Katja Hentschel mit Atlas

Ich hatte nie Interesse an Traditionen und Konventionen!
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Katja ist für mich DIE Single Mum schlechthin. Dabei stimmt das gar nicht so ganz, denn Katja ist noch viel viel mehr: Bloggerin, Gründerin, Fotografin, Social Media Crack, immer auf Reisen, immer gut gelaunt, immer kritisch, immer interessant. Und eben auch Mutter von Atlas, den sie von Anfang an ganz alleine erzogen hat. Wie geht das alles zusammen: die Reisen, die Arbeit, das Kind und ihre eigenen Bedürfnisse? Darüber – und über noch so viel mehr! – haben wir während des Interviews in Katjas Wohnung im Prenzlauer Berg gesprochen.

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Liebe Katja! Wo kommst du ursprünglich her und wann bist du nach Berlin gekommen?
Ursprünglich komme ich aus Sachsen Anhalt, daran habe ich aber ehrlich gesagt keine so schönen Erinnerungen. Es hat sich dort für mich immer wie ein Gefängnis angefühlt. Ich habe wahnsinnig viel ferngesehen in meiner Jugend. Als Kind gab es noch Parks und Wiesen, aber später war es schon wirklich trist. Es gab nichts zu tun, ich habe mich zu Tode gelangweilt. Im Nachhinein finde ich es schade, dass mir damals niemand eine Kamera, einen Pinsel oder ein Buch in die Hand gedrückt hat und ich diese Zeit nicht kreativ genutzt habe. Aber so bin ich eben nicht erzogen worden. Das ist eine Sache, die ich sicher anders machen werde. Mit 18 bin ich dann abgehauen, war lange im Ausland. Auf Weltreise, in San Francisco als Au Pair, dann in Paris und am Ende habe ich in London einen Master in Kinderpsychologie gemacht. Damals hatte ich auch schon den Blog GlamCanyon und habe gemerkt, dass ich kreativ arbeiten will. In London war das nicht möglich, also bin ich im Dezember 2008 nach Berlin gezogen.
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Wie ging es dann weiter, wie kam es zu deiner Reise-Leidenschaft und was hast du in den letzten 10 Jahren beruflich gemacht?

In Berlin wurde ich mit offenen Armen empfangen, hatte direkt viele Kooperationen, eine wöchentliche Zeitungskolumne und schnell ein Gefühl von Zugehörigkeit. Ein Jahr nach meiner Ankunft hier startete ich, eher als Nebenprojekt, den Reiseblog travelettes.net, der sich über die Jahre zu einem der wichtigsten Reiseblogs des Landes gemausert hat. Da meine beiden Blogs wie eine Art Online-Portfolio für meine Fotos funktionierten, konnte ich mich relativ schnell auch als Fotografin etablieren, was einige Jahre meine Haupteinnahmequelle war. Mit der Geburt meines Sohnes wollte ich so ortsunabhängig wie möglich arbeiten und habe mich fortan auf die Monetarisierung meines Reiseblogs und meine Tätigkeit als Social Media Consultant konzentriert. Im Fazit bedeutet das, dass ich es mir auch alleine mit Kind erlauben kann, circa fünf Monate im Jahr zu reisen und dabei dennoch beruflich erfolgreich zu arbeiten.
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Das klingt ganz schön gut. Wie kommt das, dass du so eine Selfmade Woman bist?

Mh, schwierig. Ich bin eigentlich ganz anders aufgewachsen, meiner Mutter waren Sicherheit, ein fester Job und ein Mann im Haus immer sehr wichtig. Ich habe unbewusst das Gegenteil gemacht, glaube ich! Ich hatte nie Interesse an Traditionen und Konventionen. Man wird ja überall, auch durch Filme und Bücher so geprägt: so muss das sein. Mann, Frau, Kind und die Karriere eher für den Mann. Und ich hatte früh ein Gefühl: das ist nicht zeitgemäß. Die wahrste Realität ist doch: alles geht, man kann selbst entscheiden. Viele Leute wissen nur eben nicht, was sie glücklich macht, sondern haben nur gelernt: so macht man das. Deshalb können sie keine Entscheidung fällen! Und obwohl meine Eltern ziemlich konventionell waren, habe ich früh gelernt, auf mich zu hören und gemerkt, dass ich es ganz anders will. Deshalb will ich meinem Sohn auch jetzt so viel bieten, ihm die Welt zu Füßen legen und er kann dann entscheiden, was ihm gut tut, was er gerne macht, und was er beibehalten möchte. Vermutlich kaufe ich deshalb auch viel zu viele Spielsachen! Meine Mama schimpft oft, dass ich zu viel kaufe, aber ich will ihm Möglichkeiten bieten, sehen, wo liegen seine Interessen, und was kann er gut. So hat Atlas also auch schon mit vier eine Kamera bekommen!

Ich bin lieber glücklich alleine als unglücklich zusammen!
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Und dann bist du schwanger geworden, in New York. Was hast du gedacht, als du den Test in der Hand hattest? Dachtest du: “na gut, ich wollte es ja eh nie so wie die anderen”?

Nein, so war das nicht. Ich hatte mir das eigentlich nicht so vorgestellt, dass ich ganz alleine sein würde. Ich meine, ich hatte keine Idee, ich wusste, ich will Kinder, aber wie – keine Ahnung. Dennoch war ich erst mal bisschen geschockt. Dass MIR sowas passiert, dass ich nach einem One Night Stand und trotz Verhütung und so weiter schwanger werde. Ich bin auch nicht komplett contra heteronormative Beziehung. Ich würde voll noch mal klassisches Modell fahren, wenn morgen Mister Right um die Ecke kommt! Aber mir geht’s total gut ohne. Und ich habe nun mal ein verrücktes Leben und recht hohe Ansprüche, bisher hat es einfach nie zu hundert Prozent gepasst. Und ich bin lieber glücklich allein als unglücklich zusammen.

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Du hättest gerne noch mehr Kinder, oder?

Ja, total. Ich bin wirklich unheimlich gerne Mutter. Früher war ich immer so Pro-Kind, dass ich gedacht habe: jeder muss das mal machen. Mittlerweile würde ich sagen: es ist schon echt so anstrengend, und wenn man es nicht wirklich will, sollte man es vielleicht wirklich besser lassen. Andere Modelle können definitiv auch erfüllend sein und auch wenn einem ein Kind so viel gibt, so nimmt es eben auch einiges an Freiheit.  Aber ja: Ich wollte es immer!

Ich hätte am liebsten noch drei weitere Kinder!
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Da gibt es ja mittlerweile jede Menge Möglichkeiten…

Genau. Ich höre mich da gerade um. Ich finde, es wird zu wenig darüber geschrieben, wie ein Plan B aussehen könnte: Ohne Partner ein Kind bekommen. Geht! Es gibt Seiten wie Familyship, Co-Eltern.de. Da können sich Menschen treffen, die sich Kinder wünschen und das dann gemeinsam planen. Das ist nicht nur für Schwule und Lesben, sondern auch für Hetero-Frauen und -Männer. Am Ende ist das ja nichts anderes, als wenn man mit jemanden zusammen ist, ein Kind bekommt und sich dann trennt. Es kann sogar viel „smoother“ sein, weil die Fronten von Anfang an geklärt sind. Ich könnte mir sowas sehr gut vorstellen. Mal sehen!

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Bisher gibt es erstmal Atlas. Wie war die erste Zeit als wirklich ganz alleinerziehende Mutter?

Das erste Jahr war schon sehr anstrengend, weil so ein Baby natürlich nichts alleine kann und man wenig Zeit für sich hat. Mit jedem Jahr wurde es aber einfacher und seit circa einem Jahr habe ich das Gefühl, wieder ganz ich selbst zu sein und meine Interessen wieder in den Vordergrund rücken zu können. Zum Glück war ich finanziell immer so gut aufgestellt, dass ich mir einen gewissen Support durch Babysitter ermöglichen konnte. Das ist ein Luxus, den nicht viele Alleinerziehende haben, und der doch so dringend nötig ist, um bei sich zu bleiben.

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Heute ist er vier. Was ist Atlas für ein Kerlchen geworden?

Er ist einfach so ein tolles Kind, ich hätte es mir nicht besser backen können. Er ist laut und lustig und wild und ähnelt mir in echt vielen Punkten. Ich wünsche mir für uns beide, dass wir eine freundschaftliche Bindung auf Augenhöhe haben, aber so lange er noch so klein ist, bin ich schon noch oft einfach Mutter und gebe den Ton an. Dennoch mag ich seine Entwicklung sehr und bin sehr gespannt, was die Zukunft bringen wird.

Er ist laut und lustig und wild und ähnelt mir in echt vielen Punkten.
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Ihr reist richtig viel. Hat er das von Anfang an so gut mitgemacht?

Als ich das erste Mal mit Atlas im Ausland war, war er gerade mal drei Wochen alt. Mittlerweile hat er über 30 Länder auf vier Kontinenten bereist und noch kein einziges Mal irgendwas geäußert, dass er die vielen Reisen runter drehen will. Im Gegenteil! Letztes Jahr waren wir mal zwei Monate nur in Berlin und da fragte er schon öfter mal nach, wann es wieder los geht. Reisen ist für ihn genauso schön und selbstverständlich wie für mich. Er liebt es, neue Leute kennenzulernen, spricht sehr gerne auch Englisch und übt eifrig neue Sprachen, wenn wir irgendwo sind, wo er die Einheimischen nicht versteht. Er redet auch zwei Jahe später noch von unserer schönen Zeit auf den Malediven und wünscht sich, bald nach Finnland zurück zu gehen, weil es dort soviel Schnee gibt.

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Wie machst du das auf Reisen mit der Arbeit?

Ich kann die Arbeit überall mit hinnehmen. Mein Sohn schläft ja im Schnitt 12 Stunden – und ich nur sieben – so bleibt genug Zeit. Wenn ich länger weg bin, organisiere ich mir auch immer einen Babysitter. In teure Ecken wie New York oder Australien fliegt auch schon mal unsere Babysitterin aus Berlin mit und arbeitet vor Ort als unser Kurzzeit-Aupair. Bei Destinationen wie Bali und Kapstadt suchen wir vor Ort eine nette Betreuung.

Ich kann die Arbeit überall mit hinnehmen!
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Wie wird das, wenn er in die Schule kommt?

Das fragen alle! Das wird dann anders. Aber ich habe zwei Schlachtpläne: Erstens Weekend Trips, wir haben ja so viel Glück in Europa! Gerade Osteuropa reizt mich sehr, da gibt es viele Städte, die ich noch nicht kenne. Schlachtplan Nummer zwei: ich gehe nach ein paar Jahren mal ein Jahr ins Ausland mit ihm, vielleicht auch zwei. Auf Ko Lanta oder Bali gibt es tolle Internationale Schulen. Die habe ich mir schon mal angeschaut, und finde das eine tolle Bereicherung für ein Kind. Wir schauen mal, wie es hier läuft, aber grundsätzlich folge ich da meinem Instinkt.
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Du setzt dich sehr für Single Mums ein, was würdest du dir von der Politik wünschen, damit diese Familienform auch endlich mal gesehen wird?

Was Single Mums mehr als alles andere benötigen, ist in meinen Augen Unterstützung. Wenn man nicht nur die Erziehung, sondern auch das Einkommen für den gesamten Haushalt auf seinen Schultern trägt, bleibt nur wenig Zeit für einen selbst. Obwohl solch hohe Stresslevels natürlich dringend mit etwas Downtime ausgeglichen werden sollten. Der Staat muss einen Weg finden, Alleinerziehende steuerlich zu entlasten, finanziell zu unterstützen und nicht-zahlende Väter stärker bestrafen. Es kann nicht sein, dass nur ein Viertel aller Kinder von getrennten Eltern den Unterhalt beziehen, der ihnen zusteht.
In den USA zum Beispiel wird Nichtzahlern der Führerschein entzogen oder die Möglichkeit, einen Pass zu beantragen – warum nicht hier?
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Wie organisierst du deinen Alltag?

Schlecht! Ich habe immer eine unendlich lange To-Do Liste und ich wünschte, das würde mal anders und ich hätte mehr Peace of mind, mehr Ruhe. Die Realität sieht so aus, dass wir aufstehen, ich bringe Atlas zur Kita, mache Sport, gehe einkaufen, dann arbeite ich ein paar Stunden. Am Nachmittag machen wir was zusammen und abends arbeite ich noch mal. Je mehr Druck, desto besser klappt das. Manchmal geht kaum was. Aber ich habe immer das Gefühl, dass ich noch 1000 Sachen mehr machen könnte. Ich fühle mich immer so wohl, wenn ich Sachen schaffe und ich hasse es, wenn Tage unproduktiv sind. Deshalb muss ich irgendwie besser organisieren. Keine Ahnung, wie das Leute machen, die eine Beziehung haben und abends auch noch Gespräche führen müssen. Das würde ich überhaupt nicht schaffen!
Der Plan ist jetzt, dass ich mich noch öfter auf Babysitter verlasse, sodass ich wenigstens an zwei Tagen pro Woche länger arbeiten kann.
Keine Ahnung, wie das Leute machen, die eine Beziehung haben und abends auch noch Gespräche führen müssen!
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Das kann ich total empfehlen, mir hilft das sehr! Wie ist die Beziehung zu Atlas Dad mittlerweile?

Ich finde sie ist so gut, wie sie unter den Umständen sein kann. Die beiden skypen einmal im Monat für circa eine Stunde und zwei Mal im Jahr sehen wir uns. Die Bindung zwischen den Beiden wächst jedes Jahr und da Atlas es nie enger kannte, vermisst er auch nichts. Mir war es immer sehr wichtig, dass die beiden sich kennen und verstehen, auch für Atlas’ psychologische und emotionale Bildung. Dafür habe ich gearbeitet, einiges an Ego runtergeschluckt und am Ende gewonnen.

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Wann bist du besonders gerne Mama?

Ich bin einfach superstolz auf ihn, vor allem wenn er mal wieder so wild und verrückt ist und einfach am Flughafen tanzt oder in der Bahn mit Fremden Gespräche anfängt. Ich liebe, dass er so ungehemmt ist und sich vom manchmal kleingeistigen Deutschland nicht beeindrucken lässt. In anderen Ländern kommen ständig Leute auf uns zu und kommentieren wie süß und “adorable” er ist, das passiert hier natürlich kaum. Aber dank der vielen Reisen und einer Mutter, die ihm oft sagt, wie sehr sie ihn und seine Persönlichkeit schätzt, behält er sie bislang auch noch gut bei. 
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Und wann nervt es auch ein bisschen?

Fast jeden Morgen, wenn er mal wieder vor sieben aufsteht und dann so lange auf mir herumhüpft, bis ich mich geschlagen gebe und auch aufstehe. Daran kann ich mich nicht gewöhnen. Zudem hat die ganze freie Erziehung auch insofern eine Schattenseite, als dass ich manchmal den Eindruck habe, dass mein Wort nur als freundliche Empfehlung wahrgenommen wird – und nicht als das Must-Do, als das es eigentlich gemeint war. Aber das sind alles Kleinigkeiten, die sich sicher mit den Jahren relativieren werden.

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Das kommt mir sehr bekannt vor!! Danke, Katja!

Katja Hentschel mit Atlas (4), Berlin, August 2018

Interview: Isabel Robles-Salgado

Fotos: Anne Freitag