“Es ist ein Privileg, viel Zeit mit seinen Kindern verbringen zu können!”

16. February 2021 | in Alltag | Gesellschaft | Vereinbarkeit

Wenn wir über Gleichberechtigung sprechen, über Vereinbarkeit von Beruf und Familie, über Gerechtigkeit in Sachen Familienarbeit… dann sind die Frauen meist d’accord. Nicht alle, aber immer mehr. Sie wünschen sich eine fairere Aufteilung, sie wollen nicht alles, was mit Kindern und Haushalt zu tun hat, alleine stemmen.

Ganz oft sind es die Väter, die sich quer stellen. Die noch Zeit brauchen, modernere Konzepte zuhause zuzulassen. Die über ihren Schatten springen müssen, weil sie mit der Prägung groß geworden sind, dass Hausarbeit und Kinderbetreuung unmännlich sind. Die sich scheuen, das Gespräch beim Arbeitgeber zu suchen, oft auch, weil das noch kein Mann vor ihnen gewagt hat. Deshalb lassen wir nun mal einen Papa zu Wort kommen, der sich das alles anders handhabt – und für den das auch alternativlos ist! Falk Becker schreibt den Blog Papa macht Sachen und er ist eine der wirklich lauten, aktiven Vaterstimmen da draußen. Heute haben wir Falk mal ein paar Fragen gestellt!

Lieber Falk! Du bist ja einer der wenigen Papas, die auf Insta für aktive Vaterschaft trommeln. Wie lief das denn bei dir, warst du von Anfang an so am Start?

Ja. Wir haben uns als Paar vor der ersten Schwangerschaft lange und intensiv darüber verständigt, wie wir Elternschaft leben und angehen wollen. Für meine Frau war immer klar, dass es nur gemeinsam geht. Für mich auch, ich wollte mich aktiv und so viel wie möglich einbringen – auch weil ich es von zuhause so kannte.

Das spielt ja oft eine große Rolle – wie bist du denn selbst aufgewachsen? Vor allem: mit was für einem Papa?

Ich bin in Ostdeutschland sozialisiert, zur Wende war ich zehn Jahre alt. Es war normal, dass beide Eltern arbeiten und dass Kinder früh in Kinderkrippe und Kindergarten gehen. Meine Eltern haben sich zuhause alles geteilt, mein Vater hat gekocht, geputzt, mit uns gespielt – genau wie meine Mutter.
Später haben beide neue Berufe lernen müssen, meine Mutter als Versicherungskauffrau hat dann oft abends arbeiten müssen – und mein Vater war zu der Zeit zuhause mit meiner Schwester und mir.

Erzähl uns doch mal ein bisschen was aus deinem Alltag: Wie habt ihr euch aufgeteilt, wie läuft ein ganz normaler Tag ab?

Jetzt gerade ist natürlich alles anders. Aber auch im “normalen Alltag” sind bei uns nicht alle Tage gleich, wir haben beide Jobs, in denen einer von uns immer wieder mal reisen muss. Wenn wir beide da sind, teilen wir uns viele Dinge auf.
Unser Jüngster schläft noch nicht durch, ich kümmere mich aktuell in den Nächten um ihn, weil meine Frau beruflich gerade stärker gefordert ist als ich – und den Schlaf nötiger hat. Meine Frau steht dann morgens zuerst mit ihm auf. Ich bringe die Kinder in die Kita und hole sie nachmittags meistens ab. Zweimal pro Woche unterstützt uns hier eine Babysitterin.
Zum Abendessen stößt meine Frau dann wieder zu uns. Wir teilen uns dann die Bade- und Einschlafzeit auf, der Große bekommt noch etwas Exklusiv-Zeit mit einem von uns.

Du sagst immer wieder, wie wichtig es für Väter ist, eine lange Elternzeit zu nehmen. Wie waren da deine eigenen Erfahrungen?

Ich finde es vor allem wichtig, als Vater ALLEINE Elternzeit zu machen – also sich mal ein paar Wochen oder gar Monate um alles zu kümmern. Das geht besser, wenn man nicht nur zwei Monate Elternzeit macht und in der Zeit in den Urlaub fährt. Was man in dieser Zeit lernt, zahlt sich danach für lange Zeit aus. Es sensibilisiert Väter für Care-Arbeit, macht klar was Mental Load bedeutet und führt dazu, dass man direkte Verantwortung spürt und übernimmt. Und natürlich selbstbewusster und sicherer im Alltag mit seinen Kindern ist.
Lange Elternzeiten für Väter haben aus meiner Sicht noch weitere positive Effekte. Je länger Männer Elternzeit nehmen, desto eher können Frauen wieder in ihre Berufe einsteigen und die Gender-Pay-Gap innerhalb der Familie schließen – sofern man das möchte.

Stichwort: Patriarchat.  Man hat ja schon das Gefühl, dass viele Männer davor zurückscheuen, die Baustellen anzusprechen, weil sie denken, sie müssten dann auf Privilegien verzichten, oder?

Es ist aus meiner Sicht eher ein Privileg, viel Zeit mit seinen Kindern verbringen zu können. Klar gibt es oft nervige Momente, aber man kann so schnell so viel verpassen, was zum ersten Mal passiert.
Viele Männer (und Frauen) haben ihre Rolle so lange vorgelebt bekommen, dass sie sich gar nichts anderes vorstellen können als ihr aktuelles Familienbild. Deswegen ist es wichtig, dass wir immer wieder drüber sprechen und zeigen, wie es auch sein kann.

Wie ist das denn bei dir im Freundeskreis, eckst du da oft an mit deinen Meinungen?

Nein, eigentlich nicht. Viele Väter, die ich kenne, versuchen, ein gleichberechtigtes Modell zu leben. Wenn nicht, ist das oft den Strukturen geschuldet, die Mütter benachteiligen, nicht dem fehlenden Willen der Väter. Aber das ist ein Henne-Ei-Problem. Die Strukturen bleiben so, wenn man nicht versucht, etwas daran zu ändern. Hier haben Väter einen größeren Einfluss, als sie glauben.

Dein Tipp an alle werdenden Väter?

Nimm Elternzeit – und egal wie lang deine Elternzeit ist, verbring unbedingt ein paar Wochen allein mit deinem Kind. Und klärt so früh wie möglich in einer Beziehung, wie ihr euch das Thema Care-Arbeit nach der Geburt eurer Kinder vorstellt.

Danke, Falk!

Foto: Sylvie Gagelmann

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