Tillmann Prüfer über Bildschirmzeit, Corona-Lockdown und InfluencerInnen

01. December 2020 | in Alltag | Familie | Medien | Parenting

“Jetzt macht doch endlich mal das Ding aus!” – so heißt das neue Buch von Tillmann Prüfer, das am 17. November erschienen ist. Prüfer ist Journalist und Autor, er schreibt für das Zeit Magazin eine wöchentliche Kolumne rund um sein Leben mit vier Töchtern (wir haben mit Tillmann schon einmal im Frühjahr gesprochen, das Interview könnt ihr hier lesen). Die neuesten sind in dem Buch gesammelt und kuratiert, und einige eigens für den Titel geschriebenen Texte sind auch dabei! Und da diese zur Zeit von Corona-Lockdown und Home-Schooling entstanden sind, geht es viel um Bildschirmzeit, das Leben im Netz und den alltäglichen Wahnsinn zwischen Familienleben, Smartphone und Social Media. Wir haben mit Tillmann über all das und mehr gesprochen.

Wann warst Du zuletzt wirklich offline?
Es gibt ja dieses vermeintliche Offline-Sein, mit automatischen Nachrichten im Sinne von „Ich von dann bis dann nicht da, und ihre Mails werden nicht weitergeleitet“ – übrigens auch so eine merkwürdige Formulierung, als gebe es ein geheimes Postfach, an das solche Nachrichten weitergeleitet werden – und dann gibt es das richtige, echte Offline-Sein. Das war ich vor einigen Jahren, für zwei Wochen. Wir hatten eine Fischerhütte auf der kroatischen Insel Korčula gebucht und dabei übersehen, dass diese weder Internet noch Strom hatte. Uns hat nichts gefehlt, den Kindern auch nicht. Das ist bei allen Diskussionen über Bildschirmzeit das Gute: Kindern unter zehn Jahren, die noch nicht über Chatgruppen und dergleichen mit ihren Freunden in Kontakt stehen, fehlt überhaupt nichts, wenn sie offline sind, für sie ist jedes Erlebnis im „real life“ hundertmal ergreifender und sinnlicher als alles, was ein Smartphone ihnen bieten könnte. Kastanien sammeln, einen Drachen steigen lassen: Das sind 360-Grad-Panorama-Experiences!

Wie würdest Du Deinen eigenen Medienkonsum beschreiben? Und ist er so, wie Du ihn Deinen Kindern gerne vorleben würdest – oder nicht?
Wenn Eltern ihren eigenen Medienkonsum beschreiben, ist das in etwa so, wie wenn Menschen ihren eigenen Alkoholkonsum beschreiben. Sie sagen dann meist Dinge wie: „Ich schaue mehrmals am Tag auf mein Handy, aber im Schlafzimmer, Kinderzimmer und am Tisch ist es absolut tabu!“. Ich glaube kein Wort davon. Die Wahrheit ist doch: Das Handy ist immer irgendwo in Griff- oder Hörweite. Meine Frau und ich arbeiten beide in Medienberufen und sind dadurch auch viel am Smartphone. Es hat uns im Griff. Bei Tisch sind diese Geräte tatsächlich tabu, aber ansonsten verbringen wir viel Zeit an unseren Telefonen und Rechnern. Das Problem ist aber auch gar nicht, dass das Smartphone immer da ist. Problematisch wird es, wenn man nicht genügend andere Dinge ins Leben bringt. Eine Bekannte erzählte mir neulich, dass sie eine Tageszeitung abonniert hat, damit ihre dreijährige Tochter sie nicht auch noch beim Nachrichten lesen am Smartphone kleben sieht. Das fand ich total nachvollziehbar. Früher beobachteten wir unsere Eltern beim Buch lesen, beim Fernsehen, beim Musik hören und beim Zeitung studieren – und sahen sie jedes Mal in einer anderen Situation. Heute sehen Eltern für Kinder oft immer gleich aus: Sie blicken auf einen Bildschirm, der mal größer, mal kleiner ist. Wie soll man da den Kindern noch glaubwürdig erklären, dass digitale Geräte böse sind? Man kann ihnen nicht vorleben, dass man ständig an digitalen Endgeräten klebt, und von den Kindern dann eine kritische Distanz zu diesen erwarten. Die Macht, die man diesen Geräten zuspricht, zehrt sich auch aus der eigenen Einfallslosigkeit, was man sonst tun könnte.

Welche Regeln gelten bei Euren Kindern in Sachen Bildschirmzeit?
Nach Altersstufen funktioniert das gar nicht. Meine Kinder haben alle drei Stunden Bildschirmzeit am Tag – bei den meisten Eltern, die ich kenne, sind es zwischen zwei und drei Stunden. Bildschirmzeit wird heute härter verhandelt als wenn Gewerkschaften und Arbeitgeber um Tarife ringen! Zwei Stunden, aber WhatsApp ist dann frei, diese Apps sind dabei, und so weiter. Ich muss rückblickend sagen, ich habe mich bei den Gesprächen schlicht über den Tisch ziehen lassen. Diese Regel ist aber ohnehin nur ein Placebo, denn wenn das Kind seine Bildschirmzeit aufgebraucht hat, aber noch einmal in die Chatgruppe muss, weil es Unterlagen für die Hausaufgaben braucht, sagt man ja nicht: „Nix da, du musst lernen, dich besser zu organisieren, dann gehst Du eben ohne Hausaufgaben in die Schule!“ Bildschirmzeiten sind eine Krücke, und Kinder finden immer einen Weg, das zu umgehen – eines meiner zwei Handys ist zum Beispiel immer im Umlauf und wird von den Kindern genutzt. Da bringt auch ein Sperrcode nichts – dann werden die Kinder zu Hackern und außerdem fühlt man sich dann wie ein Kontrollfreak.

Was hilft dann?
Alles, was man sonst macht, abseits des Bildschirms. Wir haben in den Herbstferien die Kinderzimmer neu eingerichtet, zusammen Wände gestrichen, Spielzeug aussortiert, Malefiz gespielt, gekocht. Miteinander Zeit zu verbringen, das Zimmer cool herzurichten, ein Palettenbett zu nageln: Das schlägt sehr schnell alles, was das Smartphone bieten kann. Diese Erfahrungen greifen viel tiefer und sind echter, sie sind es, an die man sich auch Jahre später noch erinnert, nicht an ein cooles Video auf TikTok, das nach einer Minute schon wieder vergessen ist. Man kann das mit dem Unterschied zwischen einem richtigen Treffen und einem Zoom-Call vergleichen – gegen das wahre Leben ist das Smartphone machtlos. Und das ist übrigens auch schwieriger, als man denkt: Gemeinsamkeit strengt an, erfordert Kompromisse, ein wahrhaftiges Interesse an dem anderen, man kann dabei zurückgewiesen werden und macht sich verletzlich.

Ab welchem Alter hatten Deine Töchter eigene Smartphones? Juli hat als Einzige noch keines, wann darf sie?
Das kann ich nicht pauschal beantworten. Lotta war in ihrer Klasse die Letzte, die eines bekommen hat, da war sie 13. Sie wollte es eher haben, weil alle anderen auch eines hatten und ihre Mitschüler schon langsam glaubten, dass ihre Eltern wunderliche Menschen sind, die auch keinen Fernseher haben und sich nur von Rohkost und Weizenschrot ernähren. Heute werden Kinder oft sobald sie in die Schule kommen mit Smartphone, Laptop und Tablet ausgestattet. Der Druck ist mittlerweile viel größer. Ich verstehe nicht, warum Eltern ihrem Kind Elektroschrott in das Leben installieren und ihm so ohne Not die Gelegenheit nehmen, zu spielen. Das machen Kinder ohne Anleitung, kaum, dass zwei von ihnen in einem Raum sind. Dazu brauchen sie nicht viel mehr als sich, und ein paar Bauklötze vielleicht. Spiele auf dem Smartphone, die sich an Kinder richten, sind teilweise richtig perfide und gehen mit dem Belohnungssystem des Gehirns in etwa so um, wie es Drogen auch tun. Das habe ich erst kürzlich beobachtet: Wir hatten Gäste zu Besuch, die anderen Kinder hatten sich verkrümelt und Juli langweilte sich bei unseren Erwachsenengesprächen. Sie wollte auf dem Smartphone „Subway Surfers“ spielen, also installierte ich es auf meinem Telefon und sagte, eine Stunde darf sie. Das Spiel ist sehr einfach, man wird unentwegt für etwas gelobt oder belohnt, das man gar nicht geleistet hat, und noch Tage später bekam ich Push-Nachrichten, die mich dazu bringen sollten, die App noch einmal zu öffnen. Ich glaube, wenn Eltern gewahr wäre, was sie den Kindern wegnehmen, nämlich die Versunkenheit im freien Spiel, die Möglichkeit, sich ihrer Fantasie zu bedienen, und so weiter, indem sie ihnen scheinbar etwas schenken, wären sie damit weniger freigiebig.


Verfolgst Du, was Deine Töchter auf TikTok, YouTube etc. konsumieren? Folgst Du ihnen auf Instagram? 
Durch die sozialen Medien kommt alles Böse, das es auf der Welt gibt, in das Kinderzimmer, und natürlich muss man mit Kindern darüber sprechen und sie eindringlich vor Accounts warnen, die Bilder von ihnen zugesendet haben möchten. Das ist so, wie man früher Kinder davor warnen musste, kein Geld von fremden Menschen anzunehmen oder gar mit ihnen ins Auto zu steigen. Lotta, die 15 Jahre alt ist, hat einen privaten Instagram-Account, dem ich folge, und einen, auf dem ich gesperrt bin. Das sind vermutlich zwei völlig unterschiedliche Welten, die sie da auslebt, und das ist auch in Ordnung. Es ist eine Frage der Privatsphäre, genauso, wie Kinder auch ein Zimmer haben, wo sie die Tür zumachen können. Es ist besser, mit ihnen im Austausch zu sein und sich für das, was sie im sozialen Netz tun, zu interessieren, als sich auf Jugendschutzeinstellungen oder ähnliches blind zu verlassen. Kinder nutzen die sozialen Medien auch sehr produktiv: Wenn Lotta ein Wochenende mit einer Freundin verbringt, dann macht sie ein Video davon. Greta liebt Tutorials für Backen, Häkeln und Stricken und teilt diese auch mit uns – Kinder wollen ja, dass man an ihrem Leben Anteil nimmt und sie lobt.

Gibt es auch InfluencerInnen, die deine Töcher mögen, die du aber ganz schrecklich findest?
So richtig schrecklich finde ich niemanden, das sind ja auch alles Leute, die ihren Job machen. Vor ein paar Jahren waren Lotta und Greta ganz begeistert von Rick fouu und Leon. Für die hatten sie auf Instagram sogar eine Fanpage gegründet. Als einer der beiden diese dann auch noch geliked hat, waren sie völlig aus dem Häuschen. Aber dieser Verehrungsmoment war eher flüchtig – wie auch die Prominenz von Influencern. Das geht heute unglaublich schnell, viele von ihnen können ja nichts besonders gut, sondern teilen einfach banale Alltagsmomente. Es ist, als würden sie von einer Art Zufallsgenerator ausgewählt, und bekämen dann viele Produkte geschenkt, die sie präsentieren sollen. Aber ein Jahr später kann dieser Ruhm auch wieder vorbei sein. Mit der Verehrung von Pop-Idolen, die wir noch kennen, hat das nicht viel zu tun.

Inwiefern hat Corona sämtliche Bildschirmzeit-Regeln ausgehebelt?
Corona war wie ein Dammbruch für alles, denn auf einmal war Social Media der einzige Ort, wo man mit anderen kommunizieren konnte, und für Kinder auch die einzige Möglichkeit, ihre Freunde zu „sehen“. Uns hat das auch richtig kalt erwischt: Wir mussten erst einmal unser Equipment aufrüsten, alte Laptops wieder auf den neuesten Stand bringen, damit wir verkehrsfähig werden – und das ist ja noch eine privilegierte Situation, viele Familien haben da weitaus größere Probleme. Plötzlich war das digitale Lernen ganz selbstverständlich, wo es zuvor viele noch kritisch gesehen hatten. Und es stellt Eltern natürlich vor Probleme, was die Bildschirmzeit angeht. Man kann Kindern ja nicht vermitteln, dass das Gerät nach drei Stunden Lernen auf einmal wieder böse ist und sie sich dann mit Holzspielzeug beschäftigen sollen.

Danke, Tillmann!

Das Buch “Jetzt mach doch endlich mal das Ding aus” könnt ihr hier bestellen

Porträt von Tillmann: Michael Biedowicz
Artikelfoto von Kelly Sikkema

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