Mein wütendes Baby – und ich

16. April 2020 | in Muttergefühle | Wochenbett

Es gibt ein Video von meinem Sohn Jascha, da ist er ungefähr vier Wochen alt, das ich bestimmt hunderte Male angeschaut habe. Die Szene: Er schläft seelig, wird dann langsam wach, räkelt und streckt sich, die Äuglein sind noch halb zu, der kleine Mund sperrangelweilt geöffnet zum Gähnen. Wahre Babywonne! Und mitten in dieser friedlichen Situation fängt er auf einmal an zu schreien, als hätte ihn jemand mit heißem Wasser übergossen.

Er war so, soooo zornig – was war da los? Die Wut und die Stimmungsschwankungen meines Babys haben mich in den ersten Monaten an meine Grenzen gebracht. Jetzt ist Jascha fünf Monate alt. Heute kann ich über die schweren Anfänge manchmal schon lachen, damals war mir oft nicht zum Lachen zumute. So wie vieles sind die extremen Stimmungsschwankungen meines Sohnes erst im Nachhinein amüsant.

Es sind auch viele neue Videos dazugekommen: Jascha spielt friedlich mit einer Rassel – und wird wütend. Jascha liegt selig im Bettchen – und auf einmal schiebt sich die Unterlippe vor, wenig später: ohrenbetäubendes Geschrei. Am Anfang hat es mir manchmal das Herz gebrochen, wie launenhaft er war, wie sehr er mit der Welt und seinem Ankommen darin gekämpft hat, wie wenig ich ihm in seiner Wut manchmal helfen konnte. Nicht selten wollte ich die Fähigkeit haben, in seinen Kopf zu schauen, um zu verstehen, was er hat. Dazu das schlechte Gewissen: Mache ich etwas falsch? Lag es an der nicht ganz so harmonischen Geburt, der Einleitung mit Cytotec, dem sekundären Kaiserschnitt? War ich zu wenig mütterlich, zu unsicher, zu vorsichtig, nicht vorsichtig genug?

 

Ich konnte mich gar nicht mit anderen Müttern vergleichen

Vielleicht ist es ein Segen, dass ich kaum Vergleiche zu anderen Müttern habe. Ich kenne zwei frischgebackene Mamas mit Babys im ungefähr gleichen Alter, aber sie wohnen nicht in der Nähe. Meine beste Freundin, die ich im Wochenbett regelmäßig sah und manchmal auch verzweifelt anrief, war 1 Jahr und 9 Monate vor mir Mutter geworden – ihre Hebamme hatte ihre kleine Tochter damals als “gutes Anfängerbaby” bezeichnet. Somit wusste ich, dass ihre Erfahrungen sich mit meinen nicht decken würden. Denn Jascha war eher etwas für Fortgeschrittene, das wurde mir allmählich klar – auch wenn meine Hebamme das nicht so gesagt hatte, aber ich glaubte, es aus ihren mitleidigen Blicken manchmal lesen zu können. Hätte ich Mütter mit gleichaltrigen Babys in meinem näheren Umfeld gehabt – ich wäre vermutlich wahnsinnig geworden, ob vor Neid oder Selbstzerfleischung. Rückblickend bin ich froh darüber, dass meine Freundinnen ältere Kinder haben und ich mich nicht mit ihnen verglichen habe. Denn die ersten vier Monate waren auch so hart genug.


Clusterfeeding und der Abend fest im Fliegergriff

Zum einen war mein kleiner Wutjunge ein großer Befürworter von Clusterfeeding – die ersten acht Wochen verbrachte ich jeden Abend mindestens drei Stunden mit dem Stillkissen vor der Brust auf dem Sofa, und wenn Jascha nicht gerade trank, rutschte er in die Kuhle zwischen meinem immer noch riesigem Bauch (das ist nochmal ein anderes Thema!) und dem Stillkissen. Nur dort schlief er überhaupt mal ein. Ich versuchte, mir das auf die Toilette gehen zu verkneifen, bis meine Beine taub waren. Ihn tagsüber auch nur zehn Minuten ablegen – unmöglich! Überhaupt schlief er nach den ersten drei, vier Lebenswochen NIE, und ich meine wirklich NIE, tagsüber in der Wohnung ein, nach den ersten acht Wochen hatte er auch das abendliche Clusterfeeding mit den Nickerchen dazwischen hinter sich gelassen.

Stattdessen schrie er, von 17 bis mindestens 21 Uhr, fast durchgehend. Wir probierten, was man so probiert: Fliegergriff, nochmal vor die Tür gehen, auf gar keinen Fall nochmal vor die Tür gehen, Kümmelzäpfchen, Bauchmassagen, Schuckeln, Streicheln, Schnuller, kein Schnuller, Regengeräusche aus dem Soundsleeper. Das Einzige, was sofort Wirkung zeigte, war eine französische Video-App. Jascha starrte gebannt wie ein Serienjunkie in das Smartphone meines Freundes, wo Sophie die Giraffe zu einem Lied tanzte. Es kostete mich sehr viel Willenskraft, trotz meiner Verzweiflung nicht diesen Weg des geringsten Widerstandes zu gehen.

So war unsere Abendgestaltung eben auf unbestimmte Zeit nicht mit irgendeiner Art sozialem Leben kompatibel. Den Partner mit dem dauerschreienden Kind alleine lassen? Ich konnte mir das erst nach drei Monaten vorstellen. Dass andere Paare abends gemeinsam Filme schauen konnten und ihr Baby mit Babyphone im Schlafzimmer schlief, blendete ich aus. Dass andere Mütter sogar schon mal abends alleine vor die Tür gingen auch. Dabei hatte ich mir geschworen, auch so eine Mama zu werden – eine, die ihr Kind auch mal alleine lässt. Doch in dieser Situation hätte es sich wie Verrat an meinem Freund angefühlt. An den meisten Abenden mussten wir uns abwechseln, sonst lagen die Nerven zu schnell blank. Das Schlimmste war, dass ich manchmal merkte, wie ich meine Geduld verlor und selber wütend wurde, auf meinen kleinen wütenden Jungen, der so gar nichts dafür konnte, dass er mich gerade so anstrengte. Immer, wenn ich selber Zorn in mir spürte, gesellten sich Schuldgefühle zum Mix aus Schlafmangel und Überforderung. Kein schönes Gefühl.

Geheimwaffe Kinderwagen

Ein paar Mal waren wir in dieser Zeit wenigstens mittags im Restaurant, um ein bisschen so etwas wie ein Leben als Paar zu haben – oft musste einer von uns aber aufspringen und das Kind durch die Gegend schieben, das so laut schrie, dass an Essen nicht zu denken war. Das gab’s dann für einen von uns eben to-go. Irgendwann fingen wir an, jeden Tag lange spazieren zu gehen. Das war unsere Rettung. Denn das Kind, das in der Babytrage zappelte und schrie, als ginge es um das nackte Überleben, schlief im Kinderwagen zuverlässig und nach wenigen Minuten nicht nur ein, sondern durch. Und so wurden die Spaziergänge immer ausgedehnter. Im Dezember meistens nur ein paar Kilometer im Kiez, im Januar dann schon mal Strecken von fünf, sechs, oder am Wochenende auch mal zehn Kilometern.

Ich brachte Kleidung zum Schneider, die ich vor Jahren mal mit dem Vorsatz, das zu tun, in einen Beutel gepackt hatte, hörte alle Podcasts dieser Welt, entdeckte die Diktierfunktion für mich und war im Februar schließlich bei knapp 12000 Schritten pro Tag – im Durchschnitt (zum Vergleich: Nach der Geburt im November waren es gerade mal 2600). Das sind laut meinem Smartphone ungefähr acht Kilometer. Ich habe in der App nachgeschaut: Zuletzt habe ich ein solches Pensum 2016 erzielt. Da trainierte ich für den Berlin Marathon. Aber ich war an einem Punkt, da wäre ich auch doppelt so viel gelaufen, wenn es geholfen hätte.

Ich entdeckte einen Zusammenhang: Jascha war abends ruhiger, wenn ich tagsüber viel mit ihm spazieren war. Ich vermute heute, dass ein Teil seiner Wut darin begründet lag, dass er tagsüber einfach zu wenig Schlaf bekam, bis er abends nicht mehr in den Schlaf finden konnte, weil er zu überreizt und müde war. Paradoxe Logik, keine Ahnung ob das stimmt, aber für mich war diese Erklärung plausibel.

Was uns geholfen hat

Um die Dreimonats-Marke, von der alle immer reden, als wäre danach alles Love, Peace and Happiness, war ich kurz davor, in eine Schreikindambulanz zu gehen. Ich konnte einfach nicht mehr. Ich hatte unbewusst so auf den Tag hingefiebert, an dem Jascha drei Monate alt ist, dass ich enttäuscht war, als sich zunächst nichts änderte. Bei uns waren es eher vier Monate, bis sich die Lage deutlich entspannte. Deswegen finde ich die Theorie von den drei Monaten im Nachhinein auch wenig hilfreich: Kinder sind keine Maschinen und manche brauchen eben etwas länger, bis sie ankommen.

Auch die App “Oh je, ich wachse”, die viele toll finden, sorgte bei uns nur für ein müdes Lächeln. Uns kam es so vor, als sei das Kind ständig in einem Wachstumsschub, und so half uns diese Erklärung auch nicht weiter. Was dagegen geholfen hat: Humor. Und ich meine jetzt nicht, dass man seine Verzweiflung immer weglachen kann. Aber einer der schönsten Momente war, als mein Freund es schaffte, Jascha mit einem Lied von Mickie Krause – ausgerechnet! – zu beruhigen und wir zu dritt zu schlimmen Mallorca-Schlagern durch das Schlafzimmern tanzten. Völlig gaga, tat aber gut. Ich habe tausende Foren, Blogs und Fachartikel zu Babygeschrei gelesen und muss im Nachhinein sagen: Hätte ich mir sparen können. Stattdessen fand ich in diesem Post einen ganz banalen Ratschlag, der für mich zum Mantra wurde.

Tadaaaa, das ist die Weisheit, die mir half: “Es ist nur eine Phase”


Egal, ob es das Geschrei ist oder später, dass das Kind nur Nudeln mit Butter isst: Es ist nur eine Phase. Alles geht vorbei. Alles ist temporär. Oooooohmmmm. Heute liegen wir oft nachts im Bett und reden über diese wundersame Wochenbett- und Ankunftszeit, als sei sie nicht vier Monate, sondern vier Jahre her. “Weißt Du noch, als wir uns fast nie getraut haben, in ein Restaurant zu gehen, weil Jascha meistens komplett ausgerastet ist?”, sagt mein Freund dann. “Ja, das weiß ich noch. Irre, jetzt geht das völlig problemlos”, antworte ich. Und daran, wie weit weg das jetzt schon scheint, merke ich: Ich will das alles, so anstrengend es war, nicht vergessen.

Weil ich jetzt schon das Gefühl habe, die Zeit mit meinem kleinen, wütenden, wunderbaren Jungen vergeht zu schnell. Weil die Erinnerungen verblassen, egal wie viele Videos wir auf unseren Smartphones haben. Weil die Vergänglichkeit, die so dicht mit unserem Glück verwoben ist, auch vor Eltern nicht halt macht. Weil ich jetzt begreife, was alle immer meinen, wenn sie sagen: “Genieß es. Es geht so schnell vorbei.” Alles ist nur eine Phase. Alles geht vorbei. Alles ist temporär. Das ist der Fluch – aber es ist auch der Segen. Wenn man es schafft, das anzunehmen und darauf zu vertrauen, dass es immer wieder gut wird.

 

Fotos: Olaf Selchow und privat

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