Mama flippt aus: warum Wut bei Müttern ein No-Go ist

26. November 2019 | in Alltag | Familie

Gestern ist es mal wieder passiert und ich bin richtig ausgerastet. Das ist heute ja ein echtes Tabuthema unter Müttern, denn wir werden täglich im Netz und per Erziehungsratgeber darüber aufgeklärt, wie schlimm es ist, die Kinder anzuschreien. Ich finde es ja selbst schlimm und habe mich natürlich hinterher kräftig geschämt. Was war passiert?

Der Grund für meinen Ausraster war wieder mal ein gewisses Maß an Überforderung. Die gibt es im Eltern-Alltag leider ziemlich oft. Zeitdruck, verlorene Mützen und Trinkflaschen, Abgabetermine im Büro oder wütende Dreijährige, die heute unbedingt die gesamte Puppenküche samt Zubehör mit in den Kindergarten nehmen wollen, spielen dabei eine tragende Rolle. Gestern waren es die beiden Großen, die sich erst hemmungslos zankten und dann mal wieder die Miene verzogen, als ich das Mittagessen auf den Tisch stellte. „Bäääh, was ist das denn? Das esse ich nicht!“, rief meine Tochter Luise.

Die armen Kinder

In diesem Moment hat mich das alles so sehr genervt. Die Streiterei der Kinder und die Ablehnung meines Essens, eigentlich der ganze turbulente Alltag. Ich bin wütend geworden und habe meine Kinder angebrüllt. Dabei zuckte mein großer Sohn zusammen, die Mittlere senkte den Blick und der Kleine begann zu heulen. Innerlich sah ich rot, nahm meinen Teller mit Nudeln und Gemüsesoße und bin wie ein beleidigtes Kind in mein Arbeitszimmer gegangen.

Nicht lange, und ich kam mir total lächerlich vor mit meiner Aktion. Wütend war ich immer noch und ich verkündete meinen Dreien, dass es von nun an mittags nur Brot, Butter und Wurst geben wird. Für den Rest des Tages war ich erledigt – von dem Ärger mit den Kindern, von meiner Wut und meiner Scham.

Das bisschen Haushalt

Wenn Mütter wütend werden, schämen sie sich hinterher meist sehr. Das finde ich schlimm, denn eigentlich ist Wut ein ganz normales Gefühl für einen normalen Sachverhalt. Viele Mütter machen zuhause sehr viel Hausarbeit, die für gewöhnlich wenig bis kaum gesehen und wertgeschätzt wird. Sind wir berufstätig, machen wir das oft nur in Teilzeit, um die Nachmittage mit den Kindern zu verbringen, denn das macht eine „gute Mutter“ so. Meist bleibt dann keine Zeit für eine Mittagspause, denn in der halben Stunde, die dafür reserviert ist, räumt die gute Mutter lieber die Wäsche weg. Viele Mütter, die ganztags berufstätig sind, haben es nicht unbedingt leichter, denn auch sie machen zusätzlich noch einen Großteil der Hausarbeit. Das habe ich mir nicht ausgedacht, sondern das bestätigt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. „Frauen in Paarhaushalten verbringen deutlich mehr Zeit mit unbezahlter Hausarbeit und Kinderbetreuung als Männer“, und zwar unabhängig vom Grad ihrer Berufstätigkeit, heißt es dort. Männer sind zwar im Schnitt unter der Woche mehrere Stunden erwerbstätig, also gleicht sich die Menge an Arbeit theoretisch aus (wir lassen jetzt mal den finanziellen Vorteil von Erwerbsarbeit außen vor). Allerdings hört die Arbeit im Haus nie auf und es wird in der Studie bestätigt, dass die Frauen vor allem an Sonntagen viel mehr Haushaltspflichten erledigen als ihre Partner.

Leben mit Kindern ist anstrengend

Mütter, die nicht berufstätig sind, haben meist die ganze Arbeit am Hals, denn sie „haben ja Zeit.“ Ist es da nicht klar, dass ihnen all die Arbeit über den Kopf wächst? Wer den ganzen Tag mit einem Kleinkind zusammen war, der hat sicher oft gedacht: „ach, ist der Kleine süß!“ Aber mindestens genauso oft kam da der Gedanke: „Wahnsinn, ist das anstrengend. Ein Königreich für eine Kaffeepause ohne Nörgelei und Wutanfälle.“

Kinder sind nicht anstrengend, denn es sind Kinder. Aber das Leben mit ihnen kann sehr, sehr anstrengend sein, und angestrengte Leute sind einfach schnell am Ende ihrer Nerven. Es mag Mütter und Väter geben, die sehr lange ruhig bleiben. Mein Mann ist auch so ein Mensch. Ich bin da leider anders, ich gehe schnell in die Luft. Das geht vielen Müttern so und deshalb sitzen sie dann alle zuhause, schämen sich und meinen, die schlechteste Mutter der Welt zu sein. Ich werfe an diesen Tagen dann einen Blick in meinen Instagram-Feed, wo ich ein Bild mit einem traurigen Kind sehen und der Unterschrift „Warum Schreien ihrer Seele schadet“. Oder meine Tochter wedelt mit dem Pixiebuch vor meiner Nase, das den entzückenden Titel trägt „Schreimutter“ und von einer Pinguin-Mutter handelt, die laufend ihr Junges anbrüllt. Spätestens dann ist mir jedenfalls nach Decke über den Kopf ziehen und nie mehr hervorkommen. Muttersein ist an manchen Tagen ein Höllenjob!

Frauen und die Wut

Dabei ist Aggressivität ein Bestandteil unseres Charakters. Männer wie Frauen tragen das Potential zur Wut in sich, aber bei Männern wird es von unserer Gesellschaft eher akzeptiert. Wütende Frauen schrecken ab, denn in unserer Wahrnehmung sind Frauen sanft und gütig, vor allem, wenn sie Mutter werden. Wir glauben insgeheim an einen Mutter-Mythos, der bei uns weit verbreitet ist, und der ein Märchen erzählt von einer Frau, die mit dem ersten Kind glücklich ist und in ihrer Mutterrolle komplett aufgeht. Mich macht das alles manchmal wütender als Kinder, die mein Essen ablehnen.

Frauen sind ganz normale Menschen. Ab und zu kriegen wir die Krise, gerne auch mal zuhause. Besser ginge es uns, wenn wir entlasteter wären. Ich finde es nach wie vor nicht gut, Kinder anzuschreien. Ich finde es eine gute Idee, Ratgeber zu lesen, die sich mit dem Schimpfen beschäftigen und erklären, wie es Eltern besser gehen kann, damit sie achtsamer und liebevoller mit ihren Kindern umzugehen lernen. Letztendlich wollen wir alle mit Respekt behandelt werden, das gilt für unsere Kinder, aber es gilt auch für uns. Kinder finden Mamas Essen doof, das ist leider in vielen Familien ein Gesetz. Aber Mamas finden Stress doof und ich denke, hier liegt der Ansatz. Macht es Müttern leichter, dann müssen sie auch weniger ausflippen. Teilen wir Verantwortung für die Kinder und den Haushalt auf, setzen wir uns ein für gute Kinderbetreuung, lernen wir, den Wert von Care-Arbeit zu schätzen und tun wir etwas gegen das Märchen von einer Mutter, die immerzu lieb und geduldig ist. Meine Tochter darf eine Mutter kennenlernen, die auch mal die Nase voll hat. Dann erlaub sie es sich später eher, selbst mal wütend zu sein. Denn das gehört zum Leben dazu.

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