Kinderhaben anderswo: Anne in Tansania

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Ich habe Anne vor ungelogen zwei Jahrzehnten in München kennengelernt. Eine pfiffige junge Dame mit afrikanischen Wurzeln, die bayerisch sprach! Schon damals hatte Anne einen ganz besonderen Stil und schon immer war sie ein mutiges, vorurteilsfreies und weitgehend unängstliches Mädchen. Mich hat es also wenig verwundert, dass Anne nach einer Weltreise und verschiedenen Stationen inzwischen in der Heimat ihres Vaters lebt, in Tansania nämlich. Und sie ist dort Mutter geworden! Akili ist zweieinhalb, ein weiterer Junge wird in wenigen Wochen geboren. Wie kam es dazu? Wie ist es, in Tansania Kinder groß zu ziehen? Bühne frei für Anne:

WIE ICH NACH DAR ES SALAAM KAM:

Nach meinem Studium bin ich erst mal auf Weltreise gegangen. In Australien – in Melbourne genauer gesagt – habe ich meinen zukünftigen Mann kennengelernt. Er ist Engländer. Wir reisten zusammen weiter in den Norden, verbrachten viel Zeit in den abgelegendsten Gegenden, was uns sehr zusammengeschweißt hat. Obwohl er nur Australien bereisen wollte, entschied er sich, mir nach Asien zu folgen. Als Backpacker sind wir gemeinsam durch Thailand und Laos getourt.

Im Anschluss ist er zurück nach England gegangen und ich bin in die traute Heimat München zurückgekehrt. Über drei Jahre haben wir eine Fernbeziehung geführt, dank Easyjet und Ryanair hatten wir die Möglichkeit, uns mindestens ein Mal im Monat zu sehen. Mein Mann begann mit seiner Rückkehr bei der Royal Airforce seine Ausbildung als Polizist und ich hatte das unglaubliche Angebot, für die Vogue zu arbeiten. Danach arbeitete ich bei mytheresa.com als Grafikerin. Im selben Jahr noch hielt mein Mann um meine Hand an, und so war ich nicht sehr unglücklich als der Jahresvertrag bei mytheresa.com so langsam auslief und ich frei war, um ein neues Kapitel zu beginnen. Ich zog zu meinem Mann nach Bury St. Edmunds an die Ostküste von England. Bury St. Edmunds ist eine entzückende kleine historische Stadt mit einem schönen Stadtpark. Perfekt für die letzten Jahre des Lebens, wenn man in Rente geht, ähemm.

Mir war also viel langweilig und ich verbrachte die meiste Zeit damit, unsere Hochzeit zu organisieren. Sie fand in Tansania im Oktober 2011 statt. Mein Vater ist Tansanianer und ich habe in Tansania eine große Familie, daher hatten wir uns entschieden, dort zu heiraten und natürlich auch wegen des schönen Wetters, des Strandes, der Palmen…

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Direkt bei meiner Ankunft in Dar es Salaam fiel mir auf, wie spannend und impulsiv die Stadt war und uns dort einfach so viele Möglichkeiten offen standen. Noch in den Vorbereitungen zu unserer Hochzeit vor Ort hatte ich meinem Mann am Telefon gesagt, dass das Leben viel zu kurz ist, um eine Chance, wie in Dar es Salaam leben zu können, auszulassen und dass ich auch keine Lust hatte, im verschlafenen Bury St. Edmunds ein Rentnerleben zu führen.

Unsere Hochzeit war superschön und während des dreiwöchigen Aufenthalts konnte ich ihn dann endgültig überreden, mit mir nach Tansania auszuwandern. Nur vier Monate später waren unsere Koffer gepackt und wir standen am London Heathrow Airport. Wir waren voller Neugier, was unser Neubeginn so mit sich bringen würde.

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Wir landeten am 06.02.2012 in Dar es Salaam mit jeweils zwei Koffern und gemischten Gefühlen. Da wir uns vorgenommen hatten, meiner tansanischen Familie unsere Unabhängigkeit zu beweisen, hatten wir uns für den Anfang ein Gästehaus ganz in der Nähe meiner Familie gebucht. Und schon eine Woche später landeten wir in einem superschönen Strandhaus nördlich von Dar es Salaam Zentrum. Wir konnten unser Glück nicht fassen und dieser Fund bestärkte uns sehr in unserer Entscheidung, wirklich auszuwandern. Mein Mann hatte schon während unseres Hochzeitsaufenthalts einige Informtionen zu den Security Firmen vor Ort eingeholt und klapperte dann eine nach der anderen ab. Er landete schließlich bei der renommiertesten, kenianischen Security Firma. Für die Probezeit begleitete er verschiedene Projekte, aber es dauerte nur einige Monate, bis er sein eigenes Projekt zugewiesen bekam. Kurz danach bekam er eine Senior-Position, mit 300 Leuten unter sich und vielen Geschäftsreisen, auf die ich ihn meist begleitete. Wir haben die schönsten Ecken des Landes gesehen!

Ich als Grafikerin mit guten Referenzen tat mich hingegen schwer damit, zu akzeptieren, dass der Anspruch an grafischer Arbeit in Tansania noch weit zurück lag und auch sehr selten honoriert wurde.

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MEIN BUSINESS:

Für einige Monate half ich in einer Marketing-Agentur aus, aber es dauerte nicht lange und ich wandte mich der Mode zu. Hier vor Ort gibt es nicht viel Auswahl in Sachen Bekleidung. Man kann hier zwar afrikanische Stoffe wie Kitenge und Ganga kaufen. Die werden aber mittlerweile in India und China produziert. Ihre Qualität ist sehr schlecht und nur die bunten Farben und Muster sind noch ansprechend. Überwiegend gibt es Polyester und andere synthetische Stoffe zu kaufen und nur eine Hand voll Weber stellt noch gute Baumwollstoffe für den Export her und der Meter ist nicht gerade billig.

Ich hatte natürlich schon bald das Verlangen nach was Erschwinglichem und Schickem. Mir eine Wishlist in den Onlineshops zusammenzustellen und darauf zu hoffen, dass jemand das eines Tages vorbeibringen könnte, reichte mir nicht aus. Irgendwann wurde ich auf den großen Secondhandmarkt um die Ecke des Büros meines Mannes aufmerksam. Anfangs ging ich in eigener Mission auf den Markt, um mir Klamotten zu kaufen. Die meisten Sachen waren wie neu und es war spannend, herauszufinden, wo das jeweilige Stück herkam. Amerika und Europa, aber auch Südkorea, Japan und Indien. Die verschiedenen Styles und Trends waren beeindruckend und das Kruschen in Bergen an Klamotten wurde zur Sucht. Es wurde mein Hobby und kurz darauf fand ich eine Schneiderin, die mir half mit den gefunden Schätzen zu experimentieren. Was als Hobby begann, wurde mein Markenzeichen und mein eigenes Label “Anne Kiwia (Dar es Salaam)” wurde geboren. Heute haben mein Team (zwei Schneiderinnen) und ich uns auf ein kleines Accessoire fokussiert, ein Haarband. Alle wollen diese Haarbänder! Und es wird noch viel mehr kommen. Wir arbeiten auch an einem Etsy-Shop. Es gibt auch schon facebook und Instagram, wir freuen uns über Follower!

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UNSER SOHN AKILI:

Akili kam am 18. Juli 2014 in Dar es Salaam zur Welt. Nachdem wir uns in Dar es Salaam gut eingelebt hatten und es uns finanziell gut ging, waren wir beide sehr aufgeregt, Eltern zu werden. Akili heist auf Kiswahili weise, klug, geistvoll, intelligent. Eigentlich hatten wir am Anfang nur mit dem Namen Kili von Kilimanjaro rumexperimentiert. Mein Vater und seine Familie kommen aus der Region um den Kilimanjaro und gehören zum Chagga Stamm. Ich wollte in seinem Namen ein wenig auf diese Wurzeln anspielen. Erst im Nachhinein fanden wir die Bedeutung im Kiswahili heraus.

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WIE WIR LEBEN:

Seit wir hier angekommen sind, sind wir nur einmal umgezogen und auch nur eine Straße weiter. Die Straße ist nicht geteert und kaum befahren, was schön ist, wenn die Kinder draußen vor der Einfahrt spielen wollen. Der Strand ist nur drei Minuten zu Fuß entfernt. Unsere Nachbarschaft ist wie eine kleine Community und die meisten kennen wir. Wir wohnen in einem schönen, großen Haus, das von einem indischen Architekten designt wurde. Es ist großräumig aufgeteilt und hat einen großen, tropischen Garten und ein kleines Nebenhaus, das ich zu meiner Werkstatt ausgebaut habe.

Fast jeder aus der Nachbarschaft hier hat Hausangestellte. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich daran gewöhnt habe, dass jemand mein Bett macht oder nach mir aufräumt. Ich habe bis heute ein komisches Gefühl dabei. Unsere Hausangestellte Salama kam mit dem Haus und wir haben sie offiziell zu unserer Hausfee ernannt. Sie arbeitet schon seit drei Jahren für uns und hilft im Haushalt. Akili und Ihre Tochter Rachma sind nur eine Woche auseinander. Rachma ist mit Akili aufgewachsen.

Abgesehen von Salama gehören auch noch zwei Security Guards/Gärtner zu unserem Team. Weil die Kluft zwischen arm und reich sehr groß ist, und es ab und an vorkommt, dass eingebrochen wird, ist es wichtig, dass man Vorkehrungen trifft in Sachen Security. Eigentlich wäre mir ein gutes Alarmsystem lieber gewesen, aber die technischen Geräte funktionieren hier nicht immer einwandfrei und so verlässt man sich lieber auf den menschlichen Einsatz.

Saidi, einer der beiden Security Wächter, ist Akili’s bester Freund. Er hat ihm nach seinen besten Freund aus der Nachbarschaft benannt: “Io”. Den ganzen Tag geht es Io hin und Io da. Gleich nach dem Frühstück möchte er Io helfen das Laub wegzufegen oder bei anderer Gartenarbeit unter die Arme greifen. Man merkt: die Angestellten gehören für mich zur Familie.

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GEBURT:

Wir hatten alle Informationen zu den lokalen Krankenhäusern eingeholt, die unsere Entscheidung für eine Geburt vor Ort erleichtern sollten. Das AMI Krankenhaus war zu der Zeit die beste Klinik in Tansania und alle Expatriats wurden dorthin empfohlen. Meine Frauenärztin überzeugte nicht nur uns nach dem ersten Gespräch, sondern auch meine Schwiegermutter aus UK, die zu der Zeit zu Besuch war, dass es nicht notwendig sei, zurück nach Europa zu fliegen für die Geburt. Diese verlief nicht ohne Komplikationen, aber alles in allem wurden wir von der Frauenärztin und dem Personal gut betreut.

Nachdem die Klinik mittlerweile aber den Namen und weiteres geändert hat, würde ich in Zukunft doch eher im Ausland entbinden, da die Dinge hier keine Beständigkeit haben und man besonders bei Komplikationen manchmal nicht viele Optionen hat. Ein Beispiel ist, dass ich bei der Geburt viel Blut verloren habe. Im Krankenhaus gab es zwar Blutkonserven, empfahl aber, auf Bekanntschaften oder die eigene Familie zurückzugreifen. Wir haben zum Glück auf die Schnelle noch zwei Freunde mit der selben Blutgruppe gefunden!

Unser nächstes Baby wird daher in Kapstadt geboren werden, wo wir einfach mehr Auswahl haben und die ärztliche Versorgung einen hohen Standard hat.

Die meisten Leute haben hier natürlich nicht solche Möglichkeiten. In abgelegenen Dörfern entbinden die Frauen zuhause im Kreise der Familie. Es gibt so eine Art Hebamme unter den Masai-Frauen. In den Städten gehen die Frauen wiederum in die lokalen Krankenhäuser und es gibt unzählige Schauergeschichten, was dort alles schief gehen kann. Salama zum Beispiel hat ihre Kinder in einem der besseren Militär-Krankenhäuser bekommen. Sie musste Plastikunterlage, Messer und anderes Zubehör selbst mitbringen. Eine richtig gut betreute Geburt kostet hier mindestens 1000 Dollar.

Die Säuglingssterblichkeitsrate ist hoch und oft sind es ganz kleine, vermeidbare und unprofessionelle Fehler, die dazu führen…

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KINDERGARTEN:

Als Akili dann mit 18 Monaten in den Kindergarten kommen sollte, fiel es mir und meinem Mann schwer, der Realität ins Auge zu sehen: Salamas Tochter Rachma würde keine englischsprachige Tagesstätte besuchen können.

Ein guter englischsprachiger Kindergarten hier kostet um die 300 $ nebst anderer Nebenkosten. Selbst wenn wir das finanziell irgendwie hatten aufbringen können für Rachma, wäre es nicht gerecht gewesen gegenüber unseren anderen Angestellten oder auch ihren Geschwistern. Das ist die harte Realitaet hier, die ich grausam empfinde. Die Chancen für Kinder hier sind einfach nicht gleich, und es geht nicht um die kleinen Unterschiede wie Kindergarten mit Garten oder Nachmittagsbetreuung… Kindergärten und Schulen pflastern hier den Weg für die Zukunft. Wenn die Kindergärtnerinnen und Lehrer nicht ausgebildet sind und die Kinder kaum fördern, sieht es später recht grau aus.

Das gilt auch für die Schule: Internationale Schulen kosten 500$ aufwärts und wenn man sie mit den staatlichen Schulen vergleicht, sind es zwei Welten. Man kann sie Aussicht und aussichtslos nennen. Es ärgert mich maßlos, wenn ich in Europa Werbung sehe, wo es heißt, mit 5 Euro im Monat ermöglicht man einem Kind eine Schulbildung. Echt? Hat jemand schon mal so eine 5-Euro-Schule besucht?

Akilis Kindergarten ist 5 Minuten mit dem Auto entfernt. Io, sein bester Freund aus der Nachbarschaft, geht in den selben Kindergarten. Ich wechsle mich mit Io’s Mutter ab, die Kinder zu bringen. Der Kindergarten geht bis um 14 Uhr und bietet Mittagessen an. Alles frisch zubereitete Gerichte. Die Kinder können dort auch im hauseigenen Pool schwimmen und es gibt Musikstunden. Akili geht sehr gerne in den Kindergarten und erzählt immerzu von seinen Freunden. Ich muss sagen, das die Kindergärtnerinnen in Akilis Kindergarten vielleicht nicht so professionell ausgebildet sind wie in Europa, aber das Herz und ihre Leidenschaft reicht aus, um jede Mutter zu überzeugen, dass Ihr Kind dort in den besten Händen ist. Jedes Kind wird herzlich umarmt, sobald es den Kindergarten betritt. Sie strahlen alle so eine Fröhlichkeit aus und das wirkt sich auf die Kinder sehr positiv aus.

Um zwei Uhr hole ich ihn dann ab oder organisiere Taxi Bibi (Bibi heist Oma auf kiswahili). Eine ältere Dame, die ihren eigenen Großenkel im Kindergarten hat, verdient sich ihr Geld als Kindergarten-Taxi. Im großen Van mit der Bibi geht es dann nach hause. Akili freut sich sehr, ab und an mit den vielen Kindern im Kindergartenbus zu sitzen!

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TIERE:

Zu unserer Familie gehören auch zwei Hunde – Rodesian Ridgebacks – und zwei Landschildkröten. Fast jeden Tag kommt uns eine Familie Vervet-Affen besuchen, die dann in den Kronen unserer Bäume hängen und die Hunde ärgern. Besser als jede Fernsehshow!

Nur ab und an kommen auch große Eidechsen und Krabben in unseren Kompound. Bisher sind uns Schlangen und Spinnen aus dem Weg gegangen.

SPIELSACHEN:

Die meisten Spielsachen hier bekomme ich von Expatriats, die nach Ablauf des Arbeitsvertrags das Land verlassen. Manchmal sind das Schnäppchen, aber nicht immer.

Ansonsten gibt es hier nur billiges Plastikspielzeug aus China zu kaufen. Oder nein! Es gibt auch einen Toy Store mit Spielsachen auf europäischem Niveau. Die Preise hauen einen um! Akili hat entsprechen eher weniger Spielsachen. Aber das braucht er auch nicht. Er hat den Garten, die Hunde und den Kindergarten!

GESUNDHEIT

Akili ist ganz selten krank. Wir alle hatten, seitdem wir hier leben, noch kein Malaria, Denge Fieber, Ebola oder Yellow Fieber. Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich mit Freunden aus der Heimat spreche, wie oft deren Kinder krank sind. 2016 war Akili fast gar nicht krank. Kann mich nur an einen oder zwei Tagen Fieber erinnern mit etwas Durchfall. Erkältet war Akili bisher ein oder zwei Mal. Wir haben auch gute Kinderärzte hier, sogar ganz in der Nähe.

Abends passen wir einfach auf, dass wir nicht komplett von Moskitos zerstochen werden. Wir gehen rein oder reiben uns mit Repellent ein. Ab und an kriegt man eine virale oder bakterielle Infektion oder einen schlechten Magen.

Das Leitungswasser können wir nicht trinken und müssen Trinkwasser kaufen. Wir haben uns aber sehr schnell daran gewöhnt!

Es gibt bisher keine Mülltrennung hier. Es ist schwer, nicht zu hinterfragen, wo der eigene Müll landet, aber selbst wenn man eine Antwort bekommt, kann man sich nicht darauf verlassen. Im Januar 2017 hat die Regierung ein Plastiktütenverbot erteilt. Wie auch immer das realisiert wird, es ist zumindest ein Anfang.

Die Menschen hier schmeißen Ihren Müll rechts und links aus Bussen, Autos und beim Spazieren gehen einfach auf den Boden. Es gibt aber keine öffentlichen Mülltonnen als Alternative, aber auch einfach kein Bewusstsein für Müll.

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ESSEN:

Ganz in der Nähe sind ein kleiner Gemüse-Supermarkt und ein großer Supermarkt. Obst und Gemüse ist relativ billig, wenn es nicht importiert ist. Ananas, Avocado, Mango, Melone, Papaya gibt es sehr günstig. Kiwi, Trauben und Äpfel sind teuer. Mittlerweile bieten die Supermärkte mehr und mehr importierte Sachen an wie Kelloggs (6 Euro), Pesto (5 Euro), Parmesan (200g – 8 Euro): die Preise sind festlich!

Zweimal die Woche kommt Koch Constantin und kocht uns was Leckeres abends. Er kocht auch Mittags in Akili’s Kindergarten. Er ist ein etwas älterer Herr, der schon viele Jahre für eine Minenfirma als Koch gearbeitet hat. Wir lieben seine kontinentale Küche und sind froh, auch mal was Heimatliches zu essen.

Natürlich sind die einheimischen Gerichte auch ganz lecker, aber nach einer Weile braucht man auch mal etwas Abwechslung. Die meisten Leute essen hier jeden Tag Ugali (so eine Art weiße Polenta) mit Bohnen oder Gemüse. Nur an ab und an gibt es Fleisch oder Fisch.

Akili ist ein guter Esser. Es gibt kaum etwas, was er nicht mag. Süßigkeiten gibt es bei uns nicht oft, denn die sind teuer und wenn sie nicht gut gelagert sind, dann schmecken sie auch nicht wie aus dem Supermarkt in Deutschland.

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TRANSPORT:

Wir haben unseren Kinderwagen nur in der Nachbarschaft oder Einfahrt genutzt, um meinen Sohn in den Schlaf zu schieben. Wir sind hier fast ausschließlich mit dem Auto oder dem Bajaji (Tuktuk) unterwegs. Es gibt kaum Gehwege oder Einrichtungen wie Shopping Malls.

Die Babies werden hier alle mit einem großen Tuch (ganga oder kitenge) am Rücken getragen. Salama hat Akili manchmal so getragen und es mir auch erklärt, obwohl ich mich nach wie vor zu blöd anstelle. Akili war kein großer Fan vom Tragen im Tragetuch. Ich denke, es war ihm sehr schnell zu warm.

Männer tragen hier eigentlich keine Babies im Tragetuch und auch einen Mann am Kinderwagen zu sehen, ist sehr ungewöhnlich. Ich kann mich noch erinnern, wie wir mit dem Kinderwagen durch Moshi Town am Kilimanjaro spazieren waren und die Leute auf der Straße uns mit großen Augen angesehen haben. Es war der einzige Kinderwagen weit und breit in der Stadtmitte, eine Sensation!

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MULTIKULTURELL AUFWACHSEN:

Meine Familie hier ist selbst multi-racial, einige leben auch in den USA oder anderen Ecken Afrikas. Meine älteste Tante ist halb Griechin, danach hatte meine Großmutter hier noch zwei Kinder mit einem italienischen Mann. Nur mein Vater und die jüngste Tante aus der Famiie sind komplett Tansanianer.

Meine Familie ist sehr bereist und belesen, daher ist multi-racial kein großes Thema. Es sind mehr die Leute auf der Straße, die noch bis heute den weißen Mann (da gehöre ich auch dazu) mit Muzungu (“Weißer”) ansprechen. Viele denken noch immer in kolonialistischen Rastern und gehen z.B davon aus, dass ein Weißer immer reich ist. Es ist besser, einen weißen Boss zu haben, denn der zahlt mehr und kümmert sich um einen, wenn es der Familie mal schlecht geht. Wir haben hier noch immer die Stellung als Supervisor und nur so langsam wachen die Leute auf und werden unabhängig und eigenständig.

Ich versuche soviel wie möglich Deutsch mit Akili zu sprechen. Er wird dreisprachig aufgezogen. Erste Sprache ist Englisch, dann kommt Kiswahili und zuletzt Deutsch. Mit der deutschen Sprache tut er sich zwar noch schwer, aber er versteht sehr viel.

Wir haben einige deutsche Freunde hier und eine deutsch/tansanische Familie in der Nachbarschaft, die auch Kinder hat und eins ist in Akilis Alter.

Einmal in der Woche unterrichte ich an der Dar es Salaam International School Deutsch. Das ist eine Elterninitiative, die von der deutschen Botschaft gefördert wird. Eigentlich habe ich keinen pädagogischen Background. Dass ich jetzt hier die Vorschulklasse in Deutsch unterrichte, ist mir durch die kleine deutsche Gemeinschaft zugeteilt worden und es macht mir Spaß!

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GROßELTERN:

Mein Vater hat nach meiner Mutter nicht mehr geheiratet. Er ist Single und hat zwei Söhne aus zwei Beziehungen. Meine Brüder sind schon von klein auf in Tagesschulen und Internaten groß geworden. Selbst jetzt, wo der eine hier in Dar es Salaam studiert, sieht man sich nur selten. Den Babu (Opa) dagegen sehen wir sehr oft. Er wohnt mit meiner jüngsten Tante nur fünf Minuten entfernt. Meine Tante hat Akili manchmal über Nacht. Akili liebt es, bei Ihr zu sein und manchmal kommen die Kinder von dem Weisenhaus meiner Tante zum spielen rüber.

Der Opa liebt sein Enkelkind, aber ist nicht so der Kinderexperte. Als Mann verbringt man hier generell nicht viel Zeit mit Kindern. Später wird es aber sicherlich anders werden, wenn Akili mit Opa mal Fußballschauen kann!

Es ist lustig, wenn Großvater und Enkelsohn auf der Straße laufen und die Leute mit ihrer unterschiedlichen Hautfarbe verwirren. Für mich persönlich gibt es Rassismus nicht, sondern viel mehr den Unterschied zwischen entwickelten und weniger entwickelten Kulturen. Den wissen manche nicht zu tolerieren.

Die meisten jungen Leute leben hier heutzutage in der Stadt und die Eltern wohnen auf dem Land. So können die Jungen flexibler und kostengünstiger in der Stadt leben. Die Mieten in Dar es Salaam sind hoch und viele können sich nur einen Raum leisten. Die meisten aus der tansanischen Mittelschicht leben getrennt von ihren Eltern. Manchmal schicken die Mütter ihre Kinder schon nach dem Stillen aufs Land, da sie in der Stadt arbeiten und es leichter für sie ist, wenn das Kind mit den Großeltern, Tanten, Cousinen aufwächst. Ich stelle es mir hart vor, mein Kind so einfach wegzugeben und nur gelegentlich zu sehen. Aber das ist hier ganz normal. Selbst meine Cousine ist mit ihrer Tante aufgewachsen und nicht mit ihrer Mama. Ich habe den Eindruck, dass das Familienleben hier nicht ausschließlich auf Mutter und Vater fokussiert ist, sondern einfach so weit geht, dass auch andere Familienmitglieder den selben Rang haben wie Mutter und Vater.

ABERGLAUBE:

Tansania ist eine sehr abergläubische Nation. Es ist absolut verrückt, woran geglaubt wird. Einen Artikel darüber gibt es hier. Vieles ist so eingefahren in den Köpfen der Menschen, dass selbst Google und die erste Welt nicht dagegen ankommen können. Daher liegt die Hoffnung in der neuen Generation und in der Erziehung.

Was ich besonders anstrengend finde, ist die tansanische Höflichkeit, die kein offizielles Nein erlaubt. Das heißt, es wird sehr oft Ja gesagt aus Höflichkeit – aber Nein gemeint. Bis heute fällt es mir schwer, mich daran zu gewöhnen und ich sehne mich oft nach der direkten und aufrichtigen Art meiner Heimat Deutschland.

STILLEN:

Meinen Sohn habe ich bis zum ersten Lebensjahr gestillt. Hier in Tansania kann man überall in der Öffentlichkeit stillen.

Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es ein solches Tabu in Deutschland ist. Hier sieht man ganz selbstverständlich hier und da einen großen Busen aus der Bluse poppen, ob das in der Bank ist oder an der Bushaltestelle. Dabei verwendet man auch keinen Stillschutz, oder wie man sowas nennt. Wenn das Baby zu sehr schreit, wird man auch darauf aufmerksam gemacht, das Kind mal wieder zu stillen. Überhaupt mischt man sich gerne in die Erziehung ein!

Mir selbst ist schon im Supermarkt oft gesagt worden, ich muss meinem Sohn mehr anziehen wegen der Klimaanlage. Ich kann mich sogar an einen Vorfall erinnern, wo mich eine Verkäuferin verfolgt hat, nachdem ich ihren Rat ignoriert hatte. Das ist zwar oft nett gemeint, aber eben auch übertrieben. Wenn es draußen 36 Grad hat, muss mein Baby nicht zugedeckt werden. Besonders ältere Frauen wissen immer am besten, was das Kind braucht und aus Höflichkeit sollte man nachgeben oder ihnen einfach aus dem Weg gehen…

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WINDELN UND SAUBERKEITS-ERZIEHUNG:

Windeln sind sehr teuer hier. Wir haben im ersten Jahr überwiegend wiederverwendbare Windeln benutzt. Momentan trägt er nur nachts oder wenn wir einen Ausflug machen eine Windel. Leider haben wir hier kaum gute öffentliche Toiletten, da ziehe ich ihm lieber eine Windel an, wenn wir aus dem Haus gehen.

Salama hat mir gezeigt wie das die Locals es machen. Die nehmen nur ein Baumwohl Spucktuch und darunter eine X-förmige Plastikfolie die sie dem Baby umwickeln. Eine solche habe ich bei meinen Stoffwindeln auch verwendet.

Salamas Tochter war schon mit 8 Monaten trocken, unglaublich aber wahr! Wie sie das geschafft hat? Ich würde sagen, da sich das meiste draußen abspielt, lässt man die Kinder einfach ohne Windeln rumlaufen. Rachma hat schon sehr gut Signal geben können und angefangen zu weinen, wenn sie musste. Und ich hatte auch das Gefühl, dass Salama einfach ein besseres Gespür hatte, wann Rachma musste. Sie hörte und sah manche Sachen, die mir so nicht aufgefallen wären.

SCHWANGERSCHAFT:

Während der Schwangerschaft mit Akili und auch danach habe ich kaum Fachzeitschriften oder Bücher zum Thema gelesen. Ich wollte meiner natürlichen Mutterrolle freien Lauf lassen und mich nicht verrückt machen. Wenn ich hier die tansanischen Mütter sehe, wie sie ohne jegliche Lektüre ihre Kinder aufziehen, dann denke ich mir, dass wir uns viel zu viel gedanklich mit dem Thema auseinandersetzen, anstatt einfach Liebe und Zeit zu schenken. Ich habe hier in Tansania gelernt, dass die Zeit, die man miteinander verbringt, das kostbarste für Kinder ist.

Momentan bin ich im 8. Monat schwanger. Ende Februar soll unser Sohn Lenni zur Welt kommen. Und genau jetzt sind die heißesten Monate in Tansania. Es ist anstrengend an so heißen Tagen den Alltag als Schwangere zu meistern. Bis zu 40 Grad plus hohe Luftfeuchtigkeit. Am liebsten halte ich mich in Räumen mit Klimaanlage auf!

Schwangere Frauen werden hier mit sehr viel Respekt behandelt. Jeder in der Öffentlichkeit ist hilfsbereit, sei es im Bus oder beim Einkaufen. Überhaupt hat man als Mutter hier in Tansania einen sehr ehrwürdigen, respektvollen Status. Besonders die Männer nehmen dich ganz anders wahr. Es geht soweit, dass sich mit dem ersten Kind dein Name ändert! Viele Leute in der Umgebung nennen mich nur Mama Akili

ERZIEHUNG:

Die Tansanianer erziehen völlig ohne Konzept. Kinder gehören einfach zu einer Ehe, in einen Haushalt und zum Leben. Diese Leichtigkeit gibt Kindern ein sehr entspanntes Fundament, aber auf der anderen Seite fehlt vielen Kindern hier die Aufmerksamkeit von den Eltern. Dass die Eltern auf die Kinder eingehen und sie fördern, bekommt man kaum mit. Man gibt den Kindern kaum Ideale oder Ehrgeiz, über den Tellerrand zu sehen, mit. Wenn die Älteren sprechen, haben die Kinder zu schweigen und in dieser Kultur ist Fragen zu stellen oder etwas zu hinterfragen tabu. Herzlichkeit und Höflichkeit sind aber sehr wichtig. Ich finde aber, im Berufsleben braucht man mehr als das – und spätestens dann sieht man die Nachteile dieser Leichtigkeit.

WAS MIR AM BESTEN GEFÄLLT:

  • Die Freiheit und der Bewegungsraum. Wir könnten uns in Deutschland kein solches Haus mit Garten zur Miete leisten und das innerhalb der Stadt mit Strand vor der Haustür.
  • Am Strand zu joggen oder mit Akili und Baba Muscheln zu sammeln.
  • Wir können das ganze Jahr über draußen im Garten grillen, spielen, schwimmen….
  • Es gibt keine sozialen Zwänge, wie z.B Markenklamotten tragen zu müssen oder den schicksten Kinderwagen zu schieben. Wenn ich mag, kann ich im Pyjama in den Supermarkt und das würde wahrscheinlich nicht mal auffallen.
  • Dass man hier viel mehr Zeit für Familie und Freunde hat. Mein Mann kann sich seine Arbeitszeit selbst einteilen. Auch ich kann mir Zeit nehmen, besonders unter der Woche, wenn ich Unterstützung im Haushalt habe.
  • Man hat hier eher die Möglichkeit, sich zu verwirklichen. Sehr oft dauert es zwar länger als in Deutschland, bis man sich etabliert hat, aber es lohnt sich!
  • Dass man hier sehr viel mehr Leute aus der ganzen Welt kennenlernt, da viele für eine gewisse Zeit zum Arbeiten herkommen. Wir haben hier so viele nette Menschen aus der ganzen Welt kennengelernt, die wir jetzt alle besuchen können.

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WAS MICH NERVT:

  • Leider gibt es kaum kinderfreundliche Einrichtungen wie Spielplätze, Sportplätze oder öffentliche Gärten. Man muss kreativ sein mit den Kindern im Alltag.
  • Da wir kaum Gehwege haben und es auch oft zu heiß ist, um in der prallen Sonne zu spazieren, benutzen wir für alle Besorgungen das Auto. Fahrrad fahren kann man nur in der Nachbarschaft, wo es keinen Verkehr gibt. Das Fahrradfahren vermisse ich sehr, denn in München habe ich von Frühling bis Herbst auf dem Rad gesessen.
  • Was schön wäre: mal den Zucker oder andere Lebensmittel für einige Stunden draußen stehen lassen zu können, ohne dass eine Horde Ameisen diese überfallen.
  • Einrichtungen wie Theater, Galerien, Konzerte gibt es überhaupt nicht. Diese zu besuchen und sich inspirieren zu lassen, vermisse ich sehr. Meine Inspirationen kommen jetzt von den Stoffmärkten und dem Internet.
  • Dass die Großeltern und Rest der Familie nicht in Reichweite sind…
  • Manchmal sind es kleine Dinge, die einen den ganzen Tag aufhalten. Zum Beispiel ein Stromausfall, oder wenn ein Wasserrohr ein Loch hat. Gute Handwerker kann man hier wiederum an einer Hand abzählen und wenn sie kommen, dann stellt man am besten keine Bedingungen.

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