Let’s talk about: Vaginal Seeding

13. September 2018 | in Geburt | Schwanger

Schon wieder so etwas Neumodisches, von dem man noch nie gehört hat. Es gab bislang wenige meiner #dienstagssprechstunden, die so viel Resonanz ausgelöst haben, wie die in der vergangenen Woche zum Thema Vaginal Seeding.

Vielleicht auch, weil es erstmal einen spektakulären Versuchsaufbau beschreibt, der mit Körperflüssigkeiten zu tun hat. Auf die geweckte Neugier konnte ich also eigentlich wetten. Und sicher auch deshalb, weil es auch irgendetwas mit dem „Mikrobiom“ (der Gesamtheit aller Bakterien im und am Menschen) zu tun hat, dem heißesten Scheiß gerade in der Medizin, der spätestens seit Giulia Enders´ „Darm mit Charme“ auch  im Mainstream-Bewusstsein angekommen ist.

Vaginal Seeding ist komplex. Es offenbart in dem großen Buch namens “Was hat die Natur sich wohl dabei gedacht” viele kleine Puzzleteile, die sich auf eine Weise zusammenfügen, dass man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus kommt.

Was ist Vaginal Seeding?

Vaginal Seeding heißt wörtlich übersetzt vaginale Aussaat. Es beschreibt den Prozess, unmittelbar nach einer Kaiserschnitt-Geburt die frisch geschlüpften Babys mit den vaginalen Bakterien der eigenen Mutter in Kontakt zu bringen. Dazu wird vor dem Kaiserschnitt ein Tupfer in die Vagina gelegt, der sich dann eine Stunde mit den gesunden Vaginalkeimen besiedeln kann. Mit diesem Tupfer wird dann das Baby unmittelbar nach der Geburt vor allem im Mund, im Gesicht und an den den Händen eingerieben.

Wie kam man darauf?

Schon lange weiß man, dass Kaiserschnitt-Babys im Laufe ihres Lebens häufiger unter Allergien, allergischem Asthma, Übergewicht und verschiedenen Autoimmunerkrankungen (etwa Diabetes Typ I oder Moorbus Crohn) leiden, als die Babys, die vaginal auf die Welt gekommen sind. Man wusste nur nie genau, warum. In den letzten 10 Jahren ist die Bedeutung des Mikrobioms intensiv beforscht worden, nicht zuletzt, weil die Labordiagnostik schneller, besser und billiger geworden ist. So weiß man mittlerweile um die Wichtigkeit der Darmflora und kann auch genau differenzieren, welche Keime welche besonders tollen Eigenschaften haben. Und wie sich die Flora von gesunden und kranken Menschen unterscheiden.

Kaiserschnittbabys, das ist in diesem Zusammenhang der entscheidende Unterschied, kommen während der Geburt – wie bei einer vaginalen Geburt zwangsläufig und intensiv – nicht mit den mütterlichen Bakterien, die in der Scheide gesunderweise reichlich vorhanden sind, in Kontakt. Kurioserweise sind sowohl in der Scheide als auch in der allerersten Babydarmflora Lactobazillen die sinnvolle Stammbesetzung.

In den verschiedenen Untersuchungen hat man herausgefunden, dass Kaiserschnittbabys “ohne” Vaginal Seeding noch Jahre nach der Geburt eine anders zusammengesetzte Darmflora aufweisen, als Babys, die spontan geboren werden. Die ersten Bakterien scheinen extrem wichtig zu sein. Sie haben beim “jungfräulichen Baby” den großen Startvorteil, sie sind die ersten, die das Territorium erobern und sich etablieren können, vermutlich mit lebenslangen Folgen für die Zusammensetzung der Darmflora. Die Darmflora von Kaiserschnittbabys ähnelt tatsächlich mehr der Hautflora des Klinikpersonals als dem der eigenen Mutter.

Diese und andere spektakulären Erkenntnisse wurden mittlerweile in renommierten Fachblättern publiziert und öffnen einen ganz neuen Blick auf dieses Thema. Toll ist auch die mehrfach preisgekrönten Dokumentation Microbirth die sich der Erforschung dieser spannenden Zusammenhänge widmet.

Was sind die Risiken?

In den offiziellen Statements, ob Vaginal Seeding generell zu empfehlen sei, werden eher zurückhaltende Aussagen gemacht. Meistens heißt es, es gäbe dazu noch zu wenige Studien, die den sicheren Nutzen beweisen. Das ist richtig, die Erkenntnisse sind schlichtweg noch ziemlich neu. Richtig ist aber auch: Es gibt keine Nachteile und es gibt auch keine Risiken, auch nicht theoretisch, wenn man mal wieder den gesunden Menschenverstand bemüht. Manchmal wird das Argument vorgebracht, es sei natürlich auch ein Mikrobentransfer mit möglicherweise pathogenen Keimen, also Krankheitserregern der Mutter, möglich. Theoretisch ist das natürlich in der Sache richtig. Praktisch aber wäre das Baby eben auch durch die Scheide seiner Mutter ungefragt hindurchgerutscht, wäre es kein Kaiserschnitt geworden, ohne, dass man dann nach einem speziellen Risiko gefahndet hätte. Zudem wird in der Schwangerschaft routinemäßig ein Screening auf Syphillis, Chlamydien, B-Streptokokken, Hepatitis B und oft auch HIV durchgeführt.

Wird das Vaginal Seeding überall gemacht?

Nein. Vor allem wird es Euch ziemlich sicher kaum irgendwo aktiv angeboten, ich ergänze mal: noch. Das ist immer so mit neuen Entwicklungen, die noch nicht Eingang gefunden haben in die gängige Lehrmeinung. Das dauert ein paar Jahre, Studien, klinische Erfahrungen, und es braucht in der Zwischenzeit immer Pioniere, die an die Grundlagen dahinter glauben und unter Abwägung aller Erkenntnisse, Hypothesen und Risiken solche Entwicklungen vertreten und etablieren. Solange es also noch keine qualitymanagementbegeleitete Prozessbeschreibung gibt, die irgendwelchen haftungsrechtlich relevanten Gutachtergremien standhält, wird die offizielle Verlautbarung dazu heißen: Wir empfehlen das nicht, die Zahlen sind noch nicht hinreichend aussagekräftig abgesichert.

Selber Denken ist aber erlaubt.

Ich kenne mittlerweile Berichte von Frauen, die das dann selbst in die Hand nehmen konnten, denn das geht natürlich. Möglicherweise musst Du auch unterschreiben, dass Du das Vaginal Seeding auf eigenen Wunsch, auf eigene Verantwortung (und möglicherweise gegen ärztlichen Rat) durchführen möchtest.

Manchmal ist ein Kaiserschnitt ungeplant und relativ zügig aus der Geburtssituation heraus nötig. Dann bleibt schlicht nicht genug Zeit für die Vorbereitung des Vaginal Seeding oder andere Prioritäten (etwa das Baby schnell und ohne Verzögerung auf diese Welt zu bringen) sind wichtiger.

Ich hatte einen Kaiserschnitt und wusste nichts vom Vaginal Seeding.
Kann ich das irgendwie nachholen?

Ja, das kann man. Je weiter die Geburt zurückliegt, um so weniger notwendig und auch effektvoll wird das sein: Keime, die sich gut etabliert haben, werden immer wesentliche Bestandteile der Stammflora bleiben. Einen wichtigen Beitrag und – wenn man so will – eine natürliche Fortsetzung der vaginalen Bakterien für das Baby ist dann möglichst ausgiebiger Körperkontakt, und zwar unbedingt mit nackter Haut und das Stillen.

Nackte Mama- und Papa-Haut im direkten Kontakt liefert ebenfalls wichtige Hautbakterien. Beim Stillen bekommt das Baby zusätzlich eine mehrfach-täglich-Dosis nützlicher Keime, zum einen über die Haut der Mutter im Mund und auch die probiotische, also ebenfalls keimbesiedelte Muttermilch.

Du kannst Deinem Baby aber auch probiotische Tropfen oder Pulver geben, wenn Du das möchtest oder noch andere Aspekte, wie etwa eine allergisch belastete Familie oder Antibiotika während der Geburt oder der Stillzeit, hinzukommen. In diesen Probiotika sollten Bifidus- und Lactobazillus-Stämme vorhanden sein. Präparate, die für Säuglinge zugelassen sind, sind etwa Bigaia (Lactobacillus reuteri), Omni-Biotic Panda (Lactococcus lactis, Bifidobacterium lactis, Bifidobacterium bifidum) oder Lactobact Baby (Bifidobacterium bifidum, Bifidobacterium breve, Lactobacillus casei), es gibt weitere.

Eine ausführliche Beschreibung für Fachpersonal oder eigeninitiative Eltern sowie ein ausführliches Quellenverzeichnis und weitere Zusammenhänge rund um das menschliche Mikrobiom im Kontext Kinderkriegen (vaginale Infektionen, Frühgeburtlichkeit, B-Streptokokken, Mastitisprophylaxe) findet Ihr übrigens auch ausführlich in meinem Buch.

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