Bedürfnis versus Rücksichtnahme

24. September 2019 | in Parenting

Vorletzte Woche habe ich einen Artikel hier gepostet, in dem es darum geht, Kinder weniger zu schimpfen. Auf Instagram kam das so mittel an, viele von euch sagten: also, ich schimpfe und das gehört ja wohl dazu! Ich verstehe das mehr als gut, erstens weil ich natürlich auch schimpfe und zweitens, weil ich das Gefühl kenne: immer auf Augenhöhe sein mit den Kindern, die Bedürfnisse respektieren, nicht ausrasten, nicht drohen, gewaltfreie Kommunikation, nicht strafen und jetzt also auch nicht mehr schimpfen: es klingt langsam ganz schön kompliziert, wie man so mit seinen Kindern umgehen soll.

Claudi von Wasfürmich antwortete dann auch gleich mit einem Blogpost, der den Titel trug: Vielleicht schimpfen wir doch alle mal? Sie erzählt darin von einer Grundschullehrerin-Kollegin, die von ziemlich unerzogenen Schülern berichtet, die sich nicht mal an die einfachsten Regeln halten wollen. Auch wenn Claudi sicher keine Werbung für das Schimpfen an sich machen wollte, sondern echte Missstände aufzeigen (sie ist selbst Grundschullehrerin), fand  ich es etwas aus dem Kontext gezogen, zumal die Bücher, die ich genannt habe, in eine ganz andere Richtung gehen – aber viele LeserInnen sahen das nicht so. Die meinten: Yes, mehr schimpfen, dann würden sich die Kinder endlich mal wieder benehmen.

Was ist überhaupt Schimpfen?

Vielleicht sollten wir erstmal definieren, was wir unter Schimpfen verstehen. Ich verstehe darunter, laut werden und etwas, was die Kinder machen, zu kritisieren. Gerne auch ein bisschen ausführlicher, häufig mit klarem Angriff: IMMER LIEGEN DEINE SOCKEN RUM! IST ES SO SCHWER, SIE IN DIE WÄSCHE ZU WERFEN? WARUM STREITEN WIR JEDEN MORGEN WEGEN DES HAAREKÄMMENS?? So, in dem Stil. Gerne ausführlicher, mit viel Gehacke. Oft führt auch eins zum anderen: Haare kämmen, Zähne putzen, mecker, mecker, mecker. Wenn ich meine Kritik relativ ruhig und respektvoll äußere, ohne direkten Angriff, eher so: “Hör mal zu, mich stört das, wenn die Socken rumliegen, bitte räum die in den Wäschekorb” – dann ist das kein Schimpfen für mich. Wenn ich genervt sage: Mir ist das zu laut hier, könnt ihr mal bitte einen Gang runterfahren? Dann ist das für mich auch kein Schimpfen. Schimpfen ist für mich: “DU hast etwas falsch gemacht” und das eben in einem lauten Ton, gerne auch ein bisschen aggressiv und angreifend.

Und ich merke eben, dass ich diesen Ton oft an den Tag lege, wenn ich gestresst bin. Wenn ich ungeduldig bin, vielleicht noch krank. Wenn ich dünnhäutig bin. Bei meinem Partner ist das auch so: wenn wir ausgeglichen sind, dann sind wir meist geduldig mit den Kindern. Wenn wir eh schon auf Anschlag funktionieren, werden wir schnell laut. Und wir schimpfen viel öfter in Situationen, in denen wir im entspannten Zustand kurz innehalten und denken würden: Na gut, SO schlimm ist das jetzt nicht, oder DAS hat das Kind ja wirklich nicht mit Absicht gemacht. Oder Warte mal, DA steckt doch jetzt vielleicht gerade was ganz anderes dahinter.

Ich glaube wirklich fest daran, dass Kinder NICHTS lernen, nicht sozialer werden, oder rücksichtsvoller, oder dass sie überhaupt irgendwas davon haben, wenn sie viel geschimpft werden. Zumindest nicht, wenn man von meiner Definition von Schimpfen ausgeht. Ich glaube jetzt auch nicht, dass es ihnen im gesunden Maß schadet, aber meine Kinder machen in solche Situationen meistens komplett “zu”, sie sehen eine wütende Mama und lassen mich gar nicht mehr an sich ran. Ja, ich glaube, sie hören mich kaum noch. Also ich bin mir eigentlich sicher, dass Kinder sich nicht besser benehmen, oder sich an Regeln oder Dinge erinnern, wenn sie diese schreiend vermittelt bekommen. Wenn ich dagegen kurz Zeit vergehen lasse, ihnen dann ruhig aber bestimmt erkläre, warum ihr Verhalten gerade richtig doof, oder sogar völlig unmöglich war, dann verstehen und verinnerlichen sie das viel besser, das ist zumindest mein Gefühl.

Ich glaube also, dass der Ansatz: Mit Schimpfen erzieht man gute Menschen, einfach nicht richtig ist.

Und dennoch weiß ich, warum viele Eltern bei der Geschichte der Grundschullehrerin zustimmend genickt haben. Der Tenor ist: Die Kinder lernen keine Grenzen mehr, die Eltern achten nur noch auf die kindlichen Bedürfnisse und erziehen sie zu Tyrannen. Auch das finde ich prinzipiell schwierig, denn “bedürfnisorientiert”: das heißt ja eigentlich, alle Bedürfnisse im Blick zu haben, also auch die der anderen Familienmitglieder, aber ich weiß dennoch genau, was sie meinen.

Das eigene Bedürfnis

Ich beobachte schon auch, dass manche Eltern in meinem weiteren Umfeld das mit der “bedürfnisorientierten” Erziehung so verstehen, dass immer die Bedürfnisse des Kindes im Vordergrund stehen. Und zwar nicht nur innerhalb der Familie (auch das finde ich echt schwierig), sondern auch im öffentlichen Raum. Also im Restaurant, auf dem Spielplatz, bei Freunden zuhause – und yep, auch ich sehe Kinder, die wirklich in der Schule oder im Kindergarten nicht einsehen, dass es Regeln gibt, an die man sich halten muss, dass es ein Gemeinwohl gibt, das wichtig ist. Das bringt viele Leute auf die Palme, und das verstehe ich. Mich nämlich auch. Ich weiß aber nicht, ob es an “bedürfnisorientiert” oder nicht liegt. Eigentlich ist meine Erfahrung eher, dass die Kinder, die respektvoll behandelt werden, das auch so nach außen tragen.

Ich weiß also nicht, ob immer die Eltern “schuld” sind, wenn Kinder sich so benehmen. Es gibt auch einfach Kids, die sind störrischer, frecher als andere, die sehen eher sich, als das Wohl aller. Generell ist mir eigentlich nur wichtig, dass Kinder IRGENDWANN mal lernen, welches Verhalten angebracht ist, manche vielleicht erst im Erwachsenenalter, vielleicht auch ganz unabhängig davon, wie streng oder nicht streng oder bedürfnisorientiert oder nicht ihre Eltern drauf sind. Aber klar, der Verdacht liegt nah. Dass der Trend zum bedürnfisorientierten Erziehen dazu führt, dass die Kinder weniger sozial sind.

Ich möchte aber nicht. Aha.

Klassische Situation auf dem Spielplatz in Berlin Kreuzberg oder Prenzlauer Berg: Mein Sohn stellt sich neben die besetze Schaukel und wartet offensichtlich, dass das Kind, das schaukelt, runtergeht. Das Kind macht keine Anstalten aufzuhören. Irgendwann, mein Sohn verzieht langsam das Gesicht und macht per Mimik deutlich, dass er jetzt wirklich mal dran sein möchte, gehe ich hin, obwohl ich mich sonst wirklich NIE einmische auf dem Spielplatz. “Machst du mal die Schaukel frei, bitte?” sage ich. Das Kind: “Ich möchte aber nicht!” Bitte, was? Ich erkläre dem Kind, dass es nur EINE Schaukel gibt und dass das eine feste Regel ist, dass man sich dann abwechselt, und nicht die ganze Zeit die Schaukel blockiert. Irgendwann gibt es nach. Motzig und beleidigt. Keine Ahnung, wo die Eltern waren. Vielleicht tue ich allen Unrecht. Vielleicht hatte das Kind einen blöden Tag und die Schaukel war der eine Ort, wo alles gut war. Aber klar, mein Schluss war: Das ist ein Kind, das nie zum Teilen aufgefordert wurde, das immer von den Eltern gefragt wird: “Ist das jetzt okay so für dich?” und das, wenn es sagt: “Nein, möchte ich nicht”, nie dennoch Dinge tun muss, weil sie eben getan werden müssen.

Eben diesen kleinen, feinen Unterschied, dass das eigene Bedürfnis nicht IMMER Vorrang hat. Das zu vermitteln, da bin ich mir nicht so sicher, ob das alle machen. Ich mache ihnen keinen Vorwurf, sie versuchen ja alles richtig zu machen. Versuchen, auf Augenhöhe zu kommunizieren und alle Regeln zu befolgen. Aber manchmal, so sehe ich das zumindest, steht eben Rücksicht auf andere vor dem eigenen Bedürfnis.

Zum Beispiel, wenn ein Kind im Restaurant brüllt und ich meine BRÜLLT. Wenn sich alle umdrehen, sich keiner mehr unterhalten kann. Und die Mutter flüstert mit Engelsstimme: “Ja, mein Schatz, ich weiß, jetzt bist du wütend. Ja, das ist wirklich blöd gelaufen.” Klar, sie macht ja alles richtig. Überall steht: Wutanfälle ruhig begleiten und nicht ablenken und bloß nichts zu essen anbieten oder so. Die Kinder sollen die Wut ja aushalten, selbst regulieren und am Ende verinnerlichen sie noch, dass man schlechte Gefühle mit Essen wegbekommt! Aber meiner Meinung nach ist der öffentliche Raum fast immer der falsche Ort, um das zu 100% umzusetzen. Ich würde dann gerne sagen: Tu irgendwas, damit dein Kind ruhig ist, oder geh mit ihm raus, ihr stört hier die Leute. Bedürfnisorientiert hin oder her! Hol von mir aus das Handy raus und das Kind wird schon keine Essstörung entwicklen, wenn es ab und zu mit einem Snack von seiner kindlichen Wut abgelenkt wurde. Ich sage das natürlich nicht, weil ich mich nicht in anderer Leute Erziehung einmische. Aber eigentlich ist das meine Meinung…

Mein Kind fordert das aber ein!

Oder im Zug. Auch schon so oft Eltern erlebt, die Kinder drehen frei, steigen auf die Polster, sind laut. Alle sind offensichtlich total genervt und die Eltern zucken mit den Schultern und sagen: naja, sind halt Kinder. Ich meine auch nicht, dass man sie anbinden soll. Aber zumindest mal sagen: “hey, hier sind andere Leute, bitte nehmt Rücksicht!” Ob sie das dann machen, oder nicht, sei dahingestellt. Aber dass man als Eltern zumindest vermittelt, dass man den Kindern weitergibt, wie das so läuft, wenn viele Menschen an einem Ort sind… Oder beim Elternabend. “Naja, mein Kind will aber eben das Tablet mit in die Kita nehmen. Es fordert das ein!” Ja, das mag ja sein. Und dennoch musst du es ihm verbieten, weil es eben nun mal nicht erlaubt ist.

Resilienz und Konfliktfähigkeit lernen Kinder – wenig überraschend – durch Konflikte. Und ich denke, dass Konflikte mit den Eltern ganz ganz wichtig sind und Eltern diese auch führen müssen. Wer sie immer vermeidet, es dem Kind quasi immer recht macht, damit es nicht zu Streit oder Wutanfällen kommt, der tut keinem einen Gefallen. Eltern müssen Grenzen setzen, ihre eigenen, und auch solche, die aus Rücksicht notwendig sind. Eltern sollen und müssen auch wütend werden, wenn sie an ihre Grenzen geraten. Was für eine absurde Vorstellung, dass Eltern ruhige, sanfte, immer verständnisvolle Cyborgs sein sollen, die keine Emotionen mehr zeigen! Die Kinder müssen ja lernen, wer ihre Eltern sind, was sie fühlen, was ihnen zu weit geht.

Wie das am Ende abläuft, ist natürlich in jeder Familie anders. Manche Eltern sind eher impulsiv und werden oft laut, andere nicht. Genauso die Kinder, manche schreien jede Emotion raus, andere sind total gemäßigt.

Dabei kann man aber ja immer respektvoll bleiben. Nicht angreifen, freundlich bleiben. Mit viel Schimpfen hat das alles nichts zu tun. Regeln, Grenzen, Rücksicht – das kann man auch wunderbar mit ganz wenig von dem, was ich unter Schimpfen verstehe, lernen. Vielleicht sogar besser, als wenn man ständig zusammengestaucht wird.

Wie seht ihr das?

Kommentare