Yay or Nay – Schnuller antrainieren

22. August 2017 | in Familie | Parenting

Der Schnuller. In einigen Gesellschaften verpöhnt (England!) in anderen nicht wegzudenken, ständig und gefühlt bei den meisten Kindern bis ins Grundschulalter im Einsatz (USA, Frankreich). In Deutschland geht es – ausnahmsweise – liberaler zu. Man darf die Kinder nuckeln lassen, ab einem gewissen Alter wird das aber nicht mehr so gerne gesehen, die Zähne und so. Und es gibt schon durchaus Stimmen, die den Schnuller eher kritisch sehen. Fakt ist auch: der Schnuller wird immer antrainiert. Die wenigsten Babys bekommen einen in den Mund geschoben und nuckeln sich gleich fest. Ist das in Ordnung? Soll/Darf/Kann man seine Kinder damit “ruhig stellen”?

Und was ist mit dem Abgewöhnen, wann ist dafür ein guter Zeitpunkt oder sollte man den Schnuller einfach so lange lassen, bis sich das Thema von selbst erledigt hat? Es gibt mal wieder kein Falsch oder Richtig, denken wir. Wohl aber verschiedene Meinungen. Ich übernehme den YAY Part, denn ich habe beiden Kindern den Schnuller bewusst antrainiert (und ein Mal auch schon wieder abgewöhnt). Den NAY-Part übernimmt Mirna Funk, die ihr ja schon kennt. Sie ist Autorin und Journalistin und sieht das mit dem Schnuller ganz anders.

Los geht’s:

YAY:

Ich habe beiden Kindern den Schnuller regelrecht antrainiert. Und zwar auch schon früher als empfohlen. Der Grund? Ich hatte sehr sehr unruhige Kinder, das zweite war sogar ein richtiges Schreibaby. Und meine Babys haben sich beide nicht gut an der Brust beruhigt. Ich brauchte also einen anderen Helfer, sonst wäre ich durchgedreht. Beide haben den Schnuller irgendwann akzeptiert und was war ich froh! Ich musste meine beiden Schreimäuschen oft lange in der Trage schunkeln, bis sie einschliefen – mit Schnuller wohlgemerkt. Ich will nicht wissen, wie lange es ohne gedauert hätte. Ich habe den Kindern nicht in jeder freien Minute den Schnuller in den Mund gesteckt, aber wenn sie müde, unruhig, kuschelig waren, im Auto oder wenn es eine doofe Warte-Situation gab – dann gehörte der Schnuller eben dazu und er erleichterte vieles. Während Xaver irgendwann ein totales Schnuller-Kind mit viel Saugbedürfnis war, ist seine Schwester mittlerweile so eine ausgeglichene Seele, dass sie den Schnuller wirklich nur zum Schlafen nimmt. Wäre sie von Anfang an so gewesen, hätte ich vielleicht keinen gebraucht. Es kommt also auch immer aufs Kind an. Und ich finde, frische Mamas haben es eh schon so schwer – ein Baby haben ist einfach oft sehr sehr anstrengend. Wenn es dann irgendetwas gibt, was das Leben einfacher macht und dem Baby nicht schadet – her damit! Ich verurteile keine Mutter, die im Bus ins Handy starrt und das Kind schnullert nebenbei und schaut ihr zu. Vielleicht hatte sie einen langen Tag und braucht einfach mal Ruhe. Vielleicht hat sie das Kind davor intensiv bespaßt und will jetzt mal browsen. Vielleicht ist ihre Oma gestorben und sie benötigt eine ruhige Minute, um Mails zu beantworten. Es ist immer zu einfach und oft unfair, wenn wir solche Situationen schnell bewerten.

Wie bei Nummer eins, werde ich auch Nummer zwei irgendwann wieder vom Schnuller “entwöhnen”, bei Xaver war das kurz vor seinem dritten Geburtstag, er trug es mit Fassung und wollte das Schnullerfee-Geschenk eben auch auf keinen Fall mehr abgeben. Ich habe vollstes Verständnis, wenn man den Kleinen den Schnuller lässt, aber ab einem gewissen Alter wird das Abgewöhnen oft wirklich schwierig. Und komisch aussehen tut es auch, finde ich zumindest. Bei uns also ein klares YAY zum Schnuller, aber mit der Einschränkung, dass er auch irgendwann wieder verschwinden muss.

NAY:

Viel zu häufig höre und lese ich: Mein Kind ist schnullersüchtig. Wie gewöhne ich ihm das nur ab? Oder ich laufe durch Berlin und sehe Dreijährige, die weder lachen noch sprechen können, weil sie auf diesem merkwürdigen und sinnlosen Stück Kautschuk rumknabbern. Ich habe Etta von Beginn an keinen Schnuller gegeben. Ich wollte auf ihre Bedürfnisse eingehen. Wenn sie unruhig wurde oder schrie, dann wollte sie mir damit etwas sagen. „Mama, ich habe Hunger oder ich bin müde oder ich brauche Nähe oder mir ist langweilig.” Mehr Bedürfnisse hat so ein Baby in den ersten sechs Monaten ja nicht. Auf diese Bedürfnisse mit einem Stöpsel zu reagieren, kam mir nie in den Sinn. Ich wollte sie erfüllen, weil das meine Aufgabe als Mutter ist.
Als Etta dann sechs Monate wurde, nahm sie alles in den Mund, was sie auf dem Boden finden konnte, und fremde Frauen auf dem Spielplatz rieten mir ständig, gib ihr einen Schnuller! Und ich antwortete nur, „Etta will nicht, dass ich ihr den Mund zustöpsel, sondern sie will die Welt entdecken!“ Das machen Babys nämlich mit nichts anderem als dem Mund. Solange eben bis ihr Tast-, Seh- und Hörsinn so gut ausgebildet ist wie ihr Geschmackssinn. Wenn man diesen natürlichen Drang, Dinge in den Mund zu nehmen, hemmt, dann hemmt man die Beziehung des Kindes zu seiner Umwelt.

Fragt euch also von Beginn an, warum ihr den Nuckel einsetzt. Das Saugbedürfnis wird schließlich durchs Trinken an der Brust oder der Flasche erfüllt. Unruhe, Quengeln, Meckern, Schreien und Nein-Sagen ist nichts weiter als Kommunikation. Denn solange das Kind nicht sprechen kann, sind diese Laute und Reaktionen sein einziges Medium, um in Kontakt mit seiner Umwelt zu treten. Ist es nicht traurig, diesen Versuch in Beziehung zu treten, zu unterdrücken?

Wir haltet ihr es mit dem Schnuller? YAY or NAY?

Mehr von Mirna findet ihr übrigens auch hier und auf Instagram
Foto: Les Anderson

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