Malin Elmlid: “Es gibt so viele Wege, wie es Eltern gibt!”

Malin ist eine dieser Frauen, die ich schon immer faszinierend fand: eine blonde, hochgewachsene Schwedin, die lange in der Modebranche gearbeitet hat, bis sie ihre Liebe zu Sauerteigbrot und zum Tauschen entdeckte, und das einfach mal zu ihrem zweiten Beruf gemacht hat: The Bread Exchange ist das Ergebnis, und es ist eine wundervolle Sache. Als Malin Mutter wurde, hat sie angefangen, sich noch ganz andere Fragen zu stellen. Das hat sicher mit ihrer Herkunft zu tun, aber eben auch damit, dass Malin das Leben – ihr Leben liebt – und durchaus Bedenken hatte, wie das werden sollte mit Kind. Natürlich wurde alles gut: Malin macht (fast so) weiter wie zuor, und hat nun über all ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben: Mein persönlicher Mutterpass. Ein Buch, in dem es mal wirklich fast nur um die Eltern geht, nicht um die Babys. Ein Buch, in dem Themen wie Gleichberechtigung, Schwangerschaft, Sex und Mutteridentität angesprochen werden.

Malin hat viele Eltern und Fachleute interviewt für dieses Buch, verrät aber auch einiges aus ihrem privaten Leben. Es ist ein tolles Buch geworden, finde ich. Eines, das ich allen (werdenden) Eltern ans Herz lege. Denn es zeigt das Elternwerden auf eine wunderbar ehrliche Art, macht aber trotzdem keine Angst, im Gegenteil! Vor ein paar Wochen saß ich bei strahlendem Sonnenschein mit Malin im Café und wir haben über das Buch gesprochen. Das Ergebnis lest ihr hier:

Liebe Malin, dein Buch hat mich an vielen Stellen total abgeholt. Ich dachte: das wollte ich schon immer mal lesen. Ist es eigentlich ein Schwangerschaftsbuch, oder war es so geplant?

Eigentlich ist es eher ein Buch über das Eltern werden, ohne sich selbst zu verlieren. Aber mir ist dann aufgefallen, dass es so viele Themen gibt, bei denen es gut ist, wenn man sie schon in der Schwangerschaft bespricht. Dazu gehören Themen wie Sex, Geld, die Rolle des Vaters, das neue Körpergefühl nach der Geburt. Und vor allem, wenn man das Ideal „Gleichberechtigung“ richtig findet, ist es gut, dass in der Schwangerschaft schon zu besprechen. Das macht es einfach leichter! Ich hatte zum Beispiel so Angst, dass ich in die typische Rollenverteilung rutschen würde. Für meine Beziehung ist das einfach total wichtig. Ich wollte nie unbedingt Kinder haben, aber ich wäre auch keine gute Mutter, wenn ich nicht glücklich wäre. Und zum glücklich sein gehört für mich eben die Arbeit.

In meinem Freundeskreis habe ich oft beobachtet: wenn diese Dinge nicht besprochen wurden, dann schlich sich schnell eine klassische Rollenverteilung ein, einfach weil es das System ja auch immer noch so vorsieht. Und weil die Gesellschaft es erwartet: Die Kita erwartet, dass du als Eltern teilnimmst, und meistens ist es die Mutter – und so weiter. Sich darüber bewusst zu sein, dass es so ist, dass es auch okay ist, dass es aber nicht so sein muss, ist gut und wichtig. Auch schon in der Schwangerschaft! Oft kriselte es am Ende bei meinen Freunden wegen vieler unausgesprochener Erwartungen, auch an die Beziehung. Mit Kindern kommen immer wieder Herausforderungen, aber es ist so viel einfacher, wenn man weiß: das ist unser Ziel. Auch wenn man den Kompass immer wieder neu stellen muss. Dann ist man sich wenigsten immer darüber klar, dass einer von beiden nicht glücklich sein könnte.

Es macht eine Riesenunterschied, ob beide im Boot sind und ob vorher klare Wünsche geäußert wurden. So kann man nicht im Nachhinein sagen: „wir konnten nicht anders“. Natürlich kann man die Pläne immer wieder umwerfen, oder neu gestalten – aber eben gemeinsam. Ich persönlich habe außerdem am meisten und am liebsten gelesen, als ich schwanger war. Ich bin kein Fan von klassischen „Ratgebern“, ich würde mein Buch auch nie so nennen. Aber wenn man schwanger ist, hat man Zeit, und man ist empfänglich. Insofern denke ich, es tut sicher vielen gut, das Buch schon in der Schwangerschaft zu lesen.

Dein Fokus liegt außerdem zu 100% auf der Mutter, nicht auf dem Kind. Es geht eigentlich fast gar nicht um die Babys in dem Buch, das fand ich irre erfrischend.

Ja, oder? Mir hat das einfach gefehlt im Buchregal, aber auch im allgemeinen Tenor. Als ich schwanger war, ist mir immer wieder aufgefallen, dass es ständig um das Baby ging und dass die Mutterrolle auch immer sehr glorifiziert wurde. Alle diese Bücher haben natürlich ihre Berechtigung. Aber die großen Fragen, die ich mir gestellt habe, wurden nicht beantwortet.

Wolltest du Ängste nehmen?

Auch. Aber es ging mir vor allem darum zu zeigen, dass wir nie alleine mit unseren Gedanken und Gefühlen sind. Ich wollte Dinge ansprechen, die zu wenig angesprochen werden. Und es geht darum, seine Themen in die Hand zu nehmen. Dann muss man auch keine Angst haben.

Wo wir unter anderem wieder beim Thema Gleichberechtigung wären. Dass dir das so wichtig ist, liegt sicher auch daran, dass du Schwedin bist, oder?

Ja, aber nicht nur. Meine deutschen Freundinnen haben das auch fast alle. Aber die Bedingungen sind hier eben anders. Als ich damals nach Deutschland kam, war Kinder bekommen keine Frage für mich – ich wollte keine und das hatte unter anderem damit zu tun, dass es in Deutschland so unglaublich schwer erschien, welche zu bekommen. Damals gab es noch keine Elternzeit für Väter, flexible Kita-Betreuung für Kinder unter drei war nicht flächendeckend vorhanden. Unter diesen Voraussetzungen konnte ich einfach nicht sehen, wie es für mich möglich sein sollte, Beruf und Familie erfolgreich zu kombinieren. Es hat sich so viel zum Positiven verändert, seit ich hier lebe!

Mir ist es ganz wichtig, nicht über Deutschland zu schimpfen, ich liebe dieses Land, es ist mittlerweile meine Heimat, vieles läuft hier sogar besser als in Schweden – und auch in Sachen Gleichberechtigung hat sich in den letzten Jahren unglaublich viel getan. In Schweden ist es aber immer noch anders.

Erzähl mal…

Es gibt grundlegende Unterschiede, schon in der Mentalität. Das ganze schwedische System basiert seit den siebziger Jahren auf der Grundannahme: wenn du Kinder hast, willst du Zeit mit ihnen verbringen. Egal, ob du der Vater oder die Mutter bist. Es wurde für Väter leichter gemacht, Zeit mit der Familie zu haben, und für Frauen gab es mehr Unterstützung, um weiter erfolgreich im Beruf sein zu können.

In Deutschland wird viel über die Rechte von Frauen gesprochen, und nicht so viel darüber, dass es nicht realistisch ist, dass Männer so viel arbeiten und wenig Zeit bei der Familie verbringen. Den Begriff „Rabenvater“ gibt es irgendwie nicht…

Ich bin da sehr schwedisch: ich gehe einfach davon aus, dass Frauen UND Männer mit ihren Kindern sein wollen. Deshalb geht es mir auch so sehr um die Väter, denn wenn die Männer ihr Recht auf Zeit mit der Familie stärker einfordern würden, dann würde sich automatisch strukturell etwas ändern. Wenn Männer mehr zuhause bleiben könnten, wenn die Kinder krank sind, dann wäre es auch kein „Risiko“ mehr, eine Frau einzustellen.

Es wird sich also nichts verändern, wenn die Männer sich nicht ändern! Ich finde aber – wie gesagt – dass sich gerade total viel bewegt, dass eine ganz neue Vätergeneration heranwächst. Jetzt müssen nur noch die Unternehmen reagieren.

Deshalb gibt es ein ganzes Kapitel für die Papas…

Ja, ich finde, es geht nur zu zweit. Also natürlich geht es auch alleine, ich kenne auch einige, die es von Anfang an ohne Partner gemacht haben. Aber wenn man einen Partner hat, dann sind beide gleichwertig. Männer wollen ja ganz genauso Kinder haben wie Frauen, sie haben ein Recht darauf und sie sollen nicht zu kurz kommen. Weder im echten Leben, noch in der Literatur. Wir hatten zum Glück eine Hebamme, die darauf total geachtet hat, dass der Mann genauso seine Aufgaben und Rechte und Pflichten hat. Sie sind einfach genauso wichtig.

Und auch da ist die Grundeinstellung schon anders in Schweden und das sage ich wieder, ohne es bewerten zu wollen. Es ist einfach selbstverständlicher, dass Väter Elternzeit nehmen, dass sie genauso engagiert sind. Sie werden genauso ernst genommen!

Schweden hat natürlich auch eine ganz andere Geschichte und konnte diese Themen viel früher angehen. Mein Vater war schon in den Achtzigern immer zu hause mit mir. Ich bin so aufgewachsen, deswegen gibt es die Alternative, dass der Vater nicht involviert ist, für mich gar nicht. In Deutschland sind solche Väter-Vorbilder in der alten Generation noch selten, die meisten Eltern heute sind mit einem Vater aufgewachsen, der kaum zuhause war. Aber ich finde, dass Männer das Recht und die Möglichkeit haben sollten, zu entscheiden, welcher Vater sie sein wollen. Und das hat nichts mit der Mutterrolle zu tun, das ist völlig unabhängig davon.

Das ist auch schon das nächste, große Thema: die Mutterrolle, die neue Identität. Viele Frauen hadern damit nach der Geburt des ersten Kindes. Ich fand es so schön, dass du sagst: „Hätte mir mal jemand gesagt, dass ich einfach nur ich sein muss, auf mich hören und dass dann schon alles gut wird. Ich hätte mir so viele Sorgen sparen können.“ So ist es doch! Man muss sich überhaupt nicht verbiegen!

So ist es. Wenn alle zu mir gesagt haben: aber das viele Reisen, und dass du schon so früh so viel machst. Das ist doch zu viel für das Kind! Dann habe ich geantwortet: aber so bin ich. Das ist mein Leben. Und ich will meinen Sohn von Anfang an mitnehmen in meinem Leben. Ich bin nicht der Typ, der wochenlang zuhause bleibt. Ich hätte das Gefühl gehabt, dass ich ihm etwas vorgaukele. Das heißt aber nicht, dass es jeder so machen muss. Jede Mutter ist ja anders! Ich habe zum Beispiel eine Freundin in Stockholm, die stresst es, wenn sie mit dem Baby unterwegs ist, vor allem wegen des Stillens. Sie will zuhause sein.

Wir sind einfach alle verschieden und viele Wege führen zum Ziel. Es gibt so viele Wege, wie es Eltern gibt.

Du bist die beste Mutter, genauso wie du bist. Du musst nicht anders werden. Klar solltest du dein Kind lieben, auf seine Bedürfnisse achten – aber warum wird das überhaupt in Frage gestellt, das ist doch selbstverständlich.

Bei der Geburt  war mir das noch nicht bewusst, dass es am Ende nur um uns geht. Man kann kein Buch lesen, wie man sein sollte. Man kann mit dem, was man hat und wie man ist arbeiten und sich auch trauen, das genauso zu tun. Und andere zu stärken, die das tun, was sich für sie gut anfühlt. Wir können uns ruhig öfter sagen: „du machst das gut. Da hast du toll reagiert.“ Sich einfach gegenseitig unterstützen.

Das gilt unter Freunden aber auch in der Partnerschaft. Mein Mann ist zum Beispiel viel sicherer, viel natürlicher mit vielem. Er ist eigentlich der „Mütterlichere“ von uns beiden, wenn man so will.

Das ist übrigens gar nicht so selten: Bei einigen Familien, die ich interviewt habe, war es so, dass die Männer nach der Geburt schneller waren mit der Bindung. Sie haben weniger mit sich selbst zu kämpfen, weniger Hormone, der Körper hat nichts mitgemacht. Man darf hier nicht generalisieren. Aber jeder Weg ist erlaubt, wenn er sich für alle gut anfühlt.

 

Gibt es eine Haupt-Message die du gerne weitergeben würdest?

Ja, eben das, was ich gerade schon angesprochen habe: Wie wir uns gegenseitig behandeln. Uns als Partner, als Arbeitskollegen, als Freunde und Bekannte. Wenn wir milder und großzügiger miteinander wären, dann würde sich auch niemand mehr beschweren.

Das ist eine Sache, die wir easy ändern können: wir können einfach lockerer zu sein und versuchen, nicht zu urteilen. Es ist ja auch schön, dass wir in Deutschland so viele Wahlfreiheiten haben, also lassen wir doch jeder Familie ihren Weg.

Es geht nicht darum, dass alle den gleichen Weg gehen. Oder dass alle Karriere machen müssen. Wenn ich Karriere sage, dann meine ich auch meistens gar nicht „Karriere“, ich meine einfach arbeiten, eigenes Geld verdienen.

Wir müssen Systeme haben, in denen Menschen die arbeiten wollen es auch tun können. Es kann nicht sein, dass man davon abhängig ist, dass Familie da ist. Die Betreuung muss gut sein, niemand braucht Yoga oder eine Fremdsprache, aber einen anständigen Betreuungs-Schlüssel, gutes Personal, das fair bezahlt wird – sodass wir Eltern mit gutem Gewissen zur Arbeit gehen können. Hier muss sich strukturell noch viel tun, aber wir können alle im Kleinen auch an uns arbeiten.

Und wie gesagt: ich denke, wir sind da auf einem guten Weg!

Danke, Malin!

Das Buch könnt ihr hier kaufen (oder beim Buchhändler).

Und ihr könnt Malin natürlich auch auf Instagram folgen!

Fotos: Ailien Liefeld, Marie Constantinesco

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