“Wir haben noch etwas Arbeit vor uns”

06. October 2020 | in Familie | Gesellschaft | Parenting | Vereinbarkeit

Das sagt die Astronautin und Meteorologin Dr. Insa Thiele-Eich, als wir über Gleichberechtigung und gesellschaftliche Erwartungen sprachen. Denn Insa wird wahrscheinlich die erste deutsche Astronautin im All sein und hat das Astronautinnentraining schwanger absolviert. Im Interview erzählt sie von der Unendlichkeit des Universums, den Alltag mit ihrem Mann und drei Kindern und warum sie nie in Frage gestellt hat, dass Muttersein und ins Weltall fliegen nicht zusammengehen könnten. Außerdem geht es um Mental Load, ein Dienstreisebaby und den ultimativen Life Hack.

Ursprünglich wolltet ihr 2020 euren ersten Flug zur Raumstation unternehmen, hat Corona das verhindert?

Ich habe mich 2016 als Wissenschaftsastronautin für den Flug zur Raumstation in 2020 beworben. Im gleichen Jahr wollte SpaceX, eine von zwei kommerziellen Firmen, die in den USA wieder Astronaut:innen ins All bringen möchten, den ersten astronautischen Flug starten – sie sind aber aus vielen Gründen erst dieses Jahr im Juni gestartet. In der Raumfahrt sind diese zeitlichen Verschiebungen aber ganz normal, jedes Datum ist ein „not earlier than“- Datum. Bei uns ist das nicht anders.

Und wann geht es nun los?

Wir haben jetzt für Ende 2021 einen Platz reserviert. Das Basistraining schließen wir dieses Jahr ab, darauf folgt das missionsspezifische Training. Allerdings ist gerade noch nicht geklärt, ob, wie und besonders wann die Mission finanziert wird – auch das ist in der Raumfahrt ein übliches Problem. Anfang des Jahres gab es da vielversprechende Bewegung in der Bundesregierung. Dann kam Corona. Jetzt warten wir optimistisch ab.

Und Teil deines Jobs als Astronautin ist auch, darüber zu sprechen, oder?

Auf jeden Fall, die Öffentlichkeitsarbeit ist ein wichtiger Bestandteil im Astronaut:innen-Beruf. Ich habe das Gefühl, dass wir Menschen uns viel zu oft in unserem Alltag auf der Erdoberfläche verfangen, und dabei komplett vergessen, dass wir mit Milliarden von Menschen auf einem ziemlich beeindruckenden Planeten leben. Der wiederum befindet sich in einem Universum von unbegreiflichem Ausmaß, in dem es wahnsinnig viel Unbekanntes gibt, dass es zu entdecken gilt. Aus der Astronomie und besonders aus der Raumfahrt ergeben sich für mich viele spannende Fragen – wer sind wir? Wo kommen wir her? Wen und wieviele gibt es noch da draußen?

Da tun sich so viele Themen auf!

Ja, zum Beispiel Weltraumrecht. Ich dachte immer, Jura ist langweilig, aber wem gehört eigentlich der Weltraum? Wenn eine – fiktive – in Frankreich entwickelte Rakete in Deutschland gebaut wird, dann auf dänischem Boden startet und nach ihrem Flug in Finnland auf ein Waldstück fällt, wer haftet? Wer ist für den Weltraummüll verantwortlich, der stetig zunimmt? Und wem gehört der Mond?
Aber auch die wissenschaftlichen Experimente, die wir auf der Raumstation durchführen wollen, finde ich ziemlich spannend. Wir erforschen, wie Pflanzen in der Schwerelosigkeit wachsen und planen Experimente im Bereich der Materialwissenschaften, z.B. zum Verhalten von Metallen unter unterschiedlichen Bedingungen. Auch humanphysiologische Experimente am eigenen Körper sind geplant. Es ist zum Beispiel so, dass ein Teil der Astronauten im Weltall messbar Sehkraft einbüßt. Bei Astronautinnen ist das bisher nicht festgestellt worden. Woran liegt das? Wie wirkt sich die Schwerelosigkeit auf weibliche Körper aus?

Apropos – du bist ja Mama und hast drei Kinder. Dein Sohn kam 2018 auf die Welt. Wie habt ihr das als Paar eigentlich organisiert?

Die Kurzform: Wir halten es da als Familie mit der Autorin Nora Imlau: „Was brauche ich, was brauchst du?“ Und: wir probieren, alles als Phase zu sehen. Dann übersteht man auch mal anstrengende Monate.
Die Langform: Es war relativ schnell klar, dass ich beim ersten Kind am Anfang meiner Promotion kein ganzes Jahr Elternzeit nehmen werde. Mein Mann hat dagegen festgestellt, dass es vielleicht nicht üblich ist, dass Väter 2010 ein Jahr Elternzeit nehmen, er die Vorstellung aber ganz reizvoll findet. Auch danach hat er als erste Person im Unternehmen Teilzeit in Elternzeit gearbeitet. Ich bin nach dem Mutterschutz also wieder voll arbeiten gegangen. Auch beim zweiten Kind war das so: Mein Mann hatte gerade wieder auf Vollzeit aufgestockt, in einer neuen Position mit viel Reisetätigkeit und einer Pendelstrecke von drei Stunden am Tag. Daher kamen für ihn nur einzelne Monate Elternzeit in Frage. Ich hatte also sechs Monate Elternzeit geplant und wollte dann in Teilzeit weiter promovieren. Plötzlich wurde mir dann aber eine neue Stelle angeboten, die mich wahnsinnig gereizt hat und die tatsächlich im ersten Jahr nur in Vollzeit möglich war. Mein Chef hat mir aber die volle Flexibilität zugesichert und ich bekam ein Einzelbüro, damit ich meine Tochter jederzeit mitnehmen konnte. Mit sechs Monaten war sie dann drei Stunden vormittags bei der Tagesmutter und den Mittagsschlaf hat sie bei mir im Büro im Tragetuch auf dem Rücken gemacht. Dann bin ich nach Hause gefahren, habe die große Tochter abgeholt und beide bis abends betreut. Mein Mann kam um 19:30 nach Hause und hat die Kinder übernommen, ich habe dann oft bis ein Uhr nachts gearbeitet. Er hat morgens um 5:00 eine Stunde Haushalt gemacht, ist um 6:30 wieder los zur Arbeit. Für die Kinder und uns beruflich war das die absolut richtige Entscheidung. Für uns als Eltern und Paar nur auszuhalten, weil klar war, dass auch wieder andere Zeiten kommen.
Wir haben es über die letzten zehn Jahre ganz gut geschafft, als Eltern gemeinsam zu schauen, ob wir gerade etwas verändern müssen. Es gab zum Beispiel immer wieder Zeiten, in denen die Kinder kaum oder wenig in die Betreuung wollten. Dann haben wir alles daran gelegt, sie früher abzuholen – und entsprechend unsere Arbeitszeiten angepasst.

Eurer Betreuungsmodell funktioniert wahrscheinlich aber auch so gut, weil ihr beide flexible Arbeitszeiten habt, oder?

Mein Mann hat nur bedingt flexible Arbeitszeiten – ich dafür schon. Das ist tatsächlich sehr wichtig. Ich springe deshalb oft kurzfristig ein und arbeite dafür am Wochenende oder abends nach. Der Preis dafür ist eben, dass ich oft auch mal kein Wochenende habe. Ich habe lange gebraucht, um mich dann vormittags nicht schlecht zu fühlen, wenn ich einfach mal ein Buch lese. Deshalb: Flexibilität ist toll, aber bringt auch viel Dynamik. Das kann man schön finden. Anstrengend ist es trotzdem.

Vielleicht ist das auch ein wenig die Zauberformel, damit es klappt: Dass man sich bewusst wird, dass es Phasen sind und alles im Fluss ist?

Genau. Gerade hatten wir mal drei Wochen die wunderbare Phase, dass wir ziemlich on top of things waren, also: Küche picobello, Garten gemacht, Ordnung im Haus. Und dann kam ein Wochenende, und das Chaos flog uns um die Ohren. Wir standen dann beide mittendrin, und konnten zum Glück drüber lachen. Irgendwann kommen auch wieder andere Zeiten. Und natürlich gibt es bei uns auch Momente, in denen es laut oder unentspannt wird. Auch das sind Phasen.

Es macht aber den Eindruck, dass ihr das als Paar alles gut aufgeteilt bekommt.

Meistens ja. Ich habe gerade das Buch “Raus aus der Mental Load Falle” von Patricia Cammarata gelesen. Sie beschreibt darin sehr schön ihre Erfahrungen zu dem Thema, und ich dachte die ganze Zeit nur: Ja! Genauso war es bei uns auch! Und auch bei uns gibt es immer wieder Optimierungspotenzial (um das mal freundlich auszudrücken 😉 ). und zwar in beide Richtungen.

Ja, zum Beispiel dass frau immer die Klopapierrolle wechselt!

Da gibt’s hier zum Glück kein Streitpotenzial, seit wir das auf die kleinsten und wendigsten Familienmitglieder ausgelagert haben: Früher standen die Rollen oben auf dem Schrank, irgendwann habe ich mal vom Life Hack gelesen, die Packungen einfach nach unten in ein Regal auf Kinderhöhe zu legen und siehe da: Es funktioniert!

Aber im Ernst: Das Thema Mental Load ist super wichtig. Es gibt so viele Erwartungen der Gesellschaft an Mütter, die man selbst oft tief verinnerlicht hat. Die abzulegen ist schwer, sowohl für Männer als auch für Frauen – da haben wir noch etwas Arbeit vor uns.

Kann ich als Frau und Mutter Astronautin werden – diese Frage hast du dir nie gestellt?

Mein Vater war auch Astronaut und ich bin dadurch teilweise in den USA großgeworden. Es gab um mich herum eine Gruppe von sehr begeisterten Astronaut:innen: Frauen, Männer, Mütter, Väter. Da hat keiner gesagt: „Ach übrigens, dass da drüben ist die Heidi. Die hat drei Kinder und macht das trotzdem, voll crazy!“ Ich bin also so groß geworden, dass es selbstverständlich ist, dass Frauen und Mütter Astronaut:innen werden. Deswegen musste ich keine Energie in die Frage stecken, ob ich das auch kann.

Hattest du nie Zweifel?

Es gab schon Momente, besonders in meiner Zeit an der Uni, in denen ich mich gefragt habe: Was ist, wenn ich jetzt in der Promotion ein Kind bekomme? Es gab einfach keine andere Frau, die mit Kind weiter promoviert hat. Eine Professorin kannte ich, die war an einer anderen Uni und wurde mir mit den Worten „Die ist krass, die hat sogar die Einschulung ihres Kindes für eine Konferenz verpasst!“ vorgestellt. Das macht dann schon stutzig. Und überall die Erste zu sein, die den Stillraum einrichtet, die einen Raum zum Abpumpen findet, die für Schulferien und Meetings zu Kitaöffnungszeiten sensibilisiert, und dann zu Hause noch Mental Load zu diskutieren, kostet enorm viel Energie – zusätzlich zu Kind und Job. Ich kann deshalb total verstehen, wenn Eltern und besonders Mütter sagen: Ich möchte das nicht, da bleibe ich lieber zu Hause.

Eine Astronautinnenausbildung, das Warten auf den Flug und drei Kinder, stelle ich mir wirklich nervenaufreibend vor – und dass du nicht weißt, ob oder wann du fliegst.

Mein Vater hat zwölf Jahre gewartet, bis er in All fliegen durfte – und man wartet ja auch nicht die ganze Zeit auf Tag X, sondern erlebt viele spannende Dinge. Ich weiß auch, dass ich mit meiner Kollegin in einer direkten Konkurrenz-Situation bin und es ist mir momentan herzlich egal.
Schwieriger fand ich, die Balance zwischen Familie und Beruf, und die oben erwähnten Erwartungen anderer an mich als Mutter. So sehr ich weiß, dass ich diese nicht bedienen muss, trifft es mich dann manchmal doch. Ich habe mich mal in Grund und Boden geschämt, als wir das erste Mal keine selbstgemachten Plätzchen zur Weihnachtsfeier in der Schule mitgebracht haben. Aber es ging einfach zeitlich nicht. Wir haben dann eine Ein-Kilo-Packung Gummibärchen mitgebracht – in einer weihnachtlichen Schüssel. Dann gibts halt beim nächsten Mal wieder Gemüse-Spieße (Bio natürlich). Und siehe da, die Welt hat sich weitergedreht, und es gab zwar Kommentare, aber es hat mich fast nicht gestört. Mittlerweile bin ich auch da entspannter geworden.

Und manchmal ist es auch sehr unbequem…

Ja, genau wie das Thema Mental Load. Bevor man dann noch müde und ausgelaugt an der Beziehung rumreflektiert, macht man es dann doch wieder selbst. Und ständig selbst zu überlegen, ob man jetzt aus eigenem Antrieb heraus handelt oder weil man Erwartungen anderer bedient, auch.

Wahrscheinlich hat jede Familie einfach ihre eigenen Lösungsansätze?

Ja, und das ist mir immer sehr wichtig: Jede Familie sollte für sich selbst entscheiden, wie sie leben mag. Und vor allen Dingen die Möglichkeiten dafür haben, diese Entscheidung so frei wie möglich treffen zu können. Dazu gehören mehr Unterstützung für Familien, und gleichzeitig weniger Erwartungen an andere Eltern und besonders Mütter.

Aber mal ganz konkret: Wie machst du das denn, wenn ihr im Familienbett schlaft, vielleicht noch ein Kind schlecht schläft und du am nächsten Tag einen Parabelflug (ein Flugmanöver bei dem im Flugzeug ein Zustand der Schwerelosigkeit geschaffen wird) hast?

Wir haben zum Glück genug Platz für mehr als eine Schlafmöglichkeit, deshalb gibt es ein Familienbett und noch andere Orte, an denen ich schlafen kann. Der Kleine schläft momentan besser (nämlich fast durch) wenn ich nicht daneben liege. Als er kleiner war, habe ich ihn natürlich nachts öfter gestillt, aber er hat morgens tief und fest geschlafen. Deshalb lagen wir zwei dann woanders. Also wechseln wir auch da je nach Phase ziemlich durch.

Hast du alle deine Kinder gestillt? Wie war das mit deinem dritten Kind, als du mitten in der Astronautinnenausbildung warst?

Ich habe bei den ersten beiden Kindern abgepumpt, als ich wieder außer Haus gearbeitet habe. Aber unser Kleinster wollte keine Flasche nehmen. Wir haben alles versucht, verschiedene Sauger, löffeln, bechern, alles! Aber erfolglos. Ich habe ihn dann auf Dienstreisen immer mitgenommen. Meistens ging das, aber bei einem Training bei Airbus in Bremen durfte er nicht mit aufs Gelände. Also kam mein Mann mit allen drei Kindern mit, und hat das Baby alle paar Stunden vorne an die Pforte zum Stillraum gebracht. Wir haben uns dann da getroffen. Die Kinder finden das aber meistens spannend. Nur für uns Eltern ist es natürlich viel, für meinen Mann, weil er mit drei Kindern nicht weit weg vom Trainingsgelände kann, Schulaufgaben erledigt werden müssen, Mittagsschlaf und Co – und für mich, weil ich so gar keine Pausen habe, obwohl ich die nach solchen Trainingstagen oft dringend bräuchte.

Genauso, wenn ich den Kleinen mit auf Dienstreisen nehme – glücklicherweise war er das totale Dienstreise-Baby! Eigentlich hat er als Baby schon angefangen zu schreien wenn man ihn in die Babyschale gesetzt hat. Ich habe mir vor der ersten Dienstreise schon Gedanken gemacht, wie das gehen soll. Meine Mutter kam dann auch extra mit, um sich während des Termins zu kümmern. Aber dann waren wir am Bahnhof und er hat trotz Babyschale einfach die komplette Bahnfahrt verschlafen. Auch wenn ich mit dem Auto fahren muss – friedliche Stille auf der Rückbank, aber nur bei Dienstreisen! Ich weiß wirklich nicht, was es war, manchmal mache auch ich mir einfach mehr Gedanken als nötig.

Das funktioniert ja leider auch andersrum.

Stimmt. Aber mit Flexibilität und ein wenig Wohlwollen der Anderen geht auch das. Aber klar, bei einer Astronautin ist vielleicht auch mehr Wohlwollen da. Das ist ein Privileg, das weiß ich. Wenn ich als Astronautin mit Baby zu einer Vorstandssitzung gehe, sind alle schrecklich nett zu mir, weil sie sich freuen, dass ich da bin. Ob das auch für die Mitarbeitenden gilt?

Auf der anderen Seite merken sie dann vielleicht auch, wie entspannt es sein kann und dass es kein Problem ist. Es war eigentlich auch ein großes Glück, dass ich im Training schwanger war. Viele haben sich gefragt: Wie geht das denn?! Die meisten dachten, dass ich jetzt aus dem Programm „fliege“. Aber es war gar kein Problem! Nur den Tauchschein musste ich im Frühjahr danach machen, aber die kalten Temperaturen im See waren dann mein persönliches Pech. Ich hoffe, dass zumindest bei manchen Leuten unsere Initiative ein Umdenken auch den Frauen im Umfeld gegenüber bewirkt. Dann ist eine Frau halt schwanger – so what. Wenn sie arbeiten kann und möchte, dann tut sie das. Und wenn es nicht geht, arbeitet sie halt nicht. Genau, wie die vielen Männer, für deren Ausfälle man doch oft noch mehr Verständnis findet.

Bist du Feministin?

Ob ich glaube, dass alle Menschen die gleichen Rechte und Möglichkeiten zu Selbstbestimmung und Freiheit haben sollten? Ja klar. Aber richtig aktiv zum Thema bin ich erst geworden, seit ich in meiner Rolle als potentielle erste deutsche Frau im All gemerkt habe, wie starr bestimmte Strukturen in der Gesellschaft noch sind. Wie oft mir Sexismus und Vorurteile begegnen. Und wie schwer es mir selbst fällt, bestimmte Muster abzulegen.

Lieben Dank für das Gespräch!

Titelbild: © manfred h. vogel

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