Rassismus in Deutschland: Eine Mutter erzählt

12. June 2020 | in Gesellschaft | Parenting

Vergangene Woche haben uns drei Frauen von ihren Rassismuserfahrungen in Deutschland berichtet. Und weil wir nicht wollen, dass das Thema bei uns eine Eintagsfliege wird, kommt heute der zweite Teil unserer Themenserie. Wir müssen über Rassismus reden, auf unsere Vergangenheit schauen, über unsere Strukturen nachdenken – Rassismus ist in unserer Gesellschaft tief verankert, auch wenn wir das oft nicht glauben wollen.

Heute erzählt uns Linda von Blog lookslikeberlin von ihren Erfahrungen. Linda haben wir hier schon einmal porträtiert, da war ihre Familie noch zu viert. Mittlerweile ist noch Söhnchen Omari hinzugekommen. Hier ist Lindas Bericht:

“Ich bin in Kenia geboren und mit elf Jahren nach Deutschland ausgewandert. Bis dahin wusste ich nicht, was Rassismus überhaupt bedeutet. Ich wurde von meiner Mama nicht vorbereitet und oftmals wusste ich nicht, wie ich mich gegen rassistische Äußerungen wehren soll. Es gab Situationen, in denen ich dachte, dass ich vielleicht übertreibe oder es sogar als normal empfand, dass in der Schule Mitschüler das N-Wort mir gegenüber verwendet haben und die Lehrer nichts dagegen unternommen haben. Ich wurde oft beleidigt, beschimpft und mir wurde das Gefühl gegeben, dass ich nie dazugehören würde. Ich habe vieles geschluckt, überhört und mich zurückgezogen. Ich war neu und wollte mich deshalb einfach nur anpassen und vor allem gemocht werden und Freunde finden.

Mittlerweile bin ich Mama von drei Kindern.

Ich war voller Optimismus, dass meine Kinder nicht dasselbe durchmachen würden wie ich. Ich bemerkte aber schnell, dass Rassismus immer noch bei vielen Menschen so tief verankert ist. Uns begegnet Rassismus in der Schule, auf dem Spielplatz und sogar in der U-Bahn. Schnell wusste ich, ich muss mit meinen Kindern darüber reden, aber ich wusste nicht wie und in welchem Alter der richtige Zeitpunkt ist.

Ich glaube, zuerst mal ist es sehr wichtig, dass sie sich mit ihrer eigenen Identität auseinandersetzen. Wir haben Serien und Filme ausgesucht, wo die Superhelden schwarz sind und Kinderfilme, in denen Schwarze die Hauptrolle spielen. Das war übrigens nicht einfach, denn in den Medien werden immer noch weiße Menschen für solche Rollen bevorzugt. Außerdem haben wir auch einige Kinderbücher, die sich mit dem Thema Rassismus befassen Zuhause. Ich kann den Online-Shop von Tebalou zum Beispiel sehr empfehlen.

Meine Kinder sollen aber lernen, dass sie genauso viel erreichen können wie ihre weißen, privilegierten Freunde. Ich achte auch darauf, dass ihre Freundeskreise kulturell bunt sind. So kommen sie mit anderen Traditionen in Berührung und lernen so automatisch, dass Toleranz und Diversität etwas ganz Normales sind.

Liebe und Mut

Ich kann sie wahrscheinlich nicht vor Rassismus schützen, weil ich nicht überall dabei sein kann, aber wenn sie sich selbst so lieben, wie sie erschaffen worden sind, dann werden sie hoffentlich mutig genug sein und sich dagegen wehren.

Ich empfinde es als sehr wichtig, dass alle Eltern endlich Verantwortung übernehmen und mit ihren Kindern über das Thema Rassismus sprechen und aufklären, wie man zum Beispiel miteinander spricht. Nein, mein Kind ist keine Schokolade und sieht nicht aus wie ein Affe. Greift ein, wenn ihr mitbekommt, dass euer Kind etwas Rassistisches gegenüber anderen Kindern sagt. So gebt ihr dem anderen Kind das Gefühl, dass das, was passiert ist oder gesagt wurde nicht richtig ist und ihr hinter ihm steht.

Ich kann zwar alles in meiner Macht stehende tun, damit meine Kinder selbstbewusst mit ihrer Hautfarbe umgehen. Das alles wird aber nichts bringen, wenn weiße Menschen nicht ihren Beitrag leisten und endlich anfangen, selbstkritisch in ihren Familien und Freundeskreisen über das Thema Rassismus zu reden und den Fokus darauf legen, ihre eigenen Privilegien zu hinterfragen. Letztendlich wünsche ich mir ja am allermeisten für meine Kinder, dass sie gar keinen Grund haben müssen, sich gegen rassistische Äußerungen zu wehren.”

Lieben Dank Linda für deinen Bericht!

Foto: Katja Hentschel

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