Eine Lehrstunde über Empathie: Wie unser Sohn zum Veganer mutierte

20. April 2018 | in Familie | Gesellschaft

Ich habe ja in diesem Text schon einmal beschrieben, dass mein Sohn inzwischen wirklich ein Picky Eater ist. Als ich vorhin und in Vorbereitung zu dem nun folgenden Text auf der Seite von PETA war (die eine ganz gute Aufstellung online gestellt haben, in welchen Portionen so ein Kind Dinge essen sollte), wurde mir nochmal allzu deutlich, was alles nicht in das Kind hinein kann und will: Gemüse etwa – Obst hingegen schon, aber nur Äpfel und Bananen, im Sommer auch Erdbeeren und Melone. Nudeln gehen auch, Brot sowieso. Zu Käse sagt mein Sohn ja, Kartoffeln isst er als Puffer, nicht aber nur gekocht. Kurzum: Es ist hier gerade wirklich schwierig mit dem Essen und dem Kind. Als wäre das für sich nicht eigen genug, hat sich mein Sohn vor einigen Monaten entschlossen, nichts mehr zu essen, was vom Tier abstammt.

Und so begegnet mir mein Sohn neuerdings gerne entsetzt, wenn ich mich wage, ein Spiegelei zu braten – oder ihm Kuhmilch zum Müsli anbiete. Aus den Eiern könnten schließlich noch Küken schlüpfen, meint er etwa. Und, dass wir die Eier deshalb zum Bauern zurückbringen müssten, damit der Hahn sie befruchten könne. Die Milch sei doch wiederum fürs Kalb gedacht und das ganz traurig, wenn wir sie an seiner statt tränken.

Ich kann gar nicht genau sagen, wann dieses Bewusstsein in das Leben meines Sohnes eingezogen ist. Ich erinnere mich, dass er irgendwann begann, mir Fragen zu stellen zur Wurst, zur Milch, zum Ei – und ich darauf recht unverhohlen antwortete. Es ist auch so, dass ich und sein Vater immer mal wieder recht zynisch vom toten Tier anstatt von Fleisch gesprochen haben und genau letzteres für Julius deshalb wohl recht früh den abstrakten Charakter eines Lebensmittels verloren hat.

Nun sind weder sein Vater noch ich Veganer, nicht mal Vegetarier. Wir halten es eher flexibel und essen hier und da auch mal Fleisch, wenn auch sehr wenig. Ähnlich verhält es sich mit allen anderen tierischen Produkten. Das Bewusstsein über die Tragweite des global betrachtet übermäßigen Konsums von Tierischem und allein seinen Konsequenzen fürs Klima und etwa für die Welternährung, aber auch über das Leid der Tiere, sitzt hier doch relativ tief.

essen

Und so verkehrt dieses Kind, dass gerne vegan leben möchte, gewisser Weise die Verhältnisse – weil es uns mit Missständen konfrontiert, von denen man meinen könnte, dass wir als seine Eltern eigentlich in der Verantwortung stünden, Bewusstsein zu schaffen.

Ich finde diesen Umstand wiederum recht eindrücklich, weil sich am Bewusstsein unseres Kindes ganz gut bemessen lässt, was uns Erwachsenen mitunter wahrscheinlich abgeht: Empathie. Und zwar übergreifend, für alles und jeden, der oder das kreucht und fleucht.

Denn genau aus diesem Impuls ist ja sein Handeln motiviert. Es ist nicht so, dass ihm Fleisch nicht schmeckte oder Kuhmilch, oder Käse oder Eier. Er fühlt sich ganz offenbar zu sehr verbunden zu jenen Wesen, die wir oder deren “Produkte” wir essen.

Und mehr soll hier auch gar nicht gesagt werden, schon gar nicht zur Physiologie eines Kindes und was vermeintlich notwendig wäre, ihm an Lebensmitteln aufzutischen. Dies hier soll auch nicht missionieren, stattdessen vor allem mir als Notiz gelten aus meinem Alltag mit Kind – der genau da und häufig so unerwartet illustriert, wie uns diese kleinen Wesen durch ihren noch ganz unverstellten Blick konfrontieren und wir in ihnen wahre Lehrmeister finden, wenn wir sie denn nur als eben solche auch begreifen.

Die Grafik stammt übrigens aus dem Fleischatlas 2018 der Heinrich-Böll-Stiftung und ist hier zu finden.

 

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