Warum ich keine Elternzeit genommen habe

Letzte Woche erschien auf Zeit Online ein Artikel mit dem Titel: “Warum wir keine Elternzeit genommen haben“. Drei Väter erzählen darin, warum sie sich gegen Elternzeit entschieden haben. Viele Frauen in meinem Netzwerk haben den Artikel geteilt und waren richtig wütend über einige Aussagen. Ich fand es eigentlich nicht sonderlich schockierend, ich weiß, dass es viele solche Männer da draußen gibt und außerdem denke ich ja auch immer: jeder, wie er mag und wie es passt Dennoch. Es ist schon interessant, was Männer sich alles rausnehmen (können). Viele nehmen sich fast komplett aus der Kindererziehung heraus. Ohne dass jemand etwas sagt. Und ich muss mich immer wieder fragen, was wohl wäre, wenn auch Frauen öfter ähnlich agieren würden. Ich habe mir also mal einen Spaß gemacht und den Spieß umgedreht.

Nina ist 37 und Mit-Inhaberin eines kleinen Unternehmens. Sie hat 25 Angestellte, bezeichnet die Firma als ihr “Baby”. Als sie schwanger wurde, war klar, dass sie so schnell wie möglich wieder arbeiten würde, und dass der Vater in Elternzeit gehen würde. So war es dann auch: Nina saß bereits nach sechs Wochen Mutterschutz wieder am Schreibtisch. In Vollzeit!

“Mein Sohn ist ein absolutes Wunschkind. Aber es war von Anfang an ziemlich klar, dass ich keine Elternzeit nehmen würde. Ich bin Inhaberin einer kleinen Firma, wir haben 25 Angestellte. Es lief gerade richtig gut bei uns, alle waren extrem motiviert und arbeiteten hart und viel. Zu diesem Zeitpunkt für längere Zeit auszusteigen, hätte mir das Gefühl gegeben, illoyal gegenüber meinen Angestellten und Partnern zu sein. Das wollte ich auf keinen Fall.

Die Schwangerschaft war unproblematisch, anfangs war ich oft müde, aber dann habe ich tatsächlich bis zur 38. Woche voll gearbeitet. Mein Mann hat mich dabei immer unterstützt, wir sind seit vielen Jahren ein Paar und er kennt mich und weiß, wie gerne ich arbeite. Auch in der letzten Woche vor der Geburt habe ich noch Emails beantwortet und war erreichbar. Nestbau, Vorbereitungs-Kurse – das haben wir alles am Wochenende und abends gemacht.

Als der Kleine dann da war, ging es genau so weiter. Ich habe noch im Kreissaal Emails gecheckt, meine Hebamme hat gelacht. “Typisch!” hat sie gesagt. Auch im Wochenbett war ich immer erreichbar, wenn ich auch nicht ins Büro ging. Hätte ich die Geburt und das Wochenbett nicht so gut weggesteckt, vielleicht hätte ich es mir anders überlegt. Aber es ging mir so gut! Wir hatten uns vorher offen gelassen, wie wir es machen, aber eigentlich war absolut klar, dass ich diejenige sein würde, die schnell wieder einsteigt und auch, dass mein Mann zuhause bleibt. Er hat sich das so gewünscht, befand sich damals beruflich gerade an einem Wendepunkt, die “Auszeit” klang sehr verlockend für ihn. Und er freute sich darauf, eng mit dem Baby zu bonden und ja, wir scherzten auch oft, dass er Lust darauf hatte, dann der einzige Papa auf dem Spielplatz zu sein. Mein Mann ist der einzige Feminist, den ich kenne. Ist einfach so.

Nach sechs Wochen saß ich wieder am Schreibtisch. Mittags ging ich mit meinem Mann und meinem Sohn Mittag essen und stillte ihn. Ansonsten pumpte ich ab. Dazu bekam mein Sohn ab und zu Pre-Milch, später auch Brei. Nächte durcharbeiten, so wie früher, das ging natürlich nicht mehr. Auch Dienstreisen habe ich eine Zeit lang anderen überlassen, nach einem halben Jahr bin ich aber auch immer wieder für eine oder zwei Nächte beruflich verreist. Ansonsten habe ich immer darauf geachtet, dass ich abends so zuhause war, dass wir noch zusammen essen konnten und ich den Kleinen ins Bett bringen konnte. Die Nächte haben wir anfangs aufgeteilt, als ich nach sechs Monaten abgestillt hatte, hat mein Mann sie übernommen – das war auch bitter nötig, ich wäre sonst nicht so leistungsfähig gewesen.

Ich denke, es ist wichtig, dass man als Eltern vor allem dafür sorgt, das es einem selbst gutgeht. Das bedeutet für mich: Nur wenn die Eltern ausgeglichen und zufrieden sind, können es auch die Kinder sein. Bei uns ist das so: Ich arbeite unheimlich gerne und könnte es nicht ertragen, wenn ich längere Zeit zuhause “gefangen” wäre. Meinem Mann aber macht das überhaupt nichts aus. Deshalb funktioniert unser System so wunderbar, wir machen einfach, was uns gut tut. Für mich ist es auch völlig selbstverständlich, dass Frauen Karriere machen. Ich komme aus einer UnternehmerInnen-Familie, meine Mutter, meine Oma – haben alle viel gearbeitet und aufgebaut. In unserer Firma arbeiten 50% Frauen, bisher haben nur zwei Familie, die haben auch Elternzeit genommen. Das ist natürlich ihr gutes Recht, ich sage einfach nur: man muss es nicht tun. Und für die Karriere ist es immer besser, wenn man nicht lange fehlt und danach auch nicht in Teilzeit, sondern voll zurückkommt. Für die Rente übrigens auch.

Ich habe nicht das Gefühl, dass ich etwas verpasse, im Gegenteil. Die wichtigen Entwicklungsschritte habe ich miterlebt, wenn ich abends nach hause komme, nehme ich unseren Sohn sofort entgegen und kümmere mich um alles. Ich habe viele sehr schöne und intime Momente mit ihm und an den Wochenenden sind wir immer zusammen. Am Montag freue ich mich dann aber auch schon wieder aufs Büro und auf die Ruhe an meinem Schreibtisch! Wenn ich Gruppen von Müttern mit Kinderwägen sehe, werde ich immer leicht nervös. Da wird immer viel gegackert und jedes noch so kleine Thema durchgeredet. Ich bin einfach nicht so. Ich bin sehr pragmatisch und obwohl ich sehr gerne Mutter bin, habe ich kein Bedürfnis, mich den ganzen Tag mit dem Thema Baby oder Kind zu befassen. Ich habe also einfach wirklich überhaupt keine Lust, Teil einer “Mummy Gang” zu sein. Viel lieber verbringe ich den Tag mit meinem Kollegen, bei produktiven Meetings, im Kundengespräch.

Tatsächlich war es auch eine finanzielle Sache. Mein Mann befand sich wie gesagt gerade an einem Wendepunkt, ich verdiente wesentlich mehr als er. Wir hatten mein volles Einkommen nötig, sicher wäre es auch irgendwie anders gegangen, und wenn man mir das volle Gehalt für die Elternzeit angeboten hätte, dann hätte ich sicher doch noch mal darüber nachgedacht, auch zuhause zu bleiben. Aber nachdem das keine Option war, war klar, dass ich der “Breadwinner” sein würde. Das ist meine Art für die Familie zu sorgen: ich achte darauf, dass es mir und allen anderen gut geht und ich bringe die Brötchen nach hause!

Dazu kommt, dass ich einfach nicht fehlen konnte in der Firma. Wir sind drei Partner, alle haben extrem viel Verantwortung und es gibt viele direkte Kunden-Beziehungen, die nicht mal ebenso jemand anderes übernehmen kann. Auch jetzt, drei Jahre später, wüsste ich nicht, wie ich länger fehlen könnte. Die Übergabe meiner Arbeit zu organisieren, wäre ein enormer Aufwand. Mittlerweile arbeitet mein Mann auch wieder – 30 Stunden, wir haben ein Kindermädchen, das uns unterstützt, aber meistens macht mein Mann den Nachmittag, ich komme in der Regel um 18 Uhr nach hause.

Alle Väter sind immer begeistert von der Zeit, die sie in der Elternzeit mit ihrem Kind verbracht haben. Die Frauen jammern eher. Vielleicht weil sie sich “gezwungen” fühlen und die Väter es als Geschenk betrachten? Ich weiß es nicht. Aber bei uns war der Vater auch unglaublich glücklich zuhause. Und mir fehlte gar nichts. Ich arbeite so gerne, außerdem verdiene ich ja auch mehr. Und ich bekam und bekomme immer wieder Fotos und Videos auf mein Handy, sodass ich oft genug “live” dabei bin, obwohl ich im Büro sitze. Ich sehe meinen Sohn genug, verbringe viel Zeit mit ihm. Ich fühle mich in unserem Modell komplett ausgelastet und erfüllt.”

 

(Nina ist eine fiktive Figur. Alles erfunden. Auf die Schnelle habe ich keine echte Frau gefunden, auch wenn es sicher einige gibt da draußen! Mich interessiert, was ihr denkt, wenn ihr so etwas lest. Na? Eher Super-Modell, endlich mal so!! Oder eher: Warum bekommt man überhaupt Kinder? Ich bin gespannt. Auch auf eure Erfahrungen!)

Foto: Jens Lindner

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