„Terrible Two“ oder wenn der Zweijährige denkt, dass er der Erwachsene ist…

02. February 2021 | in Parenting

Terrible Twos, Trotzphase, Autonomiephase… nennt es, wie ihr wollt. Dieses Alter ist eine Herausforderung – an guten Tagen. An schlechten eine absolute Freakshow, bei der ich manchmal nicht weiß, ob ich lachen oder mitweinen soll. Habt ihr Lust auf eine gratis Show? Dann hereinspaziert, hereinspaziert!

Falls du gerade gegoogelt hast „Kleinkind, 2 Jahre, Trotzphase“ oder „Was tun bei Wutanfällen?“ und nun auf diesen Artikel gestoßen bist, dann kommt jetzt die große Enttäuschung – dies ist kein Ratgebertext. Denn ich bin selber ratlos. Wenn du allerdings jemand Gleichgesinnten suchst und einfach ein bisschen Bestätigung brauchst, dass das alles gaaaaanz normal ist, dann bist du hier genau richtig. Manchmal reicht es ja schon zu wissen, dass es bei anderen genauso ist. Gegoogelt hab ich selber schon viel, meistens um mir immer wieder Mantra-artig folgende Punkte vor Augen zu halten: „Ruhig bleiben. Das Kind in seiner Wut begleiten und Trost anbieten. Dein Kind lernt gerade, dass es eigeständiger Mensch ist und einen eigenen Willen hat.“

An guten Tagen bin ich auch die Ruhe selbst…

Eigener Wille? Ach was! Dieser eigene Wille kann natürlich wahnsinnig entzückend sein: „Mama, ich selber machen!“ und zack liegt die Packung Mehl auf dem Boden. Ganz ruhig und mit einem entspannten Lächeln auf den Lippen sauge ich den Mehlberg auf, erfreue mich über unseren kabellosen Staubsauger, streichle meinem Sohn über den Kopf und sage so etwas wie: „Nicht schlimm, probieren wir einfach noch mal.“ Oft gelingt mir das. Dann bin ich die Ruhe selbst. Manchmal bin ich aber einfach nur genervt und meckere rum. Ich weiß schon in dem Moment, dass das absolut keinem von uns beiden was bringt, aber es muss einfach raus. Das sind natürlich genau die Tage, an denen man selber mal schlechte Laune hat, oder im Stress ist oder oder oder. Noch schwieriger wird es bei dem Thema Anziehen. Nachdem wir gefühlt schon 45 Minuten besprochen haben, dass wir jetzt wirklich raus gehen und das Kind zwar immer wieder zustimmt, ihm aber eine Millisekunde später eine neue Spielidee einfällt, kommen wir beim Punkt Schneeanzug und Winterschuhe einfach nicht weiter. „Nein Mama, STOP! Ausziehen, aaaauuuusziehen!“ – „Aber du möchtest doch mit Mama einkaufen gehen oder?“ – „Ja.“ – „Dann müssen wir den Anzug jetzt anziehen.“ – „Nicht anziehen. Bäh. Ekelig!“

„Bäh. Ekelig“. Das ist gerade die Antwort auf alles, was was er nicht möchte und doof findet. Keine Ahnung, woher er das hat. Die Kita ist schließlich seit Wochen zu! So diskutieren wir also täglich aufs Neue, sind abwechselnd beleidigt oder ich kann mich selber nicht mehr reden, erklären, schlichten, ermahnen hören. Dauerschleife. Während all dem schafft mein Sohn es immer wieder, uns das Gefühl zu geben, dass WIR diejenigen sind, die alles falsch machen. „Papa FALSCH, nicht so machen!“ Wir haben ein Spiel nicht richtig verstanden, haben das Brot falsch geschmiert oder uns für unmögliche Schuhe entschieden. Klar, machen wir ja auch alles zum ersten Mal. Natürlich weiß er das mit seinen zwei Jahren alles besser.

… an schlechten würde sich Jesper Juul im Grabe umdrehen.

Für die meisten Stolpersteine, die zu Hause stattfinden, haben wir mittlerweile unsere kleinen Tricks gefunden. Leider keine, die man stolz weitergibt und sich dabei selber auf die Schulter klopft. Nein, sondern wenn wir es wirklich mal eilig haben und eben keine halbe Stunde zum anziehen bleibt, dann darf das Kind ein lustiges Video von sich selber auf dem Handy gucken oder wir locken ihn mit einem kleinen Snack. Ich weiß, ich weiß. Jesper Juul würde sich jetzt wahrscheinlich im Grabe drehen. Denn schließlich müssen die Kinder verstehen, dass wir als Eltern auch Bedürfnisse haben und es nun mal auch Abmachungen und Kompromisse geben muss. An schlechten Tagen ist für mich der Kompromiss eine Reiswaffel.

Aber wie gesagt, zu Hause schlagen wir uns mittlerweile ganz gut. Wenn der Trotz-, Wut-, Heulanfall mal wieder völlig aus dem Nichts kommt, dann beobachten wir, begleiten und bieten Trost an. Mussten wir erst lernen. Schont aber extrem die eigenen Nerven. Ich hatte mal irgendwo gelesen, dass man sich vorstellen soll, dass man hinter einer Glasscheibe sitzt und nur beobachten kann, aber nicht direkt einschreiten. Dieses Bild hilft mir manchmal, wenn der erste Impuls bei einem Wutanfall ist, direkt einzugreifen oder zu fragen „Was ist denn jetzt schon wieder los?“. Denn meistens wird das Kind dann nur noch böser, wehrt sich, haut eventuell auch noch um sich – und ich werde mit sauer. Hinter meiner „Glasscheibe“ bleibe ich dagegen ziemlich ruhig und beobachte erst mal nur. Dann stelle ich mir vor, wie ich vielleicht doch noch ein “Daumen hoch” von Jesper bekomme.

Erziehungs-Shaming am Prenzlauer Berg

Schwieriger wird es allerdings, wenn die Emotionen draußen oder bei Freunden überkochen. So richtig auf der Straße hatten wir es erst einmal. Es lohnt gar nicht, die Situation zu schildern, weil sie für uns Erwachsene einfach nicht nachvollziehbar war. Was jedoch folgte war… nennen wir es mal “intensiv und unangenehm”. 20 Minuten bis nach Hause, das schlimmste Schreien und Weinen, das man sich vorstellen kann. Während der Fahrt versuchte das Kind mit knallrotem Kopf, noch irgendwie aus dem Buggy zu klettern. Es muss ein absurdes Bild gewesen sein. Und das alles zur Primetime am Prenzlauer Berg – mahnende Blicke. Strenge Gesichter statt wohlwollendem Lächeln. Als wolle man uns gleich mit hausgemachten Cantuccinis und To Go Kaffeebechern steinigen.
Hier, wo Kinder teilweise gefühlt schon fast die Oberhand in Sachen Erziehung haben, ein absolutes No Go, dass wir unser Kind so schreien lassen und ihm nicht seinen Willen lassen. Bisher zum Glück eine einmalige Sache. Freue mich aber schon aufs nächste Mal!

Häufiger präsentiert sich dafür die pure Verzweiflung unseres Zweijährigen bei anderen Kindern zu Hause. Obwohl er seine beiden Freunde – die einzigen, die er gerade sehen darf – total gerne mag und gut kennt, dürfen sie an schlechten Tagen weder mit seinem Spielzeug noch mit ihrem eigenen spielen. Er möchte gerne entscheiden, wer welches Spielzeug bekommt und setzt die Regeln. Wahnsinnig sympathisch. In solchen Situationen stelle ich mir immer vor, wie absurd das wäre, wenn wir Erwachsenen so mit unseren Freunden umgehen würden….

„Alles nur eine Phase…”

Natürlich weiß ich, dass das alles nur Phasen sind und mehr oder weniger irgendwie normal.
Die einen Kinder nehmen weg, die anderen lassen sich wegnehmen und in der Kita kann das alles schon wieder alles ganz anders sein. Ist es auch tatsächlich bei unserem Kind, wie wir im Entwicklungsgespräch erfahren haben. Da wird geteilt und er ist wahnsinnig emphatisch, tröstet andere Kinder, wenn sie traurig sind und bringt ihnen Spielzeug. Ist ja auch nichts Neues, dass die Freakshow immer nur dann losgeht, wenn die Kinder mit den Personen zusammen sind, denen sie am meisten vertrauen. Und das sind zum Glück wir!

Der wahrscheinlich schönste Trost, wenn mal wieder alles aus dem Ruder läuft.

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