Gute Kitas, schlechte Kitas

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Um das mal direkt eingangs zu sagen: dieser Post versteht sich nicht als pauschales Kita-Bashing. Auch nicht als Grundsatzkritik, dass man Kinder doch auf gar keinen Fall unter einem gewissen Alter in die Fremdbetreuung geben darf wegen all des Stresses oder irgendwie so. Wie das so häufig in Mummywar-Kreisen debattiert wird. Ich habe in meinem Bekannten- und Freundeskreis alles an Betreuungsmodellen erlebt. Von Kindern, die bereits mit vier Monaten hier und da fremd betreut wurden bis hin zu Kindern, die erst sehr spät und nur für wenige Stunden in den Kindergarten gegangen sind. Und alle sind damit gut gefahren. Weil es in das Leben der jeweiligen Familie gut gepasst hat und es nie Entscheidungen aus Mangel an Alternativen, stattdessen selbstbestimmte und gut überdachte Entscheidungen waren.

Wir haben ein Schweineglück, dass die Betreuungssituation hierzulande auf einem anständigen Grundniveau angelegt ist. Und speziell von Berlin spreche ich ja immer wieder von der Insel der Glückseligen. Was ist uns doch heute schon alles möglich! Blickt man nur eine Generation zurück, sieht es im Vergleich richtig düster aus. Wenn meine Mutter etwa von damals erzählt: gruselig!

Manchmal werden immer noch 18 Kinder von einer Pädagogin betreut

Nichtsdestotrotz: Auch ein durchschnittlich hohes Niveau in der Betreuung unserer Kinder verhindert nicht, dass es hier und da problematisch ist: Dass Eltern der Umgangston in der Kita bitter aufstößt, dass schüchterne Kinder im lauten Kita-Gewusel mit ihren Bedürfnissen untergehen, dass der Betreuungsschlüssel vielfach schlicht zu groß angelegt ist.

In einem Interview des ARD-Morgenmagazins mit unserer Familienministerin Manuela Schwesig aus dem vergangenen Sommer hieß es gar, in Mecklenburg-Vorpommern kämen zuweilen immer noch 18 Kinder auf eine Erzieherin. Wer schon einmal eine Kita von innen gesehen hat, kann sich ungefähr vorstellen, was das heißen muss. Für Kinder wie für deren Erzieher ebenso.

Oft keine substanziellen Sorgen, aber hier und da Bauchschmerzen

Ich glaube, in meinem Bekannten- und Freundeskreis gibt es keine Familie, in deren Kita substantiell etwas daneben läuft oder Dinge passieren, die als überhaupt nicht hinnehmbar erlebt werden. Aber es gibt durchaus eine Reihe an Freunden, die hier und da Bauchschmerzen haben. Meist, weil sie nicht nur Dinge feststellen, sondern vor allem, weil sie den Eindruck haben, damit nicht bei den Erziehern oder der Kita-Leitung durchzudringen. Weil es entweder nicht interessiert oder schlicht keine Zeit, kein Raum gegeben ist, die Dinge anders zu handhaben. Zuweilen geht das so weit, dass der eine oder andere in meinem Umfeld schon darüber nachgedacht hat, ob es nicht besser wäre, die Kita zu wechseln. Machen die meisten dann doch nicht. Oft hängt das wiederum eher mit den Kitaplatz-Kapazitäten zusammen: Hier in Berlin liegen die Kita-Plätze dann ja doch nicht und trotz massiven Ausbaus auf der Straße. Vor allem nicht in Pregnancy Hill, dem Mekka der zugezogenen Schwaben-Mütter, wie der eine oder andere meinen Kiez Prenzlauer Berg aufspießt.

Julius hat bereits einmal die Kita gewechselt. Das hängt in unserem Fall nicht damit zusammen, dass wir mit den Erziehern nicht zufrieden gewesen wären. Im Gegenteil. Ich glaube, ich kann für seinen Vater ebenso wie für mich sprechen, wenn ich sage, dass wir uns in der alten Kita sehr wohl gefühlt haben, dass wir immer ein gutes Gefühl hatten, wenn wir Julius dort ließen. Insbesondere um seine direkte Bezugserzieherin war ich sehr dankbar, weil sie auf so eine unmittelbare, optimistische und intuitive, sehr warme Art und Weise mit den Kindern umging. Aber es half nichts: Irgendwann wurden die Räumlichkeiten der Kita ohne Garten für ein Kind unter andauerndem Bewegungsdrang zu klein, vor allem zerrten aber die Wege sehr an unseren Nerven: Wir fuhren jeden Tag morgens wie nachmittags inmitten der Rush Hour in den Öffis 40 Minuten zur Kita. Vor allem am Nachmittag sehnte ich mich zunehmend nach schnellen Wegen. Ich habe am allerletzten Tag in der Garderobe wiewohl sehr mit mir kämpfen müssen, nicht richtig übel zu heulen, als es galt, uns zu verabschieden. Und noch heute bin ich manchmal wehmütig.

Die neue Kita liegt nun direkt ums Eck. Wenn Julius mir morgens vorwirft, wir hätten die Zeit verloren, weil ich zu lange geduscht hätte, ist das nicht weiter tragisch: wir brauchen zu Fuß nur 5 Minuten bis zu den Kita-Pforten. Die neue Kita ist in einem sehr weitläufigen großen Altbau untergebracht, die Kinder dürfen sich darin nach ihren eigenen Interessen frei in den Räumen bewegen, es gibt einen Hinterhof und überall Spielplätze, sowie eine Stadtbibliothek und Turnhalle in der direkten Nachbarschaft. So weit, so gut.

Neue Kita, neue Bedingungen

Im Unterschied zur alten Kita ist es nun aber so, dass ich Julius morgens manchmal mit Bauchschmerzen abgebe. Vor allem an Tagen, an denen er mit dem falschen Bein aufgestanden ist, ich nicht ausschließen kann, dass er vielleicht hier und da Trost oder eines freundlichen Wortes bedarf. Ob er letzteres erfährt, bin ich mir zuweilen nicht immer sicher. Es gibt da vor allem diese eine Erzieherin, die ich gerne den deutschen Panzer nenne, weil sie über die Emotionen der Kinder hinwegzurollen scheint. Da fallen regelmäßig Sätze wie „jetzt ist aber auch mal gut“, wenn ein Kind weint; werden wir häufig nicht oder nur sehr verhalten begrüßt, wenn wir morgens ankommen. Es ist auch so, dass ich Kinder schon bitterlich weinen und nach ihrer Mama rufen habe sehen, ohne, dass sich ihrer jemand angenommen gefühlt hätte – zumindest während der Minuten, die ich Julius abgegeben oder abgeholt habe.

Erst kürzlich bin ich auf ein kleines Mädchen zugegangen, das im Flur der Kita weinend vor mir und Julius stand. Ich bin mir in solchen Situationen sehr unsicher, ob ich Grenzen überschreite, wenn ich einem fremden Kind Hilfe anbiete. Aber ich kann auch nicht anders, weil mich diese kleinen erschütterten Wesen zu sehr berühren, ich mir immer vorstelle, dass es auch Julius sein könnte. Ich hole dann zumindest eine Erzieherin ran, von der ich ansonsten nicht sicher wäre, wann sie alleine davon mitbekommen würde. Und wir sprechen hier nicht von zwei Erziehern inmitten tobender und tosender Kindermeutereien, sondern von eher ruhigen Morgensituationen.

Ist es das Kind, oder bin es nur ich?

Nun frage ich mich manchmal, ob ich es nur bin, der das zusetzt. Ob ich zu sensibel bin. Ob alle anderen Eltern finden, dass sei schon ok so, dass ein wenig Ruppigkeit eben dazu gehört. Dass es für Julius vielleicht auch gut ist, wenn er Alternativen zu seiner zuweilen immer alles auseinander denkenden Mutter erfährt.

Und tatsächlich höre ich gemischte Eindrücke von Kita-Eltern. Es gibt einen gewissen Konsens zur Einschätzung, dass der deutsche Panzer ein Problem ist, aber ja nicht alle Erzieher so unterwegs seien. Andere Eltern wiederum schildern mir Vorfälle, die mich in meiner Wahrnehmung bestärken. Dass der Umgang mit den Kindern zuweilen zu grob sei, eine vollgepullerte Hose scheinbar über Stunden nicht entdeckt wird oder man einen knapp Einjährigen eine Stunde während der Eingewöhnung weinen lässt, ehe man die Eltern dazuholt. Wir haben Julius sogar einmal mit einer Platzwunde am Ohr abgeholt, die nicht versorgt worden war, mit der er im Sandkasten auf dem Hinterhof saß und ohne darauf angesprochen zu werden. Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass die Wunde wohl mittags entstanden sein muss, zunächst nicht so schlimm aussah und die entsprechende Erzieherin vergessen hatte, ihrer Nachmittags-Kollegin bescheid zu geben.

Ich kann nicht anders, als das richtig schwierig zu finden – weil in dieser Situation ganz offenbar wurde, wie viel in einer, in unserer Kita mitunter untergeht. Zumal wir in der alten Kita einen ähnlichen Fall hatten, der aber ganz anders gehandhabt wurde: Julius sich einmal eine Platzwunde am Hinterkopf zugezogen hatte, wir aber umgehend informiert und die Wunde direkt versorgt wurde, wir Julius auf dem Schoß einer Erzieherin vorfanden, als wir ihn kurz darauf abholten.

Manchmal säuselt er mir sogar regelrecht ins Ohr, er würde mich lieber zur Arbeit begleiten als in die Kita zu gehen.

Wie es Julius damit geht, kann ich oft nur bedingt einschätzen. Er ist keines der Kinder, das morgens aufwacht und begeistert KITA ruft. Er mahnt eher regelmäßig an, lieber zuhause bleiben zu wollen. Manchmal säuselt er mir sogar regelrecht ins Ohr, er würde mich lieber zur Arbeit begleiten als in die Kita zu gehen. Wenn er wüsste, dass ich inzwischen von zuhause aus arbeite, würde er sich wahrscheinlich nie wieder zur Kita bewegen lassen. Wobei: Meistens ist das Motivationsloch spätestens an der Schwelle zum Bauraum überwunden. Weil es da dieses tolle Piratenschiff gibt. Weil einer seiner Freunde ihn unmittelbar in ein Spiel verwickelt. Weil seine Bezugserzieherin ihn mit warmen Worten zum Fenster trägt, von dem aus er mir winkt.

Ich bin unterdessen noch nicht final schlau, wie ich denn nun eigentlich mit der Situation umgehen soll. Wenn es nach unserer anthroposophischen Kinderärztin ginge, wäre Kita ohnehin nie eine Option gewesen und wenn dann nur Waldorf für zwei Stunden am Tag. Ähem. Klar, manchmal zwickt mich mein Herz und dann denke ich kurz über einen zweiten Kita-Wechsel nach. Es wird ihn wohl aber nicht geben. So ein Kita-Wechsel will schließlich wohl überdacht sein, weil es ein Kind in seinem Bedürfnis nach sicheren Abläufen auch stören, ja verunsichern kann. Zumal Julius in einem Jahr in die Schule kommt und es eben auch viele gute Seiten an der aktuellen Kita gibt. Wahrscheinlich habe ich auch noch nicht ausreichend und in aller Deutlichkeit mit den Erziehern darüber gesprochen. Mutmaßlich wäre auch eine Idee, mal einen Stammtisch mit den anderen Eltern ins Leben zu rufen. Im Elternrat besprechen wir bislang oft nur Formalitäten. Solange versuche ich mich ganz sacht mit Julius’ Empfinden auseinanderzusetzen. Herauszufinden, wo der Schuh drückt, bzw. ob er überhaupt drückt, wenn er morgens beteuert, zuhause bleiben zu wollen und wenn das so ist, wie sehr ihn anfasst, was er in der Kita erlebt oder ob doch alles besser ist, als ich annehme und mein Bild eher von wenigen Ausnahme-Momenten geprägt wurde.

Denn letztlich – und damit zurück zur Ausgangslage – sehe ich ja auch, wie viel Gutes mit der neuen Kita in unser Leben eingezogen ist. Allein die vielen kleinen Freunde, die Julius hat und ich glaube, dass auch für ihn die Umstände nun einfacher sind, seitdem wir eben nicht mehr ständig inmitten viel zu vieler Pendler gen Kita reisen müssen. Dass wir nachmittags nicht erst auf den Berg radeln müssen, um ein Eis zu essen. Das gibt es nun in derselben Straße, in der auch die Kita liegt. Nur ein paar Häuser weiter. Meistens mit Kita-Freunden. Die wohnen nämlich auch alle im Kiez und laden Julius inzwischen regelmäßig nach der Kita zu sich nachhause ein.

Eine kleine Premiere bei Littleyears

Nun ist das hier ein sehr persönlicher Bericht, sehr subjektiv. Weil ich aber glaube und ja auch in meinem Umfeld mitbekomme, dass ich nicht die einzige bin, die sich zuweilen Gedanken macht, habe ich mich mit einer Bekannten unterhalten, die Entwicklungspsychologin ist: Johanna hat sich in ihrem Studium schnell auf Kinder und Jugendliche spezialisiert, arbeitet bereits mit Kindern in einer psychologischen Praxis in Berlin und schließt ihre Ausbildung zur Verhaltenstherapeutin für Erwachsene im August ab. Kurzum: das rund-um-Paket, um Familien, die sich um ihre Kinder sorgen, beizustehen. Ich habe mit ihr darüber gesprochen, was für Kinder eigentlich in der Kita am wichtigsten ist – und zwar abseits der Einschätzung ihrer Eltern oder der Pädagogen. Ob man Kindern eigentlich anmerkt, wenn es ihnen in der Kita schlecht geht, was aus enzwicklungspsychologischer Perspektive als kritisch im Kita-Kontext erachtet wird und wie man letztlich als Eltern damit umgeht, wenn es tatsächlich Probleme gibt.

Und weil dieser Text ohnehin schon so lang geraten ist – und damit kämen wir zu einer kleinen Premiere bei Littleyears – habe ich das Interview mit ihr als Hörversion aufgezeichnet. Das Gespräch könnt ihr hier streamen oder bei Mixloud nachhören:

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