Let’s talk about: gendergerechte Sprache

26. May 2021 | in Gesellschaft

Es ist aber auch verflixt. Die deutsche Sprache denkt Frauen nun mal einfach nicht mit. Ärzte, Polizisten, Einwohner, Hörer. Klingt alles so, als seien das immer reine Männergruppen. Oder klingt es für euch nicht so? Ich persönlich fühle mich im generischen Maskulin nicht mitgedacht. Wenn jemand sagt: “Blogger, Journalisten und Gründer” – dann sind das für mich Männer. Ich gehöre da nicht dazu. Dass es keine offiziellen Varianten für Menschen gibt, die nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuweisen sind, ist dann noch mal einen Schritt weiter gedacht. Und ich finde es völlig verständlich, dass diese nach Lösungen suchen, von denen sie sich abgeholt fühlen.

Jetzt wird gerade wieder viel geschimpft über gendergerechte Sprache. Es würde die schöne, deutsche Sprache verhunzen. Man könne doch nicht einfach etwas erfinden. Sind viele Männer, die da diskutieren. Die meisten haben graue Haare. Und irgendsoeiner im Anzug (hat keine grauen Haare, aber bald) will es gar VERBIETEN! Da musste ich fast ein bisschen kichern. Beamte, Lehrkräfte, Medienschaffende und Dozent*innen sollten gefälligst die gültigen Regeln und Normen nicht einfach willkürlich verändern. REGELN! Die Deutschen lieben Regeln. Was nicht offiziell geregelt ist und zwar zu 100%, wird gar nicht erst versucht.

Laut einer neuen Umfrage finden also 65% der Deutschen Gendern nervig und blöd. Ich behaupte mal, da wurden eher Betagtere gefragt. Meine Erfahrung ist nämlich: Es ist doch sowieso schon überall angekommen. Die Kids gendern alle. Nach Gefühl. Einfach immer mehrere Geschlechter mitnennen. Einfach nicht immer das Maskulin verwenden. Die merken, dass da was nicht stimmt. Und machen es automatisch. Ob mit Kunstpause, Sternchen, -Innen. Ich habe das Gefühl, da ist alles erlaubt.

Sprache verändert sich. Und das ist gut so!

Sprache verändert sich. Das ist gut und sinnvoll. Und die Alten müssen da durch. Ich nehme mich nicht aus. Ich bin ein Kind der 80er. Und ganz ehrlich leide ich heute noch manchmal und ganz heimlich unter der Rechtschreibreform von 1996. Weil ich es eben ursprünglich mal anders gelernt hatte. Weil es unbequem ist, sich umzugewöhnen. Aber unbequem ist ja auch ganz oft gut. Weil wir nur so weiterkommen. Weil gewisse gesellschaftliche Prozesse eben unbequem sein müssen. In den letzten Jahren haben so viele marginalisierte Gruppen wie noch nie vorher eine Stimme bekommen. Nur logisch, dass sich das auch in der Sprache niederschlägt. Vor allem in einer Sprache, die so klingt, als wäre sie nur für Männer gemacht. Wie gesagt: dieser Prozess läuft bereits. Er ist schon voll da. Das ist nicht mehr zurückzudrehen, da können noch so viele Leute meckern. Und ganz ehrlich: so schlimm ist das ja nun auch nicht. Das Schlimmste, was passieren kann, ist dass man sich ein bisschen kompliziert ausdrückt. Oder dass der “Lesefluss gestört wird”. Tut jetzt auch nicht weh, oder? Ich erinnere mich an ein Interview im SZ-Magazin mit einer Person, die weiblich gelesen wird, sich aber keinem Geschlecht zuordnen lassen will. Hinter jedem Pronomen stand ein *. Das waren echt viele Sternchen. Das war nicht schön zu lesen. Der Text war aber gut. Und der Person ist es eben wichtig, dass man während des Lesens immer weiß, dass sie non-binär ist. Bei mir hat das geklappt. Ich habs kapiert. Und wenn es so gewünscht ist, dann hat man das als Leser*in zu akzeptieren, finde ich. Außerdem ist alles Gewöhnungssache.

Und es müssen ja auch nicht immer gleich so viel Sternchen sein. Auch kleine Schritte machen einen riesigen Unterschied. Das ist wissenschaftlich erwiesen und, wie ich finde, wenig überraschend. Es gibt Studien dazu, dass es für Mädchen einen großen Unterschied macht, wenn sie sprachlich nicht unerwähnt bleiben. Lest mal hier: “Geschlechtergerechte Sprache beeinflusst kindliche Wahrnehmung von Berufen“. Da steht unter anderem: “Wenn Berufe in einer geschlechtergerechten Sprache dargestellt werden (Nennung der männlichen und weiblichen Form, zum Beispiel „Ingenieurinnen und Ingenieure“ statt nur „Ingenieure”) schätzen Kinder typisch männliche Berufe als erreichbarer ein und trauen sich selbst eher zu, diese zu ergreifen.” Es macht so viel Sinn. Wie gesagt, ich fühle mich beim generischen Maskulin auch nicht angesprochen. Natürlich macht es für Mädchen einen Unterschied, wenn es “Ärzte und Ärztinnen” heißt. Genauso, wie es für Jungs sicher einen Unterschied macht, wenn man Krankenpfleger*innen statt Krankenschwestern sagt. Was übrigens auch nicht ganz richtig ist. Denn seit 2004 bereits heißt die korrekte Berufsbezeichnung “Gesundheits- und Krankenpfleger*in” und würdigt damit das inzwischen doch stark erweiterten Aufgabenfeld dieses Berufszweiges eben auch sprachlich. Der inzwischen als veraltet geltende Begriff der “Krankenschwester” rührt aus der Zeit, in denen die Krankenpflege noch vornehmlich Aufgabe der Kirchen – und fast ausschließlich in weiblichen Händen bzw. im Speziellen der von Ordensschwestern war.

Veränderungen brauchen Raum und Zeit

Ganz oft gibt es ja auch schöne Zwischenlösungen: Zuhörende statt Zuhörer*innen. Studierende statt Student*innen. Geschrieben kann das Sternchen verwendet werden, oder -Innen, oder .innen oder :innen. Gesprochen kann man eine Kunstpause machen, oder gleich alle mitnennen: Hörerinnen und Hörer, Politikerinnen und Politiker. Klar ist das bisschen kompliziert. Aber mir ist es das wert. Für meine Tochter. Und deren Freundinnen. Für die Generation nach uns. Ich finde es auch völlig normal, dass eine neue Entwicklung manchmal übersteuert und ein bisschen absurd wird. Meister*innenschüler*innen ist so eine Diskussion. Das klingt dann schon abgefahren. Aber Schifffahrtsgesellschaft sieht auch seltsam aus – und wir haben uns daran gewöhnt. Veränderungen brauchen Raum und Zeit – für unsere Kinder wird das alles ganz normal sein.

Lustigerweise habe ich mich als Heranwachsende selbst oft gegen das Gendern gewehrt. Meine Mutter ist ja eine Feminismus-Pionierin und hat sich damals nicht nur lauthals darüber beschwert, dass in der Wettervorhersage die Tiefdruckgebiete immer Frauennamen trugen (Unfassbar oder. Das war bis 1997 so! Die Hochdruckgebiete (also das gute Wetter) hatte Männernamen!!), sondern auch gerne sowas wie “Oh Göttin!” gesagt, wenn sie sich erschrocken hat. Ich fand das damals übertrieben und quatschig. Heute weiß ich, dass es mich sehr positiv geprägt hat. Sprache ist mächtig.

Ich glaube wie gesagt, die Diskussion ist ohnehin hinfällig. Eine Sprache, die Frauen, Männer und Transgender-Personen deutlicher mit einbezieht als das generische Maskulin wird kommen – muss kommen. Während grauhaarige Männer sich gegenseitig zuprosten, dass das Humbug sei, sprechen die Kids schon vielerorts gendergerecht. In meinem Umfeld durch die Bank. Feuerwehrmänner und -frauen werden da genannt, das Staatsoberhaupt wird eh immer Bundeskanzlerin sein, ist klar. (“Mama, können auch Männer Bundeskanzlerin sein?”). Meine Kinder und ihre Freund*innen hören einfach, was die Eltern sagen, was im Radio verwendet wird, in den Logo-Nachrichten und in der Schule. Und es passiert sogar regelmäßig, dass sie mich verbessern. “Ich wäre ein schlechter Arzt” rutschte es mir vor kurzem raus (wie gesagt: Kind der 80er!) und die Fünfjährige antwortet erbost: Mama! ÄRZTIN! Klar, das ist ne Bubble. Aber ich bin mir sicher, dass in ein paar Jahren alle so weit sind. Können sich die Grauhaarigen ärgern, wie sie wollen. Die Girls werden das einfordern. Mit Recht. Und ich mache mit. Weil ich nicht alt und verbort und konservativ sein will. Weil ich Gerechtigkeit und Inklusion richtig und wichtig finde. Weil ich gerne mein ganzes Leben lang offen dafür bleiben will, Traditionen zu hinterfragen. Und für meine Tochter. Und weil es auch echt nicht so schwer ist. Und auch niemandem weh tut.

Wie geht es euch damit?

Meine Tochter hat übrigens gestern erst gesagt: “Ich Glückspilzin” – ich habe sie nicht verbessert. 🙂

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