Kinderhaben anderswo: Emma in Island

07. February 2017 | in Alltag | Familie | Lifestyle

Eine beeindruckende, wunderschöne Natur, Ruhe und Gelassenheit – es gibt so viele Dinge, die Island ausmachen. Für Emma, die ihre Tochter Elva alleinerzieht, bedeutet Island all dies, aber auch: Familie. Mit einer deutschen Mutter und einen isländischen Papa ist Emma zwar in Deutschland aufgewachsen, aber nun lebt sie fest auf Island. Eigentlich viel früher als geplant, aber manchmal passiert das Gehen und Kommen schneller als man denkt, auch von geliebten Menschen. Emma hat in Island ihre Heimat gefunden und ist als quasi Alleinerziehende auch gar keine Ausnahme – alternative Familienformen sind dort weit verbreitet und auch ganz normal. Wie das Kinderhaben in Island sonst so ist und wie sie überhaupt nach Reykjavik gekommen ist, erzählt uns Emma:

MEIN WEG NACH ISLAND

Island, diese gar nicht so kleine feurige Insel im kalten Nordatlantik, war immer Teil meines Lebens. Mein Vater war Reiseleiter als meine Mutter sich auf eine Zelttour rund um Island begab. Und so nahmen die Dinge ihren Lauf, ich wurde geboren und mein Vater stand am Anfang einer dreiunddreißigjährigen Zeit in Deutschland. In dieser Zeit blieb er wohl für alle immer der „Isländer“, der Exot mit den Gletscheraugen, wie ihn meine Mutter gerne nannte. Sie war jedoch diejenige, die mich und meine schon ältere Halbschwester mit auf Islandurlaube nahm und mir so meine zweite Heimat ans Herz legte. Die isländische Verwandtschaft ist überwältigend zahlreich und obwohl mein Vater ein Einzelkind ist, sind die familiären Bande hier nicht mit denen in deutschen Familien zu vergleichen. Ich war stets umgeben von Onkeln, Tanten, Cousinen und Cousins zweiten, dritten, vierten Grades. Praktischerweise haben die Isländer dafür nur zwei Bezeichnungen, nämlich „frændi“ (männlich) oder „frænka“ (weiblich). Und die ersten zehn Jahre meines Lebens war da mein Opa, der uns so viel wie möglich von seinem wunderschönen Land zeigte und der uns drei Frauen von ganzem Herzen liebte.

Als mein Vater in Rente ging, war sein Wunsch groß in seine Heimat zurückzukehren. Meine Mutter fand die Idee großartig, denn Island hatte sie immer geliebt. Und so kauften sie sich eine Wohnung im schönsten alten Teil der Hauptstadt und freuten sich über jeden Tag ihres neuen Lebens. Leider hielt die Freude nicht lange an, denn bald erkrankte sie an Krebs. Zum zweiten Mal und diesmal unheilbar. Meine Schwester und ich reisten bald hin und her zwischen Deutschland, um bei ihr zu sein und zu helfen wo es ging. Doch irgendwann war klar, dass die beiden es ohne Hilfe nicht mehr lange schaffen würden. Mein Leben in Berlin sah alles andere als rosig aus, ich hatte mich in der Arbeit aufgerieben und auch privat viel Streit und Unfrieden. Immer wenn ich nach Island kam, war da dieses stille In-sich-Ruhen in der Natur, bei Spaziergängen am Strand und dem Blick in die Berge. Zu der Zeit arbeitete ich in einer Berliner PR-Agentur und glücklicherweise bekam ich dort vollsten Support für diese schwierige Situation, so dass ich innerhalb weniger Tage den Entschluss fassen konnte, erstmal nach Reykjavik zu meinen Eltern zu ziehen, um ganz für meine Mutter da zu sein.

Artische Lupinen Åberall

So bin ich nur mit einem Koffer in Island gelandet. Viel früher als gedacht, denn ich habe mir immer gesagt, wenn ich alt bin, will ich mal dort leben. Bei meinen Eltern habe ich ein Jahr gelebt, bis meine Mutter starb. Es war das schönste und traurigste Jahr in meinem Leben. Wir hatten sehr viele wunderbare Momente und genügend Zeit um Abschied zu nehmen.

Mein Wunsch nach einem Kind war schon da, bevor ich nach Island ging. Aber ich wusste bald, dass dies das Land ist, wo es wirklich toll ist, Kinder zu haben. Ich glaube, dass meine Mum es im Himmel so gedeichselt hat, dass ich kurze Zeit später mit dem Vater meiner Tochter zusammen kam und er wie ich ein Kind wollte. So wurde aus der Trauer bald große Freude über ein neues Leben. Elva kam ziemlich genau ein Jahr nach dem Tod meiner Mutter zur Welt. Die Beziehung zum Vater gestaltete sich schwierig und ich fasste den Entschluss, dass es besser für alle ist, wenn ich zunächst auf meine Bedürfnisse und die meines Kindes achte und meine Energie darauf verwende, als an dem Traum von einer intakten Partnerschaft und Familie festzuhalten.

Die Schwangerschaft war leider eine turbulente Zeit für mich, da ich weder beim Vater meines Kindes noch bei meinem Vater richtig Halt fand. Ich bin mehrmals in den neun Monaten umgezogen, und fand kurzfristig Unterschlupf bei Familienmitgliedern. Glücklicherweise hatte ich schon eine feste Arbeitsstelle bei einem isländischen Reiseveranstalter gefunden, so dass ich finanziell einigermaßen abgesichert war und etwas Geld sparen konnte. Auf Island wurde damals eine Elternzeit von 9 Monaten gewährt, mittlerweile sind es 12 Monate. Davon gehörten jedem Elternteil drei Monate und die anderen drei Monate konnten sie unter sich aufteilen. Diese Regel galt auch für Alleinerziehende, ergo ich hatte nur sechs Monate „Geburtsurlaub“ (fæðingarórlof), wie es hier genannt wird. Leider bekam ich nur die niedrigste Auszahlungsstufe, da ich das Jahr vor der Schwangerschaft nicht wirklich gearbeitet hatte. Eine todkranke Mutter zu pflegen, wird in den wenigsten Gesellschaften als Arbeit angesehen. Das Geld nach Elvas Geburt war daher sehr knapp und ich lernte mit wenig auszukommen und eine ordentliche Haushaltsbuchführung anzulegen. Was ich als positives Learning verbuche.

Belly Magic

DIE GEBURT MIT DER DOULA

Die Geburt hätte ich mir gerne als Hausgeburt gewünscht, aber ich hatte zu dieser Zeit kein richtiges Zuhause. Nur eine möbilierte Wohnung, die ich für acht Monate angemietet hatte. Daher war die Wahl einfach und fiel auf Krankenhaus. Ich hatte große Sorge vor der Geburt, denn es gab außer meiner Schwester in Deutschland niemanden, der in Frage kam, um mich bei diesem großen Ereignis zu unterstützen. Sie buchte auch einen Flug zum ausgeschriebenen Geburtstermin, aber bekanntlich ist darauf nicht immer Verlass. Glücklicherweise hörte ich im Schwangerschaftsyoga von einer Doula, die bei Geburten die Rolle einer ganz persönlichen Hebamme übernimmt. Auf Island arbeiten Hebammen nur in den staatlichen Krankeneinrichtungen. Während meiner Schwangerschaft betreute mich eine Hebamme im Gesundheitszentrum des Stadtteils, aber im Krankenhaus wären es andere, die nach Schicht wechseln würden. In meiner Situation war das eine recht beänstigende Vorstellung, mein Kind mit fremden, möglicherweise wechselnden Frauen ganz allein gebären zu müssen. Ich weiß nicht, ob Doulas in Deutschland bekannt sind, aber mich mit dieser Doula in Verbindung zu setzen, war die beste Entscheidung! Es hat umgerechnet 400 Euro gekostet, mit drei langen Treffen vor der Geburt und der Gewissheit, dass sie bei der Geburt dabei sein würde, sowie weiteren Nachtreffen, um nach mir und dem Kind zu schauen. Soffía von Hondihond.is hat mir die allergrößte Hilfe bei der Geburt erwiesen und mich mit ihrer Ruhe und ihrem Zuspruch ganz wunderbar begleitet. Meine Schwester war auch dabei, obwohl sie ihren Flug um eine Woche verlängern musste. Ich war also ganz safe und hatte eine gut betreute Krankenhausgeburt, mit vier Schichthebammen, einer großen Badewanne und meiner Lieblings-Mantra-CD auf Repeat.

NACH DER GEBURT

Die ersten Monate mit Elva waren ganz großartig. Ich war im siebten Himmel mit ihr und wir hatten völlig entspannte Tage in einer tollen Umgebung direkt am Meer und einem langen weißen Winter, in dem ich stundenlange Spaziergänge mit ihr unternahm. Der Opa und ihr Papa schauten regelmäßig vorbei und nahmen mir alle möglichen Aufgaben ab. So ist es bis jetzt geblieben. Im Grunde kann ich nicht sagen, dass ich eine klassische Alleinerziehende bin, da ich zwei engagierte Männer in unserem Leben weiß, die mich sehr unterstützen. Nur das klassische Familienmodell ist es eben nicht geworden. Auf Island ist das aber eher der Normalfall. Patchworkfamilien sind hier sehr verbreitet und es ist ganz normal, dass Isländer Kinder vor der Ehe kriegen. Meistens auch recht jung, so dass Trennungen keine Seltenheit sind. Alimente werden vom Staat direkt an die oder den Erziehungsberechtigten bezahlt, der das Geld dann dem anderen Elternteil direkt vom Lohn abzieht. Damit sind Streitereien um Geld eigentlich nicht der Rede wert. Und das half auch uns als Eltern einen guten Umgang miteinander zu haben.

Downtown Reykjavik

ISLÄNDISCHE GELASSENHEIT 

Man sieht in Reykjavik downtown viele junge Eltern, die glücklich einen Kinderwagen vor sich herschieben und im Schlepptau noch ein oder zwei andere Kinder haben. Kinder gehören einfach zum Alltagsbild dazu. Und der Umgang mit ihnen ist viel entspannter als bei uns, z.B. ist es ganz normal einen Kinderwagen mit einem schlafenden Kind draußen stehen zu stehen. Alle isländischen Babies sind Draußenschlafer, tagsüber natürlich – auch im Winter. Ich erinnere mich gerne an die panischen Gesichter der vorbeilaufenden Touristen als ich mit einer Freundin in einem Café saß, während meine Tochter draußen im Kinderwagen selig schlief. Hätte ich nicht lässig gewinkt, dass alles in Ordnung ist und ich ein Auge auf sie habe, wären sie wohl noch reingekommen, um nach der Rabenmutter zu suchen. Für Isländer ist das aber Standard, einfach weil man sich hier sicher fühlt! Wobei es mit dem zunehmenden Tourismus schon klar spürbare Einschnitte gibt und das beschauliche Idyll langsam an Unbekümmertheit verliert.

Bei der Tante in den Ostfjorden

DER ALLTAG

Die großartige Natur sehen wir auch hier oftmals nur als Aussicht, denn im Alltag bleibt wenig Zeit für Exkursionen und die Sommer sind sehr kurz. Das große Plus an Lebensqualität sehe ich vor allem in den vielen öffentlichen Schwimmbädern, weil man hier dank der Geothermalenergie das ganze Jahr bei Wind und Wetter draußen Baden kann. Wir gehen oft nach dem Kindergarten in den Pool und haben Spaß im warmen Nass. Der heiße Pott ist der beliebteste Spot in jedem Schwimmbad. Das ist ein wenig wie der Marktplatz oder die Kneipe in Deutschland, wo man mit Wildfremden ins Gespräch kommen kann und über Gott und die Welt geplaudert wird. Im Sommer machen wir auch viele Wanderungen, und selbst in der nächsten Umgebung gibt es ultraschöne Orte und Naturschauspiele.

Der kleinste Pool in Reykjavik

SOMMERLICHE FREIHEIT

Die Kinder hier sind im Sommer sehr frei. Sie haben drei Monate Sommerferien und verbringen diese Zeit gefühlt komplett draußen. Man sieht oft Kids bis in die späten Abendstunden hinein mit ihren Spielkameraden allein unterwegs auf den Straßen. Die meisten Eltern sind total entspannt was das betrifft, da es ja nicht dunkel wird. Ich bin gespannt, wie ich damit umgehen werde, wenn meine Tochter über das Kleinkindalter hinaus ist. Der ehemalige Bürgermeister und Komiker Jón Gnarr hat mal gesagt, dass der Sound von Reykjavik das Lachen der Kinder bei Tage und das Gelächter der Besoffenen bei Nacht sei. Das trifft die Stimmung im Sommer sehr gut!

Island ist ein optimales Land für Kinder in den warmen Monaten. Für Eltern sind die langen Sommerferien jedoch auch eine Herausforderung und ein relativ hoher Kostenpunkt, da dann alle möglichen Kurse und Freizeiten gebucht werden müssen, um die Kleinen betreut und beschäftigt zu wissen. Aber es gibt auch geöffnete Horte für Schulkinder in den Sommerferien, wo dann viele Ausflüge und Aktivitäten mit den Kids unternommen werden.

Im Winter muss man sich allgemein mehr einfallen lassen und vieles ist mit Eintrittskosten verbunden. Es gibt hier in Reykjavik ein paar Kinderspielparadiese, die wohl ziemlich hoch im Kurs bei den Kids sind. Und einen Streichelzoo, eine Eislaufbahn und manchmal als Notlösung wohl auch IKEA. Dann merkt man schon, dass hier alles etwas kleiner ist. Aber es gibt auch viele Elterngruppen, Turngruppen, Kindergottesdienste, etc.

BETREUUNGSSITUATION

Nachdem ich nach sechs Monaten wieder anfing zu arbeiten, kam Elva zu zwei Tagesmüttern, die zusammen insgesamt zehn Kinder betreuen. Kindergärten nehmen Kinder in der Regel erst ab 24 Monaten auf. Die Tagesmütterbetreuung ist teurer als ein Kindergarten, wird aber zu einem großen Teil von der Stadt unterstützt. Alleinerziehenden zahlt die Stadt mehr dazu. Und die Preise der Tagesmütter variieren auch stark zwischen 500 – 700 Euro, je näher am Zentrum, desto teurer die Betreuung. Da meine Tagesmütter in einem Randbezirk waren, kostete mich Elvas Betreuung ca. 350 Euro monatlich. Die Kindergärten kosten um die 300 Euro, egal ob man ein Elternpaar oder Alleinerziehend ist, und sind bis zu neun Stunden geöffnet. Hierzulande sind Kindergärtner studiert, d.h. die Betreuung ist recht gut. Allerdings wechseln die Kinder hier jedes Jahr die Gruppe und die Betreuer, was ich persönlich schade finde. Gerade hatte ich mein erstes Elterngespräch mit der deutschen (!) Gruppenleiterin und sie sagte, dass Elva trotz ihrer Dreisprachigkeit sprachlich gut entwickelt sei. Ich spreche Deutsch & Isländisch mit ihr. Der Opa Isländisch und der Papa seine Muttersprache Englisch. Sie plappert viel in einem lustigen Kauderwelsch, aber das Isländische wird immer mehr.

Einmal im Jahr geht es nach Deutschland, und das hilft auch ihr die Verbindung zum Land und zur Sprache zu halten. Ich vermisse meine alte Heimat eigentlich nicht, außer die guten Freude und die große Freiheit und Unbekümmertheit der Studentenjahre in Berlin. Island ist zur neuen Heimat geworden, und die sitzt ja bekanntlich vor allem im Herzen und dort wo man glücklich ist.

Elva Hiking

WAS MICH NERVT 

Dass ich immer noch so viele Fehler im Isländischen mache und das wohl auch for ever so bleiben wird, weil die Sprache einfach sauschwer ist.

Dass alles so teuer ist und Ausgehen einem gleich ein großes Loch in den Geldbeutel reißt.

Isländische Autofahrer, die sich einem buchstäblich an den Kofferraum hängen, als Signal, dass du Platz machen sollst.

WAS MIR GEFÄLLT

Dass man köstliches reines Wasser aus dem Wasserhahn trinken kann und keine Wasserkisten schleppen muss.

Die große Familienverbundenheit der Isländer, alle sind irgendwie mit allen verwandt und man kann die Verwandschaftsgrade online im Islendingarbók nachschlagen.

Die Kinderfreundlichkeit in allen Lebensbereichen. Meine Kolleginnen bringen oft ihre Kids mit ins Büro, wenn mal wieder drei Monate Sommerferien sind oder die Lehrerschaft einen Organisationstag einlegt.

Die tollste Natur direkt vor der Haustür zu haben.

Die Pools, die Pools, die Pools!

 

Trollafoss_8

Kommentare