50/50 Paare: Katja und Christian

27. August 2021 | in Alltag | Familie | Gesellschaft

Hurra! Wir haben wieder ein paar 50/50 Paare gefunden, die uns aus ihrem Alltag erzählen. Denn immer noch fragen sich so viele: wie soll das gehen, alles teilen? Heute befragen wir dazu Katja Thiede und ihren Mann Christian. Katja hat in Berlin den Co-Working Space für Eltern JuggleHUB gegründet, 2019 ist die kleine Familie umgezogen – und zwar nach Neustrelitz an die Mecklenburgische Seenplatte. Dort kommen beide her, die Eltern sind in der Nähe – und das war auch einer der Gründe, warum sie den Schritt aufs Land gewagt haben. Damals war der Immobilienmarkt dort auch noch recht entspannt – es war ja vor Corona! “Und wie ist es so?” habe ich Katja gefragt. Ihre Antwort: “Meistens ist es super, vor allem im Sommer. Der Winter ist dagegen sehr sehr ruhig, aber im Moment ist das ja überall so.” Und wie die beiden ihren Alltag konkret organisieren, das lest ihr im Interview:

Hi ihr beiden! Was und wieviel arbeitet ihr denn beide?

Katja: Christian ist Lehrer und ich bin selbstständig mit mehreren Standbeinen. Ich habe vor fünf Jahren juggleHUB gegründet, einen Coworking Space mit flexibler Kinderbetreuung in Berlin, bei dem ich nach wie vor in der Geschäftsführung dabei bin, allerdings aktuell nicht mehr im Tagesgeschäft. Ich konzentriere mich gerade darauf, das Thema Coworking im ländlichen Raum, vor allem in meiner alten und neuen Heimat in Meck Pomm, voranzutreiben. Zum Beispiel engagiere ich mich bei CoWorkLand für das Regionalbüro Mecklenburg-Vorpommern. Daneben arbeite ich als freiberufliche Texterin und Autorin. Da kommen schon einige Stunden in der Woche zusammen. Wie viele genau, kann ich nicht sagen, aber vermutlich schon in Höhe der klassisch als Vollzeit definierten 40 Stunden. Manchmal mehr, selten weniger. Da ich meine eigene Chefin bin, kann ich im Prinzip arbeiten, wo und wann ich will. Als ich noch stärker im Tagesgeschäft im juggleHUB involviert war, waren die Zeiten natürlich ein Stück weit durch unsere Öffnungszeiten vorgegeben. Mittlerweile arbeite ich zu 95 Prozent von zu Hause.

Christian: Als Lehrer arbeite ich in Teilzeit, zumindest steht es so in meinem Vertrag. Gerade im Distanzunterricht war das aber eher Vollzeit. Homeoffice und Telearbeit waren während der Pandemie an der Tagesordnung, sind aber im normalen Lehralltag nicht vorgesehen. Aber wer weiß, vielleicht nehmen die Schulen ja auch etwas mit aus den vergangenen Monaten und hybride Unterrichtsformen halten Einzug. Daneben fertige ich Möbel in Maßarbeit an. Einige sind Herzensprojekte, andere Auftragsarbeiten und beides sehe ich als meine Arbeit an. Eine sehr erfüllende, auch wenn sie zum Teil unbezahlt ist. Hinzu kommt der Umbau unseres alten Hauses, das wir vor zwei Jahren gekauft haben. Auch da verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Hobby und „Hausarbeit“ im klassischen Sinne. Ich mag es, ganz unterschiedliche Dinge zu tun und mit dem Kopf und den Händen tätig zu sein. Unsere Tochter kommt immer häufiger mit in die Werkstatt und möchte auch was bauen. Das ist toll!

Katja: Fragt man sie, was Papa alles kann, zählt sie direkt zehn Sachen auf. Fragt man sie, was Mama macht, bleibt es bei „am Computer was schreiben“ und Chefin sein. (lacht)

Wie alt ist eure Tochter denn und geht sie in eine Betreuung?

Christian: Unsere Tochter ist sechs. Sie ist gerade in die Schule gekommen und ist dort auch täglich im Hort in der Nachmittagsbetreuung.

Katja: Wir haben einen Vollzeit-Hortplatz bekommen. Das ist mittlerweile auch im ländlichen Raum nicht mehr selbstverständlich, wegen des Zuzugs. Freunde von uns, die ebenfalls von Berlin aufs Land ziehen, erleben es gerade. Sie haben bisher keinen Hortplatz für ihre schulpflichtige Tochter, obwohl beide Vollzeit und zum Teil im Schichtdienst arbeiten. Ganz praktisch heißt das dann, dass die Kinder um 11 Uhr nach Hause kommen und in die Obhut der Eltern übergeben werden.

Christian: Davor hatten wir unsere Tochter in der Kita, die von der Betreuungsqualität aber leider sehr schlecht war. Wann immer es ging, haben wir bzw. die Großeltern sie mittags abgeholt. Vor Corona nahezu täglich. Während der Pandemie war sie dann ganz zu Hause.

Wie habt ihr eure Woche aufgeteilt?

Katja: Das muss sich jetzt zum Schulbeginn alles neu finden. Christian hat feste Zeiten, wann er in der Schule sein muss. Ich bin da flexibler. Und glücklicherweise haben wir die Großeltern in der Nähe, die unsere Tochter auch gern und oft abholen. Insofern mache ich mir keine Sorgen, dass wir das gut hinkriegen werden. Aber wir merken jetzt schon, dass das mit der Schule eine große Veränderung ist. Man ist einfach nicht mehr so frei!

Organisiert ihr euch spontan oder macht ihr Plan?

Katja: Wir sprechen am Wochenende immer kurz durch, was in der Folgewoche anliegt, wer wann die Betreuung übernimmt und wann wir die Unterstützung der Großeltern brauchen. So organisieren wir uns quasi als „kleine Großfamilie“.

Welche Tools nutzt ihr?

Christian: Da sind wir ganz old school mit Zettel und Stift unterwegs. Mit den Großeltern haben wir eine Signal-Gruppe. Da wir so dicht zusammenwohnen, fahren wir auch oft einfach vorbei und stimmen Dinge persönlich ab.

Würdet ihr sagen, dass die Organisation des Alltags zeitaufwendig ist? 

Katja: Mittlerweile sind wir ziemlich gut eingespielt. Das Einzige, was wir fast nie gut hinkriegen, ist pünktlich zu essen und rechtzeitig ins Bett zu gehen. Das gilt für die Kleinen wie für die Großen. Auch morgens bricht am Ende irgendwie immer Stress aus, weil wir es vorher zu gemütlich angehen lassen.

Christian: Einkaufen ist auch so ein Thema, an dem wir uns abarbeiten. Wir beide mögen es nicht und schieben es bis zum letzten Moment vor uns her. Manchmal steht Oma dann schon mit Suppe und Brot vor der Tür oder wir laden uns dort zum Essen ein. (lacht)

Katja: Wichtige Termine gehen glücklicherweise selten verloren. Da bin ich diejenige, die alles im Blick hat und ziemlich gut organisiert ist.

Habt ihr einzeln Hobbies, oder macht Sport?

Katja: Hobbies habe ich nicht. Ich nehme mir immer „Projektchen“ vor und scheitere regelmäßig daran, sie dann auch zu machen. Etwa mir einen Rucksack nähen, das Zimmer streichen oder mein erstes Aquarellbild malen, mein neuestes Vorhaben. Es liegt schon alles bereit, mal sehen wie lange. Frag mich mal in einem Jahr nochmal!

Christian: Ich fahre Rennrad. Die Zeit nehme ich mir meist am Wochenende morgens oder auch mal nach Feierabend. Wir haben tolle Radwege quasi vor der Tür, sodass es nicht viel Vorbereitung oder einer weiten Anreise bedarf. Ich kann einfach aufsteigen und losfahren. Das macht es niedrigschwellig und leicht umsetzbar.

Was ist mit Paar-Zeit, wann bekommt ihr die unter?

Katja: Das ist tatsächlich das, was immer hinten runterfällt. Leider. Manchmal fahren wir zusammen eine Runde Rennrad. Vor Corona waren wir auch mal im Kino oder Theater. Aber seit Corona ist es noch schwieriger geworden.

Habt ihr Hilfe, also einen Babysitter oder so?

Christian: Unsere größte Hilfe sind die Großeltern. Ohne sie würden wir den Alltag nur schwer gewuppt bekommen. Sie sind fast täglich da. Und auch am Haus helfen sie viel mit, vor allem im Garten. Sonst wären wir schon zugewuchert. Wir haben alle vier in der Nähe, drei von vier sind auch schon in Rente und entsprechend flexibel. Das hilft uns enorm, weil man auch mal spontan sein kann. Erst gestern wieder – Kind krank. Und Opa steht in den Startlöchern. So ein Glück!

Habt ihr das Gefühl, genug Zeit mit eurer Tochter zu verbringen?

Katja: Meistens schon. Natürlich können Kinder ziemlich fordernd sein und wenn es nach ihnen ginge, sollen Mama und Papa am besten gar nicht arbeiten und nur mit ihnen spielen. Vor allem während des Lockdowns war das ein Dauerthema. Wir versuchen, die Wochenenden konsequent für Familienzeit freizuhalten, das geht auch ganz gut. Auch gemeinsames Frühstück und Abendessen ist meistens möglich. Und abends spielen wir immer was zusammen, das ist auch eine schöne Routine. Ich habe nicht das Gefühl, permanent zu wenig Zeit für meine Tochter zu haben. Das sind eher so einzelne Momente, in denen ich sie vermisse, gerade wenn ich viel unterwegs bin.

Christian: Wir bauen immer auch gemeinsame Zeit in den Alltag ein. Das ist für beide Seiten schön. Ich bin sehr dankbar dafür, so intensiv am Leben und Großwerden meiner Tochter teilhaben zu können. Das war in der Generation unserer Eltern noch anders. Diese holen das dafür mit ihren Enkelkindern nach.

Sprechen wir über den Haushalt: wie teilt ihr euch hier auf?

Katja: Schon so grob 50:50. Wir haben eine ziemlich klare Aufgabenverteilung. Je nachdem, was noch so ansteht, kann es auch mal variieren. Aber es ist nicht so, dass eine oder einer dauerhaft viel mehr oder alles macht.

Gibt es Aufgaben, die einer von beiden typischerweise immer übernimmt? 

Christian: Wäsche immer Katja, ich habe alles Bauliche und den Garten fest unter meinen Fittichen.

Und wer hat die Orga, also den Mental Load, in der Hand? 

Katja: 100 Prozent ich. (lacht) Und ich mache das auch einfach so gerne. Wie gesagt: Chefin. Aber wenn es mir zu viel wird, dann werde ich schon auch mal sauer und denke, ich mache zu viel. Aber das stimmt nicht, weil Christian macht ja 100% Haus, das ist immer noch Baustelle und so viel Arbeit. Und wenn er erzählt, was alles ansteht, kann ich nicht mal folgen. Mir fehlt da einfach die Kraft, mich dem noch zu widmen. So haben wir sehr klare Aufgabenverteilung und nach hinten raus ist es dann eben doch fair. Das ist ein 100 Jahre altes Haus, das wird nie fertig! Und wenn es mal fertig ist, dann ist wahrscheinlich das Kind so groß, dass es gar keine Betreuung mehr braucht. (lacht)

Seid ihr beide zufrieden mit eurem Haushaltssystem?

Katja: Mal mehr mal weniger. Immer auch in Abhängigkeit davon, was jeder sonst noch so auf der Liste hat. Wenn die Arbeitsbelastung gerade hoch ist und sich zu Hause die Wäscheberge türmen, werfe ich das Christian schon mal vor, auch wenn es ungerechtfertigt ist. Denn meist ist seine To-Do-Liste auch nicht kürzer.

Christian: Ich fände es schon gut, wenn Katja sich stärker bei baulichen Entscheidungen beteiligen würde. Aber da windet sie sich immer irgendwie raus!

Habt ihr hier Hilfe, eine Putzhilfe zum Beispiel?

Christian: Nein. Im Garten helfen die Großeltern, den Rest machen wir selbst.

Wie habt ihr die Finanzen geregelt?

Katja: Wir haben ein Familienkonto und jeder für sich hat seine bzw. ihre Altersvorsorge. Wenn man ein Haus kauft, sollte man zudem eine Risikolebensversicherung haben, falls einem was passiert. Die haben wir auch.

Wie seid ihr selbst aufgewachsen? Mit zwei arbeitenden Eltern, oder nicht?

Christian: Ja, sowohl meine als auch Katjas Eltern haben immer Vollzeit gearbeitet. Wir kennen es nicht anders.

Findet ihr euer System gerecht, seid ihr glücklich damit?

Katja: Ich mag unser System, weil es darauf aufbaut, dass jeder das trägt, was er oder sie schultern kann. Im Zweifel auch mal mehr als der oder die andere, wenn es die aktuelle Lebens- oder Arbeitssituation erfordert. Als ich mich selbstständig gemacht habe, hat Christian mich mit durchgefüttert. Umgekehrt würde ich es genauso tun.

Christian: Finanzielle Unabhängigkeit ist uns beiden immer wichtig gewesen. Wenn man dann zusammen eine Immobilie kauft, bindet man sich natürlich auch finanziell stärker aneinander. Aber das war uns bewusst und da können wir beide gut mit leben.

Was würdet ihr euch vom Staat, von eurem Umfeld, etc. wünschen?

Katja: Dass es flächendeckend qualitativ gute und zeitgemäße Bildungs- und Betreuungsangebote gibt, und zwar für alle Familien. Wie viel Energie man darauf verwendet, sich um die Kinder zu sorgen bzw. Verpasstes auszugleichen, OBWOHL sie in der Kita oder Schule sind, ist schon beachtlich. Das fängt beim Betreuungsschlüssel an und endet beim Schulessen. Von digitaler Bildung brauche ich gar nicht erst anfangen.

Christian: Ich denke, auch Schule kann und muss flexibler werden – bei den Inhalten, aber auch bei den Lern- und Arbeitsumfeldern. Davon würden alle profitieren, die Kinder wie die Lehrenden und ihre Familien. Und ich würde mir wünschen, dass es auch für Familien mit unverheirateten Elternteilen Entlastungen gibt, so wie aktuell nur Verheiratete sie bekommen.

Was kommt immer zu kurz?

Christian: Auf das zu schauen, was wir alles geschafft haben, statt auf das, was noch alles zu tun ist.

Und was klappt aber eigentlich ziemlich gut?

Katja: Als Familie eine gute Zeit zu haben, wenn wir es schaffen, alles andere einfach mal liegen zu lassen.

Was stresst euch im Alltag am meisten?

Katja: Bürokratie. Schlimmer noch: sinnlose Bürokratie. Da kriege ich jedes Mal eine Krise.

Christian: Ich kann Fremdbestimmung manchmal schlecht aushalten.

Und was macht am meisten Freude?

Katja: Nach einem guten Arbeitstag abends mit der Family im Garten sitzen, über den Tag erzählen und gemeinsam Karten spielen.

Christian: Da schließe ich mich an.

Danke, ihr beiden!

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