Cristina Marconi mit Alice

Muttersein lehrt einen offen und flexibel zu sein!
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Die beiden Journalisten Cristina und ihr Mann Luca leben mit ihrer kleinen Tochter in London. Ich habe beide vor Jahren (noch ohne Kind) auf einer Reise in Indien getroffen. Cristina fand ich damals schon inspirierend: Die Korrespondentin für große italienische Zeitschriften mit einem Journalistenstipendium in Oxford schien einfach ihren Weg zu gehen. Nun gibt es Alice seit zwei Jahren, viel hat sich geändert, aber Cristina ist immer noch die Gleiche. Die freie Journalistin verbringt viel Zeit mit ihrer Tochter und schafft es trotzdem, ihre Leidenschaft, den Journalismus nicht aus den Augen zu verlieren. Was sich seit Brexit geändert hat und wie Alice ihr Leben bereichert, erzählt Cristina uns hier…

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Hallo Cristina! Dein Mann und du kommt beide aus Italien. Warum seid ihr in London gelandet?

Wir haben uns kennengelernt als ich in Brüssel gewohnt habe und er in Mailand. Für einige Monate haben wir uns dann nur am Wochenende gesehen. Nach nur kurzer Zeit fiel dann aber die Entscheidung gemeinsam etwas Neues zu probieren und irgendwie war klar, dass es London sein musste. Luca fand schnell einen Job und ich bekam ein Stipendium in Oxford am Reuters Institut für Journalismus. Also entschieden wir uns, eine kleine Wohnung zu mieten und so fing unser neues Leben an!

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Du bist freie Journalistin und dein Mann Luca arbeitet Vollzeit. Wie organisiert ihr euer Leben mit eurer zweijährigen Tochter?

Luca arbeitet in einer großen, internationalen Nachrichtenagentur und hat immer volle Tage. Meine Arbeit als Selbstständige konzentriert sich dagegen eher auf den Nachmittag und ist sehr flexibel. Als Alice geboren wurde, habe ich manchmal mit ihr auf dem Schoß geschrieben, nach einer Weile fand ich dann aber eine Nanny, die sie ein paar Stunden am Tag genommen hat. Ich hatte ziemlich viel Glück: Luca hat immer mit angepackt, auch die Nanny war toll (sie ist leider zurück nach Italien gezogen, wir vermissen sie!) und nun gibt es gleich nebenan eine “Childminder” (Anm. d. Red. vergleichbar mit einer Tagesmutter). In den ersten zwei Lebensjahren von Alice konnten wir uns so organisieren, wie es für uns gespasst hat: Morgens war ich mit Alice zusammen sowie auch fast jeden Freitag den ganzen Tag. Als das Brexit Referendum passierte, hatte ich allerdings die intensivste Zeit meines Berufslebens! Ich konnte gut arbeiten, aber nur weil meine Mutter und meine Schwiegermutter, zwei energiegeladene und junggebliebene Frauen, zwei Wochen bei uns wohnten. Es war eine wunderbare Zeit und obwohl ich manchmal sehr, sehr müde war, hatte ich das Gefühl privilegiert zu sein: Ich konnte viel Zeit mit meiner Tochter verbringen und trotzdem all die anderen Dinge tun, die ich liebe. Genauso habe ich es mir gewünscht.

“Liebst du deinen Job?” Ungemein.
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Du hast Brexit ja schon erwähnt – wie hat es euer Leben und die Arbeit in London beeinflusst?

Für uns alle war Brexit eine große persönliche Enttäuschung und ein Wendepunkt: Unsere emotionale Beziehung mit London war abrupt beendet und wir konnten dagegen nichts tun! Nach sechs Jahren in London hatten wir das Gefühl, wir sind ein Teil von etwas, aber nach dem 24. Juni 2016 war das nicht mehr so. Es sind auch viele Freunde weggezogen und was ich noch schlimmer finde ist, dass fast alle Menschen, die ich hier kenne unsicher in ihre Zukunft schauen. Es geht dabei nicht so sehr darum, was noch erlaubt sein wird und was nicht, sondern eher was man überhaupt noch tun will. London verliert viel seines Glanzes und das spürt man. Dabei ist der Brexit-Vorgang etwas sehr Einzigartiges, mit vielen verschiedenen Gesichtspunkten, es hat etwas Fesselndes für mich. Für meine Arbeit ist London deshalb gerade der richtige Ort. Umso komplizierter die Situation, desto spannender mein Job!

“Umso komplizierter die Situation, desto spannender mein Job!”
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Du hast mir mal erzählt, dass du sieben Tage nach der Geburt von Alice auf einer Konferenz gesprochen hast. Wie haben die Leute darauf reagiert? Würdest du es noch mal machen?

Ja, es ging um ein Buch, das ich über die EU geschrieben hatte und die Art und Weise, wie darüber in den Medien berichtet wurde. Meine beste Freundin sagt immer noch, dass ich total verrückt war zur Konferenz zugehen! Ich hatte es allerdings sehr ausführlich in den letzten Wochen meiner Schwangerschaft vorbereitet und musste eigentlich nur von einem Skript ablesen. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, ging es auch darum, dass ich mir selbst beweisen wollte, dass dieser Teil meines Lebens (die Arbeit) sich nicht verändern würde. Und es hat geklappt, es war harmlos, und ja, ich würde es wieder tun.

marie

Hast du das Gefühl es gibt einen Druck auf Mütter mit kleinen Kindern zu Hause zu bleiben?

Es ist total normal mit kleinen Kindern zu Hause zu bleiben, jede Mutter will das wahrscheinlich so. Aber ich habe in der englischen Kultur einen, für mich überraschenden, starken Druck empfunden, seine eignen Interessen nicht mehr weiterzuverfolgen und in manchen Fällen auch den Job sein zu lassen. Es ist nicht Skandinavien hier, Kinderbetreuung kostet viel Geld und oftmals geben Frauen ihren Job auf, weil es die beste Lösung zu sein scheint. Ich finde das problematisch: Wir haben studiert und hart dafür gearbeitet dahin zu kommen wo wir sind, das aufzugeben kann sehr frustrierend sein und kann zu Depressionen führen. Als Tochter einer alleinerziehenden und arbeitenden Mutter (meine Eltern waren geschieden, aber ich sah meinen Vater sehr viel!) in den progressiven Siebzigern, hätte ich nie gedacht, dass Frauen aufhören zu arbeiten wegen ihrer Kinder. Aber das ist meine Einstellung. Was immer für andere Frauen funktioniert, ist legitim. Muttersein lehrt einen offen und flexibel zu sein und niemals andere Mütter zu verurteilen!

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Hat das Mutterwerden deine Art zu arbeiten verändert?

Ich glaube Muttersein ist ein großer Antrieb für mehr Effektivität, Effizienz und Pragmatismus! Man macht es besser, und in kürzerer Zeit. Zeit zu verschwenden ist einfach keine Option mehr!

marie

Alice ist bilingual in Italienisch und Englisch. Wo glaubst du wird sie aufwachsen? Habt ihr vor irgendwann einmal nach Italien zurückzukehren?

Wir haben gerade herausgefunden, dass sie dank ihrer pakistanischen Tagesmutter auch ein wenig Urdu spricht! Seit wenigen Tagen ist sie allerdings in einer Kita und ich schätze mal, dass sich Englisch durchsetzen wird, wegen all der anderen Kinder – für uns gar kein Problem! Und während der Feiertage und Urlaube kann sie ihr Italienisch verbessern. Die Zukunft ist allerdings gerade ein großes Fragezeichen: Ich überlege oft, ob ich es besser gefunden hätte in Italien oder in London aufzuwachsen und was besser für Alice ist. London ist groß, aufregend, vielleicht etwas zu viel… In Italien hat man mehr Freiheit und Wärme. Wir werden sehen. Im Moment ist London unser Zuhause.

marie

Wir haben uns vor Jahren auf einer Reise zu den Andamanen Inseln, ein ziemlich spezieller Ort, kennengelernt. Reist ihr immer noch weit?

Yes! We went to Japan with Alice last year, and it went really well! Japan is friendly, clean, safe, ideal for children. She was 14 months at the time, which made it still possible to carry her in a sling and go everywhere. She loved the food and being together all the time. She was very impressed with the cherry blossom, less with the very long flight… And one of the few words we learned in Japanese was kawaii, cute. Everyone wanted to play with her.

marie

Was ist das Anstrengendste am Mama-Sein?

Die Trotzanfälle. Im Moment besteht ein Großteil meiner Morgenroutine darin, Alice zu überzeugen etwas anzuziehen, sie ist sehr eigensinnig und will ihre Sachen selbst aussuchen oder in ihrem Pyjama bleiben. Diese Trotzanfälle wandeln sich aber ständig: Sobald man gelernt hat mit dem einem umzugehen, bahnt sich ein neuer Typ Trotzanfall an.

marie

Und was ist das Schönste?

Sie an der Hand zu halten und los gehen.

Danke dir Cristina!

Cristina Marconi und Luca Casiraghi mit Alice (2), Januar 2018

Interview: Marie Zeisler

Photos: Sarah Winborn

The journalist couple Cristina and her husband Luca live in London with their daughter Alice. I met both of them traveling through India years ago. Back then I remember Cristina as being a very inspiring woman to me: The correspondent for prominent Italian newspapers with a journalistic fellowship at Oxford seemed so eager to achieve her dreams. Alice, their daughter, has been in their life for two years now and things have changed slightly. The freelance journalist spends a lot of time with her daughter while working on her career. Her passion, journalism, is as strong as ever. Read how becoming a mum changed her life, and how Brexit affected it, here…

Hello Cristina! You and your husband Luca are from Italy, how did you end up in London?

When we met, I was in Brussels, and he was in Milan, and for a few months, we saw each other only during the weekends. After a very short time, we decided to do something new together, and London seemed like the obvious choice. He found a job; I got a fellowship in Oxford at the Reuters Institute for the Study of Journalism, we decided to rent a small flat and start our new life.

You are a freelance writer and journalist, and Luca is working full-time.  How do you organize your life with your two-year-old daughter Alice?

Luca works for a big international newswire and does very long hours, whereas my job as a freelancer is mainly concentrated in the afternoon and can be very flexible. When Alice was born, I wrote some stories with her sitting on my lap, but after a while I found a nanny to look after her for a couple of hours a day. I am very lucky: Luca is incredibly helpful, the nanny was amazing (she moved back to Italy a few months ago, and we miss her a lot!) and there is a brilliant childminder living next door. For the first two years, I could arrange childcare in a way that suited us, so that I could still spend my mornings with Alice and make sure that most Fridays were just for the two of us. When the Brexit referendum took place, it was one of the busiest moments of my professional life, and I managed to do good work only thanks to my mum and my mother-in-law, two energetic and youthful women who came and stayed for a few weeks. It has been a wonderful, wonderful time and even though sometimes I have been extremely tired, I felt privileged: being able to spend a lot of time with Alice while keeping on doing the other things I love in my life was just what I wanted.

strong>Do you love your job?

Immensely.

How did Brexit impact your life in Britain and your work?

That was a big personal disappointment for all of us and a turning point: our emotional investment in the city just stopped abruptly, and there was not much we could do about it. After six years in London we were feeling part of something, but on June 24, 2016, it was not the case anymore. Plus, a lot of friends left and, what’s worse, a lot of people – almost everyone I know – are confused about their future. Not much about what they will be allowed to do under the new rules, but more what they want to do. London is losing much of its sparkle, and this is tangible, but Brexit is also a unique story, full of different angles and very compelling, so for my work, London is, more than ever, the place to be at the moment. The more difficult the situation, the more interesting my job is.

You told me earlier, that seven days after Alice was born you gave a speech at a conference. How did people react to that? Would you do it again?

Yes, something about a book I had written about the EU and the way it has been reported by media over the years. My best friend still says I was crazy to do it! I had prepared it very carefully in the last few weeks of pregnancy, so it was no more than going there and reading from a script. Looking back, I think I needed to prove to myself that part of my life would still be the same. It worked, it was harmless, and yes, I would do it again.

Do you feel that there is a certain sense of pressure on mums to stay at home with young children?

It is entirely normal to stay at home with young children, that’s where a mum wants to stay, but I found that in the British culture there is a surprisingly strong pressure to stop pursuing your own interests and, in some cases, your work. This is no Scandinavia here, childcare is expensive and often women give up their jobs for a few years as it’s the best choice for everyone. I find it very problematic: we studied and worked hard to be where we are, giving up can be very frustrating and can potentially lead to depression. As a daughter of a single working mum (my parents are divorced and I used to see my dad a lot), I was born in the very progressive Seventies. I never ever thought that women would want to stop working after having children. But that’s me, whatever works for other women is good, motherhood teaches you to be open and flexible and never ever judge other mums!

Did becoming a mum change the way you work?

I think being a mum is a big booster for effectiveness, efficiency, pragmatism. You do things better; you do them in less time. Wasting time is not an option anymore!

Alice is bi-lingual: Italian and English. Where do you see her growing up?  Do you plan on moving back to Italy one day?

Actually, thanks to her Pakistani nanny we discovered she has a bit of Urdu too! She started going to the nursery yesterday, and I think English will prevail because of other children, which is absolutely fine. Then during the holidays, she will improve her Italian. The future is a big question mark: I often wonder whether I would have preferred to grow up in Italy or London and what would be better for her. London is big, exciting, maybe too much… In Italy, you have more freedom, warmth. We will see, for the time being, London is home.

I met you years ago on a trip to the Andaman Islands, a quite special place,  – do you still travel to far away places?

Yes! We went to Japan with Alice last year, and it went really well! Japan is friendly, clean, safe, ideal for children. She was 14 months at the time, which made it still possible to carry her in a sling and go everywhere. She loved the food and being together all the time. She was very impressed with the cherry blossom, less with the very long flight… And one of the few words we learned in Japanese was kawaii, cute. Everyone wanted to play with her.

What’s the most challenging about being a mum?

Dealing with tantrums. At the moment persuading her to wear something is a big part of my morning routine, she is very opinionated, she likes to pick her clothes or to remain in her pajamas. Tantrums are mutating things: once you learn how to cope with one type, a new one arrives.

What’s the most beautiful?

Holding her hand and going somewhere.

Thank you Cristina!

Cristina Marconi and Luca Casiraghi with Alice (2), January 2018

Interview: Marie Zeisler

Photos: Sarah Winborn