Let’s talk about: Ich würde mich gerne trennen – aber ich kann es nicht

Heute kommt mal wieder ein Gastbeitrag. Denn Aylin schrieb uns vor ein paar Wochen, dass sie ziemlich verzweifelt und unglücklich sei. Sie suchte nach Gleichgesinnten, Austausch und auch Hilfe. Wir konnten ihr ein bisschen weiterhelfen. Und haben sie gebeten, ihre Geschichte aufzuschreiben.

Ich bin Aylin, 37, Mama von drei Kindern. Meinen Mann habe ich vor neun Jahren geheiratet, eine Traumhochzeit, ich war so glücklich. Wir waren damals zwei Jahre ein Paar. Es war immer ein großer Wunsch von mir, zu heiraten. Als er mir den Antrag gemacht hat, war ich im Himmel und die Hochzeit war auch wirklich schön. Es war alles wie im Bilderbuch. Ich wurde nicht lange nach der Hochzeit schwanger, 2015 wurde unser Sohn geboren. 2017 der zweite Sohn, im gleichen Jahr sind wir ins Eigenheim gezogen.

Und dann begann auch eigentlich schon die Krise. Ich kann gar nicht genau sagen, wie es angefangen hat. Ich war einfach viel gestresst in dieser Zeit – ich war ja auch die meiste Zeit alleine zuhause mit zwei kleinen Jungs. Mein Mann arbeitete viel, wenn er da war, war er müde. Ich hatte Mühe, allem gerecht zu werden. Dabei dachte ich auch immer: wie undankbar von mir. Ich habe alles. Einen Mann, der mich liebt, zwei tolle Kinder, ein Haus, einen Ring am Finger. Alles, was ich mir immer gewünscht habe. Gearbeitet hatte ich da schon eine Weile nicht mehr. Ich bin Sozialpädagogin, aber ich hatte kurz vor der Schwangerschaft gekündigt. Ich dachte noch: Jetzt musst du dir schnell einen Job suchen! Aber es war eben auch klar, dass mein Mann mich mitfinanzieren kann, deshalb habe ich mir schwanger nichts Neues mehr gesucht. Ich wusste auch, dass ich wahrscheinlich wieder was finden würde, im sozialen Bereich fehlt es ja überall. Klar, mein Job ist nicht mal ansatzweise so gut bezahlt, wie der meines Mannes, aber ich mag ihn und er ist sinnvoll. Ich wusste, dass mir die Berufstätigkeit wieder gut tun würde, aber ich schob es weiter vor mir her, auch als beide Kinder im Kindergarten waren. Es war ja auch genug zu tun. So ein Haus macht viel Arbeit, einen Garten haben wir auch. Ständig war jemand krank. Ich hatte wirklich keine Zeit.

Stattdessen bekamen wir ein drittes Kind.

Es war kein Wunschkind, aber ich sah es als Wink des Schicksals, dass dieser Mann und diese Familie mein Leben sind. Ich war glücklich. Drei Kinder! Ich liebe es, Mama zu sein, auch wenn es natürlich manchmal viel Kraft kostete ich wie jede Mutter an meine Grenzen geriet. Es wurde auch noch ein Mädchen, Ende 2021 geboren. Ich schwebte auf Wolke sieben. Die Jungs waren schon ein bisschen größer, dieses dritte Kind konnte ich wirklich genießen.

Währenddessen wurde es aber mit meinem Mann immer schwerer. Das ganze letzte Jahr war nicht easy gewesen. Corona war eine Belastung für unsere Beziehung. Ich alleine mit den Kindern, er im Home Office. Wir saßen ganz schön aufeinander. Aber 2021 hatte ich dann das Gefühl: Wir haben es geschafft. Die Krise ist vorbei. Dann noch die Schwangerschaft, mir ging es wieder richtig gut. Ich war so aufgeblüht durch unsere Tochter, gleichzeitig natürlich erschöpft, weil ich ja alles, was mit Familie zu tun hatte, erledigte. Ich fuhr die Kids zum Kindergarten, zum Fußball, zu Playdates, ich kochte, wusch Wäsche, kümmerte mich. Auch nachts. Schlichtete Streitereien. Zeit für mich blieb wenig. Wenn ich mich mal mit meinen Freundinnen treffen konnte, schimpften wir fast immer im Kollektiv über unsere Männer. Das hat mir auch lange Zeit gut getan, aber immer öfter dachte ich in letzter Zeit: Was soll das eigentlich? Alle sind unzufrieden, alle bleiben in diesen unglücklichen Partnerschaften.

Meine Partnerschaft ist schon lange nicht mehr gut. Mein Mann ist oft mürrisch und schlecht gelaunt. Ich muss ihn dann auffangen, dabei hätte ich so gerne auch mal jemanden, der mich auffängt. Unter der Woche schmeiße ich den Laden eigentlich alleine, habe Routinen mit den Kindern, komme gut klar. Wenn er nach hause kommt, schlafen sie oft schon, manchmal kommt er zum Abendessen, bringt dann die Kinder ins Bett und schläft mit ihnen ein. Dann merke ich immer, wie erleichtert ich bin, weil ich den Abend für mich habe und mir nicht seine Klagen anhören muss. Er ist nicht glücklich in seinem Job und viele andere Dinge stören ihn auch. Es geht viel um ihn. Wenig um mich. Ich habe versucht, darüber mit ihm zu sprechen. Ihm zu sagen, dass er immer so negativ ist, ob er vielleicht etwas in der Arbeit ändern sollte? Er wurde gleich aggressiv, wer solle denn dann das Haus abbezahlen, es sei ein guter Job. Ich habe auch versucht, ihn zu überreden, Sport zu machen, Therapie. Dinge, die bei anderen Menschen helfen, um ausgeglichener zu sein. Hat er alles abgeblockt. Das klingt jetzt so schlimm. Wir haben auch noch gute Momente. Sogar haben auch noch ab und zu Sex, das klappt komischerweise noch ganz gut und für einen kurzen Moment fühle ich mich ihm dann auch wieder verbunden. Aber meist fühle ich mich weit weg von ihm. Wir haben nicht mehr viele gemeinsame Themen. So etwas wie Date Night ist nicht vorgesehen, haben wir noch nie gemacht, wir sind beide nie viel ausgegangen. Früher haben wir abends zusammen auf dem Sofa gekuschelt und Filme geschaut, aber ich habe da gar nicht mehr so Lust drauf. Außerdem ziehen die Wochen immer so an uns vorbei. Jetzt plane ich nach Corona endlich mal einen kleinen Urlaub im Sommer, vielleicht tut uns das gut, raus aus dem Alltag. Die Wochenenden helfen uns da jedenfalls gar nicht. Im Gegenteil.

Am Wochenende bringt er aber immer unseren ganzen Rhythmus durcheinander.

Er kocht ewig, so dass alle verhungern, weil es zu spät wird und die Kids durchdrehen. Er plant Ausflüge, in denen der Mittagsschaf der Kleinen nicht vorkommt und dann wird es immer anstrengend und ich muss es ausbaden, fahre viele Runden mit dem Buggy mit ihr. Oder er spielt mit den Jungs, sie kämpfen und sowas, aber es ist schon abends und danach kommt keiner mehr ins Bett ohne Geschrei. Das nervt mich natürlich total, aber wenn ich was anspreche, ist er verletzt, weil “immerhin kümmert er sich viel, obwohl er so viel arbeitet”. Stimmt ja auch. Aber darf es mich nicht trotzdem nerven?

Ich merke schon seit zwei Jahren, dass wir nicht mehr wirklich gut miteinander können. Dass ich mich alleine fast wohler fühle. Eine Paartherapie habe ich vorgeschlagen, aber da renne ich gegen eine Wand. Therapie? Das brauchen wir nicht, bei uns ist doch alles gut! Sagt er dann. Bei mir ist es nicht gut, sage ich, aber dann sagt er, ich solle mich mal nicht beschweren, ich lebe hier im Schloss und er malocht den ganzen Tag, um das zu bezahlen. Das stimmt ja auch.

Ich denke oft: Eigentlich will ich mich trennen. Ich wäre glücklicher ohne ihn. Obwohl es natürlich anstrengend ist mit drei Kindern bin ich meist glücklicher, wenn er nicht da ist. Dann fühle ich mich leicht und stark. Wären wir getrennt, dann könnte er ab und zu die Wochenenden ohne mich mit den Kindern verbringen, vielleicht wäre das perfekt für alle. Denn am Wochenende streiten wir so oft.

Nur: Ich kann nicht. Ich kann mich nicht trennen. Wie soll ich das machen?  Ich habe kein eigenes Einkommen. Habe seit acht Jahren nicht mehr gearbeitet. Und wenn ich ein Einkommen hätte: Wie viel wäre es? Ich könnte nicht Vollzeit arbeiten mit drei Kindern. Mein Gehalt wäre so klein. Dann das Haus: Wir könnten es verkaufen, aber er will das nicht, das weiß ich. Das wäre ja auch mit so vielen Kosten verbunden. Und dann müssten wir zwei Wohnungen finden, das ist absolut utopisch. Er könnte ausziehen und mir das Haus lassen, aber das würde ich niemals ansprechen. Trennung ist für ihn keine Option. Das macht man nicht. Es geht uns doch gut! Sagt er. Und ja, gerade läuft es nicht so gut, aber das ist doch normal, nach so vielen Jahren, da muss man durch. Mir aber geht es wirklich nicht gut, ich wünsche mir oft ein anderes Leben, träume davon, auszubrechen. Mit meiner Familie kann ich darüber auch nicht sprechen, sie sind konservativ, Scheidung kommt in ihrem Weltbild nicht vor. Meine Mutter hat sich immer aufgeopfert – wie so viele Frauen ihrer Generation. Durch die Blume sagt sie mir immer, dass ich das auch machen muss. Mich nicht beschweren darf. Mit meinen Freundinnen schimpfe ich zwar über meinen Mann. Aber so richtig öffnen kann ich mich da auch nicht. Das Wort Trennung nehme ich nicht in den Mund. Ich habe mir mein eigenes Gefängnis gebaut.

Weil ich auch denke: Ich habe doch nur dieses eine Leben. Soll ich da “durchhalten” mit einem Mann, mit dem ich unglücklich bin? Aber ich habe ja gar keine Wahl. Und dann sind da eben auch die Kinder, sie lieben ihren Vater. Ich kann ihn denen nicht nehmen. Es ist eine blöde Situation. Ich hätte nie gedacht, dass es so weit kommt. So halte ich also durch. Hoffe, dass sich was ändert. Dass es wieder gut wird. Dass ich vielleicht auch genügsamer werde und wieder glücklich mit dem, was ich habe.