Hilfe Kita-Not! Über die Kindertages- und verbundpflege als Alternative

26. May 2017 | in Alltag | Familie | Gesellschaft

Mein Sohn geht, seitdem er ein Baby ist, in eine Kindertagespflege und ich könnte nicht glücklicher über diese Entscheidung sein (obwohl ich eigentlich nicht wirklich viel Entscheidungsfreiheit hatte, denn ich wurde bei den meisten Kitas sowieso abgewiesen). Er wird in einer Gruppe von zehn Kindern von zwei, oft sogar drei Personen betreut. Fluktuation gibt es kaum, auch nicht bei den Kindern. Für ihn ist diese Gruppe wie eine Familie.

Die meisten Kinder kennt er, gefühlt für ihn, seit immer. Ich weiß, dass mein Sohn dort sehr gut aufgehoben ist. Ich weiß, dass es dort zwei Erzieherinnen gibt, die meinen Sohn seit vielen Jahren jeden Tag erleben und ihn deshalb sehr gut kennen. Er erfährt eine warmherzige, individuelle Betreuung. Die anderen Kinder dort, sind fast wie Geschwister für ihn. Besonders seitdem er im Wechselmodell lebt, ist die Betreuung dort für ihn unglaublich wichtig geworden: Sie gibt ihm Struktur und Stabilität, auch wenn er immer zwischen Mama und Papa wechseln muss, was ihm zuweilen schwer fällt.

Ich weiß aber auch, wie viel Glück ich damit hatte! Immer wieder höre ich von Bekannten, wie schwierig es ist, einen Kita-Platz zu bekommen. Und wenn sie einen haben, höre ich von überforderten Erzieherin und riesigen Gruppen (auch Katharina hat über ihre Erfahrungen darüber geschrieben). Und spätestens nachdem das Bild der in der Schlange stehenden Eltern in Leipzig durch die Medien geflattert ist, kommt es nun – hoffentlich- überall an: Wir haben einen akutes Betreuungsproblem! Und das bedeutet nicht nur, dass einige Eltern länger in Elternzeit gehen müssen, sondern wie Edition F so passend schreibt, dass es Familien gibt, deren Existenz dadurch bedroht ist. Eigentlich kann man sich gar nicht vorstellen, dass Deutschland, reich und entwickelt, mit einer so essenziellen Angelegenheit Probleme hat; sich um die eigene Zukunft kümmern. Unterbezahlte Erzieher_innen, Betreuungsschlüssel, die eine Mogelpackung sind oder eben gar keine Betreuung – es muss etwas getan werden.

Kindertagespflege und Tagesverbundpflege – der Unterschied

Für uns ist die Verbundpflege eine echte Alternative zum Kita-Chaos. Eine der vielen Vorteile, die ich schätzen gelernt habe, sind kleine Gruppen, individuelle Absprachen und die Möglichkeit auf besondere Bedürfnisse der Kinder einzugehen. Besonders für Kinder, die vielleicht etwas mehr Zuwendung brauchen und spezielle Bedürfnisse haben, ist eine Tagesmutter oder -vater, oder eine Verbundpflege, geeignet (hier bekommen Tagespfleger meist auch einen erhöhten Förderbedarf vom Amt gestattet). Der Unterschied zwischen Kindertagespflege bei einem Tagespfleger und einer Tagesverbundpflege ist, dass bei einer Verbundpflege zwei ausgebildete Erzieherinnen bis zu zehn Kinder betreuen (deshalb “Verbund-“), meist in angemieteten Räumlichkeiten. Mein Sohn geht zu einer Verbundpflege, ich nenne es meist “Mini-Kita”. Dort kann Junio bis zur Schulzeit bleiben, denn er wird dort nach dem Berliner Bildungsprogramm auf die Schule vorbereitet. Die Betreuung in einer Kindertagespflege ist etwas anders organisiert: Die Tagesmutter/-vater betreut in der eigenen Wohnung fünf Kinder und hat keine Erzieherausbildung. In den letzten Jahren gab es so manche Kritik, dass hier aus Kitaplatzmangel im Schnellverfahren Betreuungsplätze geschaffen werden – und damit die Qualität der Betreuung leidet. Es ist allerdings längst nicht mehr so, dass man nach einem kurzen Wochenendkurs eine Kindertagespflege aufmachen kann. Mindestens 160 Stunden Unterricht müssen absolviert werden, die vom Bund gefördert werden (ein erweitertes Führungszeugnis eingeschlossen).

Ich glaube allerdings sehr an die Tagesverbundstätten, denn sie haben den großen Vorteil, dass die Gruppen sehr überschaubar sind und dadurch eine familiäre Atmosphäre entsteht und sie dennoch nicht zu klein sind, um auf die Schule vorzubereiten. Zudem gibt es zwar zwei Erzieher_innen, aber meist noch Praktikanten oder andere Helfende, wodurch Ausfälle durch Erkrankung oder Weiterbildung in unserem Fall gut kompensiert werden können. Bei uns ist es sogar so, dass es keine Schließzeiten gibt und wir nicht drei Wochen im Sommer ohne Kita dastehen. Luxus! Die Gruppe fährt außerdem einmal im Jahr auf Kita-Fahrt und unternimmt viele schöne Ausflüge, die mit den Eltern organisiert werden. Ihr merkt schon, ich bin einigermaßen begeistert. Vielleicht auch ein Glücksfall, denn es gibt natürlich auch Fälle, besonders bei Tagesmüttern, bei denen Urlaub genommen werden muss oder die Abholzeiten unveränderlich bei 15 Uhr blieben. Trotzdem gibt es viele Vorteile und gerade im heutigen Kitaplatzmangel frage ich mich, warum es nicht mehr davon gibt. Ja, warum denn nicht?

Raummangel und Unentschlossenheit als Hindernis

In meiner Recherche habe ich mich zum Beispiel mit Erzieherinnen unterhalten, die gern eine Verbundpflege eröffnen würden. Und bin dabei auf Problem Nummer Eins gestoßen: Raummangel. Es ist leider sehr schwer in den Ballungszentren der Stadt (und genau da werden Betreuungsplätze gebraucht!) einen Vermieter zu finden, der sich auf Kinder einlässt bzw. meist sind die Mieten schlichtweg viel zu teuer, dieses Problem kennen Elterninitiativen bestimmt auch. Problem Nummer Zwei ist ein überfordertes Jugendamt, wenig etablierte Strukturen für das Konzept Tagesverbundpflege und Richtlinien, die sehr unterschiedlich ausgelegt werden können. Generell gibt es, wir Berliner kennen das ja mit den Ämtern schon gut, zu wenig Personal mit wenigem Wille Verantwortung zu übernehmen und noch weniger Zeit. Problem Nummer Drei: Qualifiziertes Personal! Denn so eine Erzieherinnenausbildung macht man nicht nebenbei, die Durchfallquote bei der “Nicht-Schüler-Prüfung” (d.h. man lernt selbst, neben der Arbeit) liegt bei ca. 86% Prozent und kann nicht beliebig wiederholt werden. Zudem muss man auch unternehmerischen Geist besitzen und Lust darauf haben – denn Kochen, Putzen, Erledigungen, Praktikanten etc. muss selbst organisiert werden.

Wie wichtig es ist, dass klare Strukturen geschaffen werden, dass es mehr Personal gibt und dass diese Option der Kinderbetreuung mehr ausgebaut wird, zeigt sich an der Bewerbungsquote: Allein bei der Verbundpflege meines Sohnes haben sich im letzten Monat knapp 50 Eltern gemeldet, die einen Betreuungsplatz suchen. Viele Eltern machten wohl einen verzweifelten Eindruck und wollen sich nun zusammen tun, um beim Amt vorzusprechen, aktiv selbst nach Räumlichkeiten zu suchen um eine neue Verbundstätte möglich zu machen.

Es gibt mit Sicherheit Kitas da draußen die ganz toll sind, Elterninitiativen die gut laufen, aber eben leider nicht genug davon. Für uns ist die Tagesverbundpflege eine tolle Option. Was habt ihr für Erfahrungen gemacht?

 

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