Let’s talk about: Ich hatte zwei Jahre lang eine Affäre – und bereue nichts

Eine Affäre – die meisten assoziieren damit Betrug, Lüge. Etwas Schlimmes. Unsere Gastautorin hatte zwei Jahre lang eine Affäre mit einem alten Schulfreund. Bis heute ahnt ihr Mann davon nichts. Und sie sagt sogar: Ohne die Affäre wären mein Mann und ich nicht mehr zusammen. Muss man immer ehrlich sein? Lest selbst…

Ich bin 44 Jahre alt, Mutter von zwei Töchtern. Aufgewachsen im Allgäu, mittlerweile lebe ich in einer großen, bayerischen Stadt. Mit meinem Mann bin ich zusammen, seit ich 22 bin, wir sind seit 15 Jahren verheiratet, haben uns dann aber noch mal Zeit mit dem Kinderkriegen gelassen. Die Mädchen sind heute zehn und acht. Ich bin sehr katholisch aufgewachsen, die Ehe war mir heilig, Treue auch. Dass mir so etwas, wie mit Max (Anm. d. R.: alle Namen sind geändert!) passieren könnte – hätte ich wirklich nie gedacht.

Aber natürlich war es in meiner Ehe so, wie bei fast allen in meinem Umfeld: Wir lebten schon seit Jahren nebeneinanderher, Zärtlichkeiten wurden kaum mehr ausgetauscht, Sex war eher Pflichtprogramm und selten. Unsere Gespräche waren fast nie tiefer gehend, mein Mann arbeitete zudem sehr viel und war viel geschäftlich verreist. Mir machte das alles wenig aus, ich war sehr glücklich mit meinem Leben. Nachdem ich zehn Jahre Karriere bei einem Mittelständler gemacht hatte, genoss ich nun meine Teilzeit-Anstellung und die viele Zeit mit den Mädchen. Ich fuhr sie zu ihren Hobbys, im Sommer waren wir am See, im Winter Skifahren, im Herbst im Wald. Meine Schwiegereltern wohnen nicht weit weg, ich konnte mir also auch viel Zeit für mich nehmen, mit meinen Freundinnen essen gehen, oder auch mal ein Wochenende wegfahren.

Mein Jugend-Flirt vom Dorf

Ich dachte also nicht, dass mir was fehlte! Bis sich Max bei mit meldete. Mein Jugend-Flirt. Aus dem Nachbarort. Etwas jünger als ich. Er lebte immer noch in der Gegend, nur einen Ort weiter, war dreifacher Vater mittlerweile. Er schrieb mir auf Facebook, recht unpersönlich, eher so “Hallo, bin bald in der Stadt, eventuell jetzt auch öfter, können uns ja mal treffen”. Ich spürte aber, dass es eigentlich nicht unpersönlich gemeint war. Wir trafen uns ein paar Wochen später in einer Bar, meine Freundinnen waren auch dabei, wir waren vorher zusammen essen gewesen. Er hatte immer noch das schelmische Lachen, sah gut aus, die blonde Mähne war noch fast nicht grau. Ich fand ihn attraktiv, aber irgendwie auch nicht. Denn ich verband mit ihm das Dorf, meine Kindheit und Jugend – Dinge, aus denen ich herausgewachsen war. Die Mädels verabschiedeten sich eine nach der anderen, Max und ich blieben. Er erzählte, dass er nun hier in der Stadt arbeite und wegen der Entfernung (es waren drei Stunden Autofahrt) nicht pendeln wollte. Er überlegte, sich eine kleine Wohnung zu nehmen und Montag bis Mittwoch oder Donnerstag hier zu bleiben und nur fürs Wochenende zur Familie zu fahren. Wir sprachen über unsere Ehepartner, ich erzählte, dass mein Mann auch viel weg sei und das eigentlich gut klappe. Es war sehr freundschaftlich, aber irgendwann waren wir betrunken und als wir aus der Bar herausstürzten, umarmte er mich – und es passierte, was passieren musste.

Ich beendete das Geknutsche aber bald und fuhr verwirrt nach hause. So eine wilde Knutscherei hatte ich natürlich seit Jahrzehnten nicht erlebt. Wie sich das anfühlte! Ich war komplett durch den Wind, schlief schlecht, war aber auch angefixt und dachte: Das will ich wieder erleben. Die Mädels erkundigten sich am nächsten Tag in unserer WhatsApp Gruppe natürlich, wie der Abend noch gelaufen sei – ZWINKERSMILEY – es war wohl spürbar gewesen, dass da eine gewisse Anspannung zwischen uns war. Ich erzählte nichts. Sagte, wir seien bald nach Hause, alles nur freundschaftlich. Ich erwähnte auch nicht, dass er nun öfter da sein könnte. Irgendwie habe ich wohl da schon gemerkt, dass es gut wäre, alles komplett geheim zu halten.

Max meldete sich bald wieder. Immer auf Facebook, immer nur kurz, um einen Telefon-Termin auszumachen. Dann lachten wir kurz und tauschten Smalltalk am Telefon. Und machten aus, wann wir uns sehen würden. Wir gingen nie aus, essen oder so. Wir trafen uns im Hotel, später in seiner kleinen Ein-Zimmer-Wohnung. Es war nicht nur Sex. Es war auch ein vertrautes Miteinander, wir sprachen viel über unsere Beziehungen, die Kinder, den Alltag. Aber es war natürlich ab unserem zweiten Treffen auch Sex. Eine Art von Beisammensein, die ich so nicht kannte. Wild und fordernd, leidenschaftlich und experimentell. Ich erlebte auch mich selbst völlig neu, ich hatte keine Ahnung, dass ich noch so viel Lust in mir hatte. Wir verhüteten natürlich konsequent, heute denke ich aber auch: Wahnsinn, was für ein Risiko! Zum Glück ist alles gut gegangen. Unsere Treffen ließen sich nicht immer organisieren, es musste alles passen, ich musste einen Babysitter haben, oder die Mädchen bei Freundinnen untergebracht. Aber wenn es klappte, dann fuhr ich frisch rasiert und aufgeregt in seine Junggesellenwohnung, um mich kurz danach ausziehen und begehren zu lassen.

Zerfressen von Gewissensbissen

Ich weiß heute nicht mehr, wie ich das mit meinem Gewissen vereinbaren konnte. Oder, sagen wir es so: Ich konnte es nicht vereinbaren. Ich war zwischendurch zerfressen von Gewissensbissen, sagte mir: Du betrügst deinen Mann. Du verrätst eure Ehe. Du hast ihm ewige Treue geschworen, was bist du nur für ein Mensch. Immer wieder war ich kurz davor, ihm alles zu erzählen. Obwohl ich wusste, das würde ihn nur verletzen, würde alles zerstören. Ich wollte mich nicht trennen. Wollte nicht mit Max zusammensein. Wollte meinem Mann nicht wehtun. Ich wollte doch alt werden mit ihm! Nur war es halt so langweilig geworden… Mein anderes, aufgeklärtes, erwachsenes Ich sagte mir auch immer: Es tut dir gut, es tut niemandem weh. Es ist, was es ist. Genieße es. Und manchmal konnte ich das auch.

Wir trafen uns so ein- bis zwei Mal im Monat. Manchmal auch einen Monat nicht, in Urlaubszeiten oder so, wir hatten ja beide Schulkinder. Ich werde heute noch rot, wenn ich daran denke, dass ich manchmal die Kinder zur Oma gefahren habe und dann bin ich zu ihm – wie ein Teenager hab ich mich da plötzlich gefühlt. Ganz selten sahen wir uns auch Vormittags, dann bin ich manchmal direkt danach – frisch geduscht – die Mädchen abholen gefahren. Immer wieder genoss ich diese Aufregung auch – dann war es mir wieder einfach nur peinlich und ich versank vor Scham im Erdgrund. Ich sah in den Spiegel und fand mich eklig. Dann wieder dachte ich: Wow, wie toll, dass du sowas noch erleben kannst. Es war ein einziges Auf und Ab.

Aber irgendwie konnte ich es vor meinem Mann verstecken. Irgendwie ging das alles. Familienfeste, Einschulung, Abende auf der Couch, gelegentlich ein Kuss, oder sogar Sex. Ich hatte ja auch so viel Übung in diesem langweiligen Ehe-Leben, ich machte einfach weiter, als sei nichts. Heute weiß ich: Es war alles gut so, wie es passiert ist. Ich war zwar nicht ehrlich. Aber muss man immer ehrlich sein? Ist ehrlich sein immer das einzig Wahre? Ich war immer ehrlich zu mir selbst. Ich wusste, was ich wollte – und was nicht. Und das habe ich gemacht – vielleicht zum ersten Mal so klar und so deutlich, wie in dieser Sache. Ich hatte natürlich auch Glück mit Max. Er wollte sich ebenfalls nicht trennen. Ihm ging es einfach, wie mir. Er war glücklich – aber gelangweilt. Hätte einer von uns sich verliebt, wäre die Sache anders ausgegangen.

Es war einfach keine Liebe. Wir waren beide nur Objekte.

Aber wir haben uns nicht verliebt. Im Gegenteil. Auch unsere Leidenschaft flachte ab. Die Beziehung mit Max entwickelte sich nie weiter. Es blieb eine Affäre. Die war körperlich – mit ein bisschen Freundschaft dazu. Mir ist dadurch auch aufgefallenen, was ich in meiner Ehe habe. Eine vertrauensvolle Beziehung, in der es um viel mehr als Äußerlichkeiten geht. Max war für mich ein Objekt. Er sollte perfekt sein und immer Lust auf mich haben. Am besten noch immer gute Laune und gut aussehen. Als ich im Bett einmal einen schwarzen Mitesser an seinem Rücken entdeckte, ekelte ich mich wahnsinnig. Mir fiel auf, dass ich mich bei meinem Mann sicher nicht so geekelt hätte, wir hätten wahrscheinlich darüber gelacht. Das war dem Bild geschuldet, das ich von Max in meinem Kopf hatte.

Ich wollte auch für ihn Objekt sein. Immer perfekt. Wenn ich meine Periode hatte, oder einen richtig schlechten Tag – dann sagte ich unser Treffen ab. Ich erschien immer frisch geduscht, rasiert, frisiert und geschminkt. Ich wollte begehrenswert sein. Und keine Schwächen zeigen. Ich denke heute, dass manche Beziehungen vielleicht auf diesem Level stehen bleiben. Ich habe Freundinnen, von denen ich vermute, dass sie ihren Männern gegenüber immer noch vor allem Objekt sein wollen. Und wer weiß: Vielleicht sehen die Männer sie auch genau so? Jedenfalls wusste ich irgendwann – da hatten wir uns schon seit eineinhalb Jahren regelmäßig getroffen – was der Unterschied, zwischen einer echten, tiefen, guten Beziehung und einer oberflächlichen Affäre ist. Trotzdem konnte ich nicht aufhören, ihn zu sehen. Es war zu gut. Jedes Mal, wenn er mir schrieb, dachte ich mittlerweile: vielleicht jetzt aufhören. Dann fuhr ich doch wieder hin.

Dann kam Corona. Wir waren für den 20. März 2020 verabredet, das weiß ich noch ganz genau. Haben wir natürlich abgesagt. Von da an war ja auch Home Office angesagt. Max und ich schrieben uns noch so zwei, drei Mal. Aber eher so “Alles okay bei dir?”, “Ja”, “Super”. Das war’s. Und ich glaube, das war für beide total okay so. Vielleicht war unsere Zeit einfach abgelaufen. Auf Facebook habe ich erfahren, dass er sogar noch einmal Vater geworden ist. Und mich gefreut! Für mich und meinen Mann war Corona die Rettung. Und ich glaube auch, hätte ich nicht die Zeit mit Max gehabt, hätte ich mich nicht wieder so auf meinen Mann einlassen können. Wir haben die Krise gut zusammen geschafft. Haben uns wieder angenähert. Viel offen gesprochen. Wir hatten ja plötzlich so viel Zeit miteinander! Wir sind wieder liebevoller miteinander, sprechen wieder ehrlicher und mehr. Wir haben gemeinsame Projekte gestartet. Wir sind wieder ein gutes Paar. Das macht mich sehr glücklich. Ich sehe ihn so oft an und bin so froh, dass ich ihm nie etwas erzählt habe. Und noch froher, ihn zu haben.