Ein Kind ist kein Kind?

29. October 2019 | in Familie

Uuuund? Wollt ihr noch ein zweites Kind? „NEIN“ prescht es aus mir heraus, noch bevor die Frage überhaupt zu Ende gestellt ist. Meist blicke ich darauf in fragende und leicht schockierte Gesichter. So als wäre es per Gesetzt vorgeschrieben, dass man in jedem Fall mindestens zwei Kinder in die Welt setzen muss, wenn man alles richtig machen möchte. Ich merke dann schnell, mein „NEIN“ reicht nicht als Antwort, ich bin meinem Gegenüber noch eine Erklärung schuldig. Aber bin ich das wirklich?

Ich bin mir ziemlich sicher dass ich das nicht bin, aber leider neige ich dazu, mich zu rechtfertigen, da ich ungerne anderen ein schlechtes Gefühl gebe. Manchmal sogar lieber auf Kosten meiner eigenen Gefühle, aber das ist wieder ein anderes Thema, eins das ich noch lernen muss. Während ich also immer noch fragend angeguckt werde, „entschuldige“ ich mich dafür, mich nicht weiter fortpflanzen zu wollen, mit Sätzen wie „zu kleine Wohnung und in Berlin findet man ja eh nichts Größeres, Nils (mein Freund) ist ja auch nicht mehr der Jüngste…höhöhö… oder einem ähnlich blöden Spruch. Dabei liegen für uns als Familie und Paar die Fakten ganz klar auf der Hand: Wir wollen nur ein Kind. Das wussten wir auch schon vor unserem Sohn und das hat sich in den letzten 12 Monaten noch mal mehr bestätigt.

Hier ist meine ehrliche Top 5, warum wir happy sind mit einem Kind – und warum ich finde, dass wir endlich aufhören sollten, uns dafür zu rechtfertigen. Denn mit Sicherheit sind unsere Sorgen und Bedenken keine Seltenheit und man sollte sich für seine Gefühle alles andere als schämen.

1. „Ein Kind ist kein Kind!“ Say whaaaat?

Ich finde ein Kind ganz schön viel. Ganz schön viel Verantwortung, ganz schön viel Chaos, ganz schön viel Aufmerksamkeit und manchmal eben auch ganz schön viel Arbeit. Kann sein, dass sich ein Zweites nahtlos einreiht und man mit vielen Dingen noch entspannter wird. Hört man ja schließlich immer wieder und ich bin immer noch schwer beeindruckt, wenn ich Mütter auf der Straße sehe, die zwei oder sogar drei Kleinkinder händeln und dabei völlig entspannt wirken. Und mit Sicherheit würde ich das ähnlich hinbekommen, schließlich wächst man als Eltern ja ständig über sich hinaus. Ich mag aber die entspannte Version von mir ganz gern und möchte das ungern aufs Spiel setzen um irgendwann festzustellen, dass ich meine Launen an Mann und Kind auslasse.

2. Bloß nicht noch mal von vorne anfangen

Einen Säugling wachsen und gedeihen zu sehen, war super. Aber schon damals wusste ich, dass ich keine Vollblut-Babymama sein werde. Ich finde die Zeit jetzt, ein Jahr später, viel spannender und aufregender. Die Vorstellung, noch mal von vorne beginnen zu müssen, lässt mich schon während des Schreibens unruhig auf dem Stuhl hin und her rutschen. Noch mal Schwanger sein…nöööö, noch mal eine Geburt erleben… bitte nicht!, noch mal einen Milcheinschuss, Milchstau und überhaupt den Ganzen Heckmeck vom Anfang erleben… nein danke! Ich bin sehr dankbar, das ein Mal alles durchgespielt zu haben, aber auch happy, nun in Level 2 angekommen zu sein.

3. No money honey

Über Geld spricht man in Deutschland ja nicht besonders gerne, aber was soll ich groß um den heißen Brei reden: wir schwimmen nicht gerade darin. Uns geht’s gut und wichtiger als Geld ist uns Zeit zusammen und ein flexibler Alltag. Wir haben kein Auto, eine kleine Wohnung, haben nicht sonderlich viel Erspartes und sind auch weit davon entfernt, dass sich das jemals groß ändern wird. Keine Sorge, ich möchte hier keinen Aufruf für ein Spendenkonto machen, aber Fakt ist: ein weiteres Kind kostet auch weiteres Geld. Bzw. wir bräuchten dann dringend eine größere Wohnung und die wird uns kein Vermieter der Welt geben, wenn wir sie uns denn überhaupt leisten könnten. Wieso also sollten wir es uns schwerer als nötig machen?

4. Ich möchte mich beruflich weiter entwicklen und Zeit für mich haben

„Kann man doch auch mit zwei Kindern!“ – Ja na klar, bestimmt. Ganz bestimmt sogar. Aber ich komme so schon ziemlich oft an meine Grenzen. „Deadlines“ einzuhalten und gleichzeitig für mein Kind da zu sein, ist oft hart. Ich freue mich, dass wir gerade mit der Kita-Eingewöhnung anfangen und ich endlich nicht mehr nur zwischen Tür und Angel arbeiten muss, sondern bald einen mehr oder weniger geregelten Alltag habe. (Klopfe in diesem Moment drei mal auf Holz.) Außerdem brauche ich dringend wieder mehr Zeit für mich, für Sport, meine Freunde, für mal ein Buch lesen und und und. Ist das egoistisch? Wahrscheinlich. Aber was ist so verkehrt daran? Außerdem finde ich es total wichtig, dass wir Frauen finanziell unabhängig bleiben und meine Arbeit ist ein wichtiger Teil von mir. Natürlich nicht so wichtig wie die Familie, aber am Ende ist es eben doch eine Synergie aus all diesen Bereichen, die mich und somit auch meine Familie glücklich macht.

5. Dankbarkeit

Auch wenn’s jetzt kurz kitschig wird, aber wir sind wahnsinnig dankbar für unser Kind und wollen unser Glück nicht herausfordern. Hab ich doch früher immer sehr naiv gedacht, dass es völlig selbstverständlich ist, dass jeder ein gesundes Baby auf die Welt bringt, wurde ich in den letzten Monaten eines Besseren belehrt. Es kann jede Menge schief gehen und als Mutter lebt man ja eh mit neuen Ängsten, die einem früher fremd waren. Wir gehen lieber auf Nummer sicher und sind mit den kleinen Alltagssorgen mehr als versorgt.

6. Weil es sich genau richtig anfühlt…

Natürlich weiß ich um die Gründe für mehrere Kinder; Geschwister sind was so Tolles, die Kinder haben immer jemanden zu spielen, sie sind nicht alleine, wenn sie mal erwachsen und wir nicht mehr da sind. Doch genau so kenne ich auch andere Geschichten: von Geschwistern, die keinen Kontakt haben und getrennte Wege gegangen sind. Genauso wie ich ausschließlich Paradebeispiele an Einzelkindern im Freundeskreis habe, die die aufmerksamsten, emphatischen und vor allem großzügigsten Menschen sind, die ich kenne. Absolut keine Spur von all den Klischees, die man über Einzelkinder sagt. Und hoffentlich findet unser Sohn im Laufe seines Lebens genau so tolle Freunde, wie wir sie haben. Freunde, die zu Familie werden und sich dann und wann wie der Bruder oder die Schwester anfühlen, die man so gern gehabt hätte. Und für die Zukunft, wenn ich wieder mal gefragt werde, wann Kind Nummer 2 geplant ist, hab ich endlich eine neue ehrliche Antwort, die wahrscheinlich keine Fragen mehr offen lässt: „Gar nicht. Weil sich ein Kind für uns genau richtig anfühlt.“

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