Lieber Körper, es tut mir leid…

22. April 2020 | in Food & Beauty | Schwanger

Er hat mich nie im Stich gelassen, war meistens gesund, ist Wettkämpfe gelaufen und hat die Nacht durchgefeiert. Er hat ein Kind geformt, es getragen, bis sich die Füße unter der Last seines Schwangerschaftsgewichts ganz platt angefühlt haben. Es auf die Welt gebracht und sechs Monate lang ernährt, bis das Kind sein Gewicht verdoppelt hatte. Und doch schaue ich ihn viel zu oft mit einer Mischung aus Argwohn und Enttäuschung an. Mein Körper hätte viel mehr Dankbarkeit verdient, als ich ihm gebe. Der Versuch einer Erklärung.

Mein Körper und ich. Das sind 37 Jahre Auf und Ab. Eine Beziehung, die meistens eher toxisch als liebevoll war, und mich wohl mehr Energie gekostet hat, als jede andere in meinem Leben. Viel Rauf und Runter, auf der Waage wie auch emotional. Zu gerne würde ich einen Liebesbrief an meinen Körper schreiben, wie diesen hier. Aber von Liebe sind wir noch weit entfernt, dieser zuverlässige und gute Körper und ich.

Mit meinen Körperproblemen bin ich nicht alleine. “Ich würde sagen, in meinem Umfeld gibt es keine einzige Frau, die nicht ein irgendwie gestörtes Verhältnis zum Essen oder zu ihrem Körper hat”, schreibt die Zeit Magazin Autorin Emilia Smechowski in diesem Text, in dem ich mich an vielen Stellen wiedergefunden habe. Vielleicht ist das, was mich an diesem gestörten Verhältnis mittlerweile am meisten nervt: Wie unendlich banal und wenig originell es ist, traurig zu sein, weil man nicht aussieht, wie die Frauen, die man in Modemagazinen sieht, oder eben so, wie man gerne aussehen würde. So ein First-World-Problem. So unglaublich privilegiert, sich Gedanken um ein paar Kilo zu viel zu machen. Aber, und das ist der andere Teil der Wahrheit, das macht es leider nicht weniger schmerzhaft.

Vor der Schwangerschaft

Wenn ich über meinen Körper in der Schwangerschaft und nach der Geburt schreiben will, dann muss ich zuerst berichten, wie wir so miteinander auskamen, ehe ich schwanger wurde, dieser Körper und ich. Als kleines Mädchen war ich schlank, mit elf wurde ich pummelig. Mit zwölf wollte ich unbedingt eine Schlaghose haben, am besten aus Jeansstoff. Meine Mutter ging mit mir einkaufen, wir fuhren sogar extra in eine größere Stadt, wo wir sonst nur selten shoppten. Wir gingen in fünf Läden. Keine der Kinderhosen passte mir. In der vierten Umkleide brach ich in Tränen aus. Meine Mutter tröstete mich, nahm mich noch in einen Laden mit und verfluchte danach die Hersteller. Wir fuhren ohne Hose nach Hause. Heute möchte ich das kleine Mädchen von früher in den Arm nehmen, damals fühlte ich das erste Mal in aller Deutlichkeit, was lange Zeit Thema bleiben würde: Nicht nur passten die Klamotten mir nicht, ICH passte nicht. Schlaghosen waren für mich nicht vorgesehen. Ich war nicht gemeint, wenn es darum ging, schön zu sein oder das zu tragen, was ich wollte. (Dass es anderen jungen Mädchen heute immer noch so geht, macht mich wütend). Mit 13 machte ich meine erste Diät und nahm zehn Kilo ab. Ich war vollends in der Realität angekommen, in der andere Frauen diktieren, wie sie auszusehen haben – und obwohl ich sonst eher rebellisch war, in diesem Punkt unterwarf ich mich diesem kapitalistischen, misogynen und zutiefst patriarchalischem Diktat bereitwillig.

Das Problem wurde in den nächsten Jahren, in denen Kate Moss mich von Plakaten in der Stadt anstarrte, nicht besser. Egal, wie viel oder wenig ich wog, ich war überzeugt: Ich war zu dick. Oder: Ich war nicht dünn genug. Denn es fühlte sich eher wie ein Mangel an, wie persönliches Versagen. Und mein Körper musste das ausbaden. Statt dankbar zu sein, dass er funktionierte (und nicht annähernd so schlimm aussah, wie ich ihn manchmal wahrnahm), unterwarf ich ihn einer Reihe von Diäten, komischen Zupf-Massagen, Heiß-Kalt-Duschen. Ich traktierte ihn mit Bauchübungen, mit Saftkuren, Bauch-Weg-Höschen, und immer wieder mit bösen Blicken im Spiegel. Im Nachhinein bin ich froh, dass es damals wenigstens Instagram nicht gab und ich als Teenager und in meinen Zwanzigern nicht mit dieser Flut vermeintlich makelloser Bilder bombardiert wurde.

Waffenstillstand

Dabei wusste ich, dass das, was ich tat, nicht gesund war, mehr noch: Meiner innersten Überzeugung widersprach. Aber ich konnte nicht anders, zu sehr hatte ich äußere Schönheitsideale verinnerlicht. Bis zu meinem 32. Lebensjahr wog ich mich täglich. Selbst wenn ich mal eine Woche verreiste, führte ich eine Personenwaage mit – völlig irre! Und noch heute kann ich aufs Kilogramm genau sagen, wie viel ich wann gewogen habe. Wenn man mich dagegen fragt, welche Bücher mich mit Mitte zwanzig beschäftigt haben, müsste ich erst einmal nachdenken. Wie traurig. Als Feministin finde ich das zudem völlig falsch. Aber ich weigere mich auch, mich auch noch deswegen schlecht zu fühlen, weil die völlig unrealistischen Körperbilder, mit denen ich, wie alle Frauen, ein Leben lang bombardiert wurde, ihre Spuren hinterlassen haben.

Das erste Mal, dass ich meinen Körper wirklich mochte, war irgendwann mit Anfang 30, als ich anfing, zu laufen. Es war der 1000. Diätversuch, aber nebenbei entdeckte ich diesmal eine Freude an meinem Körper und der Bewegung, wie ich sie nie für möglich gehalten hatte. Vielleicht waren es auch nur die Endorphine, aber ich sah endlich, dass mein Körper einen Nutzen und eine Reihe an Fähigkeiten hatte. Auf einmal ging es mir nicht mehr nur darum, wie mein Körper aussah. Ich begriff auch, was er konnte. Doch ziemlich schnell fühlte ich mich unter all den grazilen Läuferinnen wieder: Nicht dünn genug. Und hungerte wieder. Und wog mich sogar mehrmals täglich. In diesen Jahren, in denen es doch vor allem darum ging, wichtige Weichen im Beruf und im Privatleben zu stellen, arbeitete ich mich zusätzlich ständig an meinem vermeintlichen Übergewicht ab. Was für eine Energieverschwendung!

Dann ging bei einem Umzug meine Waage kaputt und ich schaffte es irgendwie, nicht sofort eine neue zu kaufen. Eine Offenbarung. Ich hatte das erste Mal seit 20 Jahren am Morgen nicht gleich eine Zahl vor Augen, die mir diktierte, wie ich mich zu fühlen hatte. Vier Jahre und ein paar Therapiestunden später hatte ich Frieden mit meinem Körper geschlossen. Oder, wie sich zeigen sollte: Waffenstillstand.

Schwanger und gut so

Denn in der Schwangerschaft musste ich mich natürlich regelmäßig beim Arzt wiegen und beobachtete die stetig steigende Zahl auf der Waage mit Skepsis. Und doch störte mich meine Kugel viel weniger, als ich gedacht hätte. Früher, als ich noch nicht schwanger war, wurde ich aufgrund meines runden Bauchs hin und wieder fälschlicherweise für schwanger gehalten (jedes Mal ein Schlag in die Magengrube).

Jetzt war ich schwanger und das sollten ruhig alle sehen. Ich zog das erste Mal in meinem Leben meinen Bauch nicht mehr ein und gab mir die Lizenz dazu, nur noch Dinge zu tragen, die bequem waren. Ich kaufte mir einen Badeanzug mit Orkas, der gute Laune machte, und zog drei Mal die Woche meine Runden im Freibad. Ich war gut zu meinem Körper, schließlich hatte ich jetzt einen Mitbewohner. Auf Fotos gefiel ich mir immer noch nicht, aber ich hörte auf, mich ständig schlecht zu fühlen, weil ich nicht dünn genug war. Und ich aß, worauf ich Lust hatte – vermied es aber, mich unkontrolliert vollzustopfen, denn ich ahnte, dass sich das Thema nicht ein für allemal geklärt hatte und wollte den Schaden gering halten. Gegen Ende der Schwangerschaft, als ich absurde Ausmaße angenommen hatte, begann ich mich wieder kritischer zu beäugen. Aber das Sodbrennen, der ständige Harndrang und die bleierne Müdigkeit machten mir viel mehr zu schaffen als die Sorge über meine Figur.

“Eine Schürze aus Fett”

Nach der Geburt hatte ich eine Narbe mehr, und da sie unter der Bauchfalte war, betonte sie meinen Bauch enorm, als werfe dieser einen dunklen Schatten. Als ich zwei Tage nach dem Kaiserschnitt wieder mobil war, blickte ich sofort mit diesem kritischen Blick in den Spiegel und war unzufrieden. Mein Bauch sah aus wie ein Luftballon, aus dem die Luft zum Teil herausgelassen worden war. “Das ist wie bei Helge Schneider, ich habe eine Schürze aus Fett”, sagte ich zu meinem Freund. Er lachte nur und sagte: “So ein Quatsch.” Und übernahm den Job, der eigentlich meiner war: Meinen Körper zu lieben. Und zwar nicht obwohl, sondern weil. Nicht obwohl er ganz sicher niemals so aussehen würde, wie ich mir das mit 16 mal erträumt hatte. Sondern weil es ein guter Körper war, einer, der ein Kind geboren hatte, der seine eigene Schönheit hatte, der gesund war und schnell laufen konnte. Ein Körper, mit dem ich bei unserem ersten Date durch die Nacht stolpern und Wein trinken konnte, bis es morgens war, und der sich davon auch mit über 30 Jahren erstaunlich schnell erholte. Und der jetzt, nach der Geburt, ohne viel Aufhebens darum zu machen, ein anderes Wesen mit ernährte. Ein Wesen, dass er aus allem, was ich in den 40 Wochen Schwangerschaft zu mir genommen hatte, gebaut hatte – und das in meinen Augen das Vollkommenste war, das ich jemals gesehen habe. Das hatte mein Körper geleistet!

Es muss nicht immer Liebe sein

Auch wenn ich weit davon entfernt bin, meinen Körper so zu feiern, wie er es verdient: Es ist an der Zeit, Danke zu sagen und um Verzeihung zu bitten. Denn tatsächlich nötigt mir die Leistung meines Körpers Respekt ab. Mein Kind wiegt mittlerweile doppelt so viel wie bei der Geburt und ich habe es in diesen fast sechs Monaten ganz alleine ernährt. Es ist wunderbar und ein bisschen wundersam, wie mein Körper einfach weiß, was zu tun ist, während ich ratlos daneben stehe und auf die Speckfalte auf meinem Bauch starre. Wenn ich noch damit beschäftigt bin, mich an meinen subjektiv empfundenen optischen Unzulänglichkeiten abzuarbeiten, hat sich mein Körper längst an die Arbeit gemacht. Unbeirrt von den ganzen Negativsätzen in meinem Kopf.

Ich würde so gerne sagen, dass ich meinen Körper heute liebe, mit ihm völlig im Reinen bin. Tatsächlich mag ich ihn so gerne wie noch nie zuvor. Das liegt auch daran, dass man heute dank Instagram eben nicht nur Frauen wie Kate Moss, sondern auch solche wie Ashley Graham oder Lizzo halbnackt sieht. Repräsentation hilft. Und dass ich seit meiner Schwangerschaft nichts trage, das mich beengt – so banal das klingt. Ich bin sehr viel näher an Körperliebe, als ich es jemals war. Aber erst gestern habe ich auf Instagram einen Post gesehen, der mich getriggert hat, ein Foto einer dreifachen Mutter im Bikini, die so schlank ist, wie ich es immer gerne gewesen wäre. Ich wurde traurig und verfluchte den Schoko-Osterhasen, den ich kurz zuvor inhaliert hatte. Und fühlte mich auf einmal wieder wie damals mit 12, als keine der Schlaghosen passte.

Vielleicht ist es aber auch einfach utopisch, zu erwarten, dass aus Hass und einem gestörten Verhältnis gleich Liebe wird. Vielleicht ist Akzeptanz erst einmal das bessere Ziel. Respekt, Achtsamkeit, ein gesundes Verhältnis, aus dem irgendwann vielleicht tatsächlich Liebe wächst. Vor allem aber: Der stetige Versuch, so wenig Energie wie möglich darauf zu verwenden, mich wegen ein paar Kilos zu viel ständig schlecht zu fühlen. Da musste ich erst 37 Jahre alt werden, um das wirklich auf einer ganz tiefen Eben zu begreifen – und ich weiß, dass mir das mal mehr, mal weniger gut gelingen wird.

Aber, so banal es ist, ist es nicht auch ein Akt radikalen Feminismus, sich in seinem Körper wohlzufühlen und ihn so anzunehmen, wie er ist?

Ich möchte mich zumindest daran versuchen.

Foto: Thandy Yung

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