Über das Loslassen, wenn man getrennt erzieht

28. October 2020 | in Beziehung | Familie | Parenting

Nein, es geht hier nicht darum, den Ex-Partner loszulassen. Das hier ist kein Schriftstück über das Abkoppeln am Ende einer Beziehung, dafür kann ich allen nur Thomas Mayers “Trennt euch” empfehlen. Es geht viel eher darum, das Kind loszulassen. Klingt krass, ist aber etwas, das man mit der Zeit sowieso lernt. Hier möchte ich aber ein wenig erzählen, wie das für mich so war – nämlich nicht nur schmerzhaft.

Mit dem Alter kommt das ja wohl: Die Weisheit – im besten Fall. Oder der Zynismus, im schlechteren Fall. In letzter Zeit war ich öfter in der Situation, dass ich um Rat gefragt wurde, was Trennungen und Betreuungsmodelle angeht. Nun habe ich natürlich auch nur meine eigene singuläre Erfahrung, aber gelernt habe ich eine Menge. Und wenn ich um Rat gefragt werde, dann gebe ich diese Erfahrungen auch gerne weiter. Denn so ein paar Dinge, die hätten mir damals vielleicht geholfen. Das Loslassen zum Beispiel.

Nun ist das Loslassen vom Kind etwas, das Eltern früher oder später sowieso lernen, wenn das Kind älter wird. Aus dem Baby wird ein Kita-Kind, es verbringt die ersten Tage ohne die Eltern. Aus dem Kita-Kind wird ein Schulkind – ich weiß noch, wie ich mit Tränen in den Augen den großen, kleinen Jungen habe in die Schule gehen sehen. Und irgendwann häufen sich die Übernachtungen bei Freunden, will das Teenager-Kind nicht mehr mit in den Familienurlaub. Schritt für Schritt lassen wir also los – obwohl unser Kind natürlich immer unser Kind bleibt. Das Gefühl, keinen Einfluss nehmen zu können, das Kind nicht immer schützen zu können – das ist nicht einfach zu ertragen. Aber man gewöhnt sich daran.

Und manchmal muss man im Turbogang da durch. Zum Beispiel nach einer Trennung.

Nun gibt es nicht das eine “richtige” Umgangsmodell für Kinder nach einer Trennung. Da spielen so viele Dinge eine Rolle: Wer war die Hauptbezugsperson vor der Trennung? Haben beide sich 50/50-gekümmert? Wie alt ist das Kind? Wohnen die Eltern am selben Ort? Wie geht es dem Kind, und welche Bedürfnisse hat es gerade? Und: Wie gut versteht man sich mit dem Ex-Partner, wie absprachefähig ist man?

Im Idealfall kann man nach der Trennung eine gute Elternebene mit dem Ex-Partner finden, oft spielen aber natürlich verletzte Gefühle eine Rolle. Deshalb ist es so wichtig, sich Hilfe zu holen. Zu einer Mediatorin oder einem Mediator zu gehen, eine neutrale Person zu finden, welche die vielen Absprachen, die jetzt getroffen werden müssen, lenkt und beiden Elternteilen hilft, einen Weg zu finden, der in allererster Linie für das Kind gut ist. Leichter gesagt als getan!

Und dann kommt der Hammer: Im schlechteren Fall versteht man sich nicht gut, vielleicht kannte man sich auch gar nicht so gut vor der Schwangerschaft und dann ist das Kind plötzlich ohne einen. Nun hatte man zumindest in der Beziehung noch das Gefühl, mitbestimmen zu können oder bestimmte Erziehungsmaßnahmen des Partners (mit denen man nicht so einverstanden war) durch die eigene Anwesenheit abpuffern zu können. Bei vielen Paaren war es ja ohnehin so, dass die meiste Erziehungsarbeit von den Mütter verrichtet wurde. Man hatte also den Daumen drauf. Ich wage zu behaupten, dass das einer der schwierigsten Prozesse einer Trennung ist: Dass man keinen Einfluss mehr darauf hat, was im Haushalt des anderen Elternteils passiert.

Was habe ich tagelang damit verbracht, mich aufzuregen, dass das dreijährige Kind schon Serien “bingen” durfte im Haus des Vaters. Oder teilweise noch gefüttert wurde, obwohl er bei mir schon längst selbst aß! Oder noch den Schnuller bekam, den ich ihm bei mir schon mit Mühe und Not abgewöhnt hatte. Oder das bisschen Selbstständigkeit, das ich erkämpft hatte, wieder futsch war, weil die Nanny des Papas auch den Drei- bzw. Vierjährigen komplett anzog! Die sehr unterschiedlichen Erziehungsstile waren nicht nur für mich anstrengend, sondern natürlich vor allem: Für das Kind.

In jeder Elternberatung hört man also den Ratschlag, sich bitte abzustimmen. Gemeinsam Entscheidungen zu treffen (Fangen wir mit dem Töpfchentraining an?). Das ist in der Theorie schön und gut, wer sich aber getrennt hat, hat in vielen Fällen ja nicht die beste Kommunikation und vor allem (vielleicht auch Trennungsgrund?) nicht die beste Abstimmungs- und Absprachefähigkeit. In vielen Beratungen habe ich gehört, dass darin ja auch die Chance der Trennung liege, dass man die Emotionalität hinter sich lässt und sich endlich besser abstimmen kann. Das kann passieren und ich wünsche es jedem Elternpaar – aber dieser Artikel ist eher für Eltern, bei denen das nicht so gut geklappt hat.

Dann kommt nämlich die große, schwere Herausforderung: Die eigene Machtlosigkeit zu akzeptieren. Dass man sein Kind ein Stückweit loslassen muss, auch wenn es sich noch viel zu früh anfühlt. Für den eigenen Seelenfrieden ist das so wichtig. Denn sonst macht man sich kaputt. So lange es nicht um Gewalt oder Misshandlungen geht, kann man absolut gar nichts ausrichten. Man kann den Ex-Partner nicht verändern. Wichtig ist, dass man ihn trotzdem respektiert – so macht man es für das Kind einfacher, die bekommen nämlich viel mehr mit, als man denkt.

Und so war das damals bei mir: Irgendwann habe ich verstanden, dass ich nichts ändern kann, auch wenn ich ganz und gar nicht mit bestimmten Abläufen im anderen Haushalt einverstanden war. Auch wenn ich tief drinnen wusste, dass das nicht gut sein kann. Aber das Einzige, was ich damals tun konnte, war: Die Zeit, die mein Sohn bei mir war, normal und schön zu gestalten. Zu akzeptieren, dass die Dinge im anderen Haushalt anders laufen, zu schauen, wie ich meinem Kind helfen kann, mit den Unterschieden umzugehen. Und nach einer Weile habe ich gemerkt: Es wird ok sein. Es wird nicht so sein, wie ich es mir vorgestellt habe, wie ich es mir für mein Kind gewünscht habe, aber es ist ok.

Es war nicht einfach, es war oft hart, schon so früh loszulassen, die Kontrolle abzugeben, aber mit der Situation Frieden schließen, war der einzige Weg damit es besser wird. Und trotzdem schön.

Im Nachhinein fällt mir auf, dass die Beziehung zu meinem Sohn ziemlich einzigartig ist und sehr eng: Wir haben eine ganze Menge zusammen durchgemacht. Die Verlustängste, die ernüchternde Erfahrung, dass man das Beste für sein Kind will und es ihm nicht geben kann, das viele Kämpfen, die Auseinandersetzungen, haben uns eng aneinander geschweißt.

Und das ist vielleicht die einzige wirkliche Weisheit: Dass die Dinge oft anders kommen, aber das man aus ihnen lernt, an ihnen wächst und es meistens trotzdem gut wird – oder zumindest: ok.

Foto: Julia Raasch

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