Kleine Jahre, große Fragen: Wie finde ich eine Hebamme in Zeiten des Hebammenmangels?

02. April 2020 | in Geburt | Kooperation | Podcast | Schwanger | Wochenbett

Über 750 000 Frauen und Familien benötigen jedes Jahr eine Hebamme. Die Suche im Internet empfinden viele als langwierig und frustrierend, denn oft hagelt es Absagen und auf keiner der Listen im Netz sind die aktuellen verfügbaren Zeiten von Hebammen angegeben. Zudem herrscht Hebammenmangel und die Situation wird durch das neuartige Coronavirus im Moment auch noch verschärft. Was kann ich also als Schwangere tun?

Wir haben uns in unserem neuen Podcast mit Hebamme Amelie Suermann unterhalten und stellen außerdem die neue, deutschlandweite und kostenfreie Hebammenvermittlungsplattform Ammely vor – sie soll den Suchfrust ändern, indem sie Hebammen und Schwangere zusammenbringt. Ammely ist aus der Kooperation des Deutschen Hebammenverbands e. V. (DHV) und der Schwangerschaftsapp Keleya entstanden.

Ammely ist seit heute mit der Akutsuch-Funktion online: Alle, die momentan gar keine Hebamme haben, können über Ammely eine Suche starten und kurzfristig Hebammen finden die bei akuten Problemen helfen – per Hausbesuch oder digital. Die reguläre Vermittlung startet dann am 13.04.

Im nigelnagelneuen Podcast unterhalten wir uns über die ersten allgemeinen Schritte für die Hebammensuche und gehen auch auf die aktuelle Situation ein. Wir klären auch, warum kurzfristig geplante Hausgeburten oder gar Alleingeburten wirklich keine gute Idee sind. Hört am besten selbst einmal rein!

Zudem sprachen wir über die aktuelle Situation und die Plattform Ammely mit der Hebamme Valerie Larsen und der Keleya-Mitgründerin Sarah Müggenburg, die mit dem Keleya-Team die Plattform Ammely entwickelt hat.

Gegenwärtig erschwert die Ausbreitung des Corona-Virus so gut wie alle Bereiche des Gesundheitswesens. Kannst Du uns beschreiben, wie sich das auf die Vorsorge durch Hebammen auswirkt?

Valerie Larsen:
Bei gesunden Frauen, die keinen Kontakt zu infizierten Personen hatten, wird die Vorsorge normal stattfinden und beide achten auf hygienisches Verhalten und sinnvolle Vorsichtsmaßnahmen. Stehen Frauen unter Verdacht oder sind selbst an Covid 19 erkrankt, dann wägt man ab, ob die Vorsorge wichtig ist oder ob sie verschoben werden kann bis die Quarantänezeit vorüber ist. In solchen Situationen ist ein guter Kontakt mit der Hebamme über Videotelefonie eine Alternative, die von den Krankenkassen auch bezahlt wird. Es ist ja besonders für betroffene Frauen wichtig, sich gut aufgehoben zu fühlen und alle Fragen und Sorgen ansprechen zu können. Solche Videoberatungen werden in dieser Situation auch von den Kassen gezahlt. Die Plattform für Hebammenvermittlung des Deutschen Hebammenverbands Ammely hat deswegen auch schon reagiert und bietet den Frauen die Möglichkeit mit einer Akutsuche kurzfristig nach Hebammen zu suchen, die jetzt Videoangebote machen. Das kann in der Schwangerschaft, dem Wochenbett oder auch für Kurse der Fall sein und schützt vor Ansteckungsrisiken.

Welchen Einfluss hat das Virus und die Lage zur Zeit auf Nachsorge und Rückbildungskurse?

Valerie Larsen:
Die freiberuflichen Hebammen haben teilweise ihre liebe Not, Schutzausrüstung zu organisieren, wenn sie betroffene Familien zuhause betreuen.
Um die Risiken für alle Beteiligten so gering wie möglich zu halten, werden besonders die ersten wichtigen Besuche nach der Geburt persönlich stattfinden. Sobald es allen gut genug geht, wird die Hebamme anbieten sich regelmäßig per Videotelefonie zu unterhalten. So können alle Fragen geklärt werden und auch ein paar Dinge angesehen werden. Wenn es nötig ist, können natürlich auch später persönliche Besuche stattfinden. Tröstend ist sicherlich, dass die meisten Frauen, nicht zu Risikogruppen gehören und dass Neugeborene nach bisherigem Kenntnisstand auch nicht besonders gefährdet sind.
Rückbildung ist wirklich wichtig, aber man kann sie ist in dieser besonderen Situation auch gut noch etwas aufschieben. Auch die Krankenkassen gewähren jetzt einen längeren Zeitraum, in dem ein Kurs in Anspruch genommen werden kann. Einige Hebammen organisieren jetzt auch ihre Kurse als Webkonferenzen und ermöglichen so den Austausch und die Bewegung in der Gruppe, ganz ohne Risiko. Ich persönlich würde immer abwarten und später in den Kurs gehen, auch um dort Kontakte zu knüpfen, die einem in der ersten Zeit mit Baby besonders guttun.

Sarah Müggenburg:
Ich würde einen Online-Kurs bei einer Hebamme machen und anschließend einen persönlichen Kurs besuchen, wenn es wieder möglich ist, da auch der Austausch für Mütter und später auch für Babys enorm wichtig ist.

Nun war es schon vor Corona schwer, eine Hebamme zu finden. Woran liegt das?

Valerie Larsen:
Die Geburtenrate ist tatsächlich in den letzten Jahren gestiegen und wir merken, dass viele Frauen schon früh eine Hebamme für die Schwangerschaft und das Wochenbett suchen aber keine mehr bekommen. Es gibt Regionen auf dem Land, wo einfach keine Hebamme mehr wohnt. In den Städten konzentriert sich dann der Babyboom auf bestimmte Bezirke in denen man früh anfangen muss mit der Hebammensuche. Die Kliniken suchen fast überall nach Hebammen für den Kreißsaal und besonders Hausgeburtshebammen gibt es inzwischen weniger, als die Frauen sich wünschen. Das liegt mit Sicherheit an den horrenden Kosten für eine Haftpflichtversicherung. Allerdings ist es wirklich wichtig zu wissen, dass die Haftpflicht für Hebammen anders funktioniert als die für beispielsweise für ein Auto. Dort ist es so, dass ein Unfall die Kosten für die Versicherung steigen lässt. In der Geburtshilfe funktioniert das anders und ist sehr kompliziert. Es ist jedenfalls seit Jahrzehnten so, dass immer weniger passiert, die Versicherungskosten steigen trotzdem extrem. Das hat viele Hebammen zum Aufgeben gezwungen die uns heute sehr fehlen.
Seit dem letzten Jahr ist der Beruf der Hebamme aber zu einem akademischen geworden. Das ist ein wichtiger Schritt, der der Komplexität und dem Wissen der Geburtshilfe angemessen ist. Das wird hoffentlich viele junge Menschen jeden Geschlechts (Männer können nämlich auch Hebamme sein und genauso heißen) motivieren auch Hebammenwissenschaften zu studieren, zu forschen und in diesem tollen Job zu arbeiten.

Was kann Ammely da leisten?

Valerie Larsen:
Damit werden Frauen leichter Hebammen in ihrer Nähe finden, die Zeit für sie haben und auch das anbieten, was sie suchen. Ammely wird für die Frauen schneller den Kontakt zur passenden Hebamme herstellen und lange, frustrierende Hebammensuchen hoffentlich unnötig machen. Für die Hebammen wird dir Organisation leichter und übersichtlicher. Wahrscheinlich wird es durch die Suche in der Nähe auch weniger Zeit für die Wege zu den Familien anfallen. Das ist im Sinne des Klimaschutzes eine wichtige Sache und die Hebammen haben mehr Zeit für das Wesentliche mit Mutter und Kind. Jetzt, während der Corona Pandemie hilft Ammely vielleicht weiter, wenn gezielt auch digitale Angebote gefragt sind und Frauen sich Beratung wünschen.

Wie genau funktioniert die Plattform, wie kann ich die Suche eingrenzen?

Sarah Müggenburg:
Betreuungssuchende geben bei Ammely den voraussichtlichen Entbindungstermin, ihren Wohnort und die gesuchte Leistung an. Hebammen tragen ihren Betreuungsradius, Verfügbarkeit sowie ihr Leistungsangebot ein. Alle Angaben werden dann abgeglichen und passend zusammengeführt. Die Hebammensuche ist so gefiltert, dass Anfragen zielführend und einfach vermittelt werden. So kann man zum Beispiel auch gezielt nach einer Hausgeburtshebamme oder einer Wochenbettbegleitung oder Kursangeboten von Hebammen suchen.

Speziell jetzt in Zeiten der Corona-Pandemie haben wir noch schnell eine Akutsuche integriert. Hier können Familien Hebammen finden, die sie kurzfristig, innerhalb der nächsten Tage, bei akuten Problemen digital oder per Hausbesuch versorgen können. Wir haben zusammen mit dem DHV die Akutsuche erstellt, da viele Schwangere Absagen von ihren Hebammen wegen der Ausbreitung des Corona-Virus bekommen haben. Denn auch Hebammen müssen sich schützen und/oder Zuhause bei ihren Familien bleiben. Aufgrund dieser möglichen, akuten Unterversorgung haben wir mit viel Herzblut und Vollgas die Akutsuche zur Verfügung gestellt. Die reguläre Hebammenvermittlung wird daher erst ab dem 13.04. verfügbar sein. Betreuungssuchende können sich aber bereits für den Newsletter anmelden.

Wie viele Hebammen machen schon mit und wie viele sollen es noch werden?

Sarah Müggenburg:

Derzeit (Stand 30.03.2020) sind deutschlandweit 2.000 Hebammen auf der Plattform Ammely registriert. Das Ziel ist, dass wir ganz Deutschland abdecken können, damit die Plattform optimal funktioniert. Selbst Hebammen, die keine Kapazitäten haben und nicht öffentlich gelistet werden wollen, sollten sich möglichst anmelden, so dass sie nicht unnötig kontaktiert werden. So sparen sich sowohl die Betreuungssuchenden, als auch die Hebammen einen großen Aufwand.

Die Plattform ist gratis, ihre Entwicklung für euch eine Herzensangelegenheit. Was ist eure Mission?

Sarah Müggenburg:

Wir von Keleya kümmern uns seit Tag eins um das Wohlergehen von Schwangeren und jungen Müttern. Nun wollen wir uns, gemeinsam mit dem DHV, für eine bessere Versorgung einsetzen und die Zusammenarbeit zwischen Hebammen und Frauen bei der Suche nach Betreuung vereinfachen. Wir haben uns immer als ein digitaler Partner für Hebammen verstanden und freuen uns, dass wir mit dieser Kooperation genau da ansetzen können. Schwangere warten in Deutschland sehr lange auf die richtige Betreuung – und bekommen sie manchmal leider nicht. Unsere Mission ist, zu einer besseren Versorgung von Schwangeren und Familien beizutragen. Die Zusammenarbeit mit Hebammen und dem Deutschen Hebammenverband für eine bessere und überregionale Versorgung ist uns deshalb ein großes Anliegen. Ganz wichtig ist, dass die Hebammensuche gratis ist.

Inwiefern fließen auch Learnings von eurer Arbeit mit Keleya ein?

Sarah Müggenburg:
Die Keleya App mit der wir seit 2017 Schwangere auf ihrem Weg zu einer entspannten, fitten Schwangerschaft und sicheren Geburt unterstützen hat uns gezeigt, wie wichtig es ist, Frauen mit Hebammen zu verbinden. Es gibt so viele Fragen, die möglichst individuell und nicht pauschal beantwortet werden sollten. Wir haben viel darüber gelernt, wie wir mittels einer smarten Software sehr individuellen Service anbieten und damit vielen Frauen bereits helfen können. Die Schwangeren bekommen mittels eines Health Trackers auf ihre Schwangerschaftswoche, ihr Fitnesslevel und ihre Schwangerschaftsbeschwerden persönlich zugeschnittene Workouts, Ernährungstipps und Empfehlungen. So können Schwangere beispielsweise gezielt etwas gegen Rückenschmerzen, Wassereinlagerungen oder Beckenbodenprobleme tun. An dieses Wissen über algorithmusbasierte, möglichst individuelle Unterstützung wollen wir anknüpfen, um den Frauen noch besser helfen zu können und sie zusätzlich mit Hebammen vor Ort oder (derzeit digital) zu unterstützen.
Auch der digitale Keleya Geburtsvorbereitungskurs, der bereits von einigen Krankenkassen erstattet wird, ist vielen Schwangeren gerade in der jetzigen Situation eine große Hilfe. Und gerade jetzt ist digitaler Support wichtiger, als je zuvor.

Danke liebe Valerie und liebe Sarah!

Schaut euch doch mal Ammely an. Und auch die Schwangerschaftsapp Keleya können wir wärmstens empfehlen.

Hier kannst du die Keleya Schwangerschafts-App gratis herunterladen.

 

Dieser Beitrag entstand in freundlicher Kooperation mit Ammely.

Drittes Foto von oben: Sophia Lukasch

Kommentare