Let’s talk about: Familie und offene Beziehung!? Passt das zusammen?

23. October 2020 | in Beziehung | Gesellschaft | Letstalkabout

„Offene Beziehung? Wiiiieee? Und das funktioniert? Auch mit Kind?? Und wie regelt ihr das? Erzählt ihr euch dann immer, wenn ihr Sex mit jemand anderem hattet – oder eher nicht? Und bist du gar nicht eifersüchtig? Hast du denn keine Angst, dass sich einer von Euch am Ende vielleicht verliebt?“ So oder so ähnlich steht mein Gegenüber, mit weit aufgerissenen Augen, vor mir und ist ganz hibbelig vor Neugierde. Was in der Theorie so wahnsinnig wild und aufregend klingt, ist in der Praxis so unglaublich unspektakulär, dass es mir schon fast unangenehm ist, dieses Fass überhaupt aufgemacht zu haben.

Höchste Zeit also, mit ein paar Klischees aufzuräumen und das für viele so spannende Thema „offene Beziehung“ (und das auch noch mit Kind) unter die Lupe zu nehmen.

Ohne Selbstliebe ist es schwer, offen zu lieben

Eine offene Beziehung ist ein Modell, dass ich in meinen Zwanzigern absolut nicht für möglich gehalten hätte, weder für mich, noch für andere. Heute weiß ich auch warum: Weil man sich dafür nämlich erst einmal auf einer Ebene selbst irgendwie gut finden muss. Sonst wird das nichts. Sonst tut es nur weh. Mit Mitte 20 hätte es mir arschweh getan! Denn damals war das noch so eine Sache mit der Selbstliebe. Da hab ich nämlich gedacht, ich bin erst dann besonders viel wert, wenn mich ein Partner liebt und mir das auch bitte mindestens fünfmal am Tag sagt und mich zusätzlich noch mit oberflächlichen Komplimenten überhäuft. Puh, was war ich anstrengend damals! Es mussten also einige Jahre vergehen, das Ego wachsen und jetzt leben mein Freund und ich seit etwa sechs Jahren in einer offenen Beziehung.

„Die eigenen Fehler tun nie so weh, wie die der Menschen, die wir lieben!“

Wir waren wohl so drei oder vier Jahre zusammen, als die Bombe damals geplatzt ist. Wir hatten beide Sex mit anderen gehabt. Bäm! Das hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen. Wie konnte er nur? Absolute Frechheit! Klar, ich hatte auch Sex gehabt, sogar viel regelmäßiger mit ein- und derselben Person, aber das ist natürlich was gaaaaanz anderes, das hatte ja schließlich keine Bedeutung…bla bla bla… Wie immer tun die eigenen Fehler nicht so weh, wie die der Menschen, die wir lieben. Für ihn war das alles kein Problem, er ist nicht eifersüchtig. Auch etwas, was ich damals nicht verstanden habe. Wie konnte er das so einfach akzeptieren, wo es mir fast die Luft wegschnürte? Kann das überhaupt aufrichtige Liebe sein, wenn er null Prozent Eifersucht verspürt? Natürlich ist das Liebe, klar, allerdings die Sorte, die eben nichts mit dem eigenen Ego zu tun hat und für den anderen nur das Beste möchte.

Viele, viele ruhige Gespräche später schien es plötzlich ganz simpel – und doch ist das wahrscheinlich der Teil, der am schwierigsten in Worte zu fassen ist. Mein Freund, zehn Jahre älter als ich, hatte schon einige Beziehungen durchlebt, die wegen „Fremdgehens“ auseinander gegangen waren und war für seinen Teil schon lange der Meinung, dass der Grundstein für eine Beziehung ein anderer ist und eben nicht der, ob man sich hin und wieder auch mal körperlich zu einer anderen Person hingezogen fühlt. Es hat eine Weile gedauert, bis ich das verstanden habe. Es ist doch so – niemand zwingt uns, zusammen zu sein. Nur wir beide ganz alleine entscheiden, dass wir jeden Tag nebeneinander aufwachen wollen, füreinander da sein wollen, die Sorgen des anderen teilen und eine Nähe zueinander verspüren wollen, die man so mit niemandem teilt. Kurz: Wenn man weiß, wie wichtig man sich gegenseitig ist, dann kann eine dritte Person einem nicht gefährlich werden. Beziehungsweise nicht mehr oder weniger, als wenn man in einer monogamen Beziehung lebt. Denn sich Hals über Kopf in eine andere Person zu verlieben, davor ist tatsächlich niemand von uns gefeit.

Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und fast behaupten, dass ich nach jedem Mal „Fremdknutschen“ noch ein kleines Stück mehr wusste, warum ich mich auf „zu Hause“ freue. Denn sind wir mal ehrlich: Jemanden zu finden, den wir wirklich richtig, richtig gut finden – im Bett, im Dialog, optisch, vom Humor her, und so weiter – die Chance hier ist ziemlich gering!

Ist monogame Sozialisierung ein veraltetes Modell?

Um mir mal eben selbst kurz den Wind aus den Segeln zu nehmen und hier nicht zu klingen wie eine wilde Sex-Göttin, die jedes Wochenende durch fremde Betten springt: Bei uns ist das alles total harmlos. Denn wie so oft im Leben, sind Dinge die eben nicht „verboten“ sind, plötzlich auch gar nicht mehr so furchtbar spannend. Wenn es aber dann doch mal passiert, dann meistens aus einem Mix aus völligem Freiheitsdrang, Neugierde, großer Lust und mit Sicherheit auch Alkohol. Ich mag es, wenn Raum und Zeit verschwinden und ich mich komplett fallenlassen kann und hemmungslos einen neuen Menschen beziehungsweise Körper kennenlerne. Mit Bestätigung, wie so viele immer denken, hat das zum Beispiel weniger zu tun. Klar, Komplimente sind immer schön, aber wenn man Sex mit anderen nutzt, um sein Selbstwertgefühl aufzupolieren, dann wird man ziemlich sicher auch hier nicht glücklich. Aber was weiß ich schon? Auf keinen Fall möchte ich hier so tun als hätte ich die Offenen-Beziehungs-Weißheiten mit Löffeln gefressen.

Doch in all den Jahren lernt man noch mal ganz schön viel über sich, hört immer mehr auf sich und seine Bedürfnisse. Fragt sich, ob es wirklich „nötig“ war oder nur eine unnötige Spielerei. Es lässt dich sehr intensiv spüren, was du wirklich willst und fühlst. Und ist das Leben nicht vielleicht auch ein bisschen zu kurz, um auf all das zu verzichten? Würden nicht sehr viel mehr Beziehungen halten, wenn wir nicht stur weiter auf die Art leben würden, in der wir sozialisiert worden sind? In so vielen Bereichen haben wir uns die letzten Jahre geöffnet, Lebensmodelle verändert, den Arbeitsalltag angepasst, warum also nicht auch die Beziehung an unsere aktuelle Umwelt anpassen? Auch hier, bitte nicht falsch verstehen, das ist kein offizieller Boykott gegenüber monogamer Beziehungen! Ganz im Gegenteil. Aber vielleicht eine kleine Gedankenstütze, um die eigenen Bedürfnisse noch mal mehr zu ordnen und mit dem Partner darüber zu sprechen. Ich glaube, dass viele sich wundern würden, wie sehr sie damit beim Partner auf offene Ohren stoßen würden.

Schwangerschaftshormone versus Moral

Naiverweise hatte ich lange vor der Schwangerschaft doch immer gedacht, dass ich spätestens mit Kugelbauch bitte eine Pause möchte von unserer „Regelung“. Schließlich würden wir dann doch eh nur noch Augen füreinander haben und ich für alle anderen Männer komplett unsichtbar sein. Letztendlich musste ich mich selber daran erinnern, dass andere Männer tabu sind, während ich ein Baby in mir spazieren trage. Der Grund dafür war meine ständige Geilheit (sorry, aber das Wort „Lust“ wird diesem Zustand einfach nicht gerecht) und erstaunlicherweise auch das ein oder andere „unmoralisch Angebot“. Denn, wie sich herausstellte, ist man doch nicht automatisch unsichtbar, wenn man sich walrossartig durch die Gegend bewegt. Es gibt Männer, die finden das sogar ganz schön sexy. Hier möchte ich aber gar nicht zu sehr ins Detail gehen. Viel spannender und schöner war, dass mein Freund in den neun Monaten ausschließlich Augen für mich hatte. Wir fanden uns beide so unfassbar toll, dass wir unseren zweiten Frühling erlebt haben.

Und auch jetzt, zwei Jahre nach der Geburt, behauptet mein Freund, dass sich seine Prioritäten verschoben haben und er mit dem Kopf voll und ganz bei der Familie ist. Trotzdem sagt er nach wie vor, dass er es wahnsinnig befreiend findet, die Option zu haben auch mit anderen Frauen schlafen zu können, und keine finale Entscheidung treffen zu müssen: Familie oder casual Sex.

Vielleicht sollte ich noch erwähnen dass unsere „Ausflüge“ rein logistisch kein Problem darstellen, da wir uns mit einer Zweitwohnung behelfen. Was natürlich nicht heißt, dass eine Nacht in der Single-Wohnung auch bedeutet, es wie ein Single krachen zu lassen. Denn sind wir mal ehrlich: Der Alltag mit Kind ist anstrengend! Oft so sehr, dass es meine Libido darunter leidet und mir der Sinn nur selten nach verruchten Sexabenteuern steht. Für meinen Geschmack sogar viel zu selten, aber sich zu etwas zwingen, das man nicht fühlt, bringt am Ende eben auch nichts.

Sex mit anderen Männern ist wie Urlaub vom Alltag

Eine offene Beziehung ohne Kind zu leben, ist mittlerweile gar nicht mehr allzu exotisch. Aber darf ich denn auch als Mutter mit anderen Männern schlafen? Aber ja klar, warum denn nicht?! Ich bin nach wie vor ein sexueller, körperlicher Mensch, der ab und zu ein bisschen freidrehen möchte. Das bin ich. So war ich schon immer. Und leben wir nicht alle mehr oder weniger nach dem Credo „glückliche Mutter = glückliches Kind“? Für die einen bedeutet das Glück einen Tag in der Sauna oder einen Kurzurlaub mit Freundinnen. Und für mich nun mal hin und wieder ein kleines Abenteuer. Urlaub vom Alltag. Mal geplant, mal ungeplant. Mal erzähle ich am nächsten Tag meinem Freund davon, mal behalte ich das kleine Geheimnis für mich und zehre noch ein paar Tage davon. Diesbezüglich haben wir keine wirkliche Regelung, hier darf entschieden werden, was sich gerade richtig anfühlt.

Natürlich hat es eine ganze Weile gebraucht, nach der Geburt, bis ich wieder bereit war, meinen Körper einem Menschen zu zeigen, der nicht mein Partner ist. Zehn Monate, wenn ich mich recht erinnere und auch das hat mich ein klein wenig Überwindung gekostet. Denn das Gefühl im neuen Körper musste ich erst mal analysieren und lernen. Ein Gefühl welches ich hier schon mal beschrieben habe. Um so schöner war es zu spüren, dass auch der neue Körper die selben Bedürfnisse hat wie der alte. Und ich die Freiheit habe, diese auszuleben. Auch als Mutter.

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