Let’s talk about: Mama, darf ich Zucker?

24. September 2019 | in Alltag | Ernährung | Food & Beauty

So hört man die Frage natürlich eher selten. Obwohl, wenn irgendwo ein hübsches Zuckerdöschen samt einladendem Löffel auf dem Tisch steht, dann werde ich auch mal ganz klar vor die Wahl gestellt! Diesen Spaß schlägt man Baby und Kleinkind gemeinhin aus – bunt gemischt sind die elterlichen Reaktionen aber auf Fragen nach Quetschies, Fruchtriegeln, Säften, (Kinder-)Süßigkeiten und anderen hochverarbeiteten Snacks und Lebensmitteln. Für viele ein Riesenthema, für andere gar nicht – ich habe in den letzten Jahren ein für unsere Familie gesundes Mittelmaß gefunden.

Als ich vor dreieinhalb Jahren das erste Mal Mama wurde, war das anders. Es gab während der Schwangerschaft eine erste, intensive (eher verbissene) Recherche-Runde, in der ich on- und offline Erziehungs- und Entwicklungsratgeber, Eltern-Blogs (vielen Dank Marie und Isabel für den aufschlussreichen und unterhaltsamen Input 🙂 ) und face-to-face-Erfahrungsberichte anderer Eltern ausgewertet habe. Schnell stand für mich fest, das Kind müsse in Wolle-Seide gekleidet sein, sich mit dem Öko-Testsieger-Schnuller regulieren und in einer schadstofffreien und den empfindlichen Baby-Nacken ideal stützenden Trage gewiegt werden. Das Thema Ernährung kam etwas später hinzu, da bei uns Muttermilch einen großen Teil des ersten Jahres reichte. Nach der Geburt und der Entwicklung des Ess- und Trinkverhaltens des ersten Kindes, und dann des zweiten, bin ich weniger dogmatisch. Vielleicht zu wenig dogmatisch, dachte ich mir letztens noch, als ich morgens um neun mit einer fetten Erkältung und Kleinkind auf dem Sofa saß und wir uns mit Baby-TV und Keksen beruhigten.

Erstmal ohne Zucker

Zurück zum Zucker. Den gab es für meine Tochter im ersten Jahr tatsächlich gar nicht. Was einfach war, da mein Mann, ich und die Empfehlung unserer Kinderärztin da d’accord gingen. Ganz easy blieb es auch bis zum sechsten oder siebten Monat, als Muttermilch das Kind noch wunschlos glücklich machte. Als es mit schmatzender Schnute begann, immer genau das einzufordern, was wir in den Händen hielten, mussten wir uns umstellen. Wir verzichteten, zumindest vor ihm, gänzlich auf zuckerhaltige Lebensmittel, sodass wir, dank Baby-Led-Weaning und Muttermilch-Unterstützung, alle gemeinsam das essen konnten, was auf den Tisch kam.

Was ist Zucker für euch? Wie sieht es mit Fruchtzucker aus?

Während der ersten 12 Monate und einen guten Teil des zweiten Lebensjahres gab es also keinen Zucker. Den Begriff benutzen wir für weißen Industriezucker, aber auch Rohrzucker, Rohrohrzucker, Vollrohrzucker und Zuckeralternativen wie Stevia oder Xylit. Honig, Ahornsirup und Agavendicksaft nennen wir nicht Zucker, verfuhren damit aber ebenso zurückhaltend. Die Süße bzw. der Zucker aus Früchten war und ist für uns ein anderes Thema. Natürlich haben wir darauf geachtet, dass unsere Tochter nicht fünf Bananen am Tag bekam, meiner Meinung nach ist Obst aber eine hervorragende Möglichkeit, Babys und Kinder mit wertvollen Nährstoffen, besonders Vitaminen, sekundären Pflanzenstoffe, Ballaststoffen und zusätzlicher Flüssigkeit zu versorgen. Und anders als bei den ebenso wertvollen Nährstoffen aus, beispielsweise, grünem Blattgemüse reißen die Kinder einem Früchte ja geradezu aus der Hand. Es gab also viel Gemüse, möglichst gesunde Fette, ballaststoffreiches Vollkorngetreide und größtenteils pflanzliches Eiweiß (häufige Ausnahmen in Form von heller Pasta und Pizza will ich hier nicht verschweigen) – und dann, zum Spaß, frisches Obst und allerlei Selbstgebackenes, wie Banana Bread, Carrot Cake, Pfannkuchen, Waffeln und Kekse ohne Zucker. Und noch einmal: Auch wenn Fructose, Glucose und Saccharose darin vorkommen, bezeichne ich Früchte in diesem nicht-wissenschaftlichen Kontext nicht als Zucker. Dabei ist es wissenschaftlich nachgewiesen, dass Zucker aus Obst keine vergleichbar negativen Auswirkungen auf unsere Gesundheit hat wie Süßwaren, Säfte, etc. – so empfehlen die WHO und auch die DGE zwei Portionen Obst pro Tag, für Erwachsene wie auch für Kinder.

Wie viel Verzicht muss sein?

Ich kann gut verstehen, wenn man sich diese Art der gesunden, zuckerreduzierten Ernährung zunächst als großen Verzicht vorstellt – oder als kaum umsetzbare Umstellung. Vor der Geburt meiner Kinder ging mir das (trotz überwiegend gesunder, bewusster Ernährung) genauso. Einen Tag ohne klassischen Schokoriegel, Kuchen oder Kekse am Nachmittag konnte ich mir gar nicht vorstellen. Tatsächlich lief die Umstellung dann aber ganz zwanglos und selbstverständlich. Wir kauften (größtenteils) frische, gesunde und vollwertige Lebensmittel. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als aus diesem gesunden Fundus zu kochen, zu essen, zu backen. Die Reste haben wir eingefroren und an Tagen aufgetaut, an denen die Kraft für die Küche fehlte. Hatten wir dann doch Appetit auf Süßigkeiten (ich) oder die zuckerhaltige Fertigpizza (mein Mann), musste man sich eben überwinden, noch einmal vor die Tür zu gehen. Da ist die Hemmschwelle natürlich deutlich höher als bei der Kühlschranktür. So kam die Gewöhnung an eine weniger süße, zuckerreduzierte Ernährung ganz wie von selbst. Nach einiger Zeit schmeckten uns „klassische Kuchen“ einfach nicht mehr so gut; schon nach einem Stück spürten wir leichte Übelkeit und Drücken im Magen. Wir haben also gar nicht das Gefühl, auf Süßes verzichten zu müssen. Wir essen süße Lebensmittel und empfinden sie als süß, nur dass sie eben einen wesentlich geringeren Zuckergehalt aufweisen als herkömmliche (vor allem industriell verarbeitete) süße Lebensmittel – selbst solche, die als Süßigkeiten für Kinder vermarktet werden.

Gefahren eines zu unbewussten Umgangs

Vielerorts, so scheint mir, sieht man eine zuckerreduzierte Ernährung eher als vorübergehenden Trend und das gelegentliche Stück Sahnetorte als kleine Belohnung, die noch niemandem geschadet hat. Das finde ich schwierig. Meine Meinung und Herangehensweise ist sicher auch nicht optimal oder wegweisend, ich denke aber, dass wir uns zumindest bezüglich der ernsthaften Folgen eines zu hohen Zuckerkonsums einig sein müssen. Wer sich und seine Kinder davor und einhergehenden Volkskrankheiten wie Fettleibigkeit, Krebs oder Diabetes schützen will, muss bewusst mit dem Thema umgehen. Da stimmt es zwar, dass sich der negative Effekt nicht bei einem Stück Sahnetorte einstellt, doch es ist ja in den meisten Fällen so, dass es dabei nicht bleibt (Stichwort: versteckter Zucker, z.B. in Marmelade, Backwaren, Getränken, herzhaften Fertigprodukten, etc.).

Langfristige Erfolgschancen

Wer den familiären Zuckerkonsum langfristig und praktisch im Alltag reduzieren will, muss etwas mehr Zeit und Arbeit für die Essens-Planung investieren. Denn, wie gesagt, wer gesund einkauft, hat auch gesunde Leckerbissen im Kühlschrank. Unterwegs gestaltet sich das Ganze aber schwieriger. Zwar gibt es ein immer größer werdendes Angebot an gesunden Snacks und Mahlzeiten; diese lassen sich dann aber, mit knurrendem Magen auf dem Weg zur Arbeit, selten ausfindig machen. Damit man dann nicht auf Croissant, Blaubeer-Muffin oder Rosinenbrötchen zurückfällt, muss man: Mahlzeiten und Snacks planen, vorausschauend einkaufen und zuhause vorbereiten. Wenn man dann noch die Mahlzeit in die Brotbox und die Brotbox in die Tasche packt, hat man gewonnen. Ganz ohne Papier- oder Plastikmüll und ohne weiter Geld ausgeben zu müssen, kann man sich über eine leckere, gesunde und satt-machende Mahlzeit freuen.

Entspanntes Mittelmaß

Aber ein Stück muss ich doch zurückrudern: Ich verurteile keine Croissants, Muffins oder Rosinenbrötchen; auch nicht Schokolade oder Weingummis. Die liebe und esse ich auch alle. Einfach nur viel weniger davon – freiwillig. Und damit komme ich zurück zu meinem angekündigten, schwindenden Dogmatismus: Mein zweites Kind hat auch schon vor seinem ersten Geburtstag vom Schokobrötchen seiner Schwester abgebissen. Wir kaufen immer noch gesund, frisch und überwiegend zuckerfrei ein, doch manchmal dürfen sich die Kinder gezuckerten Fruchtjoghurt oder Quetschies mit Fruchtsaftkonzentrat aussuchen (dabei finde ich versteckten Zucker echt fies). Auch verschlingen sie die Süßigkeiten, die sie in der Kita oder im freundlichen Späti um die Ecke geschenkt bekommen. Wir versuchen also, uns als Familie möglichst zuckerarm zu ernähren, ohne dass dabei ein Gefühl des Verzichts aufkommt. Süßigkeiten sind für uns akzeptable Ausnahmen in einer sonst vollwertigen Ernährung. Dabei ist uns wichtig, dass auch die noch so süße Süßigkeit oder die Lust darauf nichts böses oder schlechtes ist und wenn, dann mit gutem Gewissen gegessen wird.

Und ihr, wie haltet ihr es mit dem Zucker?

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