“21st Century Mom”: Mein Wunsch- Kaiserinnenschnitt

In dieser neuen Kolumne möchte ich über meine ganz persönliche Entscheidung für einen Kaiserschnitt sprechen (ich nenne ihn am liebsten Kaiserinnenschnitt!). Mir geht es nicht darum, irgendjemanden zu überzeugen oder die Entscheidungen von anderen zu bewerten. Ich möchte von den Gedanken zu meiner Entscheidung berichten. Den Leuten, die jetzt Schnappatmung bekommen und den Drang verspüren, mir und dem Rest der Welt zu erzählen, dass eine vaginale Geburt besser, natürlicher, gesünder, toller und sicherer ist, denen möchte ich sagen, dass diese Meinung wirklich nicht unterrepräsentiert ist.

Ich verstehe den Drang, andere davon überzeugen zu wollen, dass es nur einen richtigen Weg aus dem Körper einer Frau heraus für ein Baby gibt – und die Natur schon weiß, was sie da tut. Darum geht es aber nicht. Wir leben in einem Land, in dem fast jedes dritte Kind geplant oder ungeplant per Kaiserschnitt auf die Welt gebracht wird. Gemessen an der Häufigkeit, ist die Zahl der Berichte und Artikel über Kaiserschnitte oder sogar Wunschkaiserschnitte in der Publikumspresse verschwindend gering. Es hätte mich gefreut, vor der ersten Geburt mehr über dieses Thema lesen zu können, außerdem bin ich fest davon überzeugt, dass jede Frau nach ausgiebiger Aufklärung für sich selbst entscheiden soll, was mit ihrem Körper passiert. Ich bin keine Medizinerin und spreche hier über meine persönlichen Gedanken zu diesem Thema. Dieser Text kann ein Anstoß sein, sich weiter zu informieren, er reicht aber sicher nicht aus, um eine Entscheidung zu treffen.

Ich wusste schon immer, dass ich keine vaginale Geburt erleben möchte

Dass ich keine vaginale Geburt erleben möchte, das stand bei mir schon Jahre vor einem konkreten Kinderwunsch fest. Ich könnte jetzt behaupten, dass es gesundheitliche Gründe für einen Kaiserschnitt gab, denn ich habe irgendwann gelernt, dass das eine Antwort ist, für die man weniger verurteilend behandelt wird. In der Vergangenheit habe ich deshalb ab und zu gelogen, weil ich die Diskussion um dieses Thema als ermüdend und einseitig empfinde. Man ist eine tolle Frau und gute Mutter, wenn man vaginal entbinden will – aber für einen Kaiserschnitt muss es nachvollziehbare Gründe geben. Gute Gründe aus der Sicht anderer Menschen sind zum Beispiel, dass das Kind falsch herum liegt und sonst sterben würde oder die Mutter sterben könnte. Der Tod ist sowieso ein sehr guter Grund in den Augen Unbeteiligter. Nicht so gut funktioniert meiner Erfahrung nach, die Angst vor extremen Schmerzen, Inkontinenz oder einem Trauma als Begründung zu nennen.

Dann hört man häufig Sätze wie: „Du weißt gar nicht, zu was dein Körper alles in der Lage ist“ oder „Die meisten Frauen haben das überlebt, jetzt stell dich nicht so an“ oder „Schade, dass du dir diese wichtige Erfahrung nehmen willst, vielleicht überlegst du es dir noch mal?“. Wenn man solche übergriffigen Reaktionen erdulden musste, fällt es unheimlich leicht, zu lügen. Aber ich möchte hier ehrlich sein, es geht in diesem Text um meinen Wunschkaiserschnitt, also einen geplanten Kaiserschnitt.

Angst ist ein medizinisch anerkannter Grund

In Deutschland wird die Geburt eines Kindes von der Krankenkasse übernommen. Ob geplant oder ungeplant, ob vaginal oder per Kaiserschnitt auf Wunsch. Was zählt, ist die Zustimmung durch die betreuenden ÄrztInnen. Anders als Unbeteiligte und Unsachkundige das oft ungefragt von sich geben, ist unter MedizinerInnen die Angst vor Schmerzen durchaus ein medizinischer anerkannter Grund für einen Wunschkaiserschnitt. Es gibt auch andere medizinische Gründe, wie erlittene Geburtstraumata oder spezielle Erfahrungen mit körperlicher oder seelischer Gewalt.

Bei mir war das glücklicherweise kein großes Thema, weil ich eine Hebamme hatte, der ich mich öffnen konnte. Sie hat dann ernsthaft nachgefragt, mit mir über Chancen, Möglichkeiten und Risiken gesprochen. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden oder lügen zu müssen. Als meiner Hebamme klar wurde, dass meine Entscheidung feststeht, wurde ich von allen Seiten unterstützt. Die ÄrztInnen klärten mich über die Risiken auf, das ist in Deutschland – anders als bei einer vaginalen Geburt – Pflicht. Wolfgang Henrich, der Direktor der Klinik für Geburtsmedizin an der Charité in Berlin, sagte dazu in einem Interview für ZEITOnline: „Bei Kaiserschnitten sind wir als Mediziner verpflichtet, die Patientin über alle Risiken aufzuklären, auch über das Risiko des Todes, bei natürlichen Geburten werden alle Risiken in Kauf genommen und als natürlich bezeichnet“. Die Schweiz regelt diese Aufklärungspflicht inzwischen anders, dort wird mit Frauen auch über die Risiken einer vaginalen Geburt gesprochen. Ich höre immer wieder von Frauen in meinem Umfeld, dass sie bei der Beratung und in ihrer Entscheidung nicht so respektiert wurden wie ich während meiner Geburtsvorbereitung. Das tut mir sehr leid, weil ich genau weiß, wie schwierig dieser Wunsch in der Kommunikation mit dem Umfeld trotz toller ÄrztInnen ist.

Die Überhöhung der Natur

Mich stört an den Berichten und dem Druck auf werdende Mütter vor allem die Romantisierung von Angst und Schmerz. Wir leben in einer Welt, in der Frauen oft und absurderweise immer wieder von Männern gesagt wird, was gut für sie ist. Man soll das Frühstück weglassen für den perfekten Beach-Body, Haare rasieren oder am besten direkt ausreißen, dann wachsen sie nicht so schnell nach, und man muss eben einfach leiden, um schön zu sein. Zwischen der sexy Schwangeren und der gut gelaunten, frisch gebackenen Mutter liegt im besten Fall eine natürliche Geburt ohne PDA oder Medikamente. Die Geburt ist am intimsten, wenn sie zu Hause – besser noch im Wald oder Wasser stattfindet. Die Überhöhung der Natur spielt in der Schwangerschaft eine große Rolle. In einer Welt, in der sich Menschen beim kleinsten Kopfschmerz Tabletten in den Organismus jagen, sollen Mütter bitte Tee trinken und ihre innere Kraft mobilisieren, um den Schmerz wegzuatmen. Wenn mir ein Arzt erklärt, dass man mit Hypnose und Kurkuma eine Wassermelone schmerzlos aus der Vagina pressen kann, dann bin ich zumindest kurz misstrauisch. Begriffe wie „die schmerzfreie Geburt“ irritieren mich in diesem Zusammenhang auch sehr. Wenn Freundinnen mir erzählten, dass sie nach der Geburt zwar genäht wurden, das aber super easy ohne Betäubung ging, weil der Schmerz davor so unfassbar schlimm war, dass ein paar Stiche zwischen den Beinen wirklich keine große Sache waren, dann klang das für mich nicht wirklich wie Werbung. Wieso muss man das aushalten? Darf man das auch einfach nicht wollen? Liebt man sein Kind weniger, wenn man diesen Weg nicht gehen will?

Manchmal habe ich das Gefühl, dass eine Art Schmerz-Contest um die Geburt existiert. 28 Stunden bei 32 Grad in den Wehen liegen oder 16 Minuten Sturzgeburt mit 10 Stichen und dann direkt aus dem Krankenhaus nach Hause. Wer am längsten und unter den stärksten Schmerzen im Krankenhaus lag, hat gewonnen. Ein Wunder, dass man die Nabelschnur mit einer Schere durchschneiden darf und nicht auch „mit den eigenen Zähnen durchbeißen“ als gängige Methode angeboten wird.

Jahrhundertelang war der Tod der Mutter oder des Kindes während der Geburt alltäglich. Dies änderte sich unter anderem durch eine sinkende Zahl der Hausgeburten, moderne Hygienestandards und die Möglichkeit des Kaiserschnittes. Aber wieso wird der Kaiserschnitt bis heute so tabuisiert? Frauen, die sich dafür entschieden haben, erklären oft beschwichtigend, dass sie ohne diese Operation fast gestorben wären. Der Notkaiserschnitt scheint die akzeptierteste Variante zu sein, aber selbst hier höre ich immer wieder kritische Unterstellungen. „War das tatsächlich nötig?”

Nicht mal der Notkaiserschnitt wird ohne kritisches Hinterfragen akzeptiert

In einem Hebammenpodcast wurde erzählt, dass die meisten Notkaiserschnitte gar keine echten Notkaiserschnitte sind. Vielleicht hat die Frau einfach irgendwann aufgegeben? Wer weiß denn, ob sie wirklich gestorben wäre? Kann sie sicher sagen, dass sie alles gegeben hat? Eine Freundin war nach einem Notkaiserschnitt, der ihr Leben und das ihres Kindes gerettet hat, von sich selbst so enttäuscht, dass sie noch Wochen nach der Geburt anfing zu weinen, wenn das Thema aufkam. Der Gedanke, dass ihr Körper ohne medizinischen Fortschritt nicht in der Lage gewesen wäre, ein Kind zu gebären, geschweige denn selbst zu überleben, enttäuschte sie sehr.

Sicherlich machen sich viele selbst Druck und haben hohe Erwartungen an den Ablauf, aber ich habe erlebt, wie dieser Druck auch durch das Umfeld mit aufgebaut wird. Ich finde es schade, dass einige Frauen beinahe gestorben sein müssen, bis sich ein Kaiserschnitt für sie und ihr Umfeld akzeptabel anfühlt. Wieso ist es nicht einfach okay, Angst zu haben und dieser Angst nachzugeben, wenn man sich danach fühlt? Oder jeder andere, persönliche Grund? Es muss in Ordnung sein, sich frei entscheiden zu können. Ohne Verurteilung, schlechtes Gewissen und Schuldgefühle. Bei der Entscheidung sollte kein Ranking um die Gründe entstehen. Seelischer Schmerz kann ein ebenso großes Risiko sein, wie körperlicher. Frauen sollten nicht bis an den äußersten Rand ihrer Grenzen gehen müssen, um eine glaubhafte Entscheidung treffen zu können.

Persönlich hatte ich mehrere Gründe, die mich zu meiner Entscheidung brachten. Unter anderem mochte ich den Gedanken nicht, während einer Geburt über Stunden körperlichen Kontrollverlust zu erleben. Mein Körper gibt bei der kleinsten Anstrengung direkt auf. Wenn ich zu schnell aufstehe, habe ich Sterne vor den Augen, ich bin mal von einem Zug an der Wasserpfeife in Ohnmacht gefallen und wenn es im Sommer über 25 Grad hat, schaltet mein Körper in einen nutzlosen Autopilot-Modus, der sich mit Schwindel und Übelkeit mischt. Dazu kommt eine chronische Krankheit und Pech. Die Vorstellung, während einer Geburt alles um mich herum zu vergessen und mich auf meinen Körper zu verlassen, kommt mir absolut lächerlich vor.

Meine persönlichen Gründe

Ein anderer Grund ist, dass ich meine Sexualität als ausgeprägt beschreiben würde. Der Gedanke, in meinem Intimbereich genäht zu werden, schmerzende Risse zu haben oder auf kurze, im schlimmsten Fall sogar auf lange Zeit, keine Lust mehr empfinden zu können, ist für mich angsteinflößend. Natürlich kann das auch völlig anders ablaufen. In meinem Umfeld gab es viele traumhafte, vaginale Geburten, die sich so wunderbar anhören, dass man am liebsten sofort spontan ein Kind gebären will. Aber für mich war es hilfreich, mich zu fragen, mit welcher Entscheidung ich besser leben könnte, wenn nicht alles traumhaft verläuft. Welchen Schmerz bin ich bereit, zu ertragen? Was fühlt sich für mich noch aushaltbar an und wo möchte ich “nein” sagen können? Denn im Zweifel muss ich – und nur ich – ja mit den Folgen leben. Das nimmt mir niemand ab. Deswegen lohnt es sich in meinen Augen auch nicht, andere Menschen von der eigenen Entscheidung überzeugen zu wollen. Jede Geburt ist anders und jeder Körper ist anders.

Mein Kaiserschnitt wurde zwei Wochen vor dem errechneten Termin eingeplant, so dass unser Baby Ende der 37.Woche per Kaisergeburt zur Welt kam. Das ist eine Methode, die inzwischen häufiger durchgeführt wird. Man wird wie bei einem klassischen Kaiserschnitt durch eine Spinalanästhesie betäubt, dadurch spürt man die untere Körperhälfte nicht, ist aber wach und kann alles miterleben. Die Besonderheit ist, dass nach der Vorbereitung für die Operation das Trenntuch abgenommen wird und man sehen kann, wie das Baby aus dem Bauch gehoben wird. Wir konnten den ersten Schrei unseres Sohnes hören und sehen, mein Mann durfte die Nabelschnur durchtrennen und der Kleine wurde mir direkt auf die Brust gelegt, noch während mein Bauch zugenäht wurde. All in all dauerte das etwa drei Minuten ab dem ersten Schnitt, bis mein Sohn auf der Welt war und bei mir auf der Brust lag. Das Zunähen dauerte rund 20 Minuten. Heute habe eine waagerechte Narbe, die im Unterhosenbereich verschwindet. Sie ist ungefähr so lang wie mein Zeigefinger und wird bei der zweiten Geburt wieder geöffnet, wie eine Art Reißverschluss, den man auf und zu macht.

Die Zeit nach der Geburt

Die Zeit nach der Geburt wird am häufigsten als Nachteil beim Kaiserschnitt gegenüber der vaginalen Geburt aufgeführt. Die Unbeweglichkeit, das Kind nicht tragen zu dürfen und die langanhaltenden Schmerzen hatte auch ich im Kopf. Erstaunlicherweise ist davon nicht viel eingetreten. Aber ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, im Detail zu erzählen, wie die Schmerzen bei mir waren oder wie schnell ich wieder fit war. Einige Freundinnen haben komplett andere Erfahrungen gemacht, denn der Verlauf nach einem Kaiserschnitt ist – ähnlich wie bei einer vaginalen Geburt – komplett individuell.

Es gibt jedoch einige, oft verbreitete Mythen über den Kaiserschnitt, denen ich widersprechen möchte:

– „Man darf das Baby ohne Unterstützung nicht im Arm halten oder tragen“. In meinem Krankenhaus wurde mir der Kleine ständig auf den Arm gegeben. Ich sollte aufpassen, dass ich bis etwa sechs Wochen nach der Geburt nichts deutlich Schwereres als das aktuelle Gewicht meines Babys trage, aber das war’s auch schon.

– „Man muss nach der Geburt sehr lange im Krankenhaus bleiben“. Ich empfand das Essen im Krankenhaus belastender als die Nachwirkungen des Kaiserschnittes, deshalb bin ich nach drei Tagen gegangen. Im Schnitt bleiben Mütter 3,3 Tage im Krankenhaus, bei einem Kaiserschnitt sind es 5 Tage. Wenn man die OP gut überstanden hat und sich fit fühlt, darf man nach Absprache mit den ÄrztInnen gehen, es gibt keine gesetzliche Regelung, wie lange Frauen nach einem Kaiserschnitt im Krankenhaus bleiben müssen.

– „Man muss wegen der Vernarbung mindestens zwei Jahre warten, bis man wieder schwanger werden darf“. Ich bin keine Ärztin und kann hier nur davon berichten, dass ich meine Narbe nach Geburt per Ultraschall habe checken lassen. Ich dachte bis dahin, dass es um die äußere Narbe geht, gemeint ist aber die innere Narbe an der Gebärmutter. Mir wurde von allen Seiten geraten, mindestens ein Jahr zu warten, bis ich wieder schwanger werde. Das gilt aber vor allem, wenn die zweite Geburt eine vaginale sein soll. Redet offen und ehrlich mit ÄrztInnen über eure Wünsche und Pläne. Ob und welches Risiko ihr dann konkret eingehen wollt, sollte bei euch liegen.

Bei einer Geburt ist das Ziel das Ziel

Für mich fühlt sich die Entscheidung bis heute goldrichtig an. Die Geburt meines Sohnes war ein feierlicher Moment, in dem ich mich meinem Baby und meinem Körper so nah wie nie zuvor gefühlt habe. Ich kann mir gut vorstellen, dass Frauen das bei einer vaginalen Geburt auch so erleben. Für mich gilt, dass der Weg hier nicht das Ziel ist. Bei einer Geburt ist das Ziel das Ziel. Wir alle gehen durch viele anstrengende, intensive Monate, um am Ende unser Kind in den Armen zu halten. Ich wünsche jeder Mutter, dass sie so frei wie möglich entscheiden kann, welchen Weg sie zum Ziel nehmen möchte. Federleicht ist keiner davon, das steht unfairerweise fest.

Fotos: Julia Zoooi