Caroline Rosales und Maxime

Ein großes Abenteuer
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Caroline Rosales war eine zielstrebige Karriere-Frau und ein quirliges Party-Girl. Dann wurde sie schwanger. Dieses Erlebnis und die Monate, die darauf folgen sollten, waren für sie so einschneidend und neu, dass sie sich Hilfe bei Lisa holte, der Frau eines Arbeitskollegen und dreifachen Mutter. Aus Ratschlägen wurde Freundschaft und aus dem Dialog zwischen den beiden jungen Frauen ein Buch: “Ich glaub, mich tritt ein Kind” erscheint dieser Tage im dtv Verlag. Nebenbei haben Caro und Lisa auch noch ein Blog aufgebaut: “Stadt Land Mama”. Wir trafen Caro mit ihrem Sohn Maxime in Berlin Prenzlauer Berg.

(UP-DATE Juli 2018: Caroline ist mittlerweile auch Mama eines Mädchens und glückliche Single Mom. Darüber hat sie ein Buch geschrieben und wir haben uns mit ihr hier darüber unterhalten).

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In dem Buch, das du schwanger geschrieben hast, hast du ziemlich genaue Vorstellungen davon, was für eine Mama du sein willst. Wie viel davon ist wahr geworden?

Im Grunde bin ich so geworden, wie ich dachte. Man kommt ja doch nicht ganz aus seiner Haut raus. In einer Sache bin ich aber ziemlich zurückgerudert. Maxime wurde kurz vor der Kita-Eingewöhnung todkrank, hatte eine Lungenentzündung, musste ins Krankenhaus und ich konnte ihn einfach nicht gehen lassen. Ich habe also den Kita-Vertrag gelöst und seitdem kommt jeden Tag eine Babysitterin für ein paar Stunden, damit ich arbeiten kann. Ich hätte nicht gedacht, dass es mir so schwerfällt, ihn loszulassen. Ich kenne viele Eltern, die ihre Kinder täglich acht Stunden in der Kita lassen und ich dachte immer, das sei eher ich. Lisa, mit der ich das Buch geschrieben habe, hatte das Gegenteil prophezeit. Im zweiten Kapitel sage ich nämlich, dass mich kleine Kinder nerven. Und sie meinte: “Solche Mütter wie du, ihr werdet die Schlimmsten.” Und sie hatte Recht.

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Du wolltest drei Monate nach der Geburt wieder arbeiten…

Ich wollte! Das hab ich nicht geschafft, was aber auch dem schlechten Betreuungssystem in Deutschland geschuldet ist. Man kann ein drei oder sechs Monate altes Kind hier nicht abgeben. Es gibt eigentlich keine Kitas, die Kinder unter einem Jahr nehmen. Ich komme aus Frankreich und wäre es wie dort, wo das Krippensystem gut ist, wo es super Spielzeug, tolle Erzieher, gutes Essen gibt, dann wäre es einfacher gewesen. Ich habe nicht kommen sehen, wie schwierig das ist mit der Kita-Suche ist. Das ist wirklich ein Fulltime-Job, und zwar monatelang.
Also habe ich mit Lisa zusammen das Buch zu Ende geschrieben, und den Blog aufgebaut. Wir sind mittlerweile einer der größten Mama-Blogs in Deutschland und darauf auch sehr stolz. Ich studiere außerdem nebenbei wieder ein bisschen und habe ich schon Ideen für das zweite Buch. Ab Juli gehe ich wieder zurück in meinen alten Job als Redakteurin.

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Kehrt dann die Karriere-Frau, die du warst, zurück?

Nein, das nicht. Und das ist auch wieder ein Stück weit Kritik. Ich hatte drei sehr gute Job-Angebote, genau in der Zeit, als ich schwanger wurde. Die waren dann nicht mehr möglich. Die Riesen-Karriere, die ich ohne Kind gemacht hätte, kann ich in Deutschland als Mutter nicht mehr machen. Da gibt es in deutschen Unternehmen echt noch Nachholbedarf. In anderen Ländern gibt es viel mehr Frauen in hohen und leitenden Positionen, die Kinder haben, auch gerne mal vier. Wieder Frankreich: Dort hätte ich auch schwanger einen verantwortungsvolleren Job annehmen können.

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Du setzt dich gegen Schokolade an der Supermarktkasse ein. Achtest du generell sehr auf Ernährung?

Ja. Ich komme ja aus einer französischen Familie. Wir waren keine reichen Leute, aber da wird Essen einfach zelebriert. Die Aktion gegen die Quengelware war aber einfach ein kleines Statement, um zu zeigen, dass der Konsument sich wehren kann. Und es ist ja so, dass die Industrie sehr viel lügt. Es gibt Produkte für Kinder, die verkaufen einfach falsche Tatsachen. Mamas, die sich damit nicht befassen, fallen da sicher oft drauf rein.

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Du bist im Buch eher eine nörgelnde Schwangere. Wie ist es jetzt rückblickend gewesen, schwanger zu sein?

Mh, also auch im Nachhinein muss ich sagen, dass ich es fantastisch finde, Mutter zu sein, aber diese Schwangerschaft… Lisa war da anders, die hat ihre Schwangerschaften richtig genossen. Ich dagegen fand es teilweise übel, so viele Dinge, die einem keiner sagt! Ich war außerdem eine Panik-Schwangere, bin da total journalistisch rangegangen. Ich habe viel zu viel recherchiert. Ich wusste alles, und vieles muss man nicht wissen. Man fährt ja auch nicht zum Skifahren und googelt davor, was man sich alles brechen könnte!

“In unserer Welt, in der alles optimiert ist, ist das wirklich ein großes Abenteuer, in das man sich stürzt.”
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Findest du, dass das Thema Schwangerschaft und Muttersein unrealistisch dargestellt wird?

Ja, und die Mütter sagen es einem auch nicht, weil man vieles vergisst. In unserer Welt, in der alles optimiert ist, ist das wirklich ein großes Abenteuer, in das man sich stürzt. Es hat viele unschöne Seiten, die man als moderner Mensch gar nicht mehr gewöhnt ist. Ich glaube, deswegen ist unser Buch gut, denn es ist schonungslos. Das sagen sicher alle über ihr Buch, aber ich hätte es total gerne gelesen, während ich schwanger war.

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Du sprichst auch an, dass du dich als Schwangere ziemlich “gemolken” gefühlt hast – all die Produkte und Arzneimittel, die man kaufen soll…

Also ich kann mit gutem Gewissen sagen, ich habe alles gekauft und wahnsinnig viel Geld ausgegeben! Das war nicht nur negativ. Ich wollte alles ausprobieren und es macht ja auch Spaß. Es wird einem aber schon viel angedreht. Die Industrie spielt viel mit Schuldbewusstsein und Angst. Es gibt zum Beispiel diese Riesen-Kindersitze oder die Kinderwägen, die Unmengen von Geld kosten und es wird suggeriert: Wenn dein Kind dir das wert ist, dann gibst du das aus. Wenn man dann noch ein eher modebewusster Mensch ist, der gerne schöne Sachen kauft, dann tappt man natürlich noch öfter in die Falle.

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Findest du, dass die Deutschen eine etwas “unnatürliche” Einstellung zu Kindern und Schwangersein haben?

Jede Kultur hat ihre Macken, in Amerika ist es ja noch viel krasser. Da gibt es diese Kolumne: “Is it safe”. Woche für Woche befasst sie sich nur damit, was man während der Schwangerschaft essen darf und was nicht. Und die Frauen diskutieren das aus. In Frankreich gibt es dann das andere Extrem, wo manche Frauen erst in der Schwangerschaft anfangen zu rauchen, vor Stress! Und in Asien gibt es wahnsinnig viele Wunsch-Kaiserschnitte. Deutschland ist also eigentlich ganz gut in der Mitte, glaube ich. Hier gibt es alle Möglichkeiten und jeder macht sein Ding.

“Es gibt ja die Gruppen der meistgehassten Berliner und da sind die Müsli-Mama und die Prenzlberg-Mama sicher immer weit vorne mit dabei.”
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Warum aber polarisieren Mamas in Deutschland so sehr, vor allem die vom Prenzlauer Berg?

Das habe ich mich auch schon oft gefragt! Es gibt ja die Gruppen der meistgehassten Berliner und da sind die Müsli-Mama und die Prenzlberg-Mama sicher immer weit vorne mit dabei. Ich kann das nicht verstehen: Deutschland liegt in Sachen Kinderfreundlichkeit auf einem der letzten Plätze und wir haben wirklich ein Problem, weil es so wenige Geburten gibt. Und da geht mal ein Bezirk voran, legt den Akzent mehr auf seine Kinder, und dann ist es plötzlich total übertrieben! Dabei könnten wir solche Viertel eigentlich viel mehr vertragen.

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Was machst du am liebsten mit deinem Sohn?

Morgens arbeite ich immer, und dann machen wir wirklich viele Prenzlauer Berg Sachen. Wir gehen in die Kindercafés, essen eine Waffel, spielen. Oder wir gehen zu Dussmann in die Friedrichstraße. Oft besuchen wir auch Freunde. Ich finde auch nichts Negatives daran, eine Prenzlauer Berg-Mama zu sein. Ich mag die Mamas hier und zähle mich gerne zu ihnen.

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Wie hat sich deine Ehe durch das Kind verändert?

Da muss man jetzt mal bei der Wahrheit bleiben: Man zofft sich im ersten Jahr schon sehr viel! Gerade, wenn der Mann Vollzeit arbeitet und die Frau früher auch Vollzeit gearbeitet hat, und ihre Ziele und Träume hatte. Plötzlich sitzt man zu Hause, macht die Einkäufe, wäscht und denkt, man ist in einem schlechten Film gelandet. Man wünscht sich, dass er sich mehr einsetzt, muss akzeptieren, dass er auch sein Wochenende braucht. Da gibt es viel Konfliktpotenzial und es entsteht oft Streit. Aber dann findet man irgendwann seinen Rhythmus. Man erinnert sich daran, dass man ja auch noch verliebt ineinander ist, und dann wird es besser.

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Hast du dich denn verändert?

Nein, nicht besonders. Wenn ich ausgehe oder arbeite, dann gibt es immer noch Momente, in denen bin ich einfach so wie früher. Ich kann also immer noch komplett vom Mama-Sein abschalten. Ansonsten: Ich reise leider weniger, aber das kommt sicher wieder. Und ich weiß die kleinen Dinge des Lebens mehr zu schätzen. Sich zurückbesinnen, sich Zeit nehmen, etwas spielen. Das Spielen macht mir so viel Spaß, dabei erinnere ich mich auch an meine eigene Kindheit.

isabel

Du hattest auch große Angst vor der Funktionsjacke. Hat sich dein Stil als Mama verändert?

Nein! Naja, vielleicht ein bisschen spießiger. Und ein paar Sachen habe ich jetzt, die hätte ich früher nicht gekauft. Ja, auch eine Funktionsjacke, aber nur wenn es wirklich regnet!

isabel

Welche Message soll euer Buch (werdenden) Mamas vermitteln?

Es soll in aller erster Linie unterhalten und einen daran erinnern, dass man sich und alles nicht so ernst nehmen sollte. Und Lisa ist einfach eine tolle Freundin, als dreifache Mutter immer noch so lässig. Alle Antworten, die sie mir gegeben hat, haben mich bisher immer beruhigt, auch wenn ich kurz vorm Durchdrehen war. Jeder sollte also ein bisschen Lisa haben während der Schwangerschaft.

isabel

Was ist das Schönste am Mama-Sein?

Ich glaube das Schönste ist, dass man nie wieder alleine ist. Das klingt blöd, aber da ist ja wirklich jemand für immer da. Man ist ein Super-Team zusammen und geht durch so vieles zu zweit.

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Und was ist das Nervigste?

Dass man immer zwei ist! Naja, und dass man nie wieder ausschlafen kann. NIE WIEDER! Okay, manchmal übernimmt am Wochenende der Papa. Ich kann lange schlafen und er bringt mir Frühstück ans Bett. Aber das passiert wirklich nicht so oft.

Danke für das Interview, Caro!

“Ich glaub, mich tritt ein Kind” von Caroline Rosales und Lisa Harmann kann man ab 1. März 2013 bei Amazon bestellen.
Außerdem gibt es auf Stadt Land Mama täglich Neues von Lisa und Caro.

Caroline Rosales und Maxime (16 Monate), Februar 2013
Interview: Isabel Robles Salgado
Fotos: Yvonne Amankwa
Video: Roddy Ziebell