den Kindern irgendetwas passieren könnte oder sie unglücklich sind.

marie

Und was ist das Schönste?

Eigentlich alles, denn ich bin super gerne Mama, auch die schwierigen Momente, die machen das Einfache um so sichtbarer. Das Allerschönste ist, wenn ich sehe, dass meine Kinder glücklich sind, wenn Yoane und Aron lachen und Júníus sein erstes Lächeln ausprobiert und natürlich wenn sie schlafen, hahaha. Da quillt mir das Herz vor Liebe und Stolz über.

marie

Danke liebe Antje!

Antje Taiga Jandrig und Viktor Orri Árnason mit Júníus (2 Monate) und Aron (3 Jahre), Dezember 2018.

Interview: Marie Zeisler
Fotos: Anna Sauvigny