Schwanger in Zeiten von Corona

23. March 2020 | in Geburt | Schwanger

Die Welt befindet sich im Ausnahmezustand und die Verunsicherung ist groß. Wir haben schon einige Nachrichten von Schwangeren erhalten, sie klingen teilweise verzweifelt: Was, wenn ich alleine in den Kreißsaal muss? Wenn es keine Ärzte mehr gibt, weil die in Quarantäne sind? Wenn der Hebammenmangel noch schlimmer wird? Wir haben hier versucht, alle wichtigen Infos für Schwangere zu sammeln und uns auch mit unserer lieben Kareen Dannhauer, Hebamme und Autorin, über die Situation unterhalten.

Zu all den Fragen gibt es leider keine universellen Antworten. Die Situation entwickelt sich dynamisch, was heute galt, kann morgen schon ganz anders sein. Wir waren noch nie in so einem Zustand. Er ist neu – für alle. Hinzu kommt, dass Kliniken das unterschiedlich regeln. Meist aber unter der Prämisse:  Das Fachpersonal muss gesund bleiben. Es kann also tatsächlich sein, dass Schwangere ohne Partner gebären müssen – um das Risiko zu minimieren und die Routinen am Laufen zu halten, auch für die kommenden Geburten. An vielen Orten ist das jetzt schon so. Allerdings gibt es hier keine zentralen Vorgaben, jede Klinik kann es individuell regeln. Sobald ihr kurz vor dem Termin seid, ruft ihr am besten in der Klinik an und erkundigt euch nach der Lage. Es kann auch sinnvoll sein, nachzuhaken. Siehe dieser Artikel. Denn natürlich ist es gerade für Erstgebärende eine schreckliche Vorstellung, wenn der Partner nicht mit in den Kreissaal darf. Und für Väter beunruhigend und traurig, nicht dabei sein zu können.

Hier in Berlin wird es momentan noch ganz unterschiedliche gehandhabt. In den meisten Fällen können Väter, sollten sie keine Symptome haben, zur Geburt mit in den Kreißsaal. Weitere Personen aber nicht. Keine Doula, keine Fotograf*innen. Wenn das Baby erstmal da ist, sind die Besuchsmöglichkeiten dann auch sehr stark eingeschränkt. Wer kann, sollte vielleicht ambulant entbinden. Denn auch Familienzimmer werden nicht mehr angeboten. Mehr zur Situation in Berlin lest ihr im Tagesspiegel. Auch Teresa Bücker hat sich hier Gedanken gemacht.

Ein Ausnahmezustand der neu ist – für alle

Wir können uns gut vorstellen, wie wahnsinnig schwierig diese Zeiten für Schwangere sind. Zur allgemeinen Verunsicherung, von der die erste Schwangerschaft oft sowieso schon geprägt ist, kommt jetzt noch die größte Krise, die das Land seit dem zweiten Weltkrieg erlebt hat, hinzu. Da ist jeder Geburtsplan erstmal hinfällig, wenn die Priorität ist, dass man überhaupt versorgt wird. Momentan sieht die Situation in den Krankenhäuserin noch okay aus – die Routine läuft erstmal weiter. Wie lange das noch der Fall ist, sollten die Fallzahlen weiter in die Höhe schnellen, weiß man nicht.

Für das Ungeborene besteht vermutlich kein großes Risiko

Man weiß schon etwas über das Virus, aber auch wenn hier auf Hochtouren geforscht wird, dauert Wissensproduktion einfach so lange, wie sie dauert (bin man eben genügend Daten und Fallzahlen hat). So viel ist aber schon mal relativ klar: Es gibt bis jetzt keine Hinweise dafür, dass das Virus, im Falle einer Infektion der Mutter, auf das Ungeborene übertragen wird. Zudem sind Schwangere auch nicht gefährdeter als andere Frauen: “Es wird erwartet, dass die große Mehrheit der schwangeren Frauen nur leichte oder mittelschwere Symptome, ähnlich einer Erkältung beziehungsweise Grippe aufweist.” schreibt die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Die DGGG hat einen übersichtlichen FAQ-Katalog für Schwangere und ihre Familien erarbeitet. Dort erfahrt ihr auch, dass ihr im Falle einer Infektion mit COVID-19 euer Neugeborenes stillen könnt. Weitere Fragen beantwortet uns Kareen:

Liebe Kareen, Schwangere sorgen sich, dass sie niemanden mehr zur Geburt mitnehmen können, für Berlin gibt es bisher Vorgaben, anderswo ist es aber jetzt schon so. Kann sich das überall noch verändern?

Das regeln im Föderalismus die Länder unter sich, jedes Land gibt Empfehlungen raus. Und die Länder orientieren sich an den Bundesempfehlungen. Ich muss ganz klar sagen: Ja, es kann sein, dass es zum Notstand kommt. Und im Notstand sind extreme Einschränkungen für alle möglich, auch Ausgangssperren gehören ja dazu. So etwas ist in einer Demokratie normalerweise nicht möglich, aber im Notstand eben schon.
Das Infektionsschutzgesetz steht dann über allem anderen. Und auch wenn jetzt gerade noch Viele zurecht sagen, dass es wichtig ist, dass Frauen begleitet werden bei der Geburt, dann kann es dennoch sein, dass das Infektionsschutzgesetz die Belange der Allgemeinheit über die Belange der Einzelnen stellt. Und das ist natürlich auch richtig so.

Einzelne Kliniken handeln das übrigens auch jetzt schon intern anders. Sie müssen sich nämlich nicht an die Empfehlungen halten. In vielen Krankenhäusern dürfen jetzt schon keine Männer mehr in die Wochenbettstationen. Warum? Weil das einfach zu viele Kontakte sind, wenn jeden Tag die ganzen Väter in der Klinik sind.
Und ganz ehrlich, ich halte das für sinnvoll. Weil ich als jemand aus dem medizinischen Bereich genau weiß, worauf wir zusteuern. Und es klingt hart, aber: Keine Väter in den Geburtskliniken werden unsere kleinsten Probleme sein.

Wenn ich nun auf dem Höhepunkt der Epidemie entbinde, mache ich mir sicher auch Sorgen, dass kein Arzt da ist, weil die andere Sorgen haben. Ein realistisches Szenario?

Ich finde: Ja. Das ist eine berechtigte Sorge. Auch weil die Ärzte sich ja auch infizieren und dann krankheitsbedingt ausfallen. In Italien sind sogar schon einige Ärzte gestorben. Es wird nicht schön werden. Es werden viele Menschen sterben. Nicht ohne Grund werden ja jetzt schon Behandlungsplätze vorbereitet und Ärzte umgeschult, weil man Intensivmediziner braucht. Und das Personal fehlte ja schon vor der Krise. Geburtshilfe ist aber ein Akutbereich, da werden nicht als erstes die Leute abgezogen. Insofern passiert das alles nicht heute auf morgen. Dennoch: ich würde gerne sagen können, dass man sich keine Sorgen machen braucht – kann ich leider nicht.

Hebammen haben ja ständig engsten Kontakt zu Menschen, sind also der perfekte Herd. Wie lange können sie noch normal weiterarbeiten?

Eine gute Frage. Ich habe keinen einzigen Schutzkittel und keine Maske. Ich darf streng genommen jetzt schon nicht mehr arbeiten, wenn ich eine Erkältung habe. Ich kann aber meine Frauen auch nicht alleine lassen. Der Hebammenverband macht da gerade ganz viel, damit wir Ausrüstung bekommen. Aber im Moment sieht es noch düster aus, ich kann nicht mal Sterilium bestellen, weil alles von hysterischen Normalbürgern leer gekauft wurde. Die letzte Flasche wurde mir in der Praxis geklaut.
Ich glaube, wir Hebammen werden, so wie alle, arbeiten bis wir umfallen. Es gibt Bestrebungen, dass man jetzt Hebammen akquiriert, die in Elternzeit sind und so weiter, um Ausfälle aufzufangen. Da ist auch Bereitschaft da. Allerdings sind die dann nicht haftpflichtversichert. Man sucht da gerade nach Übergangslösungen. So schnell bricht das jetzt nicht zusammen, das kann ich sagen!

Viele Hebammen stellen jetzt auf online um, auch du. Geburtsvorbereitung online, Wochenbettberatung über Skype. Wird euch das vergütet?

Bisher wird es nicht vergütet, oder sehr gering. Ich glaube eine Tele-Beratung wird mit 6,80 pro Stück vergütet, also ein Witz. Allen, außer den Krankenkassen, ist auch klar, dass das super dringend ist. Ich denke, dass sich das bald ändern wird. Damit wir eben keine Zwei-Klassen-Medizin bekommen hier. Im Moment steuern wir darauf zu. Ich mache zum Beispiel jetzt schon keine Hausbesuche mehr, wenn eine Frau erkältet ist, weil das zu riskant ist. Der schreibe ich im Moment eine Privatrechnung und die Frauen müssen sehen, ob sie das Geld wiederbekommen. Manche Hebammen haben aus Sicherheitsgründen die Hausbesuche schon ganz auf telefonisch umgestellt. Das Gleiche gilt für die Geburtsvorbereitungskurse, die du angesprochen hast. Ich stelle das gerade komplett auf Online um, das kostet mich Geld, ich schreibe Privatrechnungen.
Aber das kann sich nicht jeder leisten, deshalb ist das auf Dauer keine Lösung. Aber wie gesagt: ich bin da zuversichtlich, dass die Kassen ein Einsehen haben.

Danke, Kareen. Wir hoffen alle das Beste!

Auch am Beispiel der Schwangeren sieht man deutlich: Damit unser Gesundheitssystem nicht überlastet wird, ist es mehr denn je wichtig, zuhause zu bleiben und alle Kontakte einzuschränken. Denn nur so können die Fallzahlen klein gehalten werden und Kranke, Hilfsbedürftige und eben auch Schwangere die Behandlung bekommen, die sie brauchen. Die Lage ist ernst – nehmen wir sie auch ernst, sagt die Bundeskanzlerin – und bedenken wir bei all unseren Entscheidungen, wie sich die Konsequenzen auf andere auswirken können. Und eben nicht immer nur an Alte und Kranke. Denken wir auch an all die Schwangeren da draußen, ihr seid nicht allein. Diese ganzen Maßnahmen sind auch für euch.

Photo: Edward Cisneros

Kommentare