Die neue Zeitrechnung – seit ich Mutter bin

08. April 2015 | in Alltag | Familie | Muttergefühle

Seit kurzem wohnt in unserer Küche eine Uhr. Eine analoge sogar! Ich hatte mir die Ball Clock von Vitra zu Weihnachten gewünscht und meine Mutter hat meinen Wunsch erhört, unter anderem weil sie es wichtig findet, dass Xaver noch mit analogen Uhren aufwächst. Eine Uhr in der Küche war aber auch bitter nötig, denn wenn wir zuhause sind, checken wir andauernd die Zeit, vor allem morgens.

Eigentlich schauen wir den ganzen Tag auf die Uhr. Seit Xaver unser Leben bereichert, ist die Zeitrechnung eine andere geworden.

Keine Zeit mehr für nix

Seit ich Mutter bin, habe ich gefühlt KEINE Zeit mehr. Ich weiß nicht, was passiert ist. Eigentlich ist nur ein kleiner Mensch in mein Leben gekommen, aber irgendwie hat der Tag gefühlt fünf Stunden weniger.

Früher hatte ich manchmal Langeweile. Ich lag auf dem Sofa und sah mir Serien an. Ich führte lange Telefongespräche und lackierte mir stundenlang die Nägel. Ich bummelte durch Geschäfte, blätterte im Café durch Magazine. Ich lag auf Wiesen mit Freunden und führte lange Gespräche. Ich schlug mir die Nächte um die Ohren. Ich ging ständig essen. Ich laß Zeitung und ging ins Kino.

Ich habe natürlich auch gearbeitet, aber aus irgendeinem Grund hatte ich so unfassbar mehr Freizeit, und – naja – Zeit für mich. Die ist echt knapp geworden…

Stattdessen rase ich jetzt manchmal den ganzen Tag. Ich stehe früher auf und ich arbeite gefühlt viel mehr als früher. Offiziell waren es damals vielleicht acht Stunden Büro, davon habe ich aber auch gerne auch mal eine Stunde auf Facebook verbracht! Jetzt sind es fünf oder sechs Stunden und ich ackere durch, an Facebook ist nicht mal zu denken. Warum ist das so? Arbeite ich eigentlich genauso viel wie damals nur in der Hälfte der Zeit (und für einen Bruchteil des Geldes)? Es wird mir ewig ein Rätsel bleiben.

Der Nachmittag vergeht immer wie im Flug. Und dann? Bin ich oft müde. SO müde. Warum sind die Tage so viel anstrengender mit Kind? Wo ist die Energie hin. Ist es vielleicht auch das Alter? (Oh Gott!) Manchmal schaffe ich es noch zum Sport, ein bis zweimal pro Woche habe ich eine Verabredung mit Freunden. Das war’s. Die meisten Abende bin ich unproduktiv. Serien? Da schlafe ich ja sofort ein.

Ich sollte noch…

Das Schlimmste ist aber nicht mal, dass ich keine Zeit mehr habe, sondern dass ich die wenige Zeit gefühlt nicht anständig nutze. Ich denke ständig: ich könnte noch hier, ich müsste mal da. Ich sollte mal neue Musik auf den iPod spielen. Überhaupt sollte ich mein Handy mal updaten. Die ganzen Bilder sollte ich mal sortieren. Ein Foto-Album wollte ich mal machen. Ich sollte Wäsche waschen, ich wasche fast täglich Wäsche! Ich muss Wäsche zusammenlegen. Diese Wäsche! Ich sollte mal diese Schubalde ausräumen. Ich sollte mal den Schrank ausmisten.

Aber auch wenn ich mich zusammenreiße, wenn ich meine Zeit besser einteile und produktiv ohne Ende bin, ich kann nicht anders, ich bin mir SICHER, dass da was faul ist mit der Zeit. Dass sie weniger geworden ist, seit ich ein Kind habe. Vielleicht geht meine Zeit jetzt heimlich auf Xavers Zeitkonto und wird mit gestohlen!

Wir wissen alle, dass das Leben irgendwie immer schneller vergeht, je älter wir werden. Wie lange haben früher die Sommerferien gedauert! Sechs Wochen, das war eine halbe Ewigkeit, heute – sind es eben sechs Wochen. Und die gehen ganz schön schnell rum.

Und mit Kinder bekommt die Zeitrechnung noch mal eine ganz neue Dimension

Letzte Woche war ich krank, mein Freund und die Oma kümmerten sich die meiste Zeit um Xaver. Ich konnte die viele freie Zeit nicht wirklich genießen – ich war ja krank – aber mir fiel auf, wie lang so ein Tag sein kann. So ein ganzer Tag. Was man da alles machen kann! Oder könnte. Von den ganzen Ich sollte-Sachen habe ich natürlich keine einzige erledigt. Aber ich habe das krank-sein fast ein bisschen genossen.

Das ist das Gute an der neuen Zeitrechnung. Ich kann Zeit (vor allem die für mich) tatsächlich mehr wertschätzen.

Manchmal plane ich eine ganze Stunde ein, wenn ich die Arbeit verlasse, obwohl ich nur 15 Minuten zu Xavers Kita brauche. Die verbringe ich dann bummelnd. Ich kaufe selten etwas, aber einfach nur in Ruhe stöbern – macht mir unheimlich viel Freude.

Jede kleine Auszeit wird jetzt zelebriert.

Ich genieße auch Geschäftsreisen ganz anders. Zeit für mich! Gut, auch unheimlich viel Arbeit, aber die wenigen Stunden, die mir dann für mich bleiben und die ungestörten Nächte, das genieße ich so sehr. Sogar beim Arzt im Wartezimmer freue ich mich oft – ganz in Ruhe Gala lesen!

Auch Sport oder ein Abend mit Freundinnen hat eine ganz andere Bedeutung bekommen.

Und – natürlich – auch die Zeit mit Xaver versuche ich so bewusst wie möglich zu erleben, und meistens kann ich sie genießen.

So ist das doch. Wir haben zwar weniger Zeit, aber die, die wir haben, die wissen wir zu schätzen, oder?

 

PS: Die Uhr hängt zwischen dem obligatorischen Mess-Poster von Hello Petersen und einem Urlaubsbild von Ingrid Beddoes namens Happy Days. Wie passend, oder?

 

 

 

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