50/50 Paare: Susanne und Caspar

21. August 2019 | in Vereinbarkeit

Susanne ist sicher den allermeisten, die hier mitlesen, ein Begriff: Sie schreibt auf Geborgen Wachsen über bindungsorientierte Elternschaft, hat mehrere Bücher geschrieben, zuletzt Einfach Familie leben. Im letzten Jahr hat sich ihr Fokus etwas gewandelt: sie schreibt immer noch viel über das Leben mit Kindern, aber nun auch immer mehr über Nachhaltigkeit und Minimalismus. Doch nicht nur das: Susanne ist auch in Sachen Gleichberechtigung ein Vorbild, sie beweist täglich, dass Bindungsorientierung nicht nur “Muttersache” ist, dass man trotz Stillen und Familienbett wunderbar 50:50 leben kann und dass ihre Ideale vor allem gar nichts mit “sich selbst aufgeben” zu tun haben. Ihr Mann Caspar und sie haben außerdem ein wichtiges Mantra: Lachen ist gesund! Und das merkt man auch im Interview. Danke, dass ihr uns einen Einblick in euren Alltag gewährt.

Was und wieviel arbeitet ihr beide und wie sehen eure Arbeitszeiten aus?

Caspar: Als “Day Job” unterstütze ich auf freiberuflicher Basis vor allem StartUps bei der Automatisierung von Server-Landschaften. Ich kann mir erfreulicherweise Firmen aussuchen, die gut zu unserem Familienleben passen. Bei mehreren Kunden ist es kein Problem, ein Kind mit zur Arbeit zu nehmen oder auch kurzfristig Termine zu verschieben, weil irgendwas ist ja immer. Susanne und ich betreiben gemeinsam eine Firma, die uns zu je 50% gehört. Über sie betreiben wir einen Shop und rechtliche Sachen rund um Susannes Blog. Ich kümmere mich vor allem um die Abwicklung des Alltagsgeschäfts, Warenwirtschaft, Finanzen und Technik, Susanne um Inhalte und kreative Ideen für die Zukunft, bei deren Umsetzung ich dann wiederum helfe. Seit einer Weile bin ich nun auch in Basel als Doktoratsstudent eingeschrieben und hoffe, in drei bis vier Jahren meine Dissertation abschließen zu können.

Susanne: Ich bin meine eigene Arbeitgeberin und versuche, meine Arbeit so familienfreundlich wie möglich zu machen. Das war auch der Grund, warum ich mich ursprünglich gegen eine Anstellung entschieden hatte. Natürlich ist Selbstständigkeit nicht per se familienfreundlicher und ich denke nicht selten daran, dass es auch schön wäre, einen Job mit festen Arbeitszeiten zu haben, bei dem ich nachmittags und am Wochenende immer ganz nur bei der Familie wäre. Aber insgesamt ist es für unsere Familie so sehr stimmig, weil die Arbeitszeiten flexibel sind unter der Woche und auch am Wochenende.

Wie alt sind eure Kinder und gehen sie in eine Betreuung,wenn ja wie lange und wie oft?

Caspar: Unsere Kinder sind 10, 6 und 3. Die großen Kind gehen in eine Ganztagsschule und dies (nach einem Schulwechsel) auch recht gern. Es gibt Tage, an denen auch mal auf ausdrücklichen Wunsch bis 17 Uhr dageblieben wird. Der Kleinere geht in die Kita und ist bis auf Stimmungsschwankungen auch gern dort.

Seid ihr zufrieden mit der Betreuungssituation?

Caspar: Nach diversen Schul- und Kitawechseln mittlerweile sehr. Wir haben Einrichtungen gefunden, in denen sich die Kinder wohl fühlen und wir das Gefühl haben, dass sie dort kindgerecht behandelt und ernst genommen werden.

Wie habt ihr eure Woche aufgeteilt, gibt es feste Tage?

Caspar: Da ich bei einigen Kunden regelmäßig im Büro bin und Susanne Kurse gibt, haben wir feste Tage, bei denen ohne Absprache klar ist, wer wo ist bzw. wo nicht. Die Bring- und Abholrituale ändern sich stetig mit wechselnden Aufgaben, werden aber möglichst gleich verteilt. In den letzten Monaten habe ich morgens alle drei Kinder gebracht und an vielleicht zwei Tagen alle abgeholt. Durch (Rad-)Wetter und öffentlichen Nahverkehr änderte sich dies dann zu einer Aufteilung der Kinder morgens – und alles ist ein bisschen Durcheinander. Jetzt, nach den Sommerferien, arbeiten wir gerade an einem neuen, festeren Ritual.

Susanne: Die Nächte teilen wir nach Bedarf der Kinder auf. Meistens kümmert sich Caspar um das Zubettbringen und die Einschlafbegleitung unseres ältesten Kindes und ich um die Kleineren. Werden sie nachts wach (was nicht mehr so häufig vorkommt), reagieren wir auf ihren Bedarf.

Organisiert ihr euch spontan oder macht ihr einen Wochen- Monatsplan? 

Caspar: Ich plane gern möglichst voraus und trage mir viel in den Kalender ein. Susanne ist eher spontan und hat mir gerade mitgeteilt, dass sie meinen Kalender nicht abonniert hat, weil da immer so viel drin steht. 🙂

Susanne:
 Ich plane in meinem Kalender Ein guter Plan Family voraus. Ich notiere Sachen lieber auf Papier, hake da ab, streiche durch und schreibe neu. Aber wegen der vielen Auswärtstermine für Lesungen und Workshops mache ich immer Pläne und das auch ein halbes Jahr im Voraus.

Welche Tools nutzt ihr ansonsten?

Caspar: Susanne und ich haben je einen Google Calendar. Ich verwendete außerdem ein nicht instragrammiges, aber sehr hilfreiches Bullet Journal. Zum Einkaufen benutze ich die Bring-App, in die Susanne auch Sachen eintragen kann. Zur Essensplanung bereiten wir wöchentlich einen MealPlaner vor.

Würdet ihr sagen, dass die Organisation des Alltags sehr zeitaufwendig ist und klappt sie gut? 

Caspar: Die Organisation ist zeitaufwändig und das nervt. Mich persönlich beruhigt es, zu wissen, dass ich möglichst viel vorausgeplant habe. Susanne beunruhigt es eher, sich vorab ausgiebig Gedanken zu machen. Daher finden wir einen Kompromiss, so dass wir beide nur halb (un)zufrieden sind. 🙂 Es gehen ab und zu Termine verloren, was dann auch mal peinlich ist, wenn die Schule anruft und fragt, wo denn die Eltern zum Elterngespräch bleiben, für den sie sich selbst den Termin ausgesucht haben. Das ist dann ein bisschen peinlich, andererseits: So schlimm ist das ja auch nicht.

Susanne: Termine gehen schon mal verloren und wir müssen improvisieren. Das gehört auch dazu. Beispielsweise haben wir eine Geschenkekiste, in der immer Notfallgeschenke liegen, falls wir wieder einen (Kinder-)Geburtstag vergessen haben.

Habt ihr einzeln Hobbies, oder macht Sport? Wann findet ihr Zeit dafür?

Caspar: In meinem Bullet Journal für diesen Monat steht, dass ich einen Yoga-Kurs für Susanne und mich finde. Da die Kinder mittlerweile vormittags alle nicht zu Hause sind, könnten wir auch mal bei Tageslicht etwas zusammen machen.

Susanne: Meine Hobbys sind ansonsten kompatibel zum Familienleben: Ich male, wenn die Kinder da sind, ich töpfere am Wochenende und basteln tun wir auch oft.

Was ist mit Paar-Zeit, wann bekommt ihr die unter?

Caspar: Jeden Abend 23:00 bis 24:00 Uhr. Wir gucken Serien, essen gefrorenes Obst und sprechen über dies und das, bis wir todmüde ins Bett fallen. Es ist schön, weil wir dieser Termin fest steht und der Kontakt nicht abreißt – auch in stressigen Zeiten. Ansonsten gibt es die Tage, an denen wir beide von zu Hause arbeiten. Wir genießen das, weil wir dann gemeinsam Kaffee trinken, Mittag essen und tratschen – wie KollegInnen und PartnerInnen zugleich.

Habt ihr Hilfe?

Caspar: Nein. Wir haben keinen Babysitter und quasi keine familiäre Unterstützung.

Susanne: Zwischendurch, als eine Kita weggebrochen war und ich aber arbeiten musste, hatten wir eine Zeit lang eine Babysitterin, was auch gut geklappt hat.

Habt ihr das Gefühl, genug Zeit mit den Kindern zu verbringen?

Caspar: Haha, ja!

Sprechen wir über den Haushalt: wie teilt ihr euch hier auf?

Caspar: Ich mache jeden Morgen das Frühstück, kümmere mich viel um das Geschirr, habe den Müll im Auge und mache die größeren Einkäufe. Susanne kauft gern unter der Woche öfters und in kleineren Mengen ein. Ich versuche, viel Essen vorzukochen. Susanne räumt jeden Morgen auf, auch weil, sie hauptsächlich von zu Hause arbeitet und dafür eine angenehme Atmosphäre braucht. Die Abendessen macht die Person, die gerade mit den Kindern zu Hause ist.

Susanne: Kleidung besorgen, aussortieren, verflohmarkten, das mache auch ich, Ebenso fast alle handwerklichen Tätigkeiten bei uns wie Renovieren, Möbel ausbessern etc.

Wer hat die Orga in der Hand? 

Caspar: Ich habe das Gefühl, dass sich das mehr in meine Richtung verschiebt, weil mich Organisation nicht so sehr stresst wie Susanne. Ich mache Einkaufslisten, übernehme die meisten Zahnarzttermine, versuche die Urlaubsplanung zu fixieren und bin gerade mit einem Kindergeburtstag beschäftigt. Susanne besorgt Kindersachen und übernimmt ebenso Arzttermine.

Susanne: Wir sind beide sehr unterschiedlich in unserer Art. Ich bin eher etwas chaotisch und lebe ziemlich in den Tag hinein – das war schon immer so. Das hat im Alltag mit den Kindern Vorteile, weil wir dann spontan manchmal Sachen machen, aber ich kann einfach nicht besonders gut den Alltag organisieren. Meine Aufgabe ist eher, Feenstaub zu verbreiten.

Seid ihr beide zufrieden mit eurem Haushaltssystem?

Caspar: Noch nicht – die Kinder sollen in Zukunft mehr helfen.

Susanne: Naja, es ist okay, aber mit Luft nach oben. Ich habe jeden Tag eine feste Zeit an Minuten für das Aufräumen eingetaktet und was darüber hinausgeht, bleibt liegen. Mein Ziel wäre, mit noch mehr Alltagsstruktur dafür zu sorgen, dass es noch weniger gibt, was getan werden muss, obwohl wir da schon sehr reduziert haben.

Wie habt ihr die Finanzen geregelt?

Caspar: Da wir sehr unterschiedlich mit Geld umgehen, haben wir getrennte Konten und gleichen Summen aus (sowohl automatisch monatlich als auch auf Zuruf bei größeren Anschaffungen). Wir machen zu wenig bis nichts in Richtung Altersvorsorge, haben aber ein kleines Haus auf dem Land, das uns je zu 50% gehört und werden dort später von Salzstangen und Äpfeln leben.

Wie seid ihr selbst aufgewachsen? 

Caspar: Ich bin der DDR aufgewachsen mit arbeitenden Eltern, was dort ja eher der Normalfall war.
Susanne: Mein Vater war Beamter, meine Mutter die ersten 15 Jahre meines Lebens Hausfrau. Als mein Vater krank wurde und in Frühpension ging, ging sie wieder arbeiten.

Wie habt ihr die Elternzeiten aufgeteilt?

Susanne: Das ist schwer zu beschreiben, da wir ja selbständig sind und waren. Beim ersten Kind habe ich wieder Kurse gegeben, als das Kind 9 Monate alt war und Caspar ist dann oft mit Kind mitgekommen und war in der Nähe. Wir hatten dort schon eine ähnliche Tage-Regelung wie jetzt. Beim zweiten Kind musste ich in der Schwangerschaft meine Praxis aufgeben und musste erst einmal neu planen, was ich wie mache. Caspar hat sich anstellen lassen und ich habe mit dem Bloggen angefangen, aus dem dann ungeplant mein neuer Job erwuchs. Die Anstellung war aber für unseren Alltag unpraktisch und beim dritten Kind war er dann auch wieder selbständig und ich habe eigentlich gleich nach der Geburt weiter gearbeitet, da parallel zur Geburt (ungeplant) mein Buch “Geborgen wachsen” erschien.

Man unterstellt dem „Attachment Parenting“ oft, dass damit insbesondere die Mutter in der Pflicht ist. Bei euch ist das aber gar nicht so, oder?

Susanne: Nein. Das einzige, was uns wirklich unterscheidet, ist das Stillen. Ansonsten haben wir beide getragen, Kinder zusammen in unserem Bett schlafen lassen, sie beide versorgt. Die Kinder wurden von beiden gewickelt (obwohl ich dazu noch abgehalten habe). Unterschiedlich ist es vielleicht nachts gewesen, wenn gestillt wurde. Und beim zweiten Kind war ich anfangs mehr zu Hause.

Findet ihr euer System gerecht, seid ihr glücklich damit?

Caspar: Es ist stressig, aber wir haben beide das Gefühl, uns gegenseitig zu unterstützen.
Susanne: Ja, es ist nicht immer einfach, aber die beste Möglichkeit für uns.

Was würdet ihr euch anders wünschen?

Caspar: Eigentlich wäre schön, wenn der Tag 28 Stunden hätte und wir abends mehr Zeit ohne Arbeit hätten. Andererseits machen wir, was wir gern machen.

Susanne: Schön wäre es auch, mehr Unterstützung zu haben von Familie, das gibt es aber bei uns nicht. Unser System funktioniert gut, wenn keiner von uns beiden krank wird. Ansonsten aber haben wir immer Engpässe.

Was kommt immer zu kurz?

Caspar: Schlaf.

Und was klappt aber eigentlich ziemlich gut?

Susanne: Wir lachen viel. Auch wenn etwas nicht klappt, schafft Caspar es immer, mich dabei zum Lachen zu bringen. Wir haben einen Humor für unser Alltagschaos entwickelt und das ist wirklich schön.

Was stresst euch im Alltag am meisten?

Caspar: Die Lautstärke.
Susanne: Lautstärke und mich die Wohnverhältnisse. Wir haben drei Zimmer mit fünf Personen im dritten Stock an einer Hauptverkehrsstraße in Berlin. Was mir hier fehlt, ist den Kindern entspannt sagen zu können: Geht mal in den Garten oder in den Hof. In unserem Hof sitzen nämlich oft Betrunkene oder Menschen, die sich gerade ins Bein spritzen.

Und was macht am meisten Freude?

Susanne: Einfach Familie zu leben. Mit allem, was dazu gehört. Dem Lachen, dem Weinen, dem Kitzeln, dem Anlehnen. Zu zweit den Kindern beim Spielen zusehen und denken, dass die schon echt tolle Kinder sind, auch wenn es manchmal anstrengend ist.

Danke, ihr beiden!

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