Nackt in der Wanne – Mit Mama okay, mit Papa nicht

14. November 2019 | in Alltag | Parenting

Ich liebe es, mit meiner Tochter in der Wanne zu sitzen. Wir bauen uns Schaumkronen, wir spielen Delfin, hier haben wir dutzende Mal zusammen Haare waschen und ausspülen geübt, bis sie es alleine geschafft hat. Wir hatten immer eine schöne Zeit und ich möchte nicht, dass diese jetzt schon vorbei sein soll.

Aber vor kurzem habe ich mich mit einer Kollegin und guten Bekannten, die etwa so alt ist wie ich, beim Thema „zusammen baden“ ziemlich in die Haare gekriegt.

„Mit deiner Tochter, nackt?“
„Klar. Wie denn sonst?“
„Mit 4 Jahren! Das geht gar nicht.“
„Wieso sollen Eltern nicht mit ihrem Kind in die Wanne?“
„Mütter sind okay. Du solltest es nicht.“

Das hat mich erst irritiert – und dann aufgeregt. Ich darf also nicht mit meiner Tochter baden, aus dem einzigen Grund, weil ich ein Mann bin. Wie ungerecht. Natürlich habe ich die Kollegin nach dem „“Warum“ gefragt:

„Weil Du dann mit ihr zusammengeraten kannst.“
„Wie meinst Du das?“
„Na zwischen Deinen Beinen.“

Sie wollte den P-Wort nicht aussprechen. Dann mach ich es jetzt. Penis.

Ja, ich habe einen. Und meine Tochter weiss das auch. Der Unterschied ist ja auch schwer zu übersehen. Sie findet das lustig und hat auch immer mal wieder eine Frage dazu. Wie sie zu allen Dingen Fragen hat. Ich habe mir immer vorgenommen, Verniedlichungen und peinliche Stille beim Thema Geschlechtsorgane zu vermeiden. Auch um meine Tochter in ihrer Eigenwahrnehmung zu stärken, und nicht zuletzt für den Fall, dass sie irgendwann eine Grenzüberschreitung erleben muss.
Also versuche ich auch, ihr kindgerecht zu antworten. Und natürlich achte ich darauf, dass es in der Wanne eine klare Grenze gibt, das ist doch absolut logisch. Anfassen ist verboten. Ich sage ihr auch, dass ich das nicht möchte.

So. Kleiner Blick hinter die Kulissen: Ich habe bestimmt eine halbe Stunde für den letzten Absatz gebraucht. Weil, das hier fühlt sich wie ein Minenfeld an. Aber ich glaube, es stimmt, wenn ich sage: Bei Müttern wird Nacktsein mit Kindern viel entspannter gesehen als bei Vätern. Ich finde das nicht richtig, aber ich glaube, dass ich verstehe, warum das so ist.

Furchtbare Statistiken lassen keine Rückschlüsse auf mich zu

Da ist die Statistik, die sagt: Sexueller Kindesmissbrauch findet zu 80 – 90% durch Männer statt. Diese Statistik ist eindeutig und sie ist furchtbar. Aber deswegen kann man nicht alle Männer unter Generalverdacht stellen. Und deswegen möchte ich auch nicht schräg angeschaut werden, weil ich mit meiner Tochter bade.

Was natürlich auch nicht hilft: Unsere alten Rollenbilder. Männer- und Frauenrollen. Kleiner Exkurs: Rund 1/3 der Eltern können sich laut einer Studie noch immer vorstellen, dass ein männlicher Erzieher ihrem Kind in der Kita etwas antun könnte. Die Frage, die eigentlich hinter dieser Angst steckt, ist: Warum sonst auch sollte sich ein Mann für Kinder und für einen „Frauen-Beruf“ interessieren? In diesem Zusammenhang: Ich kenne immer noch Kitas, in denen die Türen zum Wasch- und Wickelraum offen sein sollen, wenn ein Erzieher drinnen ist. Da gibt es immer noch viel Misstrauen, wenn auch unausgesprochen.

Und drittens: Unsere Nacktheit ist absolut durchsexualisiert, vor allem natürlich der weibliche Körper. Aber auch ein nackter Mann wird nur als sexuelles Wesen wahrgenommen. Der Penis ist ja auch optisch sehr präsent, schon klar. Aber einfach nur nackt sein, ergibt als Folge der Sexualisierung des Körpers keinen Sinn mehr und wirkt damit sofort anrüchig, auch beim eigenen Kind. Ich renne auch nicht im Sommer nackt über Wiesen. Aber es stört mich, wenn das bis hin zum Blick auf das Eltern-Kind-Verhältnis abfärbt und dann für mich als Vater einen Beigeschmack haben soll.

Also wie nah darf ich denn meiner eigenen Tochter kommen? Generell bin ich mir mittlerweile tatsächlich unsicher, wann genau für mich Schluss sein muss. Irgendwo ist die unsichtbare Grenze, mir ist schon klar, dass es so nicht weitergeht, bis sie 12 ist. Aber jetzt ist sie fünf Jahre alt und fragt mich auch, warum ich nicht mehr richtig mitspiele und stattdessen mit angezogenen Beinen in der rechten Ecke kauere. Vielleicht erledigt sich das Thema ja auch von selber. Ich vertraue darauf, dass mir mein Kind Bescheid geben wird. Oder die Badewanne wird schlichtweg zu klein für uns beide. Aber eines weiß ich: Den Vorschlag der Kollegin lehne ich ab. Sie sagte zu mir: „Zieh Du Dir doch eine Badehose an.“

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