Kinderhaben Anderswo: Gwendolyn in Spanien

14. February 2017 | in Familie | Gesellschaft

Gwendolyn und ich sind uns ein paar Wochen nach der Geburt unserer Kinder in einer Stillgruppe eines Berliner Krankenhauses begegnet. Ich weiß noch, wie ich unmittelbar beeindruckt war. Sie, die Physikerin, die über Astronomie an einer Universität lehrte. Ich in der Annahme, mit ihr einer seltenen Spezies Frau begegnet zu sein: jemandem, der einerseits mit Leib und Seele Mutter ist, deshalb andererseits aber nicht opfern wollte, woran er ein halbes Leben zuvor gebastelt hatte. Und so rief die Uni bereits nach einigen Monaten, nachdem ihre Tochter geboren war, nach ihr und Gwendolyn zog inklusive Kind und Kegel nach Madrid. Inzwischen ist ihre Familie neben Lena um ihren Sohn Stanley gewachsen und Gwendolyn steht kurz vor der Professur. Warum der Ortswechsel für Wissenschaftler oft keine freiwillige Angelegenheit ist und wie es ist, mit Kindern in Spanien zu leben – davon erzählt sie uns heute hier.

MEIN WEG NACH MADRID

Ich arbeite als Wissenschaftlerin an der Universidad Autónoma de Madrid. Die Verträge zu solchen Positionen sind häufig befristet und bedeuten für die Wissenschaftlichen Mitarbeiter deshalb oft, viel umziehen zu müssen. Als mein Vertrag in Berlin auslief, habe ich mich in Madrid beworben und die Stelle schließlich auch bekommen. Mein Lebensgefährte hatte ein Jahr zuvor begonnen, für ein Start-Up in Berlin zu arbeiten und tut das noch. Deshalb haben wir immer noch eine zweite Wohnung in Berlin und sind mal hier, mal da. Wir haben die ersten zwei Lebensjahre meiner Tochter Lena (4) vor allem in Madrid gelebt und sind dann anlässlich der Geburt meines jüngeren Sohnes, Stanley (2), zurück nach Berlin gezogen. Hier haben wir wiederum bis zum vergangenen Sommer gelebt und sind dann aber wieder im September zurück nach Madrid.

WIR WIR IN SPANIEN LEBEN

Die Mietpreise in Madrid sind recht hoch – zumindest wenn man nicht irgendwo am Stadtrand lebt. Deshalb leben wir in einem Apartment, das 2 Schlafzimmer hat und “nur” 70 qm groß ist. Glücklicher Weise ist unser Jüngster noch sehr klein und braucht deshalb nicht besonders viel Platz. Lena und Stanley haben wenig Platz zum Spielen in ihrem Zimmer, also sind ihre Spielsachen über die gesamte Wohnung verteilt – vor allem im Wohnzimmer zwischen Couch und Esstisch. Das ist vielleicht nicht ideal, aber andererseits wirken die beiden auch nicht so, als würde sie das stören.

Lena

UNSER TAGESABLAUF

Mein Lebensgefährte und ich arbeiten Vollzeit. Unsere Kinder gehen deshalb jeden Tag in die Kita. Wir stehen in Madrid etwas später auf als in Berlin. Es scheint so, als ob unser Tag um eine Stunde versetzt beginnt, seitdem wir wieder in Spanien sind. Das hat wohl damit zu tun, dass die Sonne hier später aufgeht. Lena und Stanley müssen spätestens um 10 Uhr im Kindergarten sein. Ich fahre von dort aus zur Arbeit weiter und hole sie dann zwischen 17 und 18 Uhr wieder ab. Wenn wir zuhause ankommen, essen wir zusammen und danach ist noch ein wenig Zeit, um zu spielen. Zum Abschluss des Tages schauen wir häufig ein wenig Fernsehen und lesen danach Bücher.

Stan und Lena

Am Wochenende waren wir bis zum Herbst viel auf Spielplätzen unterwegs. Aber im Winter und wenn es sehr kalt ist, verbringen wir vor allem den Morgen viel zuhause. Am Sonntag treffen wir häufig deutsche Freunde, die eine Tochter in Lenas Alter haben, oder spanische Freunde, die ebenfalls Kinder haben. Stanley schläft mittags immer noch. Deshalb planen wir unseren Tag am Wochenende in zwei Hälften.

DER KINDERGARTEN

In Spanien gehen viele Kinder bereits mit drei Jahren in eine Art Vorschule, die eigentliche Schulpflicht beginnt aber wie bei uns erst mit sechs Jahren. Wer seine Kinder nicht in die Vorschule schicken will, kann sie alternativ in privaten Kindergärten unterbringen. Weil Lena zwischendurch zwei Jahre in Berlin gelebt hat und deshalb kein Spanisch sprach, als wir vergangenen Sommer nach Madrid zurückgekehrt sind, wollten wir sie nicht in die Vorschule geben. Dort werden 28 Kinder von einem Lehrer betreut. Sie geht also wieder in die Kita, in die sie gegangen ist, ehe wir für zwei Jahre zurück nach Berlin gezogen sind. Stanley geht in dieselbe Einrichtung. Die Kita ist bilingual. Die Erzieher sprechen Spanisch und Englisch mit den Kindern.

Zweimal in der Woche werden die Kinder außerdem für 20 Minuten in Chinesisch unterrichtet. Was ein wenig übertrieben ist für eine Kita, in der ohnehin bereits zwei Sprachen gesprochen werden, wie ich finde. Zumal ich mich mit Lena und Stanley als Belgierin auf Flämisch unterhalte und ihr Vater, der aus den USA stammt, zuhause auf Englisch.

Gwen II

Die Kinder in der Kita sind nach ihrem Alter in Gruppen eingeteilt, deshalb sehen sich Stanley und Lena tagsüber kaum. Ich glaube, der größte Unterschied zu deutschen Kitas ist, dass es dort keinen Raum für “Freies Spiel” gibt; Die Kinder sich nicht aussuchen können, womit und wie sie spielen. Stattdessen stehen Aktivitäten an – nicht so strikt wie in den Kindergärten der USA – aber die Kinder müssen sich an einen Tisch setzen und dann Aufgaben erfüllen: wie zum Beispiel, ein Bild zu malen. Lernen ist in den spanischen Themen ein großes Thema, aber es ist immer ins Spielen eingebunden. Lena lernt zum Beispiel jede Woche einen neuen Buchstaben und eine neue Zahl.

Die Gruppen in der Kita umfassen jeweils 14 Kinder und werden hauptsächlich von einer Person betreut, die von Erziehern unterstützt wird, die zwischen den Gruppen hin und her wechseln.

Ein großer Unterschied zu Berlin ist außerdem, dass die Kinder nie das Gelände der Einrichtung verlassen. Es gibt einen Außenbereich, wo sie spielen können, aber kaum etwas, mit dem sie dort spielen können. In Berlin sind Lena und Stanley mit ihrer Kita jeden Tag zumindest einmal nach draußen gegangen – auf den Spielplatz und manchmal auch auf Exkursionen. In Spanien verlassen die Kinder ihre Einrichtungen hingegen nur für Schwimmkurse.

Lena II

Was ich richtig gut finde, ist dass alle Erzieher über alle Kinder total gut informiert sind. Selbst wenn die Kinder nicht in ihrer eigenen Gruppe sind. So weiß Lenas Erzieherin zum Beispiel auch, wer Stanleys bester Freund ist und womit die beiden sich so den Tag über beschäftigen.

WIE DIE MADRILEÑOS KINDERN BEGEGNEN

Babys werden hier sehr gerne gesehen und Kleinkindern werden oft Süßigkeiten angeboten – ohne natürlich, dass die Eltern vorab gefragt werden. Es ist total normal, seine Kinder mit in ein Restaurant zu nehmen. Was ich immer noch ein bisschen verrückt finde, weil die Menschen hier oft erst nach 21 Uhr essen gehen. Es ist also nichts außergewöhnliches, wenn die Kinder um Mitternacht noch auf den Straßen spielen – vor allem im Sommer ist das so.

Spanische Kinder dürfen zudem sehr laut sein. Erwachsene nehmen davon eigentlich keine Notiz. Als ich einmal im Zug ein Kind ansprach, ob es vielleicht sein Videospiel leiser stellen würde, antwortete seine Großmutter, ich möge mir Kopfhörer aufsetzen, wenn mich die Geräusche stören würden. Und sie ergänzte: Kindern sei es gestattet, alles zu tun.

Stan

DER ANSCHLUSS ZU DEN EINHEIMISCHEN

Was ich in Madrid vermisse ist, wie einfach es in Berlin war, Playdates mit anderen Kindern zu arrangieren. Die Menschen hier scheinen untereinander bereits in sehr engen Zirkeln unterwegs zu sein, sind hier vor allem familiär sehr eingebunden. Es ist deshalb selten, dass wir irgendwohin eingeladen werden – bis auf die Freunde, die wir schon hatten, ehe wir nach Spanien gezogen sind und die nun auch in Madrid leben. In Berlin hatten wir nahezu jeden Nachmittag Besuch von Kindern, die wir eingeladen haben oder Lena war in einer Familie zu Gast. Ich glaube, sie vermisst, wie gesellig diese Zeit in Berlin war. Eine Ausnahme bilden in Madrid eigentlich nur Kindergeburtstage, zu denen häufig die gesamte Kita eingeladen wird – also 28 (!) Kinder auf einen Schlag. Aber die Playdates gibt es eben kaum oder nur unter Expats und das finde ich wirklich schade.

Gwen III

DAS GESUNDHEITSSYSTEM

Die Spanier sind wie die Deutschen versicherungspflichtig. Die ambulante Krankenversorgung wird über Gesundheitszentren, Facharztzentren und Polikliniken abgedeckt. Wer krank ist, muss sich zunächst bei einem Hausarzt vorstellen, der keine eigene Praxis, sein Sprechzimmer stattdessen in einem der Gesundheitszentren hat. Man kann also nicht wie in Deutschland unmittelbar einen Facharzt aufsuchen. Der Hausarzt muss einen zum Spezialisten schicken. Über den Termin wird man wiederum nicht vor Ort informiert, man erfährt ihn in einem Brief oder über einen Anruf. Das Gute ist, zum Hausarzt kann man auch ohne Termin, wenn es dringend ist. Dann muss man gegebenenfalls lange warten, aber man kommt dran. Das Problem allerdings ist, dass die Vermittlung an den Facharzt dauern kann.

Lena hatte zwischendurch Probleme mit ihren Ohren und in Deutschland hatten uns die Ärzte empfohlen, ihr eine Drainage, ein sogenanntes Paukenröhrchen, legen zu lassen: operativ. In Madrid haben wir wiederum einige Male einen Facharzt aufgesucht, aber der verschrieb ihr immer wieder nur Tropfen für die Ohren. Beim Röntgen wurden sogar festgestellt, dass ihre Polypen vergrößert waren – aber trotzdem passierte nichts weiter. Letztendlich sind wir dann mit ihr extra nach Berlin geflogen, um sie dort operieren zu lassen. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt bereits drei Monate gewartet und wollten es nicht weiter darauf ankommen lassen.

Man kann also sagen, dass das Gesundheitssystem funktioniert – aber wenn es um Spezialisten geht, bevorzuge ich definitiv Deutschland. Toll ist wiederum, dass wir in unserer Kita – allerdings ist das von Kita zu Kita abhängig – einen Kinderarzt haben, der einmal die Woche vorbeischaut und den man dann ansprechen kann.

Lena Strand

WAS MICH IN MADRID STÖRT

In Madrid gibt es deutlich weniger Spielplätze als in Berlin und meistens liegen sie weit voneinander entfernt. Deshalb ist es schwierig für uns, nach der Kita noch auf einen Spielplatz zu gehen. In Berlin gab es fünf Spielplätze in direkter Nähe der Kita und wir sind jeden Tag auf einen gegangen.

Ich bin nicht total gegen Zucker, aber in Spanien, meine ich, werden die Kinder mit Süßigkeiten überfrachtet. In Restaurants kann man zum Beispiel häufig nur Limonaden bestellen, die Kinder bekommen außerdem häufig Süßes angeboten, während wir warten oder auch, wenn wir in Läden etwas einkaufen. Eis kann man hier nicht in kleinen, kindgerechten Portionen kaufen. Die Portionen sind selbst für mich riesig.

Es ist außerdem so, dass die Stadt sehr vom Verkehr geprägt ist. Die Straßen sind voller Autos und bis zur Kita müssen wir etliche solcher Straßen passieren, an denen die Autofahrer nicht immer auf eine rote Ampel reagieren. Man muss also immer genau schauen, ob man tatsächlich über die Straße gehen kann. Weil es so laut ist, fallen Gespräche mit Lena und Stanley unterwegs eigentlich flach, weil ich sie im Straßenlärm nicht verstehen kann. Das finde ich insbesondere bedauerlich, weil die Zeit zur Kita und nachhause mir deshalb so verschwendet vorkommt.

Stand Strand

WAS MIR BESONDERS GUT GEFÄLLT

Ich mag das Wetter, den Frühling und den Herbst hier wirklich sehr gerne. Die Temperaturen sind bis Ende Oktober recht mild und der Winter dauert nicht so lange wie in Berlin. Zum Sommer wird es schnell sehr heiß und dauert dann vier Monate. Die Spielplätze nutzen wir dann erst ab 18 Uhr.

Was hier richtig toll ist, ist, dass es überall und für kleines Geld frischen Fisch und Meeresfrüchte gibt. Lena und Stanley lieben Fisch. In der Kita essen sie mittags warm und dann sehr typische spanische Gerichte wie “Croquettes” oder auch Kichererbsen und Linsen, aber auch zum Beispiel Fischsuppe.

Ich schätze ach, dass die Leute in den Geschäften sehr freundlich sind. In der direkten Nachbarschaft kennt man sich in den kleinen Läden und kommt dann schnell ins Gespräch.

Außerdem ist das Meer nicht weit entfernt: Madrid liegt zwar im inneren des Landes, aber mit dem Zug ist man binnen zwei Stunden schnell am Meer oder an anderen schönen Stellen des Landes.

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