“Ehrlich gesagt…. So geht es uns, seit wir Eltern sind” – mit Sarah von This is Jane Wayne

11. May 2021 | in Alltag | Beziehung | Familie | Parenting

Zusammen ein Kind zu bekommen ist die ultimative Verbindung, vielleicht mit das Schönste, was zwei Menschen zusammen erleben können. Aus zwei werden drei – oder mehr. Familie sein. Und trotzdem ist dieser Prozess nicht selten auch so wahnsinnig schwer, neu und überfordernd. So sehr man denkt, auf den neuen Abschnitt des Lebens vorbereitet zu sein, reißt es einem in regelmäßigen Abständen den Boden unter den Füßen weg. Wir wollten wissen: wie geht es anderen Paaren da draußen? Stolpern wir alle über die gleichen Steine oder können wir vielleicht sogar noch hier und da voneinander lernen? Regelmäßig möchten wir mit dieser neuen Rubrik Paare zu Wort kommen lassen, die uns erzählen, wie sie sich als Eltern so schlagen und vor allem wie es ihnen dabei geht.

Zu Beginn starten wir mit einer absoluten Granate – Sarah Gottschalk von unserem Lieblingsblog „This is Jane Wayne“. Sie findet, wie immer, auch für das Abenteuer Elternschaft die passenden Worte und spricht uns an vielen Stellen direkt aus der Seele. Danke für deine Ehrlichkeit und den Einblick in euer Familienleben, liebe Sarah!

Liebe Sarah, erzähl dich mal: Wer seid ihr? Wieviel Kinder habt ihr und seit wann seid ihr Eltern?

Sarah: Wir sind Jens (36) und Sarah (33) mit Wilma (5) und Otto (1) und wir sind 2015 zum ersten Mal Eltern geworden.

Wie geht es euch als Paar, seit ihr Eltern seid?

Sarah: Das lässt sich so pauschal ganz und gar nicht einfach beantworten, denn zum einen ist es eine ganz verrückte Reise mit allen Auf und Abs, zum anderen weiß ich natürlich nicht, wie es uns heute ohne Kinder gehen würde. Gerade jetzt geht es uns als Paar aber richtig gut, trotz Corona und allem Pipapo. Weil wir uns längst an unser Leben mit Kids gewöhnt haben, super respektvoll und nachsichtig miteinander umgehen. Und weil wir uns heute viel aufmerksamer sehen, hören und verstehen. Das war nach Kind Nummer eins kein bisschen so. Ich war oft wütend, wollte viel Gemeinsames hinwerfen, konnte wenig genießen, habe mich unverstanden und ungesehen gefühlt und mich in meinen verschiedenen (neuen) Rollen nicht gut finden können. Wie soll man* sich aber in seiner Partnerschaft finden, wenn man* selbst so irritiert ist? Ich glaube, wir machen das heute ganz gut, nehmen uns nicht zu ernst und springen ein, wenn dem/der anderen mal wieder die Puste ausgeht. Wir sind füreinander da. Und vielleicht geht es uns gerade deswegen gut.

Habt ihr bewusst Dinge wie die Aufteilung von Haushalt, Freizeit oder Mental Load in der Schwangerschaft besprochen?

Sarah: Es war von Anfang an klar, dass wir die Betreuungszeit der Kids 50/50 aufteilen, obwohl ich mehr Geld verdiente als mein Partner. Ich habe mich oft gefragt, ob wir auch mit dieser Selbstverständlichkeit an die Aufteilung heran gegangen wären, wenn mein Partner damals mehr verdient hätte. Oder ob ich mich dann vielleicht sogar von mir aus mehr zurückgenommen hätte. Wir haben es glücklicherweise beide nicht gemacht, denn ich glaube, so konnten wir sehr gut wir bleiben, also er er und ich ich.

Und habt ihr es geschafft, diese Absprachen mit Kind auch umzusetzen?

Sarah: Ja. Bloß hatten wir die Sache mit dem Mental Load vorher gar nicht auf dem Schirm. Ich behauptete also immer, dass wir bei uns ja alles so toll 50/50 umsetzten, stellte aber irgendwann fest, dass das überhaupt nicht der Fall war und dass ich neben meinem “Zeit-Slot” noch so viel mehr machte: Mehr aufräumte, mehr mitdachte, mehr organisierte, mehr auf dem Schirm hatte und die Fäden in meinen Händen lagen. Und das führt, wenn ich mich mal wieder ungerecht behandelt fühle, auch heute immer noch zu Streit und Diskussionen. Aber gerade das ist wichtig, dass wir es nicht einfach hinnehmen, sondern laut sind und miteinander reden und auch mal streiten, jawohl! Weil sich manchmal nur so etwas verändert, weil wir uns selbst oft nur so richtig reflektieren und ganz einfach, weil Emotionen an die frische Luft müssen. Wir sind jetzt nach Kind zwei richtig gut 50/50 unterwegs. Vielleicht holpert es hier und dort hin und wieder, aber wir reden unheimlich viel über alles. Nach wie vor müssen wir natürlich beide an uns arbeiten: Die eine, dass sie nicht immer alles an sich reißt. Der andere, damit er mehr an sich reißt.

Was würdet ihr anders machen, wenn ihr noch mal die Chance dazu hättet?

Sarah: Puh, ich glaube tatsächlich gar nichts. Ich liebe die Auseinandersetzungen mit meinem Partner. Ich mag, dass wir uns uneinig sind und uns dann irgendwann wieder annähern. Ich finde es spannend zu erkennen, welche Gedanken und Handlungen mit unserer jeweiligen Sozialisierung zusammenhängen und bin stolz auf uns, dass wir diese oft durchbrechen. Ich würde meinem jüngeren Ich bloß wünschen, nicht so viel nach rechts und links zu schauen, keine Überrolle erfüllen zu wollen und mehr zu fühlen und zu sehen, was in der eigenen Brust pocht.

Seid ihr noch genau so liebevoll miteinander wie in der Zeit ohne Kinder?

Sarah: Ja, tatsächlich. Aber in der reiferen Version, denn wir sind viel respektvoller miteinander, viel nachsichtiger und vielleicht sogar wohlwollender. Ich weiß, dass Jens mir immer den Rücken freihält – in einer liebevoll verständlichen Version. Mir ist das sehr wichtig, liebevoll zu sein. Alles andere würde ich schlimm finden.

Bei welchen Themen seid ihr, in den letzten Jahren, an eure Grenzen gekommen?

Sarah: Immer und immer wieder die “Mental Load“-Thematik, das Mitdenken von allen möglichen Dingen. Jens ist super darin, Dinge umzusetzen, aber selbst daran denken? Puh, das war ein Weg. Er war krass unordentlich, ich dagegen hasste das Unaufgeräumte. Er denkt nicht in aufeinanderfolgende Abläufe, ich versuche dagegen, jeden Weg so optimiert wie nur möglich zu nutzen. Haushalt und verschiedene Umsetzungen der „Erziehung“ waren schwere Streitpunkte, die meist aber nur als Aufhänger dafür genutzt wurden, um seinem eigenen Frust über zig verschiedene Dinge Luft zu machen. So ehrlich muss ich schon auch sein. Der Streit startete vielleicht damit, dass er nicht an die Geschenke des Geburtstagskindes dachte, aber er erreichte seinen Höhepunkt, weil ich mich an anderer Stelle nicht gesehen fühlte, die Arbeit in der Redaktion mich überforderte oder Kund*innen extrem waren und ich ihm infolge dessen Diverses und Ungerechtes an den Kopf knallte. Nur als Beispiel.

Was hat euch am „Eltern sein“ am meisten überrascht?

Sarah: Das permanente „on“ sein. Gerade bei Kind eins war das die größte Erkenntnis. Es gibt keine Minute, die nicht das Kind einnimmt – in irgendeiner Form. Selbst wenn unsere Tochter schlief, dachte ich an Besorgungen für sie oder arbeitete in den freien Minuten. Wir haben uns bei Kind eins schwer verausgabt, denn dadurch, dass wir jeweils nur vier Stunden am Tag arbeiten konnten, musste nachts weitergearbeitet werden. Das erste Jahr mit Kind eins bestand aus: Kind, Arbeit und Funktionieren. Wir geißelten uns schwer. Aber wir wollten einfach alles. Es war nicht zum Aushalten anstrengend und ich bin nachhaltig auch beeindruckt, dass wir es als Paar, als Selbstständige und eben als Eltern geschafft haben und alles drei überlebt hat. Wiederholen wollte ich es trotzdem nie.

Welchen Tipp würdet ihr „frischen Eltern“ mit auf den Weg geben?

Sarah: Es gibt nur einen einzigen: Versucht, eure innere Stimme zu hören und sie laut sprechen zu lassen und lasst euch von gut gemeinten Tipps nicht zu sehr in Beschlag nehmen. Es ist toll, dass wir welche bekommen, gerade von erfahreneren Menschen, aber sie müssen eben nicht bei jeder/jedem funktionieren. “You do you”, schreibt euch das auf. Denn das wird toll sein und irre spannend. Und wenn ihr Hilfe braucht, scheut euch niemals davor, sie einzufordern. Die Menschen um dich herum haben alle ihr eigenes Leben und sehen euch vielleicht nicht von allein. Aber ein großer Teil ist ganz sicher da und freut sich irre, dir/euch bei so vielem zu helfen.

Danke Sarah!

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