An meinen Nachgeborenen

16. January 2018 | in Familie | Gesellschaft | Muttergefühle

Was nun folgt, könnte persönlicher nicht sein. Es sind Gedanken, die mich am Neujahrstag überfallen haben – nicht mal aus einer trüben Stimmung geboren, eher als Zeugnis einer Wahrnehmung, die mich schon lange umtreibt: dass ich zu wenig tue nämlich. Ich formuliere anderen gegenüber gerne, dass ich mir für meinen Sohn wünsche, dass er irgendwann als mündiger Mensch in die Welt hinauszieht. Wenn wir nun aber davon ausgehen können, dass unsere Kinder vor allem unser Erbe antreten, sie maßgeblich durch unser Handeln geprägt werden, dann kann ich nicht anders als eben jenes zu postulieren: Ich tue zu wenig. Ich engagiere mich zu wenig. Ich politisiere mich zu wenig. Dabei waren die Gründe in meinem bisherigen Leben nie deutlicher, genau das zu tun.

On y va!

Streng genommen ist dieser Brief hier an dich falsch überschrieben. Allein, weil du kein Nachgeborener der Zeit sein wirst, in der wir leben. Du bist ihrer Teil und erwächst aus ihr. Du wirst nicht als Nachgeborener auf eine Welt und eine Epoche vor deiner Geburt zurückblicken, du bist gewisser Weise ihr Komplize, mein Komplize – weil ich dich in sie hineingeboren habe.

Ich schreibe dir diese Worte am Neujahrstag 2018 und ich will dir kurz erläutern, woher denn überhaupt der Titel dieses Textes stammt. Er ist nicht mir entsprungen, er ist vielmehr eine Allegorie: Berthold Brecht schrieb einst aus dem Exil irgendwann vor 1939, dem deutschen Überfall auf Polen und angesichts der sich anbahnenden Katastrophe “An die Nachgeborenen”:

Nun könntest du sagen, wenn du bereits begriffest, was denn nur sei, warum ich Brecht überhaupt anführte. „Uns geht es doch gut!“, würdest du vielleicht bedeuten, so wie du mich zuweilen sehr ernst anschaust und mir auf meine Fragen, ob es dir wiederum gut ginge, zusprichst, dass schon alles ok sei. Als wärest du derjenige, der mich zu umarmen ersuchte – und ich dir deine Hand haltend vor Scham vergehe, weil es doch an mir wäre und ich dir einst versprach, dich zu tragen – in meinem Herzen und durch dein Leben.

Ich will ehrlich mit dir sein: Ich werde dich nicht bedingungslos lieben können, so wie du es verdient hättest. Allein, weil es diese Form der Liebe nicht gibt, glaube ich – sie eher ein Phantom ist, dem wir hinterherjagen, uns selbst zu beruhigen, dass, wenn wir nur endlich diese Form der Liebe lebten, auch unser Leben an sich erfüllt sei. Ich trage Teile in mir, die Teile in dir nicht ertragen werden können – die mich dich nicht vollständig sehen lassen werden. Alle Menschen tragen Teile in sich, die sie ihr Gegenüber anteilig nicht ertragen lassen – und das ist ok so.

Wir Eltern sind alle ohnehin keine unbeschriebenen Datenträger. Beziehungsweise ist es doch vielmehr so, dass selbst der scheinbar unbeschriebene, reine Datenträger bereits mit Informationen ausgeliefert wird, aus denen ergeht, in welcher Form er zu nutzen ist. Ein USB-Stick (der, wenn du diesen Brief liest, ganz sicher nur noch eine nicht mehr zu gebrauchende Reliquie stellen wird) kann etwa nur in einem entsprechenden USB-Port gelesen werden. Auf dem Stick sind bereits Informationen gespeichert, die das äquivalente Endgerät den Stick erkennen lassen wird und auch der Stick weiß sich dem Endgerät gegenüber zu verhalten.

Vielleicht verstehst du das Bild hinter dem USB-Stick: Wir alle treten bereits geprägt, mit gewissen Grundinformationen ausgestattet in dieses Leben ein und wenn wir an den Punkt kommen, selbst Leben zu zeugen, haben wir uns sehr wahrscheinlich unveränderlich darin eingerichtet und handeln dementsprechend.

An dem Tag, als du geboren wurdest, war ich regelrecht von dem Gedanken besetzt, dich beschützen zu wollen, dir ein besserer Mensch zu sein als ich mir selbst einer war. Und du kannst mir glauben, wenn ich dir jetzt schreibe: ich versuche das jeden Tag. Aber ich scheitere ebenso und zwar: jeden Tag.

Und das hat vielerlei Ursachen: Sozialisation etwa und Dinge, von denen ich wünschte, ich hätte sie mit dir in meinem Laib heranwachsend einfach abstreifen können.

Mein Leben aber ist sehr lange schon von Aufruhr und Aufbegehren bestimmt. Jener Widerstand formulierte sich initial gegen das, was weit vor dir in meinem Leben war und dieser Umstand ist es auch, der mich als Mensch der Welt in einer grundkritischen Haltung gegenüber stehend entlassen hat. Ich kann die Dinge nicht für absolut nehmen, weil ich sie selbst so nie erfahren habe – und das übrigens niemand tut.

Wir jedenfalls, die das sehen, was Brecht etwa sah, sind vielleicht wenige, weil es da draußen eine sehr große Schar an Menschen gibt, die sich davor verschließen, wegdrehen, sich nur ihrem eigenen kleinen und schönen Kosmos zuwenden. Aber das sollte uns nicht verhindern gegen die vielen aufzubegehren, wenn wir meinen, dass sie sich im Falschen eingerichtet haben. Es gibt gute Gründe, sich einsetzen zu wollen, sich zu politisieren, die Dinge zu hinterfragen.

Denn diese Zeiten, mein Kind, sind keine guten. Sie mögen so scheinen, weil wir uns alle darin eingerichtet haben, uns vor dem, was an den Grenzen unseres Lebens geschieht, zu verbarrikadieren. Die Gräuel mögen in diesen Breitengraden und in diesen Tage nicht so offensichtlich sein, weil der Genozid, weil die Hungersnot, weil die Diktatur, weil Twitter-Trump und Kernwaffen-Kim, weil der Krieg, die Bomben, das Blut, die zerstümmelten Kinderleichen, die Katastrophen vermeintlich nicht mehr unsere sind. Wir kapseln uns also ab und werden so zum Mitläufer, zum Mittäter.

Ich bin das ebenso. Ein Mitläuferin. Ein Täterin. Und ich hoffe, du kannst mir dafür eines Tages verzeihen, weil ich dir nur dies hier schrieb, anstatt etwas dagegen anzustellen. Ich nicht auf der Straße gegen die Verhältnisse protestierte, als es wichtig gewesen wäre. Ich mich nicht organisierte, ich nicht für dich und mich und alle anderen eintrat. Ich schrieb dir gewisser Weise wie Brecht aus dem Exil, vor dem Leid fliehend, anstatt mich ihm zu verschreiben.

Zum Abschluss meiner Gedanken und für Alle, die’s interessiert, das Gedicht in Gänze:

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind?

Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich satt zu essen.
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt
Bin ich verloren.)

Man sagt mir: iß und trink du! Sei froh, daß du hast!
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
Ich es dem Hungernden entreiße, was ich esse, und
Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt?
Und doch esse und trinke ich.

Ich wäre gerne auch weise
In den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen
Auch ohne Gewalt auskommen
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen
Gilt für weise.
Alles das kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
2

In die Städte kam ich zu der Zeit der Unordnung
Als da Hunger herrschte.
Unter die Menschen kam ich zu der Zeit des Aufruhrs
Und ich empörte mich mit ihnen.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten
Schlafen legt ich mich unter die Mörder
Der Liebe pflegte ich achtlos
Und die Natur sah ich ohne Geduld.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner Zeit
Die Sprache verriet mich dem Schlächter
Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden
Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Kräfte waren gering. Das Ziel
Lag in großer Ferne
Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich
Kaum zu erreichen.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.
3

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.

Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.

Dabei wissen wir ja:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es soweit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.

Foto: Green Chameleon

Kommentare