Chrish Klose und Mika

isabel |

Zusammen mit ihrer Schwester gründete Chrish Klose an einem Mittwoch vor etwa zwei Jahren Wednesday Paper Works. Dass das Unternehmen entstand, während Chrish mit ihrem Sohn Mika schwanger war, war Zufall, passte aber gut zu den Plänen vom großen Familienprojekt. Gemeinsam gestalten und produzieren die Schwestern seitdem wunderschöne Papeterie und vereinen dabei besonderes Design und buchbinderisches Können. Die Produktpalette reicht vom Kochbuch bis zur Grußkarte. Wir trafen Chrish und Mika in ihrer Wohnung in Kreuzberg und fragten sie unter anderem, wie man Kreativgeist, Kind und eigene Firma erfolgreich unter einen Hut bringt.

Du hast Wednesday Paper Works gegründet, während du schwanger warst – wie kam es dazu?

Ich hatte schon seit sieben Jahren eine Grafik-Agentur und die Frage „wie geht es weiter?“ lag in der Luft. Nach einem halben Jahr Bedenkzeit haben meine damalige Partnerin und ich uns beide gegen die Firma entschieden. Ich hatte immer den Traum, ein Familienbusiness mit meiner Schwester zu machen und bin dann gleich mit ihr losgestartet. Sie ist Buchbinderin, ich bin Designerin, da lag es auf der Hand, was wir machen würden. Als der Kleine da war, habe ich mir vier Monate nur für ihn Zeit genommen und dann habe ich während der Elternzeit das Ganze weiter aufgebaut. Das war manchmal schwierig, durch diese Stilldemenz hatte ich leichte Konzentrationsschwierigkeiten!

Wir hatten das große Glück, dass die Schwester meines Freundes, mittlerweile ist er mein Verlobter, zu der Zeit freihatte und uns gerne helfen wollte. Sie hat dann drei bis vier Mal die Woche auf Mika aufgepasst. Nur so konnten wir uns das leisten und ich konnte arbeiten, das war natürlich toll. 
Ich glaube, es gibt Frauen, die hatten vielleicht auch einen Job vorher, aber eigentlich kein Zentrum. Wenn das Kind kommt, dann haben sie ihr Zentrum gefunden. Das meine ich völlig wertfrei. Ich dagegen stehe auch total auf Kinder. Ich stehe aber auch total darauf, was ich tue. Ich wurzele komplett in dem was ich mache, viel mehr, als dass ich Vollzeit-Mutter sein wollen würde. Deshalb war es nie eine Frage, ob arbeiten oder nicht. Ich arbeite viel zu gerne. Ich und mein Job, das gehört einfach zusammen.

Jetzt arbeitest du mit deiner Schwester zusammen. Bist du ein Familien-Tier?

Ja, schon. Wir haben diese große irische Familie im Hintergrund. Meine Schwester und ich sind aber mit unserer Mutter alleine aufgewachsen. Daher kommt vielleicht dieses Bedürfnis nach Familie. Auch diese Sehnsucht. Wir wussten immer: Da sind noch mehr von unserer Sorte, aber wir waren eben immer zu dritt. Meine Mutter ist vor Kurzem gestorben, seitdem sind wir sogar nur noch zu zweit. Bei der Beerdigung war dann die ganze irische Familie da und seitdem pflegen wir das richtig. Es gibt ein großes Familientreffen jedes Jahr und so weiter. Und ja, ich habe ein besonderes Verhältnis zu meiner Schwester. Wir sind sehr innig verknüpft und arbeiten auch zusammen, was ja auch nicht selbstverständlich ist. Wir wünschen uns Wednesday Paper Works als Familienunternehmen und lachen immer, dass Mika auch mal mitarbeiten soll und die Cousinen aus Irland. Keine Ahnung, ob die das wollen, aber wir würden es uns wünschen.

Willst du noch mehr Kinder?

Wenn ich an meinen Sohn denke: Ja! Auch wegen dieser Bindung, die ich zu meiner Schwester habe. Das würde ich ihm auch wünschen. Wenn ich an mich denke: Nein. Mein Freund will auch nicht unbedingt. Man muss sich schon sehr gut strukturieren mit Kind und wir sind uns nicht sicher, wie viel dann noch für uns übrig bleibt. Eben habe ich aber den Stammbaum meiner irischen Familie gemacht und die haben alle so sechs bis acht Kinder, dann denke ich: Warum eigentlich nur ein Kind? Ich glaube man darf nicht darüber nachdenken, Kinder zu bekommen. Man muss sie einfach machen. Beim zweiten Kind denken wir jetzt irgendwie schon zu viel darüber nach.

Euer Konzept ist ein wenig ein Antiprogramm gegen die schnelle und digitale Zeit. Mutter werden ist doch irgendwie auch so, oder?

Also entschleunigend ist das Mama-Sein nicht! Die Schwangerschaft schon und die ersten Wochen auch. Dann finde ich es aber viel reglementierter und krasser als vorher. Mein Tagesablauf ist so straff organisiert, da passt kein Blatt dazwischen. Heute bin ich um 5:30 aufgestanden und war um 6:15 im Büro. Das muss ich so machen, weil wir einfach viel zu tun haben und um 15:30 Uhr muss ich ihn spätestens von der Kita abholen.
Das ist dann unsere Zeit zusammen. Ich checke zwar manchmal abends noch Emails oder muss noch was machen, aber im Prinzip versuche ich, alles vorher zu erledigen.
 Man muss viel besser planen und sich auch mit dem Partner gut absprechen.
 Am Anfang fand ich das ganz schön heftig, wie sehr das Kind alles vorgibt. Ich bin sehr ehrgeizig, aber mittlerweile muss ich sagen, dass mir diese Zeit, wenn ich ihn abhole und wir sind nur wir, total gut tut. Wir gehen dann in den Park oder zum Trommeln.
Ganz abschalten fällt mir also nicht leicht. Die Arbeit, die ich mache ist ein Teil von mir – da gibt’s keinen Anfang und kein Ende, ich denke einfach immer über neue Designs nach.

Wirkt sich das Muttersein denn auf deine Kreativität aus?

Nein, eigentlich nicht. Obwohl: Ich interessiere mich jetzt für Kinderprodukte, das war natürlich vorher nicht so interessant. Es ist gar nicht so einfach, schöne Sachen zu finden. Es gibt wenig, was nicht kitschig ist.

Ihr macht aber wirklich tolle Sachen und Prints für Kinder …

Und die Sachen, die wir machen, sind alle entstanden, weil wir sie brauchten und es gab sie nicht! Deshalb gibt es ein Strickjournal – weil wir gerne stricken. Das klingt hausmütterlich, aber es ist eben so. Ich bin Mama geworden und habe kein schönes Baby Journal gefunden. Dann war klar: Das machen wir. Ich habe also recherchiert, was so die Bedürfnisse sind. Der Inhalt wächst mit wie bei einem Kind, es ist funktional und sieht schön aus. Interessanterweise ist es auch unser Bestseller!

Kommt dein Kreativ-Geist auch bei der Einrichtung des Kinderzimmers zum Vorschein?

Ja! Ich habe mir dafür sogar freigenommen. Hatte schon vorher im Internet recherchiert und alte Vintage Sachen umgesprüht. Manche Sachen sind auch von mir, die alte Maske zum Beispiel, aber ein Viertel habe ich selbst gemacht und gestaltet. Wir haben generell viele Vintage-Funde in der Wohnung, die ich dann umgestaltet habe. Und naja, dann fährt man eben noch zu Ikea.

Ist dir Mode wichtig, auch für ihn?

Als Gestalterin kommt man natürlich nicht drum rum, sich auch bei seinem Kind auszuleben! Auch hier setze ich auf Mischung. Ich stricke viel selbst und kombiniere. Meine Devise ist immer: zwei, drei abgefahrene und viel zu teure Stücke und der Rest kann von irgendwo kommen. Vom Flohmarkt, von H&M und ich mag auch die COS-Kinderkollektion.

Wie würdest du deinen Sohn beschreiben?

Er ist der Knaller! Das sagt jede Mama, aber er ist wirklich ein Vorzeigekind. Er teilt total gerne, kümmert sich immer darum, dass alle was haben. Er ist offen und lieb, er schläft total einfach ein. Mein Freund ich, wir sind wahnsinnig verknallt in ihn. Manchmal sitzen wir abends auf dem Sofa, er ist im Bett und dann haben wir so Sehnsucht, dass wir noch mal gucken gehen.
Ich weiß nicht, ob er auch so ausgeglichen ist, weil ich immer so entspannt war. Ich habe nichts gelesen und immer viel intuitiv gemacht. Die saugen ja alles auf, wie ein Schwamm. Wenn man selbst entspannt, glücklich und aktiv ist, dann übernehmen die das. Es gibt natürlich auch Problemkinder, Schreikinder, viel ist also sicher auch Glück. Wir sind relativ streng. Er darf viel und soll selbstständig werden aber es gibt klare Grenzen. Im sozialen Umgang, beim zwischenmenschlichen Verhalten, da bestehen wir auf klare Regeln. Er darf bestimmte Sachen einfordern und die bekommt er auch. Er darf seinen Willen haben, aber auch wir dürfen eben unsere Wünsche äußern.

Wie hat das Kind eure Beziehung verändert?

Also ein Kind ist kein Kitt für eine Beziehung, die kriselt. Ein Kind intensiviert das, was da ist. Bei uns war es so, dass wir noch in einer Verliebtheitsphase waren, als ich schwanger wurde. Ich war dann auch kurz traurig, dachte: Das ist unser letztes bisschen zu zweit. Wir glauben immer noch, dass das wieder kommt, aber wir können es uns auch nicht mehr ohne ihn vorstellen. Gott sei Dank greifen wir jetzt mit Kind total gut ineinander. Wir ergänzen uns in unserem Zusammenleben mit ihm – Dinge, die ich nicht kann, übernimmt er und umgekehrt.

Hast du das Schwanger sein genossen oder war es anstrengend?

Oh, es war sensationell! Ich habe 30 Kilo zugenommen, bin in Kleidergrößenregionen vorgestoßen, das war Wahnsinn. Meine Füße waren eine halbe Nummer größer! Man sagt auch, dass ganz Dünne oft überproportional zunehmen. Ich habe auch ohne Sport alles aber relativ schnell verloren. Ich fand es hervorragend, habe mich einfach reinfallen lassen, hatte Appetit ohne Ende und dachte: Wenn, dann jetzt. Ich bremse hier nichts, denn wann wird es jemals wieder so sein? Ich fand es auch lustig, mich so anders zu fühlen. Und ich wusste, ich bin immer so dünn gewesen, das wird schon wiederkommen. So war es dann auch. Außerdem: Ich hatte ja dann ihn! Alles andere war irgendwie egal.

Was hat dich überrascht, als du Mutter wurdest?

Ich mich selber als Mutter! Ich wusste ja gar nicht, wer ich sein würde, ob es mich verändern würde, ob ich übermütterlich sein würde. Ich habe also meine Sohn kennengelernt und auch mich neu kennengelernt. Zumindest eine neue Seite an mir. Ich bin schon die geblieben, die ich war. Aber diese Mutterinstinkte, diese Ängste, die man dann doch hat! Das hatte ich so nicht erwartet, ich war vorher nie so ein instinktiver Mensch. Ich bin übrigens eher eine Mama für ältere Kinder, die Baby-Mama war ich nicht so. Sie sind zwar so süß, aber je älter er wird, desto mehr genieße ich das Muttersein. Es wird immer besser!

Was ist das Schönste am Muttersein?

Die Liebe und diese Innigkeit. Wenn er angekuschelt kommt und mich anstrahlt und sagt: „Mama lieb!“ Dann sterbe ich, das ist so toll. Und ihn kennenzulernen. Der wird ja immer mehr zu dem, der er dann mal sein wird und wir sind live dabei. Man sagt immer, man bekommt ein Kind. Ein Kind sind sie aber gar nicht lang, man bekommt eigentlich Erwachsene, die kurz klein sind. Das ist so spannend! Und ich bin einfach so verknallt in ihn. Gucke ihm zu und finde es unglaublich, wie toll er ist. Könnte ihn immer abschnüffeln und küssen.

Und was ist das Nervigste?

Naja, wenn’s halt nervig ist. Wir erziehen ihn ja zur Selbständigkeit, wenn er aber seinen eigenen Willen auch um jeden Preis durchboxen will und es gibt Gezeter, das nervt. Es ist einfach auch eine Grenzerfahrung. Ich habe einen solchen Respekt vor Frauen mit Schreikindern. Es ist ein Tabuthema, dass man oft an seine Grenzen gerät. Eine normale Mutter befindet sich im Wahnsinn irgendwo dazwischen. Man muss immer ein paar mal am Tag tief durchatmen, um nicht durchzudrehen!

Danke für das Interview, liebe Chrish!

 

Mehr Informationen über Wednesday Paper Works sowie die Produkte gibt es auf der Website!

Chrish Klose und Mika (2), März 2013

Interview: Isabel Robles Salgado

Fotos: Yvonne Amankwa