Gleichberechtigung zahlt sich genau jetzt aus

19. March 2020 | in Alltag | Vereinbarkeit

Ich liege seit einer Woche mit einer Grippe im Bett. So richtig flach. Wirklich so krank, dass man gar nichts machen kann. Und ich dachte in dieser letzten Woche so oft: GOTT SEI DANK kann mein Partner einfach nahtlos alles übernehmen.

Ich sage das auch immer zu meinen Bekannten und Freund*innen: Wenn man krank ist, merkt man erst, wie sinnvoll Gleichberechtigung ist. Weil man nämlich krank sein kann.

Der Mann, er hat hier alles alleine geschmissen. Morgens zwei borstige Kinder fertig gemacht, ihnen Frühstück gekocht (alle Kämpfe ausgetragen: welcher Brotbelag, welche Tasse, geschnitten oder nicht), ihre Brotboxen befüllt. Die Wäsche gewaschen, aufgehängt und gefaltet, aufgeräumt, gekocht, die Spülmaschine gefüllt und wieder ausgeräumt. Kinder gebadet, ihnen die Nägel geschnitten, ihre Termine hin- und hergeschoben. Sie bespaßt und zurechtgewiesen, ihre Hausaufgaben und ihre Wehwehchen betreut. Während ich im Bett lag.

Bestimmt können das alle Männer. Aber auch alle Frauen?

Ich glaube natürlich, dass alle Männer das können und dass man auch nicht 50-50 leben muss, damit der Mann das so gut kann. Jeder Mensch checkt eigentlich nach kurzer Zeit, wie der Hase läuft, alleine mit Kind(ern). Klar, manche verlieren schneller die Nerven, manche stellen sich geschickt an, andere naja. Aber der Vater kann das alles auch. Gut, wenn er schon immer involviert war, aber selbst wenn nicht: die bekommen das hin. Ich weiß aber auch, dass viele meiner Freundinnen niemals “so richtig krank” sein können. Und zwar auch, weil sie denken, sie können das nicht – da liegt doch der Hund begraben.

Das Schöne ist ja jetzt nicht nur, dass mein Mann übernehmen kann, ohne dass ich ihm irgendwas erklären muss. Wie gesagt: es ist ja alles kein Hexenwerk. Das Schöne ist auch: ich habe mich noch nie alleine verantwortlich gefühlt. Deshalb kann ich jetzt auch gut loslassen und darauf vertrauen, dass es ohne mich geht. Und mich auskurieren. Die meisten Mütter fühlen sich aber immer verantwortlich. Sie rufen aus dem Krankenbett: Hast du die Ballettsachen? Und: Die Kinder sind zu kalt angezogen!

Nicht zu meckern – muss man üben. Ich übe seit Jahren.

So etwas sage ich so gut wie nie. Ich bin nicht frei von Maternal Gatekeeping, auch ich beobachte vom Krankenbett aus den Mann noch manchmal und denke: Die Wäsche hat doch schon vor einer Stunde gepiepst, hoffentlich vergisst er sie nicht. Oder: jetzt ist es aber schon spät. Wann bringt er die Kinder denn ins Bett? Oder: Quinn hat Nester in den Haaren. Hoffentlich kämmt er sie nochmal, wieso sieht er das denn nicht? Ich denke sowas! Aber ich habe jahrelange Übung darin, es eben NICHT zu sagen. Oder nur, wenn ich es wirklich nicht aushalte und dann ganz ganz freundlich. Denn mein Mann hasst es, wenn ich wegen Nichtigkeiten Kritik übe. Und das sind ja auch alles Nichtigkeiten: er hat die Wäsche am Ende nicht vergessen, die Kinder waren dann doch noch recht zeitig im Bett, die Nester sind jetzt auch kein Weltuntergang, er hat sie am nächsten Morgen fluchend ausgekämmt. Auch ein ziemlich durchgewürfeltes Outfit meiner Tochter ist kein großes Problem. Wegen sowas fange ich keinen Streit an. Ich weiß, dass er Dinge anders macht, und das ist okay. Er macht sie – das ist das Wichtigste. Und gerade jetzt, wo wir 5 Wochen aufeinander hocken werden, möchte ich wirklich keinen Streit wegen Nichtigkeiten. Und ich glaube, dass ich so ruhig sein kann klappt, weil ich das “Lass ihn machen” schon so lange übe!

Wer übernimmt die Betreuung in Corona-Zeiten?

Jetzt sind die Schulen und Kitas zu und drei Mal dürft ihr raten, wer sich verantwortlich für die Kinderbetreuung fühlt. Genau. Die Mütter. Wir haben so viele Nachrichten bekommen: Wie soll ich zwei Kinder alleine bespaßen? Ich werde mich mit anderen Müttern zusammentun müssen (das soll man übrigens ausdrücklich nicht machen, ist ja logisch. So entstehen neue Herde!). Unsere Rückfrage ist immer: WO SIND DIE VÄTER? Auf Instagram haben vorgestern 82% angegeben, dass eher die Mutter zuhause ist. Oft hat das logische Gründe: sie ist in Elternzeit, oder ihr sind alle Aufträge weggebrochen. Aber: gerade jetzt, in so einer Ausnahmesituation, ist es doch ganz klar, dass alle zusammenhalten müssen. Auch die Eltern. Ich finde es dann eigentlich nicht okay, wenn Papa wie gewohnt weiter arbeiten geht und Mama zuhause im Home Office die komplette Kinderbetreuung, den Haushalt plus Home Schooling übernehmen muss. Mir ist klar, dass nicht alle Berufstätigen ins Home Office können, aber mein Gefühl ist auch, dass es eher die Frauen sind, die fragen. Und DAS verstehe ich wirklich nicht. Oder: beide sind im Home Office und sie macht aber trotzdem alles, was die Kinder und den Haushalt betrifft. Eigentlich nicht okay. Jetzt mehr denn je. Sich abwechseln, das wäre gut. Oder irgendwie anders. Hauptsache es ist gerecht und es fühlen sich nicht wieder nur die Mütter verantwortlich. Und es sind vor allem nicht nur die Mütter, die nach dieser Ausnahmesituation erst Mal auf Kur müssen.

Versucht, gerecht zu sein. Zu euch.

Es wird in den nächsten Wochen auch viele andere Fälle geben: wo er ins Home Office kann und sie nicht. Zum Beispiel weil sie als Ärztin oder Pflegerin arbeitet. Oder als Kindergärtnerin. Eben “systemrelevant”. Da werden dann die Väter den Laden schmeißen und ich denke, die allermeisten bekommen das gut hin und lassen ihren Frauen keine Chaos-Bude abends übrig. Und ich hoffe auch, dass die Frauen das “Lass ihn machen” hinbekommen, und sich nicht trotzdem verantwortlich zu fühlen. Viele Kinder werden vielleicht Nester in den Haaren haben in den nächsten Wochen (oh je, Klischee, Müttern passiert das auch!). Aber wenn das unser größtes Problem ist – dann geht es uns sowas von gut!

Ich will niemandem vorschreiben, wie er zu leben hat und niemand muss alles hälftig aufteilen. Auch weiß ich, dass das gar nicht immer geht. Aber eine gesunde Portion Gleichberechtigung und wenn das nur heißt, dass Papa genau weiß, was den ganzen Tag so anfällt im Haus, und in der Theorie übernehmen könnte. Die zahlt sich genau jetzt aus. Weil er das dann macht. Und weil sie das weiß – und abgeben kann.

Jetzt zahlt es sich aus.

Meine gleichberechtigt lebenden Freund*innen haben entsprechend auch keine riesengroße Sorge, wenn sie an die nächsten Wochen denken. Außer dass das natürlich für alle Beziehungen eine Herausforderung wird. OH, JA! Aber viele in klassischen Versorgerehen haben wirklich Männer, die es gar nicht als ihre Aufgabe ansehen, sich zuhause zu kümmern. Auch jetzt nicht. Diese Frauen haben meistens noch zusätzlich einen Teilzeit-Job und sind entsprechend leicht panisch. Weil noch mehr an ihnen hängen bleibt. Und das ist nicht fair.

Ich weiß nicht, ob jetzt der richtige Zeitpunkt ist, das anzusprechen. In China sind die Scheidungsraten wohl nach oben geschellt nach dem Lockdown, wir werden uns alle schlecht aus dem Weg gehen können die nächsten Wochen. Aber vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt, sich darüber im Klaren zu werden, dass man sich als Frau nicht immer alleine verantwortlich fühlen muss. Und dafür, das “Lass ihn machen” zu üben 🙂

Wir schaffen das. Alle. irgendwie!

Kommentare