Kampf und Kuchen: Warum wir ein bunteres Mutterbild auf Instagram brauchen

23. October 2019 | in Gesellschaft | Vereinbarkeit

Ich scrolle mich durch meinen Instagram-Feed. Jetzt im Herbst wird gebastelt, was das Zeug hält. Mamas fädeln Kastanienketten auf (#kastanienliebe) oder basteln Riech-Memorys (#playandlearn). Andere gestalten das Wohnzimmer um und zeigen in einem kleinen DIY, wie aus einem Metall-Bügel und Efeuranken eine schlichte Tür-Deko entsteht (#creative). Andere zeigen sich in liebevoller Umarmung mit ihren Kindern (#letthembelittle) oder streicheln sich über den Babybauch (#mommytobe). Ist ja alles schön und gut, aber was ist das eigentlich für ein Mutterbild, das da auf Instagram gezeichnet wird? Was steckt dahinter, dass sich Frauen so gerne in den eigenen vier Wänden inszenieren?

Deko, bedürfnisorientierte Erziehung, Basteln mit Kindern und ganz viel Mutterliebe strömt mir da entgegen, wenn ich mir die Bilder auf Instagram anschaue. Sicher liegt es auch daran, dass ich den Hashtag #Momlife abonniert habe, denn schließlich habe ich selbst Einfluss auf das, was mir gezeigt wird.
Nicht viel Einfluss habe ich darauf, was die Bilder in mir auslösen. Der Mythos Mama, das Bild einer sich immer kümmernden, endlos kreativen, und durchgängig liebevollen Frau, die die Bedürfnisse ihrer Kinder ständig im Blick hat und mit Stolz von sich sagen kann, dass sie für das Wohl der Familie über ihre eigenen Grenzen geht, prägt mich und macht, dass ich mich in meiner eigenen Mutterrolle ständig unzulänglich fühle. Das ist einerseits mein eigenes Problem, andererseits auch ein gesellschaftliches Phänomen. Denn dass Mütter heute so stark unter Druck stehen, liegt auch an den Bildern, die wir vom Muttersein haben.

“Die gute, deutsche Mutter”

Seitdem ich mich mit Feminismus, dem deutschen Mutterbild und den Auswirkungen von Mental Load auseinandersetze, fällt mir auf, welche Wirkung diese Bilder auf uns haben. Eigentlich brauchen wir aus gesellschaftspolitischer Sicht eher keine Kastanienketten, sondern Frauen, die auf die Straße gehen. Wir brauchen dringend die Fokussierung auf Gleichberechtigung, wir brauchen Frauen in Führungspositionen und Frauen, die sich gemeinsam gegen Altersarmut unter Müttern einsetzen. Gleichzeitig sind unsere Social Media-Kanäle voll von Mamas, die ihren sauber geführten Haushalt oder DIY-Projekte zeigen und auch ich empfinden, wenn ich ehrlich bin, eine heimliche Faszination für diese strahlende Insta-Welt.

Ich bin auch der Meinung, dass wir mit Kritik an den Bildern nicht weiterkommen. Das Problem sind nämlich nicht in erster Linie diese Bilder oder gar die Frauen dahinter, sondern die Gesellschaft und ihr Frauenbild. Hinter jeder abschätzigen Bemerkung über sogenannte „Bastelmuttis“ steckt doch eigentlich das miese Gefühl, selbst nicht kreativ und geduldig genug zu sein, um mit den Kindern Filzkugel-Mobiles zu basteln. Feminismus bedeutet Gleichberechtigung und es bedeutet auch die Wahl, sein Leben nach eigener Auffassung gestalten zu können. Was ist also zu sagen gegen eine Frau, die sich mit Inbrunst ihren kreativen Projekten widmet, schöne Bilder davon postet und vielleicht sogar mit einem gut besuchten Blog und Instagram-Kanal ein eigenes Unternehmen auf die Beine stellt? Und ist es nicht viel eher mein eigenes Problem, wenn Bilderbuchmütter in mir ein schlechtes Gefühl auslösen?

Für mich liegt die Wurzel allen Übels an diesem mythischen Mutterbild, das seit Jahrhunderten geformt wird und nicht aus unseren Köpfen will. Dieses Bild bricht sich auf Instagram seine Bahn, denn hier geht es in erster Linie um Optik und um Inszenierung. Mit Efeu-DIY an der Wand und einem gelockten Kind an der Brust gibt es massenweise Likes, denn insgeheim sehen wir hier das, für was Frauen lange Zeit ausschließlich auserkoren schienen: die Gestaltung des Heims, die Betreuung der Kinder und der selbstlose Einsatz für das Wohl ihrer Lieben.

Der Rückzug ins Private…

Leider steht uns dieses Mutterbild aber ziemlich im Weg, denn es postuliert einen Rückzug ins Heim und ins Private. Weil Frauen die fehlende Gleichberechtigung spüren, ziehen sie sich zurück. Es ist leichter, sich für die Hausarbeit zu entscheiden, als sich unter schwierigen Umständen einen Job zu suchen („und wer passt auf die Kinder auf?“ “Lohnt sich das überhaupt?”). Es ist angenehmer, die Kinder zu umsorgen und sich ihnen zu widmen, als sich in den Medien für den Teilzeitjob abkanzeln zu lassen. Es ist weniger belastend, mit den Kindern Kastanienketten zu knüpfen, als nach einem Achtstunden-Tag noch den Haushalt zu schmeißen und die Hausaufgaben kontrollieren zu müssen, weil die mentale Last immer noch oft an den Frauen hängen bleibt. Und ja, Kinderbetreuung und Haushalt, das ist viel Arbeit – wer das ganz alleine stemmen muss, der ist damit auch komplett ausgefüllt.

Das Problem ist: Während wir Frauen uns auf den Social Media-Kanälen für Kastanienketten und Mutterliebe abfeiern, verhandeln die Männer da draußen die Voraussetzungen für den Chefposten und stellen weiterhin ihresgleichen ein. Da wird viel zu wenig an alleinerziehende Frauen gedacht, da werden weiterhin Mütter aus den Bewerbungsunterlagen aussortiert, da fehlen Mütter im Gemeinde- und Betriebsrat, die sich endlich für die Bedürfnisse von Frauen mit Kindern einsetzen. Und da stimmen sehr viele Männer darüber ab, wie es mit dem Abtreibungsparagrafen und mit unserer körperlichen Selbstbestimmung weitergeht.

Wie kommen wir da raus und was hat das noch mal alles mit Instagram zu tun? Vielleicht braucht es  mehr Aufklärung über diesen Kanal – und über das Mutterbild, das dort vorherrscht. Zum Beispiel müssen wir wissen, dass mormonische Frauen vor einigen Jahren in Amerika den Hype um die „Insta-Moms“ ausgelöst haben. Sie leben aus religiösen Gründen sehr konservativ, bekommen oft viele Kinder, sind nicht berufstätig und kümmern sich um den Haushalt. Sie „lieben ihre Familien, sind äußerst talentiert und haben eine hohe Arbeitsmoral“ beschreibt ein Text die mormonischen Insta-Moms.

Erschufen diese Insta-Moms eine falsche Realität? Damit beschäftigt sich ein anderer Text, der aufklärt über das professionalisierte Posten des Familienalltags. Der Einfluss der amerikanischen Bloggerszene ist auch hier zu spüren. Mamablogs, die sich mit DIY beschäftigen und romantische Bilder von Müttern mit Kindern im Arm zeigen, gibt es mittlerweile zuhauf.

Die eierlegende Wollmilchsau

Die Journalistin Sabine Rennefanz macht ganz ähnliche Beobachtungen, wenn sie durch ihren Instagram-Feed scrollt und dabei die eierlegende Wollmilchsau entdeckt:
„Die ideale Mutter stillt, denn #Stillenistliebe. Sie hat ihr Kind so oft wie möglich am Körper, praktiziert Einschlafbegleitung. Sie zeigt sich in Kleidern und zwischen Designermöbeln. Manchmal liegt auf dem Holzboden ein Legobaustein, #fuermehrrealitaetaufinstagram. Sie wägt ihre eigenen Bedürfnisse stets gegen die Bedürfnisse des Kindes ab, und steckt zurück, und zwar mit Begeisterung und aus freiem Willen. Sie ist für ihre Kinder da, verdient aber trotzdem ihr eigenes Geld. Die ideale Mutter ist erstaunlich oft blond und langhaarig.“

Dass sich Frauen gegenseitig für die häusliche Kinderbetreuung oder sogar für den kompletten Verzicht auf den Kindergarten beglückwünschen, liegt übrigens auch daran, dass  in West-Deutschland Kinderbetreuung außerhalb der Familie kritischer gesehen wird als in anderen europäischen Ländern oder im Osten Deutschlands. Das hat historische Gründe und ist darauf zurückzuführen, dass Politiker der BRD nach dem Zweiten Weltkrieg die Einverdiener-Ehe förderten und „Fremdbetreuung“ in Abgrenzung zur damaligen DDR sogar schlecht redeten.

In den letzten Jahren hat sich hier in Deutschland der Erziehungstrend Attachment Parenting verbreitet. Bedürfnisorientierte Erziehung ist einerseits ein großer Fortschritt, was den Umgang mit Kindern angeht. Ihren Bedürfnissen wird Beachtung geschenkt und man distanziert sich ganz klar von körperlicher und mentaler Gewalt in der Erziehung. Andererseits interpretieren viele Eltern AP als extrem mutterbezogen – und das kommt nicht von ungefähr. Laut AP-Begründer William Sears sollten Frauen zu ihren „wahren “ Aufgaben zurückgeführt werden, wie Susanne Mierau in ihrem Buch „Mutter.Sein“ beschreibt. „Ihm folgt seit einigen Jahren der sich auch hierzulande ausbreitende Ansatz Gordon Neufelds um dessen Theorie sich laut Analyse der Heinrich-Böll-Stiftung ein Denken etabliert, „welches Kinderkrippen ebenso verteufelt wie staatliche Schulerziehung, Gender Mainstreaming oder Homosexualität“.

Das Mutterbild auf Instagram wird unter anderem also von folgenden Faktoren beeinflusst: streng gläubige, konservative Mormoninnen, die ihr Hausfrauen-Dasein und ihren Kinderreichtum in Szene setzen, eine modernen Bindungstheorie, die die Mutter-Kind-Beziehung in den Fokus setzt und ein westdeutsches Mutterbild, das die Frau gerne im privaten Rückzug sieht. Ach ja, und dann haben wir ja auch noch eine rechte Partei im Aufwind, die dieses Mutterbild gerne kapert, um ihre Forderungen nach einem konservativen Familienmodell durchzusetzen. Das alles macht #Mamasein auf Instagram dann eben doch politisch, vor allem weil es auch junge Menschen und damit die nächste Eltern-Generation prägt.

Was wir sehen, prägt uns

„Soziale Media sind längst Teil ihres Alltags. Wenn Gleichberechtigung dort kaum eine Rolle spielt, tut sie das auch nicht in der analogen Welt. Denn Bilder haben Macht: Etwa die Hälfte der befragten jungen Frauen und Männer haben angegeben, dass die Personen, denen sie online folgen, eine Vorbildfunktion für sie darstellen“, schreibt Wiebke Bolle auf Edition F. Als Reaktion auf eine Studie über Soziale Medien und ihre Auswirkungen auf die Gleichberechtigung, die zeigt, dass auf Instagram vor allem veraltete Rollenbilder verbreitet werden. „Über die Hälfte der jungen Männer (57 Prozent) und etwa ein Drittel der Frauen (35 Prozent), die Social Media täglich nutzen, finden, dass Frauen auch heute noch für die häuslichen Aufgaben und Kinderbetreuung verantwortlich seien“, heißt es auf Edition F.

Was können wir also tun, um ein bunteres Bild von Mutterschaft zu malen? Zunächst einmal können wir selbst unseren Feed gestalten, denn es gibt viele Kanäle, die sich mit Gleichberechtigung und Mutterschaft auseinander setzen. Wir alle tragen Verantwortung für das, was wir zeigen und auch für das, was wir liken.
Wer gerne bastelt und sich kreativ betätigt, wer zuhause bei den Kindern bleibt, soll das auch weiter zeigen dürfen. Es ist Teil des Elternseins und gehört zum Leben mit Kindern dazu. Aber auch eine Bastelbloggerin kann sich mit Gleichberechtigungsthemen auseinandersetzen und auf Missstände aufmerksam machen. Auch eine Mutter, die zuhause bei den Kindern bleibt, kann sich engagieren und sich dafür einsetzen, dass die Carearbeit stärker gewürdigt wird und Menschen, die sich um Angehörige kümmern, finanziell besser abgesichert sind.

Außerdem brauchen wir mehr Mütter die sichtbar machen, wie individuell Mutterschaft ist. Wir brauchen Bilder von berufstätigen Müttern, von Müttern auf Chefposten, von Müttern, die sich auch außerhalb der Familie engagieren und sich für die Gesellschaft einsetzen. Schwangere Frauen auf dem Business-Magazin-Cover, Mütter mit Chefposten und als Parteivorsitzende und Mütter, die sich für Feminismus einsetzen. Wenn Frauen mehr Macht haben, sind sie wiederum in der Lage, bessere Bedingungen für alle zu schaffen und sich für Mütter in prekären Situationen einzusetzen.
Das Allerwichtigste aber ist, dass wir Grundlagen schaffen für Gleichberechtigung. Dass wir uns wehren gegen stereotype Rollenbilder, die uns aufgedrängt werden. Dass wir lieber zusammenhalten und uns nicht gegenseitig als „Bastelmutti“ oder „Karrierefrau“ beschimpfen.

Das Mutterbild, das wir in unserem Instagram-Feed sehen, ist nur eine Reaktion auf das, was die Gesellschaft sehen möchte.

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