Alleine im Kreißsaal…

14. April 2020 | in Geburt | Schwanger | Wochenbett

Es ist ein sensibles Thema: Das Besuchsverbot in Krankenhäusern in Zeiten von Corona führt zu viel Kummer, Angehörigen bricht es das Herz, ihre Liebsten nicht sehen zu können. Auch wenn wir wohl alle verstehen, dass die Eindämmung des Virus besondere Maßnahmen nötig macht. In manchen Kliniken ist es nun sogar untersagt, dass Frauen eine Begleitperson mit in den Kreißsaal nehmen. Siehe auch Maries Interview mit Kareen Dannhauer. Wir finden: Ein wichtiges Thema, denn die Lage in der Geburtshilfe war auch schon vor Corona angespannt, und viele Frauen können sich nicht nur aufgrund des Personalmangels eine Geburt ohne das Beisein ihres Partners oder einer anderen Begleitperson wirklich nicht vorstellen.

Und deswegen möchten wir die Erfahrung einer Mutter mit euch teilen, die es tatsächlich getroffen hat – und die die Geburt ihres zweiten Sohnes alleine durchstehen musste.

Ellen ist 31, hat einen vierjährigen und einen neugeborenen Sohn und lebt mit Mann Steven in Berlin. Sie freute sich total auf die Geburt ihres zweiten Kindes, auch weil sie in ihrem Wunschkrankenhaus, dem DRK Klinikum Köpenick, angemeldet war. „Dort habe ich auch meinen ersten Sohn zur Welt gebracht, das lief total schön und harmonisch. Ich freute mich so sehr auf die Geburt dort, denn es war durch mein Schwangerschaftsdiabetes lange nicht klar, ob ich dort überhaupt entbinden kann. Aber als ich wusste, dass es klappt, konnte ich den Geburtstermin kaum mehr abwarten.”

Corona war für sie in den letzten Wochen der Schwangerschaft zunächst gar kein Thema. “Das wurde dann erst präsent, als es in der Woche vor der Geburt um die Schließungen von Kitas und Schulen ging. Meine größte Sorge: Wohin mit dem großen Kind, wenn es losgeht? Dass mich die Schutzmaßnahmen noch in ganz anderer Weise treffen würden, war mir nicht annähernd klar”, sagt Ellen.

Auf diese Antwort war sie nicht gefasst

Am 16. März begannen schließlich in den frühen Morgenstunden die Wehen, Ellen versuchte, noch einmal zu schlafen, ihr Mann Steven ging zur Arbeit. Gegen halb sieben wurden die Wehen regelmäßiger, sie begann, sie zu tracken und rief ihren Mann vorsichtshalber wieder nach Hause. Als sie kurz nach acht Uhr im Kreißsaal anrief und sagte, sie würde gerne vorbeikommen, kam eine Antwort, auf die sie nicht gefasst war. „Man sagte mir, ich kann vorbei kommen, es ist noch ein Kreißsaal frei, aber man müsse mich darauf hinweisen, dass ich bitte allein kommen möchte, es gäbe seit heute früh die Anweisung des Krankenhauses, dass zur Geburt keine Begleitung mehr möglich sei – aus Schutz vor der Verbreitung von Corona. Ich sagte es gleich meinem Mann und wir schauten uns an, nahmen uns in den Arm und weinten kurz. Es war ein Schock”, erinnert sich Ellen.

Sie wusste aber auch, dass es keine Alternative gibt. Die Geburt stand kurz bevor, also konnte sie nicht lange zaudern. „Meine Mutter fuhr mich zum Krankenhaus, mein Mann passte auf den Großen auf. Als wir an der Klinik angekommen waren, verabschiedete ich mich. Ich musste wieder weinen und hatte Angst davor, diese Situation alleine durchstehen zu müssen.”

An der Tür zum Kreißsaal empfing Ellen eine Hebamme mit Mundschutz und führte sie ins Vorwehenzimmer. “Da die Kreißsäle mittlerweile alle belegt waren, blieb ich auch in dem Raum. Es wurde ein CTG  geschrieben und ich wurde untersucht. Die Geburt war nicht mehr weit”, sagt Ellen. “Die Hebamme schaute zwischendurch nach den anderen Frauen und ging auch ans Telefon, wenn es klingelte. Der Arzt, der zur eigentlichen Geburt dazu kommen würde, stellte sich mir kurz vor und verabschiedete sich dann wieder. Bei mir blieb in der Zeit ein Student, der den Sicherheitsabstand wahrte und mir gelegentlich mein Wasser reichte.”

Eine Geburt ohne den Partner

Als Ellens Pressdrang größer wurde, klingelte sie nach der Hebamme, die von da an auch fast ununterbrochen an ihrer Seite blieb. “Ich habe mich dennoch sehr allein gefühlt und bekam immer wieder große Angst, dass etwas nicht stimmt. Das Baby sich nicht richtig ins Becken dreht, oder andere Dinge. Ich weinte zwischendurch und die Hebamme versuchte, mir die Angst zu nehmen, sie saß zu meinen Füßen und sprach mir gut zu. Aber ich vermisste meinen Mann sehr.”

Als der Kopf ihres Sohnes schließlich zu sehen war, machte sich Panik im Raum breit. “Die Hebamme sagte, ich muss pressen, der Körper müsse raus”, sagt Ellen. “Ich bekam aber keine Wehe mehr. Ich weinte und presste und schrie, um meinem Sohn auf die Welt zu helfen. Er hatte die Nabelschnur um den Hals und stecke etwas zu lange im Geburtskanal fest, weshalb er direkt zur Beatmung mitgenommen wurde. Und da lag ich nun auf meinem Bett, ohne Baby, aber mit dem Studenten, der immer noch zwei Meter von mir entfernt saß.” Bis sie ihren Jungen im Arm halten konnte, vergingen fünf Minuten, in denen Ellen zitterte und weinte und Angst um sich und ihr Kind hat. „Das waren die längsten fünf Minuten, aber dann war er endlich bei mir.”

Was Ellen noch wichtig ist

Sie habe sich, den Umständen entsprechend, trotzdem gut betreut gefühlt – aber eine Geburt ohne den Partner zu wuppen war natürlich eine ganz schöne Hausnummer. “Ich würde dennoch sagen, dass sich alle die größte Mühe gegeben haben und mich nach bestem Wissen und Gewissen bei der Geburt unterstützt haben.”  Die Hebamme, die sie begleitet hatte, kam zwei Stunden nach der Geburt noch einmal zu ihr und erkundigte sich nach Ellens Befinden. Sie sagte auch Bescheid, dass das Verbot von Vätern im Kreißsaal seit etwa einer Stunde wieder aufgehoben war – Ellen hatte wirklich Pech gehabt. „Die Hebamme entschuldigte sich und sagte, dass ich meinem Mann gerne Bescheid geben soll. Sie sagte, wegen des Corona-Virus würden alle auf größte Vorsicht schalten und die Anweisungen, wie zu verfahren sei, kämen teilweise im Stundentakt.”

Vier Stunden nach der Geburt konnte Papa Steven dann endlich seinen Sohn Jannik Marten begrüßen, wenig später ging es auf die Wochenbettstation, wo das Verbot von Vätern schon kein Thema mehr war. Derzeit wird Ellen von einer Hebamme betreut, die unter Auflagen auch zu ihr nach Hause kommen darf.  “Sie trägt einen Mundschutz und hält Abstand, wenn sie mich nicht gerade untersucht. Zum Unterschreiben muss ich meinen eigenen Stift nehmen und alles, was sie dabei hat, wird nach dem Besuch desinfiziert”, sagt Ellen.

Was ihr wichtig ist: “Ich würde mir für alle Frauen wünschen, dass sie die Begleitperson ihres Vertrauens mit in den Kreißsaal nehmen können und die Krankenhäuser dies auch in Zeiten der Pandemie als Chance und nicht als Gefahr sehen. Hebammen arbeiten in den Kreißsälen chronisch am Limit. Fehlen nun noch Bezugspersonen der Gebärenden, verdoppelt sich ihr Betreuungsumfang. Ich bin mir sicher, dass das zu erhöhten Risiken unter der Geburt führen kann”, sagt Ellen.

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