Nadine Richter mit Lio, Noé und Lilou

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Nadine kommt aus einer großen Hippie-Familie mit englisch-französisch-schweizerisch-deutschen Wurzeln. Aufgewachsen in Frankreich, hat sie ihre Jugend an verschiedenen Orten auf der ganzen Welt verbracht und als Kamera-Assistentin und Kostümbildnerin gearbeitet. Bis sie ihren Mann traf – gemeinsam mit ihm ließ sie sich in Berlin nieder, wurde sesshaft und mit 24 kam auch schon Sohn Lio. Mittlerweile gibt es noch Noé und Lilou. Nadine gründete außerdem vor vier Jahren das Label Noé & Zoë mit ihrer Freundin Nici. Wie sie das alles stemmt, erzählte sie uns an einem warmen Frühlingstag im Prenzlauer Berg.

Nici und du, ihr seid Freundinnen, ihr arbeitet zusammen und ihr habt insgesamt sieben Kinder. Wie soll das denn funktionieren?

Es ist eine Herausforderung und hat viel mit Zeitmanagement zu tun. Aber es passt! Wir haben Zeiten, wo wir im Büro sind, und ganz klare Zeiten, wo wir mit den Kindern sind. Nici macht sogar noch Kostüm nebenbei. Es ist verrückt, aber es haut immer hin. Der Trick ist, dass ich alles 100 Prozent mache. Wenn ich im Büro bin, arbeite ich NUR, und wenn ich mit den Kindern bin, bin ich bei ihnen und nichts anderes. Ich bin so gerne Mama, aber ich bin eine bessere Mama, wenn ich einen Ausgleich habe. Dann kann ich die Zeiten mit den Kindern noch viel mehr genießen.

Wie hat sich das mit dem Label entwickelt?

Ich habe lange Kamera und Kostüm gemacht und Nici Kostüm. Als wir Mütter wurden, haben wir uns ständig Sachen selbst gemacht und geschenkt: Vorhänge, Klamotten, Decken, Spielzeug. Das kam so spontan durch das Kinderkriegen. Ich fand die meisten Spielsachen schlimm, Klamotten war auch schwierig. Ich hatte Spaß daran, alles selbst zu machen!
Wir haben also die Leidenschaft zum Beruf gemacht, deshalb hat es sich auch nicht wie Arbeit angefühlt. Wir haben mit Accessoires angefangen, 2011 kam die erste Modekollektion und dann sind wir gleich nach Paris auf die Messe. Und weiter nach New York! Wir haben gesagt, wenn wir das machen, dann richtig. Das Feedback war von Anfang an super. Es gibt weltweit mittlerweile etwa 50 Läden, die Noé & Zoë verkaufen und wir haben vier Mädels, die für uns arbeiten.
Meine Kinder haben während diesem ganzen Prozess eine Riesenrolle gespielt. Ich hätte ohne Kinder das Selbstbewusstsein gar nicht gehabt, so etwas zu starten. Man merkt erst mit Kind, was man alles kann. Das Ich wird vollgepumpt mit Mutterstolz. Das ist vielleicht das Tollste, was wir als Frau erleben dürfen.

Du kommst aus einer Hippie-Familie mit vier Kindern. Was macht du anders als deine Eltern?

Ja, es war total Hippie und immer ganz viel reden und ganz viel Liebe. Ich dachte als Kind oft: Oh Gott ist das peinlich. Aber jetzt mache ich wenig anders. Ich glaube, ich mache sogar vieles genauso wie meine Eltern! Ich versuche positiv zu sein, erziehe aus dem Bauch heraus und habe Spaß dabei. Ich versuche, so viele schöne Momente wie möglich wahrzunehmen und zu 100 Prozent da zu sein und nicht nebenbei Emails zu checken. Das ist das Beste, was ich meinen Kindern geben kann. Und ich nehme sie ernst. Jetzt geht’s los: Lio ist acht, Nono ist sechs und es gibt nicht mehr nur Sandkastenprobleme in ihrem Leben!

Ihr seid viel gereist früher, machst du das auch?

Wir versuchen das, ja. Als Lilou sechs Monate alt war sind zum Beispiel zu fünft zwei Monate lang durch Neuseeland getingelt. Alle zusammen im Camper und ich konnte es total genießen. Ich kann dann richtig loslassen. Vor allem war es gut, dass wir so viel Zeit hatten. Wenn man zwei Monate lang weg ist, kann man richtig abschalten. Sich zwei oder drei Mal im Leben diese Zeit zu nehmen mit den Kindern, das ist toll. Denn bis man wirklich loslässt, das dauert Wochen!
Ich glaube, es ist wichtig, den Kindern zu vermitteln: „Jetzt ist Urlaub, da läuft alles anders, sei flexibel!“ Bei uns kommt das auch durch die Sprachen, diese Flexibilität ist toll.

Deine Kinder wachsen dreisprachig auf, wie klappt das?

Gut! Klar kamen die auch mal durcheinander, die Kleine ist drei und gerade mittendrin, aber sie versteht alles. Die sind wirklich dreisprachig, ohne dass ich je das Gefühl hatte, sie zu überfordern. Sie haben auch immer sofort gezeigt, wenn es zu viel war.
Ich musste entscheiden: Französisch oder Englisch. Ich bin mit beiden Sprachen aufgewachsen. Englisch lernen die Kids heutzutage ja eh und ich hätte es so traurig gefunden, wenn sie kein Französisch könnten. Deshalb spreche ich mit ihnen französisch, Lars deutsch. Er und ich haben immer Englisch miteinander gesprochen, diese Gewohnheit kriegen wir nicht mehr weg.

Du hast immer ein wildes Leben geführt. War es schwer für dich, in Berlin sesshaft zu werden?

Das habe ich mich auch oft gefragt! Als ich Lars kennengelernt habe, war er für mich der erste Mensch, der 30 Jahre an einem Ort gelebt hatte. Ich war schockiert, so jemanden hatte ich noch nie getroffen! Kurz vorher hatte ich eine kleine Krise gehabt, weil ich so viele Identitäten habe, aber nirgends richtig dazugehöre.  Es passte also ganz gut und wir mussten uns für einen gemeinsamen Wohnort entscheiden. In Berlin war ich sofort verliebt und ich wollte hier irgendwie gleich etwas aufbauen. Ich warte immer auf den Moment, an dem ich hier weg will, aber er kommt nicht! Ich bin hier zu Hause und will nicht mehr weg.

Du bist mit 24 das erste Mal Mutter geworden, wie war das?

Ich war lange genug unterwegs um das Gefühl zu haben, dass es passt. Es war klar, dass Lars mein Mann ist und er ist auch 10 Jahre älter, wenn das nicht so wäre hätten wir vielleicht noch gewartet. Es war eine tolle Entscheidung, ich bin so glücklich, dass ich so früh dran war. Jetzt habe ich drei Kinder mit 32 und kann mich schon wieder voll auf mich konzentrieren. Außerdem hat es viele Vorteile, jung zu sein. Ich hatte so viel Energie! Wenn ich jetzt noch ein Kind bekommen würde, das wäre so viel anstrengender. Damals war es easy peasy.

Mit drei Kindern ist jetzt aber auch Schluss, oder?

Nein, ich hätte sogar gerne noch eines! Leider ist mein Mann aber schon sehr viel weg. Ich bin oft alleine und dann eigentlich Working Mom mit drei Kids. Es ist also schwierig, aber wenn ich meine drei Kinder sehe, dann will ich immer noch eines, es gibt nichts Schöneres als Geschwisterliebe! Zu sehen, wie sich das entwickelt, das ist so toll.
Eine Freundin meiner Mama hat immer gesagt: Eine Familie ist gesund, wenn es mehr Kinder als Erwachsene gibt. Das leuchtet mir total ein. Ich hatte nach Lio so stark das Bedürfnis nach einem zweiten Kind. Als Nono dann auf die Welt kam, hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass wir komplett sind. Natürlich ist es organisatorisch auch hart, aber das zweite Kind läuft einfach mit. Beim ersten ist es anders: Du läufst mit dem Kind. Das dritte war dann nochmal super, und dann ist es auch noch ein Mädchen geworden! Natürlich kommt bei drei aber immer einer zu kurz. Man muss kucken, dass man abwechselt. Einer muss immer verstehen: Okay, jetzt sitze ich mal am Rand.

Wie haltet ihr die Ehe am Leben?

Wenn mein Mann da ist, ist er da – das ist super. Wenn er aber weg ist, ist er halt weg – manchmal mehrere Wochen am Stück. Wir müssen uns sehr bewusst umeinander kümmern. Man zieht viel aus den Familienzeiten. Wenn wir das haben, ein Familien-Sonntag, alle fünf zusammen, da fühle ich mich gleich besser am Montag. Aber ja, wir gehen nicht genug aus. Haben jetzt endlich eine Babysitterin, der wir vertrauen, nutzen es aus, wenn wir die Eltern mal da haben. Jetzt machen wir ab und zu was zu zweit, wir haben das aber nicht genug gemacht. Es ist nicht so einfach, seinen Platz als Paar zu finden, aber die Zweierbeziehung muss unbedingt stark bleiben.

Hast du noch genug Zeit für dich selbst?

Arbeitszeit ist Zeit für mich, ich bin happy wenn ich durch die Ateliertüre gehe. Man lernt außerdem, mit wenig zufrieden zu sein! Fünf Minuten mit Kaffee in der Sonne sitzen ist wie drei Stunden früher. Ich treffe eine halbe Stunde meine Schwestern und das reicht dann für drei Tage. Ich nehme mir ehrlich gesagt noch nicht lange Zeit für mich. Es war immer so: „Ich wollte diese drei Kids und ich krieg das irgendwie hin, auch wenn ich Abstriche machen muss.“ Ich habe das früher auch nicht vermisst, aber seit etwa zwei Jahren brauche ich es richtig. Ich muss darauf achten, dass es mein Ich noch gibt. Ich mache jetzt also einen Tanzkurs, oder gehe öfter mal mit Freundinnen aus.

Was ist das Nervigste am Muttersein?

Dass ich so wenig Zeit für mich habe. Einfach mal nichts tun, das wäre toll. Aber wenn ich das hätte, dann würde ich es nicht zu schätzen wissen. Also, man kann nicht alles haben!

Was ist das Schönste ?

Dass meine Kinder mich Mama nennen! Mama sein, das ist immer wieder schön. Das Schönste ist aber, dass sie mich rausholen. Aus meinen Gedanken, aus dem Alltag. Sie haben mich dazu gebracht, im Jetzt zu leben, jeden Moment ganz bewusst zu genießen! Alles hat eine andere Bedeutung und man hat so viel bessere Prioritäten, weil man fokussiert sein muss.

Danke, Nadine!

Mehr über Noe & Zoë erfahrt ihr auf der Website. Es gibt auch einen Online-Shop!

 

Nadine Richter mit Lio (8), Noé (6) und Lilou (3), Mai 2013

Interview: Isabel Robles Salgado

Fotos: Lina Grün