Gut genug ist gut genug. Jetzt mehr denn je…

28. January 2021 | in Alltag

Huch, der Januar ist schon fast vorbei. Gefühlt war jeder Tag fast gleich. Jeder Abend auch. Als der Mann letzte Woche meinte: “Jetzt wird mir aber doch mal langweilig”, musste ich lachen. Jetzt erst? Es war der gefühlt 238. Abend in Folge, den wir zusammen auf der Couch verbrachten. Netflix ist durchgeschaut. Die Puste geht uns aus. Haben wir nicht langsam mal lange genug durchgehalten?

 

Leider wohl noch lange nicht. Dazu kommt: Fast vier Wochen Home Schooling liegen hinter uns. Mal wieder. Was soll ich sagen. Es läuft mal besser, mal schlechter. Oft ist das einzige Tagesziel, nicht auszuflippen. Ab und zu lassen wir es nach einer halben Stunde einfach bleiben. Keine Aufgabe der Welt ist so wichtig, als dass man ihretwegen die Eltern-Kind-Beziehung aufs Spiel setzen sollte. Und manchmal, ja manchmal… da sehen wir aber auch, wie sich diese krasse 1:1 Begleitung auszahlt – also, dass einige Dinge tatsächlich besser geworden sind. Dass es einen LERN-FORTSCHRITT gibt, den wohl wir mitzuverantworten haben. Ja, naja gut. Passiert selten. Vor allem machen wir wirklich nur noch das Allerwichtigste.

Druck raus. Und nur das Wichtigste

Ich bin keine Lehrerin und werde nie eine sein. Aber der eine Tipp, den mir eine befreundete Lehrerin gegeben hat, ist: “Wenn es nicht läuft, dann den Druck rausnehmen.” Der zweite Tipp war: “Das Einmaleins und Lesen und Schreiben, das sind die wirklich wichtigen Dinge in der Grundschule, denn ohne das kann man auf nichts aufbauen. Das ist ja das Fatale: Es gibt jetzt wirklich Kinder, die die Grundausstattung im Lesen, Schreiben, Rechnen verpassen – und dann nie wieder mitkommen werden…” Was für ein Glück mein Kind hat, dass das nicht passieren wird, dachte ich. Dank engagierter LehrerInnen und Eltern. Für mich bedeutete das aber auch: Alles andere – Sachkunde, Sport, Kunst, Projekte – ist schön, aber nicht so wichtig.
Also machen wir Mathe und Deutsch – und alle anderen Aufgaben kommen meist zu kurz. Weil keine Konzentration mehr da ist. Und weil ich denke: Dieses Kind ist so interessiert im Alltag, hat schon so viel mitbekommen. Es wird okay sein. Und mehr als okay muss es gerade nicht sein. Dafür ist das alles viel zu anstrengend. Es muss gerade gar nichts super reibungslos klappen, oder?

Das habe ich letzte Woche auch einer Freundin gesagt, die sich wahnsinnig stresst mit dem Home Schooling. Die überhaupt von sich erwartet, neben allem anderen (sie arbeitet Vollzeit, ihr Mann auch – er übernimmt aber nur eineinhalb Tag die Woche), noch eine super Pädagogin zu sein. Sie hortet Bastelprojekte und Experimente, kocht jeden Tag gesund und regt sich nebenbei über das Schulsystem auf. “Das ist immer noch total frontal!” schimpft sie. “Und es wird ganz viel wiederholt, wiederholt, wiederholt. Total stumpf. Wie bei uns damals!”

Ich sagte kleinlaut, dass ich denke, das Einmaleins muss man eben auch einfach 10000 x wiederholen, bis es im Schlaf sitzt. Wie soll das denn sonst gehen. Und dann merkte ich, dass ich es nicht sinnvoll finde, wenn überlastete Eltern sich jetzt auch noch auf die Fahne schreiben, das Schulsystem zu reformieren. Da läuft sicher einiges falsch, aber ist jetzt der richtige Zeitpunkt, sich auch noch darum zu kümmern? Ja, und manche ärgern sich auch über LehrerInnen – da gibt es sicher solche und solche. Und die fehlende Digitalisierung und und und. Sehe ich auch so. Aber das können wir genau jetzt sicher nicht auch noch ändern. Ich finde es viel schlimmer, dass es vor allem und immer noch FRAUEN sind, die das alles jetzt gerade stemmen. Das frustriert mich wirklich. Denn DAS könnte man sicher viel öfter anders gestalten…

Whatever works – gerade so legitim wie nie

Ich erzählte meiner Freundin also, dass wir immer nur das Nötigste machen. Dass das kleine Kind nebenbei Ballett-Videos ansehen darf, oder ein Hörspiel hören. Manchmal macht es auch “Wisch- und Weg-Bücher” und tut so, als würde es auch Hausaufgaben machen. Das einzig wichtige ist, dass die Beschäftigung der kleinen Schwester nicht zu spannend ist, sonst will der Große das auch – und hat noch weniger Kopf für seine Aufgaben. Ansonsten läuft hier viel die Glotze. Es gibt oft Pizza. Viel Süßes, viele Ausnahmen. Ständig laufen Kinderlieder.

Ich weiß, viele von euch brauchen dringend Projekte, Bastelideen, Kochideen, Rezepte, Home Schooling Tipps – einfach als Ablenkung, als Hilfe – und weil sie nicht mehr wissen, was sie denn jetzt noch mit den Kindern zuhause anstellen sollen. Wir liefern das hier auch weiterhin (morgen kommt ein tolles Rezept und jede Menge Apps- und TV-Tipps haben wir auch!), ich wollte nur mal ganz ehrlich erzählen, dass ICH für sowas kaum mehr Raum mehr habe. Ich liebe normalerweise DIY Projekte, lasse mir gerne was einfallen. Aber den Anspruch habe ich mittlerweile nicht mehr. Wir kämpfen uns täglich durch das Home Schooling, nebenbei mache ich die wichtigsten Mails, aber nein – “nebenbei” geht eigentlich nichts, das Schulkind braucht volle Aufmerksamkeit.

Meist sind wir dann gegen halb elf durch mit den Aufgaben. Anschließend gibt es nicht etwa ein Bastelprojekt, sondern die Kinder spielen einfach. Das geht meist eine Zeit lang gut, oder es kommen 2/3/5 Konflikte dazwischen. Währenddessen versuche ich wirklich, ein bisschen zu arbeiten. Danach wird der Fernseher angeschmissen, sie dürfen Löwenzahn schauen, oder Wissen macht Ah! – eben irgendwas aus der ARD-Mediathek, das ihnen Spaß macht und mir das Gefühl gibt, sie lernen noch was dabei oder werden wenigstens nicht zu sehr Reiz überflutet. Dann gibt es Mittagessen. Da hab ich auch schon resigniert, ich mache immer eine Rohkost-Platte, die vertilgen sie vor dem Fernseher. Zu Mittag gibt es dann Nudeln, Kartoffeln, Fischstäbchen, Pizza, ab und zu ein mildes Curry. Irgendwas, was sicher gegessen wird.

Rausgehen – wichtiger als alles andere

Dann gehen wir raus. Immer. Das klappt zum Glück meist gut, manchmal dauert es aber auch 45 Minuten bis wir endlich draußen sind und mein Ziel ist dann auch nur: nicht durchdrehen. Raus gehen tut uns aber immer gut, egal bei welchem Wetter. Das ist so wichtig geworden und mir auch wichtiger als jede Hausaufgabe und jedes Projekt. Einfach frische Luft. Wir treffen dann ab und zu die immer gleichen Freunde. Wir reden, toben, lachen. Wir haben jetzt – im Januar! – lange Radtouren gemacht. Am Nachmittag wird zu Hause ab und zu was Schönes gemacht: gebacken, ein Gesellschaftsspiel gespielt, oder eben sogar wirklich gebastelt. Aber nur, wenn alle (inklusive mir) wirklich richtig Lust drauf haben. Sonst malen die Kinder, spielen, es gibt noch ein Hörspiel (Spotify Premium hat sich noch nie so gelohnt!). Vor dem Abendessen darf oft noch mal was gekuckt werden. Beim Abendessen kochen der Mann und ich immer was Wildes – essen ist ja fast die einzige tolle Sache gerade! Und die Kinder bekommen wieder etwas Einfaches. Und dann geht es auch schon langsam ins Bett. Ja und DAS ist im Moment mein größtes Problem, denn sie schlafen morgens gerne länger und gehen richtig spät ins Bett. Das ist ihr natürlicher Rhythmus, den hatten sie im Frühjahr auch entwickelt. Meiner ehrlich gesagt auch, aber mir fehlen die Stunden abends, denn ich kann immer erst richtig abschalten, wenn beide schlafen. Wieder ist mein Ziel beim ins Bett bringen einfach nur, entspannt zu bleiben, auch wenn es dann schon in Richtung zehn Uhr geht und ich WIRKLICH Feierabend will. Ich weiß ja, dass sie das nicht aus Bosheit machen, dass sie einfach weniger ausgelastet sind, als wenn sie in Schule/Kita/Sport/bei Freunden waren… Wenn wir alles ruhig schlaffen, ist mein Tagesziel erreicht und ich genieße den (kurzen) Abend. Wenn nicht, bin ich mürbe – und gehe auch früh schlafen. Ich lese mehr denn je, zusätzlich höre ich in jeder freien Minuten Krimis. Ich bin so unsozial und still geworden in den letzten Wochen, mir fehlen meine Freunde und Freundinnen, mir fehlen lange Yoga-Sessions und ausführliche Essen und Gespräche, die sich einfach mal so entwickeln können, weil eben Zeit ist. Hach. Aber ich halte mich wacker.

Zum GLÜCK kann ich mich mit meinem Partner abwechseln und muss nicht jeden Tag Hausfrau, Lehrerin und Pädagogin sein. So finde ich zumindest ab und zu Zeit zum arbeiten und für mich. Für diesen Text habe drei Tage gebraucht, denn die letzten Tage war ich dran. Und wahrscheinlich habe ich nie länger als zehn Minuten am Stück geschrieben. Denn dann brauchte wieder jemand etwas. Hat sich einer weh getan, weinte einer. Hunger, Durst. Noch was glotzen? Biiieeeettteeee.

Ich bin so sauer auf die Politik und so genervt von dieser Fünffach-Belastung. Und ich bin dennoch dankbar, weil es uns noch sehr gut ergeht. Weil ich nie Hausfrau sein wollte – und es wahrscheinlich genau deshalb jetzt auch manchmal heimlich genieße. Weil die Kinder schon auch ausgeglichener sind, und der Familienalltag meistens einigermaßen entspannt. Weil ich es ganz oft auch sehr schön und gemütlich finde, dass wir so aufeinander hocken. Darf man das überhaupt noch sagen, dass man dieser Zeit auch etwas abgewinnen kann? Ich weiß, dass wir privilegiert sind, dass viele ihre Jobs und geliebte Menschen verloren haben. Ich will es nicht schön reden. Es ist eine riesengroße Krise. Aber ganz persönlich sind viele Tage auch schön hier. Und ich habe wirklich nicht das Gefühl, dass meine Kinder unter all dem schrecklich leiden. Vielleicht geht es eigentlich ganz vielen Kids so? Zumindest den kleinen, für (angehende) Teenager ist es natürlich furchtbar. Wieder: ich will es nicht schön reden. Es ist eine belastende Zeit und in vielen Familien brennt die Hütte. Ich finde es nicht okay, dass den Kindern so viel genommen wurde. Ich weiß nicht, wie es anders gehen soll, fair fühlt es sich aber auch nicht an. Vor allem ist es so schrecklich, dass die Kinder, die es zuhause nicht gut haben, keinen Zufluchtsort mehr haben…

Aber ganz viele Kinder haben Eltern, die immer noch da sind, mit ihnen sprechen, sich Mühe geben, sie in den Arm nehmen und auffangen. Die das LehrerIn sein hoffentlich nicht zu ernst nehmen, es aber einigermaßen leisten können. Ich hoffe, dass diese Kinder es so gut hatten bisher, dass sie damit klar kommen, dass Mama und Papa jetzt ständig vor dem Rechner sitzen, und oft genervt sind. Für meine Kinder, glaube ich, ist es einfach wie sehr lange und sehr langweilige Ferien. Wir machen es in unserer Familie so, dass wir Erwachsenen unsere eigenen Kontakte sehr einschränken. Dafür dürfen die Kids immer mal wieder einen Freund oder eine Freundin treffen. So fühlt sich diese Zeit für sie gar nicht SOOO anders an. Mein Sohn sagt sogar, die Schule fehle ihm gar nicht. Meiner Tochter dagegen geht die Kita schon sehr ab, auch ihren Ballettunterricht und alle anderen Nachmittagsaktivitäten vermisst sie schmerzlich. Eventuell muss mein Sohn im März seinen zweiten Geburtstag ohne Freunde feiern. Ach ja. Es ist keine leichte Zeit. Aber, nochmal: Ich habe nicht das Gefühl, dass meine Kinder ein Trauma mitnehmen werden. Das bedeutet im Umkehrschluss für mich, dass man sich auch nicht so stressen muss, um es den Kindern extra schön zu machen, wenn man dazu gerade keine Kapazitäten hat. Dass man kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn es mal einfach nur so dahinplätschert und vielleicht auch viele Konflikte gibt.

Eine lange, langweilige und nervige Zeit, die aber auch oft schön war

Im ersten Lockdown hatte ich oft das Gefühl, dass die Kinder viel Halt brauchen. Viel Begleitung, um diese ganzen schrecklichen Neuigkeiten zu verdauen. Um mit dieser unsicheren Zeit klar zu kommen. Nun haben sie es gefühlt einfach so angenommen. Sie tragen ihre Masken verantwortungsvoller als Erwachsene. Sie waschen sich die Hände. Sie schauen mit uns die Nachrichten, schimpfen auf Corona, facetimen mit Freunden und Großeltern und freuen sich über die Impfstoffe und eine Perspektive. Und ich denke, wenn es langsam wieder in Richtung Normalität geht, dann werden sie sich einfach wieder umgewöhnen. Dann war das eine lange und langweilige und vielleicht nervige Zeit in ihrem Leben – aber mehr auch nicht. Das hoffe ich wirklich sehr. Und sicherlich hatte diese Zeit auch ihre schönen Momente.

Kommentare