„Ich bin dann mal eben weg!“ – Wie lebt es sich als Familie mit einer Zweitwohnung?

23. January 2020 | in Beziehung

„Wie ihr habt zwei Wohnungen?” Na, in der einen leben wir zu dritt und die andere ist unser Zufluchtsort. Wenn wir mal raus müssen und unsere Ruhe brauchen, dann schläft einer dort. “Boar, das klingt ja perfekt!!!“ Finden wir eigentlich auch. Doch was in der Theorie so einfach klingt, lässt sich als Familie im Alltag gar nicht mal so einfach umsetzen. Lohnt sich eine zweite Wohnung überhaupt?

Die Entscheidung stand schnell fest: wir behalten erst mal beide Wohnungen und dann sehen wir weiter. Das war damals, zu Beginn der Schwangerschaft – ich wohnte noch in meiner kleinen Wohnung in Berlin-Mitte, mein Freund in seiner größeren Wohnung am Prenzlauer Berg. Hier würden wir mit dem Baby erst mal zusammen wohnen, bis sich dann hoffentlich irgendwann, in naher Zukunft, was Größeres findet. Zusammen gewohnt hatten wir in den damals knapp acht Jahren Beziehung nur kurzzeitig. Warum? Weil wir beide sehr freiheitsliebend sind und jeder sein Eigenes haben wollte, auch wenn wir am Ende dann doch sechs von sieben Nächten die Woche zusammen verbracht haben. Aber diese eine Nacht alleine, die hat so viel ausgemacht. Meist habe ich mir da gar nicht groß was vorgenommen, sondern hatte meine kleinen Rituale, die ich wahnsinnig genossen habe. Und das Wiedersehen am Tag drauf war um so schöner. Wieso also nicht auch mit Kind so weiter machen? Eben!

24 Stunden Hotel

Im ersten Jahr mit Baby waren wir dann doch realistisch und wussten, dass wir kaum Zeit dafür haben werden würden, einen „24 Stunden Urlaub“ einzurichten. Also haben wir die Wohnung untervermietet. Diese 12 Monate sind seit Anfang November vorbei und die Wohnung plötzlich wieder frei – Und jetzt? Wie gehen wir das Ganze eigentlich an? Was nämlich in der Theorie so einfach klang, ist im Alltag gar nicht mal so easy unterzubringen. Zuerst wollten wir die Kita-Eingewöhnung hinter uns bringen, dann kamen die Krankheiten, dann diverse Jobs und Deadlines, eine dolle Mama-Phase machte eh alles schwieriger und manchmal war es auch die Faulheit bzw. Gemütlichkeit, die uns verleitete, gemeinsam in der Familienwohnung zu bleiben. Vor allem, als es draußen plötzlich so kalt wurde. Irgendwas war also immer, bis vor kurzem. Ich machte den Anfang und habe meine Übernachtungstasche gepackt. Zwar ist die Wohnung noch möbliert und voll funktionstüchtig, aber Waschzeug, Pyjama, ein Buch und ein paar Snacks müssen natürlich trotzdem mit. Am Abend vorher ging ich, zusammen mit meiner Übernachtungstasche, noch einen Wein mit einer Freundin trinken und dann ab nach Hause. Ein Zuhause, das lange mein ein und alles war – jetzt fühlt es sich seltsam an hier die Tür aufzuschließen. Aus Gewohnheit versuche ich, besonders leise zu sein – doch ist hier kein Kind, das aus Versehen geweckt werden könnte. Fühlt sich irgendwie gut an. Aber auch ein bisschen so, als würde ich etwas Verbotenes tun.

Ein Bett für mich alleine!

Schnell Zähne putzen und ab ins Bett. Ein Bett für mich alleine. Ein Bett, das mich seit vielen Jahren begleitet hat und in dem ich früher die Sonntage ganztägig verbracht habe. Als ich das letzte Mal darin lag, war ich im 7. Monat schwanger. Wie schräg. Fühlt sich an wie ein komplett anderes Leben. Und während ich versuche, mich an die Zeit zu erinnern, schlafe ich auch schon ein. Ich schlafe zwar durch, bin aber trotzdem relativ früh wach. War ja klar. Trotzdem genieße ich das Gefühl, nicht direkt aufstehen zu müssen und mich um jemanden kümmern zu müssen. Einfach mal liegen bleiben, an nichts denken und am Handy rumspielen. Richtig lange halte ich das dann aber auch nicht aus und sitze um zehn in einem kleinen Frühstücks-Café ums Eck. Hier habe ich mir früher morgens immer einen Smoothie gekauft, das Personal erkennt mich noch und grüßt ganz lieb. Jetzt sitze ich hier alleine und versuche es zu genießen, dass ich meinen Bagel an einem Stück essen kann. Niemand, der was abhaben möchte oder den Kaffee umkippen kann.

Wo ist der „ME Time-Button“ wenn man ihn braucht?

„Ich komme gleich nach Hause!“ schreibe ich meinem Freund. 24 Stunden sind noch lange nicht rum, aber ich vermisse Kind und Mann und möchte den Sonntag gerne zu dritt verbringen. Auf dem Weg nach Hause stelle ich also halb glücklich, halb verwundert fest, dass alleine sein in meiner Vorstellung um Einiges aufregender war als in der Realität. Es gab so viele Momente in den letzten 15 Monaten, wo ich mir so gerne einen „ME TIME-Button“ gewünscht hätte, damit sich die Welt mal wieder nur um mich dreht. Klar gab es mal die Stunde Yoga, Kaffee trinken mit der Freundin und Ausgehen am Abend, aber einfach nur Zeit für mich ohne etwas zu tun, ist mit Baby natürlich rar. Jetzt hätte ich also diese Zeit und möchte zurück nach Hause. Wie so oft im Leben will man natürlich immer das, was man gerade nicht hat. Irgendwie aber auch beruhigend, dass Vorstellung und Realität nicht automatisch die selbe Gewichtung haben. Zu Hause angekommen machen Kind und Mann gerade Mittagsschlaf und ich nutze die Chance, doch noch im Nebenzimmer eine Folge „This is us“ zu gucken. Mit der Vorfreude im Bauch, dass die beiden bald wach werden, kann ich die Entspannung fast mehr genießen als wenn ich ganz alleine bin.

Für die Zukunft…

Fazit: Wir mussten das “alleine sein” noch ein bisschen üben und versuchen nun regelmäßig einen Tag „Urlaub“ zu nehmen – und uns dann in der Single-Wohnung auch wie ein Single zu fühlen. Heißt: die Verantwortung wirklich bewusst abgeben und dann nur auf sich zu achten. Ich finde das besonders praktisch, wenn man vorhat, mal wieder richtig auszugehen. In der Bude kann man ausschlafen und hängt den nächsten Tag nicht komplett in den Seilen. Zu wissen, dass die Wohnung jederzeit verfügbar ist, gibt uns ein Gefühl von Freiheit, auch wenn dieses am Ende gar nicht so oft genutzt wird, wie anfänglich gedacht.

Auch schön ist die Zeit für den jeweils anderen, der mit unserem Kind alleine ist und sich komplett darauf einstellt. Kein „Kannst du mal eben“ oder „ich mach mal noch schnell das“ – wir sind 100 Prozent beim Kind. Je nachdem, wie lange wir noch beide Wohnung behalten und wie alt unser Sohn dann ist, stellen wir uns kleine Rituale vor. „Heute schläft die Mama in der anderen Wohnung, das heißt der Papa macht heute Pizza.“ oder „Du bist heute mit Mama alleine, deshalb darfst du dir einen Film aussuchen und wir bleiben ganz lange auf.“ Vielleicht eine sehr romantische Vorstellung, aber wir halten erst mal daran fest und versuchen, uns ein Stück vom „alten Leben“ und den Freiheiten zu bewahren, bis wir wissen was wir als Familie wirklich brauchen.

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