Nikolaj und Hi-Yun Abramson mit David, Mira und Rosa

Es wurde von Kind zu Kind einfacher!
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Nikolaj und Hi-Yun sind ein modernes Berliner Paar, wie es im Buche steht: die beiden sind Eltern von drei Kindern, er ist klassischer Musiker, unterrichtet an einer staatlichen Musikschule und hat mit seinem eigenen Label Zimmermusik Verlag zwei CDs mit Musik für Kinder herausgebracht. Hi-Yun ist Wirtschaftsingenieurin und arbeitet in Vollzeit bei der Deutschen Bahn im Nachhaltigkeitsmanagement. Im Moment ist sie mit Kind Nummer drei in Elternzeit, aber sobald die Einschulung von David, dem ältesten Sohn, durch ist, geht sie wieder zurück in den Job. Dank zwei Omas, flexiblen Arbeitgebern und viel Kreativität und guter Laune wuppen die fünf das Familienleben sehr gelassen und cool. Sie leben in Charlottenburg – hier kommt sie also, die Familie Abramson!

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Ihr seid beide Berliner, oder? Wo habt ihr euch kennengelernt?

Nikolaj: Ich bin in Russland geboren und kam erst mit 13 Jahren nach Berlin, aber hatte seitdem keinen Grund, diese schöne Stadt zu verlassen…Also ja, ich bin Berliner!

Hi-Yun: Ich genauso, wir sind einfach beide in Berlin aufgewachsen, unsere Familien leben hier. Kennengelernt haben wir uns dann über einen gemeinsamen Freund, er spielt in Nikolajs Trio Akkordeon und ich bin als Studentin mit ihm in eine WG gezogen. Die Wohnung musste gestrichen werden und Nikolaj hatte sich zum Helfen angeboten. Da hat es zwischen uns gefunkt.

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Wann seid ihr zusammengezogen und was waren die nächsten Stationen?

Hi-Yun: Da wir eh jeden Tag gemeinsam verbracht haben, bin ich aus der WG dann einfach in Nikolajs Wohnung mit eingezogen. Danach sind wir gemeinsam noch öfter umgezogen, nach Moabit, Charlottenburg, Wilmersdorf und nun seit zwei Jahren wieder zurück in Charlottenburg. Je nach Lebensphase hatten wir einfach immer Lust auf was anderes und haben dann auch nicht lange gefackelt. Mal sehen, wie lange wir in unserer jetzigen Wohnung bleiben, mit dem dritten Kind wird es doch etwas enger… Wir ziehen zwar nicht gerne um, aber wir sind da eben ganz versiert.

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…und dann kamen die Kinder! Wolltet ihr immer viele Kinder haben?

Nikolaj: Irgendwie ja, aber was wir wichtiger fanden, war, dass sie nah beieinander sind, damit sie mehr miteinander spielen und wir weniger einspringen müssen. Wir hatten bei anderen mit größerem Altersabstand gesehen, dass sich da die Eltern immer aufteilen mussten, weil die Interessen der Kinder einfach zu unterschiedlich waren. Das wollten wir nach Möglichkeit für uns vermeiden. Das dritte Kind war dann eine spontane Entscheidung… Eigentlich waren wir nach dem zweiten mit dem Thema durch.

Hi-Yun: Ja, könnte man auch als Torschlusspanik bezeichnen. Uns wurde klar, dass wir wirklich kein drittes Kind bekommen würden, wenn wir es nicht jetzt gleich angehen. Wenn die beiden Großen erst aus allem raus sind – wir konnten uns nicht vorstellen, dass wir uns dann noch mal den Stress mit einem Baby antun. Also haben wir es drauf ankommen lassen und dann war Rosa schon da. Das ist jetzt aber wirklich das letzte Kind, auch wenn es von Mal zu Mal eigentlich immer leichter wurde.

Das dritte Kind war eine spontane Entscheidung!
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Was heißt das, sind sie vom Temperament her so unterschiedlich?

Hi-Yun: Ja, das auch. Aber ich war damals mit David in meinem Freundeskreis einfach die erste mit Kind. Ich habe sehr damit gehadert, plötzlich nur noch fremdbestimmt zu sein und diese unendliche, monotone Folge von Stillen, Wickeln, Baby zum Schlafen bringen und dabei selber wenig Schlafen hat mich einfach fertig gemacht…Das Leben veränderte sich so schnell so stark, das hat mich und auch unsere Beziehung ganz schön gefordert. Ich fand es nämlich auch ungerecht, dass sich für mich so viel mehr veränderte als für Nikolaj.

Nikolaj: Von Kind zu Kind wurden wir aber beide gelassener, wir wussten dann ja, worauf wir uns einlassen. Und die Kinder selbst wurden auch immer pflegeleichter, da weiß man jetzt nicht, was zuerst kam. Aber schließlich haben immer mehr Freunde auch Kinder bekommen und am Wochenende treffen wir uns dann eben mit befreundeten Familien, die Eltern quatschen und die Kinder spielen. Es ist ein anderes Leben als vorher, aber eben auch total schön.

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Man merkt, nach euren Anlaufschwierigkeiten seid ihr nun aber voll angekommen im Familien-Leben. Wie wirkt sich das eigentlich auf euer Berufsleben aus?

Nikolaj: Ich hab schon immer neben meiner Konzerte mit meinem Kammermusik-Trio auch an der Musikschule unterrichtet. Nach der Geburt unserer Kinder habe ich dann Unterhaltungsmusik für Kinder auch privat hören müssen und wurde damit nicht wirklich warm, sie ging mir eher auf die Nerven. Und irgendwann meinte Hi-Yun: Wenn es dich so stört, dann mach es doch einfach mal besser. Da dachte ich mir, warum nicht? Das kann ich. Und habe ganz offiziell einen eigenen Verlag gegründet, eigene Kindermusik geschrieben und produziert. Inzwischen habe ich eine Kindermusik-CD mit Schlafliedern und eine zweite im Jazz-Stil rausgebracht. Die höre ich auch selbst mit großem Spaß.

Hi-Yun: Bei mir hat sich das eigentlich weniger inhaltlich ausgewirkt, sondern ich muss bei der Arbeit schlicht mehr auf die Uhr schauen. Gute Priorisierung und Planung sind dabei wichtig. Ich will wegen der Kinder pünktlich Schluss machen, aber wenn’s sein muss, mache ich natürlich auch mal länger, das sehe ich und auch die Kinder nicht so eng.

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Hi-Yun ist ja in eurer Familie die mit der Festanstellung in Vollzeit. Wie organisiert ihr euch, wer übernimmt die Nachmittage?

Nikolaj: An sich arbeiten wir beide voll, ich bin einfach nur zeitlich flexibler. Unter der Woche übernehme deshalb ich den größeren Part dabei, die Kinder zur Kita zu bringen und abzuholen. Oft habe ich am Nachmittag noch Unterstützung von einer der beiden Omas, sie helfen auch mit dem Essen und so weiter. Wenn Hi-Yun dann gegen 18.30 Uhr nach Hause kommt, essen wir alle zusammen zu Abend und einmal pro Woche kommt Hi-Yun früher, um auch mal die Kinder von der Kita abzuholen. Wenn die Kinder krank sind, wechseln wir uns ab, so wie es am besten passt. Wir können beide auch mal am Abend etwas nachholen.

Hi-Yun: Wir sind da auch einfach sehr pragmatisch, unser Modell hat gar nicht viel mit Rollenbildern und Emanzipation zu tun, sondern auch einfach damit, was geht und was mehr Sinn macht. Nikolaj ist auch gerne Papa, man muss ihm da ja nichts aufzwingen. Direkt nach der Geburt habe ich mich natürlich mehr gekümmert und habe auch jedes Mal ein Jahr Elternzeit genommen. Aber sobald sie in die Krippe kamen, ging es dann mit dem Vollzeit-Job weiter und Nikolaj hat übernommen. Wir sind beide sehr zufrieden, so wie wir es machen.

Unser Modell hat gar nicht viel mit Rollenbildern und Emanzipation zu tun, sondern auch einfach damit, was geht und was mehr Sinn macht
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Ihr habt kein Auto, das überrascht sicher viele Leser…

Nikolaj: Ja, wir hatten auch nie ein Auto! In die Arbeit kommen wir beide wunderbar mit Bus und Bahn, die Kita ist um die Ecke, auch die Schule wird es hoffentlich bald sein. Wir wohnen sehr zentral, und kommen immer überall sehr gut hin. Also uns fehlt es wirklich nicht.

Hi-Yun: Den größeren Kindern wird im Auto auch schnell übel, das ist immer eine Zitterpartie, ob die sich nicht doch übergeben…Und da ich ja bei der Deutschen Bahn arbeite, bin ich einfach auch grundsätzlich aufgeschlossener gegenüber dem öffentlichen Verkehr und neuen Mobilitätskonzepten wie Car- und Ridesharing.

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Was mir auch aufgefallen ist: Ihr habt für die Kinder ein Spiel- und ein Schlafzimmer, das finde ich ungewöhnlich, meist hat ja jedes Kind sein Zimmer. War das Absicht und soll es so bleiben?

Nikolaj: Das kam von unseren Kindern. Nachdem Mira, die Zweite, geboren wurde und bei uns im Schlafzimmer schlief, fand es David einfach unfair, dass er als einziger allein schlafen musste. Und auch tagsüber spielten die Kinder zwar nicht unbedingt miteinander, aber zumindest nebeneinander. Ist halt einfach praktisch für uns Eltern, wenn wir beide Kinder immer in einem abwickeln können…

Hi-Yun: Ob das dann mit dem dritten auch noch so klappt, wird sich zeigen. Solange sich niemand beschwert, bleiben wir erst mal bei dem Konzept.

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Ihr kommt aus sehr unterschiedlichen Backgrounds, was habt ihr davon mitgenommen?

Hi-Yun: So unterschiedlich ist es nicht mal! Wir kommen beide aus sehr strengen Elternhäusern, bei mir zuhause war die Schule immer sehr wichtig, ich musste richtig viel ackern und durfte wenig ausgehen. Allerdings hatte ich es als Nesthäkchen mit zwei älteren Schwestern am leichtesten.

Nikolaj: Ich war zwar auch der Jüngere, aber bei mir ging es durch die musikalische Erziehung am strengsten zu. Ich bin mit vier Jahren in die Musikschule gekommen, das war dann richtig Vollprogramm: Chor, Klavier, Blockflöte. Und ich musste jeden Tag üben, es war richtig hart. Für uns beide ist es deshalb für unsere Kinder eher wichtig, dass sie ihre Hobbys ausgewogener, vielfältiger und ihren Interessen entsprechend entwickeln.

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Förderst du das denn bei deinen Kindern mit der Musik?

Nikolaj: Je nachdem. David hat nicht sonderlich viel Interesse, auch wenn er gerne mit mir im Musik-Studio sitzt, aber ihm geht es eher um die Technik, als um die Musik. Mira dagegen ist sehr musikalisch. Wenn sie Lust hat, dann soll sie ein Instrument lernen oder in den Chor, aber ich will meinen Kindern nichts aufzwingen und ihnen auch nicht die gleiche harte Disziplin antun, die ich hatte. Ich habe als Kind eigentlich nur die Musikschule gesehen! Damals fand ich das okay, ich kannte es nicht anders. Aber im Nachhinein denke ich oft: schon eine harte Kindheit.

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Habt ihr Konflikte, wenn es um Erziehung geht?

Nikolaj: Es geht, wir sind uns grundsätzlich einig. Auch unsere Kinder werden eher autoritär erzogen, bei uns ist schon klar, wer der Boss ist. Wenn David etwas nicht passt, ruft er schon mal aus, dass wir nicht über ihn bestimmen können. Aber wir sind halt die Eltern, wir machen die Regeln. Mir fällt das auch nicht schwer, ich habe als Musiklehrer viel mit Kita-Kindern zu tun, da habe ich oft mal 10 von den Zwergen vor mir, damit kann ich umgehen. Zuhause klappt es dann auch sehr gut, außer dass die beiden Großen sich öfter mal zoffen, da haben wir keine Chance. Wir sind einfach mal öfter unterschiedlicher Meinung: Ich würde z.B. gerne manchmal mehr fördern, David interessiert sich zum Beispiel gerade schon für’s Lesen aber Hi-Yun meint: kein Druck.

Hi-Yun: Er soll sich ja auch nicht langweilen in der Schule und die Kinder lernen alles früh genug. Ich vertraue einfach mehr in Systeme und Institutionen und frage erst nach, wenn was nicht funktioniert. Nikolaj ist da einfach vorab kritischer.

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Wann macht ihr was für eure Beziehung?

Nikolaj: Tja, gute Frage! Die Kinder gehen zum Glück recht früh und ohne größere Probleme schlafen. Erst lesen wir etwas vor, dann dürfen sie eine Geschichte vom iPad hören, die sie abwechselnd aussuchen. Danach wird meine Schlaf-CD angemacht und damit schlafen sie ein. Wenn die Kinder im Bett sind, haben wir also Zeit für uns, auch wenn wir nicht gemeinsam ausgehen können.

Hi-Yun: Jetzt haben wir ja wieder ein Baby, im Moment können wir Rosa noch nicht gut abgeben, aber die großen Kinder schlafen auch Mal auswärts, bei unseren Schwestern, bei Nikolajs Mutter – die finden das total toll, weil es da natürlich ganz anders zugeht, Stichwort Fernsehen und Süßigkeiten. Irgendwann kann Rosa auch mitmachen und dann haben wir wirklich sturmfrei… Aber wir machen uns da keinen Stress. Klar hat sich die Beziehung verändert, aber wir bekommen das schon hin, wir sind seit 15 Jahren zusammen! Die kleine Durststrecke schaffen wir auch noch.

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Was ist das Nervigste am Kinderhaben?

Nikolaj: Diese ewigen Wiederholungen. Zum einen müssen alle Rituale akribisch eingehalten werden, zum anderen muss man alles zehnmal sagen, bis sie die Sachen gemacht haben, die sie sollen. Und währenddessen erzählen sie einem noch zehnmal, was sie heute alles getan und gegessen haben…

Hi-Yun: Stimmt, „Mama, hier…Mama, da…Mama, Mama, Mama…“. Man müsste mal wirklich zählen, wie oft ich das Wort „Mama“ pro Tag höre.

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Und was das Schönste?

Hi-Yun: Naja, es gibt ja auch schöne Wiederholungen. Jeden Tag gibt es Küsse, Kuscheln, Lachen, Singen, Malen…

Nikolaj: Ich liebe es zu sehen, wie da richtige kleine Menschen heranwachsen, und staune immer wieder darüber, wie sie kurz innehalten, über etwas nachdenken und die Welt ein kleines Stückchen mehr verstehen.

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Danke, ihr beiden!

Nikolaj und Hi-Yun Abramson mit David (5), Mira (3) und Rosa (9 Monate)

Fotos: Anna Sauvigny 
Interview: Isabel Robles Salgado

Nikolajs aktuelle CD „A Little Jazz Music – Kinderlieder & Klassik“ soll Kindern durch die Verwendung von Kinderliedern unmerklich einen Einstieg in die „Erwachsenenmusik“ verschaffen. Deshalb erklingen im Jazz-Stil neben traditionellen deutschen Schlaf- und Kinderliedern auch Stücke der klassischen Musik auf dem Musikalbum.

Und wenn die Kinder abends nicht zu Ruhe kommen, dann versucht es doch mal mit  Schlaf, Mozart, schlaf – Meine kleine Schlafmusik, entspannten Klavier-Arrangements aus deutschen Schlafliedern und Klassik.